Berliner Schloss, in dem sich das Humboldt Forum befindet, spiegelt sich in der Spree.Foto: STEFANIE LOOS/AFP via Getty Images

Das Berliner Schloss: Eine Hommage

Von 28. November 2022
Mit seinem neuen Buch „Das Berliner Schloss: Die erhaltene Innenausstattung und ihre Geschichte“ ist Autor Dr. Guido Hinterkeuser ein Gesamtkunstwerk gelungen.

Nach jahrelangen, gar jahrzehntelangen Debatten wurde das Berliner Schloss an alter Stelle und Pracht wieder aufgebaut und 2020 fertiggestellt. Doch die gelungen rekonstruierte Fassade täuscht: Die Räume des Schlosses sind komplett modern gestaltet. Kein einziger historischer Innenraum ist bislang rekonstruiert worden, auch das Große Treppenhaus nicht.

Dabei sind noch viele Einrichtungsgegenstände der ehemals von brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Königen bewohnten Räume erhalten geblieben. Anders als das Gebäude haben viele von ihnen die Wirren des Zweiten Weltkriegs und der DDR-Diktatur überstanden und befinden sich heute in Schlössern und Museen in Berlin und Brandenburg. Warum nicht also beides zusammenführen?

Zumindest vorstellen kann man sich jetzt, wie das aussehen könnte. In einem prachtvollen Band hat der Kunsthistoriker Guido Hinterkeuser historische Fotos und Aquarelle von Innenräumen zusammengetragen, anhand derer man sich ein Bild von der ehemaligen Ausstattung der Räume machen kann. Fotos noch existierender Einrichtungsgegenstände wie Gemälde, Vasen, Kommoden, Sessel und Kerzenleuchter von einem der bedeutendsten Residenzschlösser nördlich der Alpen verdeutlichen deren handwerkliche Qualität.

Hinterkeuser beklagt: „Die Fassaden des Schlosses sind wiedererstanden, die dazugehörigen Inhalte hingegen werden […] verdrängt und aus dem Blickfeld geschoben.“ Dem möchte er mit seinem Buch entgegenwirken. Die zweite Auflage seines Buchs „Das Berliner Schloss: Die erhaltene Innenausstattung und ihre Geschichte“ wurde erweitert und vertieft und hat mehr als 270 Abbildungen. Es zeigt ein gekonnt inszeniertes Wechselspiel aus historischen Aufnahmen und heute noch erhaltenen Prunkstücken. Epoch Times traf den Autor zum Gespräch.

Welche Bedeutung hat der Wiederaufbau des Schlosses für Berlin und Deutschland?

Das Schloss ist für die Wiederherstellung der historischen Berliner Mitte ein ganz wichtiger Bezugspunkt. Man versteht dann auch wieder die Stadt, trotz aller Lücken, die sie immer noch hat. Die Achse Brandenburger Tor, Unter den Linden und Schloss ist wieder erlebbar. Inwieweit es für Deutschland eine Rolle spielt, ist eine sehr gute Frage. Natürlich kann man sagen, Berlin ist die Hauptstadt und wie sich die Hauptstadt gibt, so gibt sich auch Deutschland. Ich bin aber gar nicht mehr sicher, ob das heute noch so der Fall ist. Denn wenn man andere Wiederaufbauten betrachtet und den Umgang mit Residenzschlössern, dann ist das teilweise in anderen Landesteilen Deutschlands sehr viel attraktiver gelöst worden.

Zum Beispiel in München, wo der Wiederaufbau bereits nach dem Krieg begann, oder in den letzten Jahren in Dresden. Dort kann man die Residenzschlösser ganz anders erleben als in Berlin. Es ist hier in Berlin eine widersprüchliche Sache. Man freut sich über die Außenwiederherstellung der barocken Fassaden, was auf einem wirklich sehr hohen Niveau erfolgte. Das ist nicht selbstverständlich und es ist sehr viel Energie eingeflossen.

… und für die Bürger?

Wenn man das Gefühl für eine geschlossene Mitte und für ein Zentrum verliert, ist das ein Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft anfängt zu erodieren. So finde ich es wichtig, den Hauptplatz einer Stadt, die gute Stube, in Ordnung zu bringen.

Das war überall in Europa eine Tendenz, nicht erst nach dem Mauerfall. Schon nach dem Krieg hat man versucht, die Stadtzentren zu reparieren und zu ordnen. Warschau war zum Beispiel nach dem Krieg sehr stark zerstört. Allen war deshalb klar, dass die Altstadt rekonstruiert werden musste. Natürlich gab es auch Architekten, die gesagt haben, ‚Komm, wir beseitigen die ganze Altstadt und bauen eine moderne Stadt‘, aber dann wäre Warschau heute in ihrem Herzen eine hässliche, unattraktive Stadt.

Können Sie den Widerstand rund um die Rekonstruktion des Schlosses nachvollziehen?

Selbstverständlich kann ich die Argumente einer puristischen Denkmalpflege, die sich grundsätzlich gegen Rekonstruktionen wendet, nachvollziehen. Es geht ihr, wenn sie nicht politisch instrumentalisiert wird, um Authentizität, Ehrlichkeit und den Schutz materieller Substanz; und vor allem um die Sorge, dass Geschichte und speziell die Baugeschichte durch umfassende Rekonstruktionen verfälscht würden. Die von ihr entwickelten Standards sind heute maßgeblich für die Restaurierung und Ergänzung historischer Bauten – und sollten übrigens auch für Rekonstruktionen gelten, die keinesfalls beliebig ausgeführt werden dürfen, sondern nach strengen und transparenten Kriterien erfolgen müssen, etwa wenn es um die Festlegung einer Leitebene geht. Angesichts großer und umfassender Zerstörungen, wie sie durch Kriege hervorgerufen werden, müssen Rekonstruktionen jedoch erlaubt sein.

Der Schlüterhof ist eine Meisterleistung der europäischen Barockarchitektur, und dass er nun wieder erlebbar ist, ist ein enormer Gewinn. Dass der Palast der Republik abgerissen werden musste, um das Schloss wiederherzustellen, mag einerseits bedauerlich erscheinen. Hätte man ihn seinerzeit auf dem anderen Spreeufer errichtet, stünde er heute womöglich noch. Doch hat man letztlich in einem Abwägungsprozess entschieden, dass seine weitere Präsenz an diesem Ort der Geschichte Berlins auf Dauer nicht gerecht würde.

Wie viel Mühe gibt man sich in Berlin mit dem Wiederaufbau historischer Bauten?

Natürlich ist eine Gesellschaft immer im Fluss. Heute würde ich sagen, dass Berlin schon ziemlich links und woke ist, mit allem, was damit zusammenhängt. In bestimmten Kreisen besteht ein großer Hass auf dieses Schloss. Ich habe die Debatten 30 Jahre lang miterlebt und mit welcher Intensität sie geführt wurden. Irgendwann erkennt man, dass es nicht um Kunstgeschichte, Architektur und all diese Dinge geht. Dass der Widerstand so groß ist, hat meines Erachtens politische Gründe. Dieser Kampf, der da geführt wird, ist losgelöst von der Geschichte der Gebäude. Es besteht auch gar kein Interesse daran.

Worin sehen Sie den Wert historischer Gebäude?

Diese Gebäude sind ein Ausdruck unserer Geschichte. Ein Bau wie das Berliner Schloss zeigt auch, was mehr als 500 Jahre lang in diesem Land geleistet wurde; was in diesem Zeitraum herausragend kulturell in dieser Stadt hervorgebracht wurde und an diesem Ort möglich war. Damals war die Kulturlandschaft nicht so plural aufgestellt wie heute. Das Residenzschloss war also der Ort, wo sich das Kunstschaffen in Brandenburg-Preußen, etwa in der Malerei, der Bildhauerei oder der Möbelkunst, auf allerhöchstem Niveau manifestierte. Dieses Schloss war der Leitpunkt. Daran hat sich der Adel orientiert, später das Bürgertum. Erst ab dem späten 19. Jahrhundert verlor das Schloss seinen Rang als unangefochtenes Vorbild.

Deshalb finde ich es wichtig, dass wir die Leistung sehen und anerkennen, die sich in diesen Kunstwerken, die ich im Buch zeige, offenbart.

Im Schloss selbst sind jetzt alle Räume komplett modern. Was wäre der Vorteil, einen Raum aus einer lang vergangenen Zeit wiederherzustellen?

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir mit einem großen Widerspruch leben. Wenn man draußen davor steht, wird eine Illusion erzeugt. Eine Erwartungshaltung, die innen gar nicht erfüllt wird. Der Normalbürger ist ja doch noch so konnotiert, dass er, wenn er diese Fassaden sieht, eine Erwartung an das Innen hat. Und dann erlebt er erst einmal einen Schock. Er sieht nämlich etwas ganz Anderes. Es sind völlig moderne Räume.

Der wichtigste Raum, der als nächstes realisiert werden müsste, weil er strukturell fast eher zur Außenarchitektur als zum Innern gehört, ist das Treppenhaus. Es wäre die logische Fortsetzung der Außenarchitektur ins Innere hinein.



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