Die Kraft des Wassers

Vor 100 Jahren wurde das Walchenseekraftwerk in Betrieb genommen. 
In traumhaft schöner Landschaft liefert das beeindruckende Ergebnis von Ingenieurskunst und harter Arbeit auch heute noch zuverlässig Strom.
Titelbild
Aussicht vom Gipfelkreuz des Herzogstandes nach Osten. Links im Bild der Kochelsee mit der Ortschaft Kochel am See, rechts liegt der Walchensee. Die beiden Seen sind durch einen Bergkamm voneinander getrennt.Foto: Geoprofi Lars, CC BY-SA 4.0
Von 5. Februar 2024

Wie ein großer, glänzend blauer Spiegel liegt er am Rande der bayerischen Alpen: der Kochelsee. Entstanden ist er vor Tausenden Jahren während der sogenannten Würmeiszeit durch die Ausschürfungen des mächtigen Isar-Loisach-Gletschers, der sich durch die bayerischen Alpen weit hinaus ins Alpenvorland schob.

Nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt, aber zweihundert Meter höher und hinter einem Bergkamm funkelt der türkisblaue Wasserspiegel des Walchensees.

Mehr als doppelt so groß wie der Kochelsee füllen seine Wassermassen eine Senke, die durch kaum vorstellbare, gebirgsbildende Kräfte entstand und bis auf eine Tiefe von 190 Meter hinabreicht.

Großes Potenzial

Jahrhundertelang waren es Land-, Waldwirtschaft und der Fischreichtum der Gewässer, die die Bewohner dieser einzigartigen Landschaft ernährten. Um die Wende zum 20. Jahrhundert jedoch ziehen weltverändernde Ideen am Horizont herauf, die ihre Wirkung bis in die damalige Abgeschiedenheit des Voralpenlandes entfalten werden.

Einer ihrer erfindungsreichsten Protagonisten ist Oskar von Miller, Sohn des berühmten Bildhauers und Erzgießers Ferdinand von Miller. 1855 geboren, entscheidet er sich nicht wie sein Vater für Kunst und Kunsthandwerk. Ihn begeistert der fulminant aufstrebende Bereich der Technik und sein nicht minder kreatives Potenzial.

Elektrotechnik im Eigenstudium

Im Anschluss an das Studium des Bauingenieurswesens an der Münchner Technischen Hochschule arbeitet sich Oskar von Miller, inspiriert von der Pariser Elektrizitätsausstellung 1881, per Selbststudium in die noch junge Elektrotechnik ein. Schon 1882 organisiert der 27-Jährige die erste elektrotechnische Ausstellung Deutschlands in München und wird kurz darauf – neben dem Maschinenbauingenieur und Unternehmer Emil Rathenau – Direktor der Deutschen Edison Gesellschaft, der späteren AEG.

In der freien Wirtschaft erhofft sich Oskar von Miller die Bereitschaft, einen visionären Traum verwirklichen zu können, dem die bayerischen Behörden eher skeptisch gegenüber stehen, dem Nutzbarmachen der schier unerschöpflichen Wasserkraft für das mit Flüssen und Seen gesegnete Königreich Bayern.

Mit seinem eigenen Ingenieurbüro gelingt ihm 1892 schließlich ein erster, wichtiger Durchbruch. Das nach Oskar von Millers Plänen errichtete Flusskraftwerk Schöngeising liefert die Elektrizität für die Straßenbeleuchtung der kleinen, beschaulichen Kreisstadt Fürstenfeldbruck. Noch heute sind die Turbinen des denkmalgeschützten Ingenieursbauwerks in Betrieb.

Unermüdliches Naturell

Bei diesem Erfolg stehenzubleiben, entspricht jedoch nicht dem unermüdlichen Naturell Oskar von Millers.
 Neben dem jahrelangen Kampf für seine Idee eines der Technik und Naturwissenschaft gewidmeten Museums, die 1903 in der Gründung des bis heute berühmten Deutschen Museums mündet, treibt er auch die Vision vom – durch Wasserkraft – elektrifizierten Bayern voran.

Der Kochel- und der Walchensee, die beiden so erstaunlich nahe nebeneinander liegenden Alpenseen und ihr Höhenunterschied, rücken immer mehr in den Fokus.

1897 entstehen erste Überlegungen, das extreme Gefälle zwischen den Seen zu nutzen. 17 Jahre, 31 Entwürfe, unzählige Begutachtungen, Untersuchungen und Planungen später beschließt das bayerische Kabinett im Frühjahr des Jahres 1914 den Bau des Walchenseekraftwerks gezielt voranzubringen – nur wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Schon seit 1909 war das Konzept namens „Einfach und sicher“ von Oskar von Miller favorisiert worden. Bei wirtschaftlich vertretbaren Investitionen verspricht es die beste Stromausbeute bei gleichzeitig vergleichsweise geringen landschaftlichen Eingriffen und größtmöglicher Schonung der Natur.

Krieg und Frieden

Während der grausame Stellungskrieg an der Front tobt, gehen die Detailplanungen im friedlichen München und die Vorarbeiten im stillen Voralpenland weiter – begleitet vom regen Interesse des bayerischen Königs Ludwig III.

Im Juni 1918 schließlich, noch vor Ende des Ersten Weltkriegs, genehmigt der Bayerische Landtag endgültig die Umsetzung des Bauprojekts. Und obwohl Bayern in der Folge des verheerenden Krieges und der deutschen Niederlage in revolutionären Wirren versinkt, der bayerische König am 8. November 1918 abgesetzt und die Republik ausgerufen wird, werden die Bauarbeiten am Walchenseekraftwerk fortgesetzt.

Harte, gefahrvolle Arbeit

In der Not der Nachkriegszeit gibt das große Bauprojekt Soldaten, die den Krieg überlebt haben, Arbeit und Brot. Die Bedingungen, unter denen die Arbeiter Stollen in die Felsen der Alpen treiben und Rohre vernieten, sind jedoch unvorstellbar hart.

Ohne Schutzausrüstung wie Gehör- und Atemschutz, Winter wie Sommer, von Kälte und ständigen Wassereinbrüchen gequält, lassen zeitweise über 2.000 Arbeiter das technisch hochkomplexe Meisterwerk Bauabschnitt für Bauabschnitt entstehen.

17 Männer verlieren dabei ihr Leben. Ihre Namen sind auf einer Gedenktafel am Kraftwerkshaus verewigt. Das entbehrungsreiche Werk ihrer und vieler weiterer Hände ist noch heute unverändert zu bewundern.

Industriedenkmal in Aktion

Die sechs gigantischen Rohre, in denen seit einem Jahrhundert Wasser vom sogenannten Wasserschloss im Kesselberg zum Kraftwerkshaus am Kochelsee herunterstürzt, liegen wie damals am steilen Berghang.

Ihre Vernietungen und Verankerungen sind im ursprünglichen Zustand, die steinernen Bauten und die massiven Metalleinhausungen der Turbinen und Generatoren im Maschinenhaus am Kochelsee und das Grundprinzip ihres Innenlebens haben die Zeit unbeschadet überdauert.

An den – von Wehren geregelten und durch Stollen geleiteten – Zuflüssen in den Walchensee, der Isar und dem Rissbach, sind in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts kleinere Flusskraftwerke hinzugekommen. Sie erzeugen jährlich bereits 70 Millionen Kilowattstunden, schon bevor ihr Wasser in den Walchensee gelangt.

Von dort strömt das Wasser dann durch einen 1.200 Meter langen Stollen, der in zehn Metern unter der Wasseroberfläche des Sees auf der Walchenseeseite des Kesselbergs beginnt und den Berg durchdringt.

Auf der Kochelseeseite, im riesigen, 10.000 Kubikmeter fassenden Wasserbecken des Wasserschlosses bleibt es dann – bis seine Kraft abgerufen wird.

Wunderwerk mit erstaunlichem Wirkungsgrad

Das komplexe Zusammenspiel aus Zuflüssen, Kanälen, Stollen, Über- und Unterleitungen, Abflüssen, Reservoirs, Röhren, Turbinen und Generatoren ist ein einzigartiges Wunderwerk wasser- und stromtechnischer Ingenieurskunst.

300 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt allein das Walchenseekraftwerk jährlich, mit einem schier unglaublichen Wirkungsgrad von knapp 80 Prozent, seit 100 Jahren.

Kraftvolle Symbiose

Über das Anlaufen der ersten von sieben Turbinen und die erste Stromabgabe ins öffentliche Stromnetz am 24. Januar 1924 notieren die „Münchner Neuesten Nachrichten“ damals:

„In der winterlichen Stille unserer Bergwelt wurde am Nachmittag des letzten Samstags die Inbetriebsetzung des Walchenseewerks vollzogen. Zahlreiche Ehrengäste […] wohnten diesem geschichtlichen Augenblick der Bayerischen Wirtschaftsgeschichte bei.“

Still liegen die Seen und Berge – damals wie heute. Und doch vollzieht sich hier seit jenen Wintertagen im Jahr 1924 die wundersame Verwandlung der Kraft des Wassers in elektrische Energie. Naturgewalten, einzigartige Topografie und technische Meisterleistung gehen dabei eine unvergleichliche Symbiose ein.



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