„Sterbender Löwe“ (Der Luzerner Löwe), 1819, von Bertel Thorvaldsen; Gipsabguss. Thorvaldsens Museum, Kopenhagen, Dänemark.Foto: Jakob Faurvig/Thorvaldsens Museum

Ein Däne ließ die klassische Kunst aufleben

Von 30. Juni 2022 Aktualisiert: 25. Juni 2022 10:17
Bertel Thorvaldsen zählt zu den größten Bildhauern des Neoklassizismus.

Wenn Sie drei große Bildhauer zu benennen haben, fallen Ihnen wahrscheinlich als erstes Michelangelo, Donatello oder Gian Lorenzo Bernini ein. Aber was ist mit Bertel Thorvaldsen? Für ihn gab es nur einen Weg, ein großer Künstler zu werden: die klassische Kunst zu kopieren. Und er wurde zu einem der besten neoklassischen Bildhauer seiner Zeit.

Sogar der italienische Bildhauer Antonio Canova, den viele für den größten neoklassischen Bildhauer halten, bewunderte Thorvaldsens Arbeit.

Die beiden arbeiteten zur gleichen Zeit in Rom als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der verschnörkelte und theatralische Rokoko-Stil auf dem Rückzug war und sich ein neuer Stil entwickelte, bei dem sich die Künstler in der Gestaltung ihrer Werke an den Grundsätzen der Antike orientierten.

Die Kunst wurde einfacher und feiner, mit idealen Körperformen und zurückhaltender Gestik, die zusammen eine harmonische Wirkung erzeugten und den Intellekt ansprachen. Bei den klassischen Skulpturen handelt es sich häufig um Aktdarstellungen, die Helden, Gottheiten oder halbgöttliche Wesen zeigen. Dieser Stil wird manchmal als „heroische“ Nacktheit, oder „ideale“ Nacktheit bezeichnet.

Thorvaldsen lernte den römischen Klassizismus in Dänemark zunächst von seinen Lehrern an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen kennen: dem Bildhauer Johannes Wiedewelt und dem Maler Nicolai Abildgaard. Thorvaldsens zeichnerische Begabung führte dazu, dass er bereits im Alter von elf Jahren mit der Ausbildung an der Akademie begann.

Von klein auf beobachtete Thorvaldsen seinen Vater, einen Künstler und Holzschnitzer, und half ihm bei der Herstellung von Schiffsornamenten. Auch während seiner Ausbildung an der Akademie half er ihm weiterhin auf der Werft.

Als einer seiner Lehrer, Abildgaard, die Dekoration des Levetzau-Palastes (heute bekannt als der Palast von Christian VIII.) in Amalienborg leitete, beauftragte er Thorvaldsen mit der Anfertigung der Skulpturen. Thorvaldsen schuf seine ersten vollplastischen Statuen für das Schloss. Sie stellten zwei griechische Musen dar: Euterpe (die Göttin der Lyrik) und Terpsichore (die Göttin des Tanzes und des Chores).

Thorvaldsen fertigte zahlreiche Porträts und Porträtmedaillons von dänischen Würdenträgern an, einschließlich des Premierministers. Für sein Bild „Petrus heilt einen verkrüppelten Bettler“ erhielt er eine Goldmedaille und anschließend ein königliches Stipendium für eine Reise nach Rom, die er im August 1796 antrat.

Glaube und Hoffnung in Rom

Besonders erfolgreich war er schließlich in Rom. Thorvaldsen knüpfte Kontakte zu dem dänischen Archäologen Georg Zoega, der ihn in antiker Kunst unterrichtete, sowie zu dem dänisch-deutschen Maler Asmus Jacob Carstens und dem österreichischen Maler Joseph Anton Koch, die einen maßgeblichen Einfluss auf sein Werk hatten. Für seine Skulptur „Jason mit dem Goldenen Vlies“ verwendete Thorvaldsen ein Motiv aus einer Komposition von Carstens. Thorvaldsen wurde auch von dem antiken römischen „Apollo Belvedere“ von Leochares und dem altgriechischen „Doryphoros“ („Der Speerträger“) von Polykleitos beeinflusst.

Thorvaldsen fertigte seinen „Jason“ in Gips an. Bildhauer des späten 18. Jahrhunderts stellten vorbereitende Gipsmodelle her. Canova führte diese Praxis ein, und Thorvaldsen nutzte sie mit großem Erfolg. Das Erstellen von Gipsmodellen bedeutete, dass Bildhauer mit ihren Entwürfen spielen konnten, anstatt durch die Wünsche der Kunden bei kostspieligen Bronze- und Marmorarbeiten eingeschränkt zu werden.

Nach Angaben des Thorvaldsen-Museums sind die meisten seiner Werke nachdenklich und introspektiv, aber die Skulptur des griechisch-mythologischen Prinzen Jason im frührömischen Stil ist anders. Die Skulptur zeigt Jasons Willen und ist ein aktiveres, extrovertiertes Werk, das den Betrachter anspricht und in den Raum einbezieht.

Er trägt ein Strophium (Stirnband), das seine Locken bändigt und traditionell signalisiert, dass er ein Gott oder König ist. Jasons Pose entspricht fast der oberen Hälfte des „Apollo Belvedere“, mit dem Unterschied, dass Jasons linker Arm seitlich das Goldene Vlies hält. Thorvaldsen stellte Jason in Kontrapoststellung dar, bei der er den größten Teil seines Gewichts auf einem Bein ausbalanciert. Diese Pose hat er offenbar vom „Doryphoros“ übernommen. Eine weitere Ähnlichkeit besteht darin, dass Doryphoros ursprünglich einen Speer über der linken Schulter trug, während Jason einen Speer über der rechten Schulter trägt.

Thorvaldsen schildert den Zeitpunkt, an dem Jason nach Hause zurückkehrt. Er hat eine beschwerliche Reise hinter sich, viele Herausforderungen gemeistert und gegen den Drachen gekämpft, um das goldene Widderfell zu bekommen. Hier kehrt er mit dem Vlies zurück, um den Thron zurückzuerobern, den sein Onkel Jasons Vater entrissen hat. Das Fell hatte die Kraft, den Reichtum und die Fruchtbarkeit des Landes zu schützen.

„Jason und das Goldene Vlies“ war das Meisterwerk, das Thorvaldsen bekannt machte, und ohne dieses Werk hätte er Rom vielleicht schon viel früher verlassen. Im Jahr 1803 war er bereit, nach Hause zu segeln. Seine Fördergelder waren aufgebraucht und seine Werke verkauften sich nur langsam. Doch der wohlhabende englische Kunstmäzen Thomas Hope beauftragte ihn, die Skulptur in Marmor anzufertigen. Eine Lithografie von Thorvald Jensen zeigt einen mürrischen Thorvaldsen, der in seinem Atelier sitzt, mit seiner Skulptur „Jason und das Goldene Vlies“ im Rücken. Er bemerkt nicht, dass die verhüllte Gestalt von Thomas Hope gerade durch die Tür gekommen ist, um ihm einen Auftrag anzubieten. Hopes Ruhm verschaffte Thorvaldsen Erfolg und hielt ihn in Rom, insgesamt 40 Jahre lang.

Einer von Thorvaldsens interessantesten Aufträgen ist das in einen Felsen gehauene Denkmal „Sterbender Löwe“ in Luzern, das an die Schweizer Gardisten erinnern soll, die während der Französischen Revolution bei der Verteidigung der Tuilerien (der königlichen Residenz in Paris) ums Leben kamen. Ein Schweizer Gardist, der zum Zeitpunkt des Angriffs Urlaub hatte, gab das Werk in Auftrag. Er wünschte sich einen toten Löwen auf einem Waffenstapel mit dem französischen Königswappen und der Schweizer Flagge, um die Loyalität und den Mut der 600 gefallenen Kollegen zu zeigen. Thorvaldsen weigerte sich, einen toten Löwen zu schaffen, und entschied sich stattdessen für einen Löwen, der seinen letzten Atemzug tut und auf einem Schild mit den Fleur-de-lis-Emblemen des französischen Königshauses ruht. Thorvaldsen schuf das Bronzemodell für das Werk, die Steinmetzarbeit wurde von einem anderen Bildhauer nach seinem Entwurf angefertigt.

Sollte Ihnen der Name Thorvaldsen nicht geläufig sein, so sind es vielleicht seine Werke, insbesondere die Skulptur des auferstandenen Christus. Es ist ein kraftvolles Werk, das Christi Mitgefühl und sein großes Opfer zeigt. Christus blickt zu Boden und zeigt uns die Wunden an seinen Händen und Füßen. Thorvaldsen hat Christus so dargestellt, als würde er sanft unter uns wandeln und uns zeigen, wie sich der Glaube im Angesicht des Leidens lohnt.

Die Skulptur wurde für die Schlosskirche von Schloss Christiansborg in Kopenhagen angefertigt, zusammen mit den Statuen der 12 Apostel. Anschließend wurde sie in den Hochaltar der Liebfrauenkirche versetzt. Kopien der Statue wurden in der ganzen Welt angefertigt.

Thorvaldsen hinterließ dem dänischen Volk alle seine Werke einschließlich seiner Gipsabdrücke und seiner Kunstsammlung in einem Museum, das er mit staatlicher Unterstützung zu diesem Zweck finanzierte. Auf seinen Wunsch hin ist er vor Ort unter einem Rosenbeet begraben.

Um mehr über Bertel Thorvaldsen zu erfahren, besuchen Sie ThorvaldsensMuseum.dk



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