Jan Steen (1626-1679), Das Bohnenfest, Leinwand, 82x107,5 cm, Staatl. Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister.Foto: Städelmuseum Frankfurt

Der Zauber des Alltäglichen

Von 13. März 2005 Aktualisiert: 13. März 2005 23:51
Holländische Genremalerei im Frankfurter Städelmuseum

Manchmal hat man einfach Glück! Glück hatten die Besucher dieser wohldurchdachten Ausstellung mit Bildern aus Hollands Goldenem Zeitalter, dem 17. Jahrhundert zwischen 1620 und 1670. Sie wurden von Heike K. mitgenommen auf eine einfühlsame Reise in den Alltag dieser Epoche, der Zeit des merkantilen und emanzipierten Aufbruchs nach dem Ende der langen Herrschaft der spanischen Krone in den Niederlanden. Und da ist nicht nur Zauber zu sehen, da ist die einfache und die vermögende Gesellschaft abgebildet, in ihren Derbheiten und Feinheiten, ihrem Alltag, ihren Sorgen und Feiern.

Zum Beispiel „Das Bohnenfest“ von Jan Steen, ein im Rahmen dieser Ausstellung eher großes Format. Eine ausgelassene Gesellschaft wohlgekleideter Männer und Frauen, in gut bürgerlichem Ambiente, der obligate Vogelkäfig an der Decke, ein goldgerahmtes Bild an der Wand, der feine Orient-Teppich auf dem Tisch mit einem Tischtuch bedeckt, alles Zeichen des Wohlstands. Im Mittelpunkt verblüfft eine auf dem Stuhl recht undamenhaft hingestreckte Festteilnehmerin, Weinkrug und Glas in ihren Händen lassen auf reichlichen Weingenuss schließen, ihr fein gemalter safranfarben leuchtender Rock und ihr karmesinrotes Mieder ziehen den Blick des Betrachters an, der dann zum neu ernannten „Bohnenkönig“, möglicherweise ihrem Sohn, geführt wird und von dort die fidelen Männer im Hintergrund entdeckt, die der Gesellschaft mit metallenen Kochutensilien lärmreich und lustig aufspielen.

Die Detailliebe des Malers scheint mit der Detailliebe der Ausstellungsführerin zu korrespondieren. Der Blick des Besuchers wird von ihr auf den drei-armigen Leuchter gelenkt, denn es ist Drei-Königstag, ein katholischer Festtag, der hier recht weltlich begangen wird; der Blick wird gelenkt auf die Schildchen am Hut des spielers (hätten Sie’s allein erkannt?), das diesem heute abend die Rolle des Narren zuweist, und des hinter ihm sitzenden Festteilnehmers, der laut diesem Zettel am Hut für den Abend zum „Pfarrer“ deklariert wird. Hinter dem Tisch hat sich vermutlich der Maler selbst mit seiner Frau als Gastgeber dargestellt, mit ein wenig Distanz, aber doch dem Fest nicht abgeneigt. Einen lockeren Zeitgeist illustriert auch eine als Begine Verkleidete, die dem kindlichen Bohnenkönig ein Weinglas zum traditionellen ersten Schluck reicht. Topf, Pfanne, Krug, am Boden geht es ebenso unordentlich her wie bei den Gästen.

Ein wenig augenzwinkernde Kritik an den Zuständen wird hier und in manch anderen Bildern schon spürbar, ein wenig nur, denn der Maler ist, wie die meisten seiner zeitgenössischen Kollegen auch, angewiesen auf die Gunst eines wechselnden Käufer-Publikums. Mäzene sind in der Zeit eher selten, es wird geschätzt, dass in diesem Zeitraum von etwa 50 Jahren um die 5-10 Millionen Bilder in holländischen Werkstätten gemalt und in Europa gehandelt wurden. Die Kaufinteressenten suchten oft die Werkstätten auf, aber der Kauf lief ebenso über Agenten. Manche Bilder lassen mehr oder weniger deutlich erkennen, dass die hohe Produktionszahl nur möglich war mit Hilfe der malenden Lehrlinge und Schüler. Häufig malte der Meister selbst die zentralen Figuren, während die Schüler die Gestaltung der Nebenfiguren und des Interieurs übernahmen.

Der Käufer suchte in den Bildern eine Spiegelung seiner eigenen Lebensumstände, da durfte das herzhafte Trinken, Rauchen und die Liebelei nicht fehlen, je nach Stand auch nicht die Noten und das Instrument, wie auf den Gemälden von Pieter Codde oder Gabriel Metsu. Die Meerschaumpfeife und der Weinkrug waren häufiges Requisit, die gemalten Ensembles keine Schnappschüsse, auch wenn es manchmal so aussehen mag, sondern aus Skizzen zusammengeführte und neu komponierte Bilder. Auf Bildern von Willem Buytewech ist die Landkarte an der Wand Hinweis auf Weltoffenheit und Handel, quasi als wiederkehrendes, arbeitsökonomisch eingesetztes Utensil. Dirck Hals, der jüngere Bruder von Frans, zeigt uns, sehr fein gemalt, die bessere Gesellschaft oder wer sich dafür hielt, zu erkennen an kostbarer Kleidung mit vornehmen weißen Rundkrägen und an dem feinem Tischgerät. Aber auch sie nicht abgeneigt den sinnlichen Genüssen, wozu auch ein Griff ins damenhafte Dekolleté gehört. Dem Betrachter ist die Beurteilung überlassen.

Willem Duyster erzählt in seinen Bildern von einfachen Soldaten und von feinen Offizieren, beiden ist die notdürftig ausgestattete Wachstube Ort für Trank und Kartenspiel. Braun- und Rottöne herrschen vor, Licht und Schatten sind gestaltende Momente, kleine Formate sind vorherrschend. Man musste an die Käufer denken, für jeden Geldbeutel ein Angebot.

Adriaen Brouwer, vermutlich ein Schüler von Frans Hals, ist mit den meisten Werken vertreten, drei der ausgestellten Bilder hängen auch sonst im Städel, nur an anderer Stelle. Brouwers Arbeiten heben sich in Pinselführung und Themengestaltung deutlich ab. Er legt nicht so sehr wert auf die Details, Räume sind nur angedeutet, seine Bildsprache ist flächiger, aber dadurch in der Aussage nicht weniger deutlich. Auch bei Brouwer in Braunrottönen gehaltene Wirtshausszenen, Kartenspieler, eine bäuerliche Gesellschaft, ihn interessieren die Gesichter, die Typen. Auf seinen Bildern begegnen wir der Völlerei und ihren Folgen, man übergibt sich ungeniert auf den Boden, fällt in Schlaf, wo man gerade sitzt. Brouwer malt seine Gestalten sehr individuell, nicht ohne Verständnis, aber doch auch mit leiser Kritik.

Brouwer beobachtet sehr genau, wenn er den Dorfbader bei der Arbeit zeigt, nicht die rohe Behandlung am Fuß oder am Rücken interessiert ihn, sondern die Befindlichkeit des Patienten, die Konzentriertheit des Behandelnden, und die dahinter stehende, aufmerksame Beobachterin, jeweils eine intensive Dreierkomposition. Dann sein Bildnis „Der bittere Trank“, sehr realistisch das schmerzlich verzerrte Gesicht des Trinkenden. Brouwer gelingt es, eine starke Empfindung darzustellen, dem Betrachter vermittelt sich die Widerwärtigkeit des Trankes. Auch hier ist dem Maler das Wichtigste der Mensch und sein Gefühl, auf lehmverwaschenem Hintergrund sieht man keinerlei Details.

Es gibt auch die wirklich feine Gesellschaft, das Patriziertum, ihre Räume und ihre Unterhaltung. Zum Beispiel auf den Gemälden von Gerrit Dou. Beim „Interieur mit jungem Geigenspieler“ steht als Zeichen der Bildung der Globus auf dem Tisch, auf Wandregalen und am Boden kostbare Folianten, daneben allerdings auch ein Weinfass und eine große Weinkanne. Überfluss ist zu erkennen. Zart schaut Gerrit Dous „Frau am Klavichord“ den Betrachter an, wie in einer Momentaufnahme, im Raum ist alles wohl arrangiert, von links fällt das Licht auf die fein gekleidete Spielerin; lederbezogener Stuhl, kostbarer Vogelkäfig, aufgeschlagene Noten und beiseite gehängter kostbarer Teppichvorhang orientalischer Provenienz, ein öfter wiederkehrendes Requisit, zum Anfassen genau gemalt, atmen kultiviertes Leben und Geordnetheit. Im fast gleichen Interieur (dies wieder zum Thema Arbeitsökonomie!) hat Dou die „Junge Frau am Schminktisch“ gemalt, in rotsamtenem Tagesjäckchen, mit weißem Pelzbesatz.

Im hellgelben Satinjäckchen, diesmal mit Hermelinbesatz, auch die „Briefschreiberin in Gelb“ von Johannes Vermeer, eine kostbare Leihgabe der National Gallery of Art in Washington, D.C. Die junge Frau sitzt schreibend am Tisch, vor ihr eine glänzende Perlenkette und ein Kästchen, auf dem ebenfalls Perlen appliziert sind, sie schaut den Betrachter offen und ruhig an. Die großen Perlohrringe und die zartweißen Seidenschleifchen im Haar scheinen schon immer zur Briefschreiberin zu gehören, ihre dezente und natürliche Eleganz lassen nichts von der Beschwerlichkeit ahnen, in die andere junge Mädchen in dieser Epoche hineingeboren wurden. Der Betrachter darf die Ruhe und Harmonie des Bildes auf dem Heimweg in sich wirken lassen.

Die vielbesuchte Ausstellung vereint Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Museen. Inspiriert von Pieter de Hoochs „Delfter Hof“ hat Ausstellungsarchitekt Holger Wallert ein farblich dezent auf die Bilder abgestimmtes, warmes Ambiente geschaffen.

Die Ausstellung ist täglich geöffnet außer montags und läuft bis zum 1. Mai 2005.

Ausstellung und Katalog wurden in bewährter Zusammenarbeit übernommen vom Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam. Der umfangreiche Katalog ist eine gelungene Dokumentation über Zeit und Künstler, verbunden mit kunsthistorischen Denkansätzen.



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