Die wundersame Verwandlung von „Schnauzen-Town“

Von 18. März 2020 Aktualisiert: 18. März 2020 16:08
Ich weiß, dass man eine Kolumne möglichst nicht mit „ich“ beginnen sollte. Aber in diesem Fall ist dies eigentlich unerlässlich. Es geht nun einmal um mich.

Und es geht um meine alte Heimatstadt. Diese liegt auf dem Gebiet der ehemaligen sowjetisch besetzten Zone. Dort verbrachte ich meine Kindheit und ich fand immer, dass die Menschen dort relativ grimmig dreinschauten. Es schien mir damals so, als ob die schlechte Laune der Leute eine der markantesten Eigenschaften der Eingeborenen war. Vielleicht hatten sie ja auch nicht viel zu lachen im real existierenden Sozialismus.

Dann wurde ich volljährig und stellte einen sogenannten „Ausreiseantrag“.

Irre, wenn man aus heutiger Sicht darüber nachdenkt, dass man nicht in ferne Länder fahren durfte, weil es das SED-Regime nicht erlaubte. Natürlich wurde ich dann von der Staatssicherheit drangsaliert. Auch das war nicht lustig.

Dann kam die Wende und ich zog in eine große Stadt im Westen von Deutschland. Viele meiner Freunde waren über Ungarn in den Westen geflohen, sodass unser Freundeskreis über das gesamte Gebiet Westdeutschlands verteilt war.

Natürlich hielten wir untereinander den Kontakt und wollten uns auch gelegentlich treffen. Dafür schien uns unsere alte Heimatstadt geeignet. Telefonisch verabredeten wir uns also zu einem bestimmten Termin und jedes Mal, wenn wir uns dort trafen, fanden wir, dass die Leute immer noch so mürrisch dreinschauten.

Komisch, dass sich viele Jahre nach der Wende die schlechte Laune der Bürger anscheinend immer noch nicht geändert hatte und sie mit einem mürrischen Gesicht – einer „Schnauze“ – herumliefen. Wenn wir uns wieder einmal fernmündlich verabredeten, fragten wir scherzhaft: „Wollen wir uns mal wieder in ‚Schnauzen-Town‘ treffen?“

Doch eine Sache war dabei merkwürdig. Immer wenn ich im Westen aufgrund meines markanten, ostdeutschen Dialektes darauf angesprochen wurde, woher ich eigentlich komme, schienen – gerade ältere Damen – fast zu hyperventilieren. „Ohhh, aus so einer schönen Stadt kommen Sie? Da war ich auch schon einmal und die Leute sind dort so nett und freundlich!“ „Ach, dachte ich dann immer; ihr habt auch nicht so schlechte Erfahrungen mit der Stasi machen müssen!“

Eigenartig war es aber trotzdem, dass andere meine alte Heimatstadt offensichtlich ganz anders wahrnahmen.

Nun war es aber so, dass ich die neue Freiheit zu reisen nach Herzenslust nutzte. Vor allem New York City hat es mir angetan. Mittlerweile war ich schon 15 Mal in „Big Apple“; fühle mich dort geborgen und frei, und auf eine seltsame Art und Weise empfinde ich mich in manchen kurzen Augenblicken selbst als „New Yorker“. Vor allem mag ich die freundliche, teils lustige und entspannte Art, wie dort die Einheimischen miteinander umgehen.

In den ersten Jahren war es die Regel, dass ich von netten und hilfsbereiten New Yorkern angesprochen wurde, wenn ich mit dem (damals sehr unhandlichen) Stadtplan an der Straßenecke stand und nicht so recht wusste, wo ich nun lang gehen sollte. „Kann ich dir helfen?“ Oder: „Weißt du, wo du gerade bist?“ Wie gesagt: es war oft so, dass mich dort freundliche Menschen ansprachen und mir von sich aus Hilfe anboten.

Da ich in Schnauzen-Town auch noch Verwandtschaft habe, fuhr ich in losen Abständen immer mal wieder dorthin. Ich setzte mich dann in ein schönes Café und beobachtete die Leute. Ab und zu kam dabei der – zugegebenermaßen seltsame – Gedanke auf: „Ach, wie schön wäre es, jetzt in New York City zu sein“.
Ich saß also in Schnauzen-Town in einem schönen Café, hatte dort nichts Anstrengendes zu tun und wollte doch lieber in NYC sein?!?

Irgendwie fand ich das merkwürdig.

Und so versuchte ich grübelnd zu erkunden, wo denn nun der Unterschied liegt. Spontan fielen mir die verschiedensten Begebenheiten in NYC ein, bei welchen mir die Amis von sich aus Hilfe angeboten hatten. „Komisch“, dachte ich, „sollte das der einzige Grund sein? Hm …“

Immer noch sinnierend verließ ich das Café. Dabei fiel mir eine polnische Familie auf, welche abwechselnd nach „A“, dann nach „B“ und dann wieder auf ihr Handy schaute. Offensichtlich wussten sie nicht so recht, wo sie langgehen sollten.

Doch diesmal war etwas anders.

Ich ging zu ihnen hin und fragte sie: „Kann ich helfen?“ Erfreut über meine angebotene Hilfe erzählten sie mir, wo sie hin wollten … und ich konnte ihnen den Weg erklären. Das fühlte sich gut an und sie bedankten sich sehr herzlich.

Am nächsten Tag sah ich in der Stadt zwei ältere Damen, die völlig oldschool-mäßig mit einer Windböe um ihren faltbaren Stadtplan kämpften. Auch sie wussten nicht, in welche Richtung sie gehen mussten. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich und auch diese Damen waren recht glücklich, dass ich ihnen den Weg erklären konnte und sie ihren widerspenstigen Stadtplan in ihrem Handtäschchen verstauen konnten. Auch sie bedankten sich sehr herzlich bei mir wegen meiner von mir selbst angebotenen Hilfe.

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Während ich danach zielstrebig auf mein Lieblingscafé zusteuerte, spürte ich wieder dieses schöne Gefühl, Menschen ein kleines bisschen geholfen zu haben. Fröhlich setzte ich mich an den Tisch und bemerkte dabei das Lächeln und die entspannte Art eines Ehepaars am Nachbartisch. Wohlwollend lächelten sie mir zu und verwickelten mich in ein kurzes Gespräch über ihre Heimatstadt Amsterdam.

In gebrochenem Deutsch fügten sie dann noch an, „… dass es ja auch in meiner alten Heimatstadt sooooo schön wäre und dass hier die Menschen ausgesprochen freundlich wären“. „Aber das sind wir doch schon immer“, sagte die hübsche Kellnerin, welche gerade meinen Kaffee Latte brachte. Dabei zwinkerte sie mir lächelnd zu und fügte an: „Das liegt aber auch noch an all unseren höflichen und gut gelaunten Gästen, dass wir hier immer so eine nette Atmosphäre haben!“

Tja, und nun sitze ich hier hinter meinem Laptop, blicke kurz aus dem Fenster des Cafés und sehe überall nur freundliche Menschen.

Dabei frage ich mich völlig irritiert: „Wer hat klammheimlich Schnauzen-Town verwandelt; ohne mir Bescheid zu sagen?“