Kolumne vom Freischwimmer: Die Wahrheit über die wirkliche Wahrheit

Von 19. Juli 2020 Aktualisiert: 19. Juli 2020 8:26
Als ich heute Morgen im Badezimmer stand, um mich für den Tag ein bisschen niedlich zu machen, kam mir spontan der Gedanke, dass die Zeit nun reif dafür wäre, in dieser Kolumne endlich einmal konkret zu werden.

Und was ist konkreter als die Wahrheit? Tja, so einfach ist das mit dem Schreiben von Kolumnen!

Aber genau betrachtet gibt es dabei nur einen winzig kleinen Haken, denn ich fragte mich besorgt, welche Wahrheit dafür wohl am besten geeignet wäre.

Nehmen wir einmal ein Fußballspiel als Beispiel: Wenn das Team „A“ gegen das Team „B“ gespielt hat und sich danach zwei Fans der jeweiligen Mannschaft über dessen Ausgang unterhalten, ist es keine Seltenheit, dass die Meinungen dabei auseinander gehen. Beide haben das gleiche Spiel gesehen, aber durch die jeweilige Vereinsbrille betrachtet könnte es trotzdem zu völlig unterschiedlichen Meinungen führen. Dabei beharrt dann jeder auf seinem Standpunkt und meint, er würde die absolute Wahrheit sagen.

Und der andere Fan ist doof und hat natürlich gar keine Ahnung vom Fußball!

Selbst bei der einfachen Betrachtung der Tabelle der Bundesliga – ohne dass überhaupt ein Spiel stattgefunden hat – gehen die Ansichten der Schlachtenbummler schon extrem auseinander. Während die Einen behaupten, dass wir eine gute und faire Bundesliga hätten, argumentieren die Anderen, dass ausländische Getränkekonzerne oder Chemiekonzerne, welche sich als „Verein“ ausgeben, nichts in dieser Liga zu suchen hätten.

Auch in diesem Fall wird wohl jeder Gegner oder Beführworter die Wahrheit für sich beanspruchen.

„Wer die Wahrheit hören will, den sollte man vorher fragen, ob er sie ertragen kann.“ (Ernst R. Hauschka)

Aber wovon hängt denn dann die absolute Wahrheit ab? Gibt es die absolute Wahrheit überhaupt? Wer kann wirklich behaupten, dass er – und nur er allein – die Wahrheit kennt und somit einen verbrieften Anspruch auf sie hat?

Nun, selbstverständlich weiß mittlerweile jeder Mensch, dass die Wahrheit davon abhängig ist, welche Wünsche, Bedürfnisse und Anschauungen wir haben. Ach, … ach herje … die Anschauungen … ohje …. die Wünsche … ei ei ei …

Gelegentlich helfen einfache Beispiele, um der Sache etwas näher zu kommen:

Schon allein beim Lesen der Überschrift haben sich vermutlich einige gefreut, etwas über die Wahrheit lesen zu können. Eventuell hat der Politikverdrossene erwartet, dass er unter dieser Schlagzeile konkret und wahrheitsgemäß darüber informiert wird, dass es auch in unserem Land einige Politiker*Innen gibt, die nicht immer nur die Wahrheit verkünden.

Womöglich hat jedoch der Ehemann, welcher sich gerade von seinem angetrauten Weib betrogen fühlt, gehofft, in diesem Text die Wahrheit über einen Vertrauensbruch finden zu können.

Es wäre aber auch möglich, dass einige der vielen, vielen Einzelhändler, bei denen gerade ihre Existenz den Bach runter geht, erwartet haben, dass in dieser Kolumne nun die Wahrheit über die wahrhaft Schuldigen berichtet wird.

Oder ein Spitzensportler, der immer noch hofft, dass endlich die Wahrheit aufgedeckt wird, und sein Kontrahent des Dopings überführt wird. Und das alles unter dieser einen Überschrift … Ach, die Wahrheit; die gute, alte Wahrheit …

„Es gibt ebensowenig hundertprozentige Wahrheit wie hunderprozentigen Alkohol.“ (Sigmund Freud)

Ganz drollig wird es jedoch, wenn sich ein Christ und ein Buddhist über die Wahrheit unterhalten würden. Welcher ist denn nun der wahre Gott? Welches sind denn nun die wahren Gebote?

Was wäre denn, wenn ein Mensch, der in einer Großstadt des 21. Jahrhunderts aufgewachsen ist, in den australischen Busch zu den Aborigines ziehen würde und sich dort mit Eingeborenen über die Wahrheit austauschen würde? Möglicherweise könnte es auch in diesem Fall einige Unterschiede in der Betrachtung mancher Dinge geben.

Wie ist es, wenn zwei verschiedene Menschen diese Kolumne lesen – der eine gut gelaunt, wohlwollend und innerlich ausgeglichen und der andere von Hass, Neid und Missgunst zerfressen – würden die beiden nicht völlig unterschiedliche Kommentare unter diesem Text hinterlassen? Dem gleichen Text … !?!

Trotzdem würde jeder der beiden fest davon überzeugt sein, dass er die Wahrheit verkündet.

Auch werden wohl der Ängstliche und der Hoffnungsvolle das derzeitige politische Weltgeschehen völlig entgegengesetzt interpretieren, und der Hypochonder und der stabile Sportler (Nichtraucher und Antialkoholiker) könnten im Bezug auf die Gesundheitspolitik ebenfalls verschiedene Ansichten haben.

Und jeder spricht dabei dann über seine eigene Wahrheit!

„Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten!“ (Albert Camus)

Tja, liebe Leserinnen und Leser (und solche, die es noch werden wollen) , was machen wir denn nun in diesem Dilemma? Beim genauen Nachdenken über das eben Gesagte (Geschriebene) wäre es durchaus denkbar, dass jeder der oben Genannten tatsächlich ein bisschen recht hat.

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Aber wäre dann bei einer Diskussion um die wirkliche Wahrheit nicht immer schon ein Streit vorprogrammiert? Sollten wir demzufolge alle große Streithammel sein? „Ich sage die Wahrheit!“ „Nein, ich sage die Wahrheit!“ Verzwickt, gelle!?!

Nee, eigentlich nicht, denn es würde eigentlich schon völlig ausreichen, wenn die Menschen nicht mehr so sehr versuchen würden, dem anderen ihre persönliche Wahrheit aufzuzwingen.

Die Lösung des Problems liegt daher in einem entspannterem Umgang miteinander, und in dem Willen, seinem Gegenüber seine Meinung – und damit seine eigene Sicht der Dinge – zu „gestatten“.

Tatsächlich könnte man es sogar mit nur einem einzigen Wort präzise auf den Punkt bringen: Toleranz!

Probieren Sie es ruhig einmal aus. Am Anfang fühlt es sich noch etwas ungewohnt an. Aber mit der Zeit wird es immer besser. Ich rede (bzw schreibe) da aus Erfahrung … 😉

Selbst mir war es unlängst möglich, mich mit einem Fan aus der anderen Stadt über Fußball zu unterhalten. Und es tat gar nicht weh.

„Es gibt drei Wahrheiten: Meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit.“ (Asiatische Weisheit)

Ahoi

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