Die Bemalung der Decke der Sixtinischen Kapelle war eine Prüfung für Michelangelo.Foto: Public Domain

Michelangelo: Ausdauer führt zu Großartigkeit

Von 4. August 2021 Aktualisiert: 4. August 2021 7:52
Wie konnten Künstler vor mehreren Jahrhunderten Kunstwerke erschaffen, die wir bis heute bewundern? Michelangelo Buonarrotis Antwort darauf war ganz einfach: mit „unendlicher Geduld“.

Michelangelo Buonarroti ist unbestreitbar einer der größten Künstler der Geschichte. Er selbst sah sich in erster Linie als Bildhauer, erschuf allerdings auch einige der bedeutendsten Fresken und Bauwerke der italienischen Renaissance.

Was machte Michelangelo großartig? Wie konnte er so viele beeindruckende Kunstwerke erschaffen? Die Antwort auf diese Frage ist sicherlich vielschichtig. Wir werden uns hier jedoch nur auf einen Aspekt aus Michelangelos Leben fokussieren – zusammen mit seiner eigenen Antwort auf diese Frage.

Michelangelos Arbeitsethik

Michelangelo wird mit den folgenden Worten über seine Arbeitsmoral zitiert:

„Wenn die Menschen wüssten, wie hart ich gearbeitet habe, um mein Können zu erlangen, würde es gar nicht so wunderbar erscheinen. … Wenn sie wüssten, wie viel Arbeit darin steckt, würden sie es nicht als Genie bezeichnen.“ 

Damit deutet Michelangelo an, dass sein Können keinesfalls eine Art Genie ist, das allein auf angeborenem Talent beruhe. Stattdessen bezeichnete er sein „Genie“ als „unendliche Geduld“. Genie ist die Fähigkeit, sich in Geduld zu üben – während der unausweichlichen Schwierigkeiten, die bei der harten Arbeit an seinem Kunstwerk auftraten. Mit anderen Worten, die Idee des Genies scheint ein Synonym für die Fähigkeit zu sein, aus Liebe zur Kunst Leiden zu ertragen. 

Giorgio Vasari war der erste, der eine Biographie über Michelangelo schrieb und das noch zu Lebzeiten des Künstlers. Vasari beschrieb einige der Extreme, die Michelangelo um seiner Kunst willen durchmachte:

„Michelangelo erzählte mir, dass er in seiner Jugend oft in seinen Gewändern schlief, genau wie ein Mann, der sich, erschöpft von seiner Arbeit, nicht die Mühe macht, sich auszuziehen, da er sich später wieder anziehen muss. … Als er älter wurde, trug er monatelang durchgehend Stiefel aus Hundefell an seinen nackten Füßen, sodass, wenn er sie später ausziehen wollte, sich auch die Haut ablöste.“

Vasaris Aufzeichnungen über Michelangelo zeigen, dass, wenn man Großes erreichen möchte, man bereit sein muss, den eigenen Komfort aufzugeben und Entbehrungen auf sich zu nehmen.  

Die Decke der Sixtinischen Kapelle

Eines der Kunstwerke, das die Größe Michelangelos bestätigt, ist die Decke der Sixtinischen Kapelle. 

Michelangelo arbeitete gerade an Skulpturen für das zukünftige Grabmal von Papst Julius II., als der Papst beschloss, er solle stattdessen die Decke der Sixtinischen Kapelle bemalen. Vasari vermutet, dass ein anderer Künstler und Architekt, Donato Bramante, den Papst davon überzeugte, Michelangelo malen zu lassen, anstatt weiter Skulpturen zu erschaffen. 

Bramante sah in Michelangelo einen großen Konkurrenten und beeinflusste den Papst in der Hoffnung, Michelangelo würde im Malen versagen.

Michelangelo protestierte und meinte, er sei Bildhauer und kein Maler – doch Bramante hatte den Papst bereits überzeugt. Als das Fresko vollendet war, äußerte Michelangelo sein Unbehagen mit den Gemälden und seinen Unmut am Ende eines Sonetts: „Hier geht’s mir schlecht, ich bin kein Maler.“

Die Deckenmalerei an sich hatte auch ihre Tücken. Michelangelo wusste nicht, wie man ein Fresko richtig malt, also bat er andere Künstler, ihm zu helfen. Schimmel wuchs auf einem der Fresken und Michelangelo musste es neu malen.

Um das Vorhaben möglicherweise erneut zu sabotieren, schlug Bramante vor, Michelangelo solle ein Gerüst an der Decke befestigen. Michelangelo lehnte ab und meinte, dass die Löcher in der Wand später abgedeckt werden müssten. So musste er eine neue Art von Gerüst erfinden.

Laut Vasari war der Akt des Bemalens der Decke gelinde gesagt eine sehr schmerzhafte Erfahrung:

„Diese Fresken wurden unter größten Unannehmlichkeiten gemalt, denn er musste bei der Arbeit mit nach hinten geneigtem Kopf dastehen. Das schadete seiner Sehkraft so sehr, dass er nicht mehr lesen oder Zeichnungen betrachten konnte, wenn sein Kopf nicht nach hinten geneigt war; dieser Zustand hielt danach noch mehrere Monate an.“

Michelangelo hatte nicht nur Schwierigkeiten beim Malen und mit seinen Rivalen, sondern auch nie enden wollende familiäre Probleme. Laut Wallace musste sich Michelangelo mit dem Tod seines Bruders, der Klage seiner Schwägerin auf Rückgabe ihrer Mitgift, der Respektlosigkeit einer seiner Brüder, Krankheiten in der Familie und Geldproblemen auseinandersetzen.

William Wallace, einem anderen Michelangelo-Biographen, zufolge, kamen die Zahlungen des Papstes für Michelangelos Arbeit sehr unregelmäßig. Außerdem schickte Michelangelo den größten Teil seines Verdienstes an seine Familie. Er beschrieb sich selbst als „barfüßig und nackt“.

Michelangelo schilderte das ganze Ereignis in mehreren Briefen, die Wallace zitiert und die man so zusammenfassen kann:

„Ich lebe hier in einem Zustand großer Besorgnis und der größten körperlichen Erschöpfung: Ich habe keine Freunde irgendwelcher Art und will keine haben. Ich habe nicht genug Zeit, um zu essen, wie ich sollte. Ihr dürft mich also nicht mit irgendetwas anderem belästigen, denn noch etwas zusätzlich könnte ich nicht ertragen. … Und so lebe ich nun schon seit etwa 15 Jahren, ohne eine einzige Stunde Glück.“

Das Unerträgliche ertragen

Aufgrund seiner Beharrlichkeit erschuf Michelangelo einige der bedeutendsten Kunstwerke der Welt. Er hätte jederzeit aufgeben können, tat es aber nicht. Er war erst 37 Jahre alt, als er die Decke in der Sixtinischen Kapelle vollendete.

Manchmal können unsere Schwierigkeiten das Leben sinnlos erscheinen lassen; unsere Nöte können so überwältigend sein, dass wir ein Loch finden wollen, um uns vor dem Schmerz zu verkriechen. Wenn wir jedoch auf Michelangelos Geschichte schauen, so können wir die folgende Weisheit aus ihr lernen: Unsere „Größe“ beruht vielleicht darauf, dass wir den Schwierigkeiten des Lebens mit „unendlicher Geduld“ begegnen. 

Vielleicht ist jede Schwierigkeit eine Gelegenheit, etwas über uns selbst und unser wahres Potenzial zu lernen.

Die Kunstgeschichte ist eine Geschichte, die sich unaufhörlich entfaltet. Es ist auch unsere Geschichte, die Geschichte der Menschheit. Jede Generation von Künstlern beeinflusst ihre jeweilige Kultur mit ihren Kunstwerken und ihren Lebensentscheidungen. Diese Reihe beleuchtet Geschichten aus der Kunstgeschichte, die uns ermutigen, uns zu fragen, wie wir aufrichtiger, fürsorglicher und geduldiger werden können. 

Eric Bess ist Gegenwartskünstler und Doktorand am Institut der Bildenden Künste „Institute for Doctoral Studies in the Visual Arts“ (IDSVA) in Portland, Maine, USA. 

Dieser Artikel erschien im Original auf The Epoch Times USA unter dem Titel: Michelangelo’s Perseverance: A Lesson in Achieving Greatness (deutsche Bearbeitung von as)



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