Prachtvolle Buch-Gewänder – Schätze mit Edelsteinen und kostbaren Einbänden

Ein außergewöhnliches Buch führt Prachteinbände des Mittelalters vor Augen. Ihre Aura leuchtet auch heute.

Titelbild
Vorderseite des Codex Aureus des Klosters St. Emmeram bei Regensburg, um 870.Foto: Bayerische Staatsbibliothek München, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7532959
Von 11. Dezember 2023

„Der erste Blick auf ein Buch, die erste Berührung mit ihm, erfolgen über den Einband“, schreibt Autor David Ganz im Vorwort. Was so selbstverständlich klingt, wird beim ungewöhnlich ausgestatteten Band über prachtvolle Buch-Gewänder des Mittelalters auf besondere Weise erlebbar.

Überraschende Ausstattung

Auf Vorder- und Rückseite verwundern weiße Felder, die den Blick auf Abbildungen beispielhafter Prachtfolianten nur teilweise gewähren.
 Der Buchrücken wiederum zeigt absichtsvoll und offen die handwerkliche Bindung der gefalzten Seiten, deren Fäden und feine Knoten normalerweise hinter Papier, Leinen oder Leder verborgen werden.

Der Band „Buch-Gewänder, Prachteinbände im Mittelalter“ präsentiert sich also – schon im ersten Moment – als spannend vielschichtiges Buchobjekt.

Die Publikation zu Prachteinbänden des Mittelalters ist selbst ein ungewöhnliches Buchobjekt. Foto: Reimer Verlag, Berlin

Feinsinnige Wertschätzung

Die Entscheidung von Autor und Verlag, nicht das Bild eines mittelalterlichen Prachteinbandes auf dem Cover des eigenen Buches zu benutzen, spricht von feinsinniger Zurückhaltung. Sie zeugt vom großen Respekt für die eigentliche Bestimmung der kunstvoll gestalteten Buchhüllen in ihrem christlich liturgischen Kontext.

Und: Sie beweist Wertschätzung für die plastische Materialität dieser religiös inspirierten mittelalterlichen Artefakte. Eine Wertschätzung, die es unmöglich macht, die beeindruckende Dreidimensionalität eines Kunstwerks für den Buchdeckel der zeitgenössischen Publikation auf die Dimension einer Reproduktion zu reduzieren.

Schatulle und Codex

Im Inneren des Buches leuchten sie jedoch, die Abbildungen der wertvollen Hüllen – die fotografisch grandios wiedergegebenen, kostbaren Einbände, die reich geschmückten Buchgewänder. Sie schlummern hier sorgfältig verwahrt wie in einer Schatulle, die ihre Schätze mit dem Aufschlagen ihres Deckels dem staunenden Betrachter offenbart.

Szenen aus dem Leben Jesu. Goldener Buchdeckel mit Elfenbeinrelief, 10. bis 11. Jahrhundert, Aachen, Domschatz. Foto: Anne Gold

Die Publikation über die Einbände von Prachtcodices des Mittelalters ist somit selbst ein Codex, ein Wissensspeicher, ein faszinierender Aufbewahrungsort von Preziosen in Bild und Schrift.

Ursprünglich vom lateinischen caudex für Baumstamm oder Holzblock abgeleitet, bezeichnet der Begriff Codex in der Antike einen Stapel von Holz- oder Wachstafeln. Mit den Jahrhunderten wandelt sich das Textspeichermedium zur von zwei Holzbrettchen geschützten Sammlung aus gefalteten und mit Schnüren oder Fäden zusammengebundenen Blättern. Meist wurden Papyrus- oder Pergamentblätter genutzt. Lange Zeit spielt es jedoch in der Antike neben Tontafeln und Buchrollen eine eher untergeordnete Rolle.

Gläubig und innovativ

Es sind es die frühchristlichen Gemeinschaften, die im ersten Jahrhundert nach Christus damit beginnen, dem Codex klaren Vorrang zu geben, während ihre Umgebung noch weitere zwei Jahrhunderte am Medium der Buchrolle festhält.

Die Christen hatten die praktischen Vorteile des Codex erkannt: Sein Fassungsvermögen ist ungleich größer, durch die Möglichkeit des Blätterns ist die Wiederauffindbarkeit von Textstellen wesentlich vereinfacht und einzelne Schriftstücke wie die hochgeschätzten Briefe der Apostel an die christlichen Gemeinden können in Codices chronologisch aneinandergereiht und gebündelt werden.

Zeichen der Verehrung

In der Zeit der sogenannten konstantinischen Wende, der Anerkennung des bis dahin grausam verfolgten Christentums durch Kaiser Konstantin im Jahr 313, beginnt sich die Verehrung der heiligen Schriften schließlich auch in ihrer reichen und kunstfertigen Ausstattung niederzuschlagen.

Nun vereint der Codex in seinem Inneren Schrift und Bild durch Kalligrafie und Buchmalerei, seine äußere Hülle hingegen drückt in plastischer Ornamentik und wertvollen Materialien aus, was die christlichen Codices aus der Welt um sie herum hervorhebt: das Wunder ihrer einzigartigen, Heil bringenden Botschaft.

Lindauer Evangeliar, entstanden von circa 780 bis circa 890. Foto: New York, Pierpont Morgan Library, MS M.1

Kostbare Hüllen heiliger Texte

Vor allem die wesentlichen Bücher der christlichen Liturgie – das Evangeliar, das Lektionar, das Missale und das Sakramentar – erhielten prachtvolle Gewänder aus Seide, Elfenbein, Silber, Gold und Edelsteinen, die sie als verehrungswürdige und Segen spendende Objekte ausweisen.

So wird bei liturgischen Prozessionen das Evangeliar feierlich als sichtbares Zeichen heiliger Worte vorangetragen und in der Heiligen Messe ehrfurchtsvoll durch Verneigung gegrüßt und geküsst. Der Priester trägt schließlich aus dem Evangeliar die für den Tag festgelegte Textstelle des Evangeliums meist singend vor und leiht somit der göttlichen Botschaft des Buches seine Stimme.

An der Spitze der liturgischen Prozession wird das Evangeliar feierlich von einem Diakon zum Altarraum getragen. Prag, 2019. Foto: Draceane, CC BY-SA 4.0

Lebendige Tradition

Auch heute noch kann man diese seit Jahrhunderten fast unveränderten, ergreifenden Rituale in der altehrwürdigen Form der katholischen Liturgie miterleben. Nach wie vor begegnen Priester und Gläubige den liturgischen Büchern mit größter Ehrfurcht und auch heute noch sind sie würdig und voll Sorgfalt ausgestattet.

Die Pracht der christlich liturgischen Bücher des Frühmittelalters, eines Zeitraums, der sich über ein halbes Jahrtausend vom fünften bis zum elften Jahrhundert erstreckte, bleibt unerreicht.

In unserer Zeit können Betrachter durch das Glas von Museumsvitrinen jedes kunstvolle Detail der kostbaren mittelalterlichen Codices aus nächster Nähe erkennen.

Auch das schatullengleiche Buch von Professor David Ganz lädt durch seine hervorragenden Abbildungen zur Entdeckung ihrer einzigartigen religiösen und künstlerischen Symbolik und grandiosen Handwerkskunst ein.

Faszinierende Plastizität und Volumen des Lindauer Evangeliars. Foto: New York, Pierpont Morgan Library, MS M.1

Spiritueller Wert

Ihr spiritueller Wert bleibt auf immer im Grund ihrer Entstehung gespeichert. Er offenbart sich jedoch erst zur Gänze im Ritus, für den die kostbaren Buchobjekte geschaffen wurden.

So umweht die mittelalterlichen liturgischen Bücher und ihre prächtigen Gewänder in ihrer musealen Präsentation und kunsthistorisch analytischen Betrachtung – im Nachdenken über ihre eigentliche Bestimmung – trotz aller sichtbaren Schönheit doch eine leise Melancholie.


David Ganz
Buch-Gewänder
Prachteinbände im Mittelalter

400 S. m. 180 Farb- u. 30 SW-Abb., 21 x 27 cm
Hardcover
ISBN 978-3-496-01496-6

79,00 € [D]

Dietrich Reimer Verlag, Berlin

 

 

 



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