Wagnerbüste in Bayreuth.Foto: Caroline Chen / Epoch Times

Richard Wagner als Revolutionär, Romantiker und Buddhist – Meistersinger-Arien mit Bernd Weikl

Von 31. März 2018 Aktualisiert: 1. April 2018 12:28
Es sind die Künste, es ist das humanistische, buddhistisch geprägte Menschenbild, das Richard Wagner vorschwebte. Der berühmte Wagnersänger Bernd Weikl gibt Einblick in eher unbekannte geistige Hintergründe des Komponisten Richard Wagner. (Teil II)

Der Revolutionär

In der historischen Epoche des Hans Sachs, wie auch später in der Richard Wagners, ging es um die heroisch nationale Idee, wie sie auch alle anderen Dichter und Komponisten der Romantik zum Ausdruck brachten.

Das Ende der französischen Monarchie durch den „Sturm auf die Bastille“ und die Proklamation der Republik am 24. Februar 1848 bewirkte auch den deutschen Aufstand, die nationale Befreiungsbewegung. Dresden avancierte im Frühjahr 1849 zu einem Zentrum für revolutionäre Demokraten zugunsten einer Reichsverfassung. Diese Revolution wurde durch militärische Macht unterdrückt. Auch Richard Wagner hatte sich beteiligt, wurde steckbrieflich gesucht und floh über Weimar nach Zürich.

Der Romantiker

Ein weiterer Punkt im Zusammenhang mit Richard Wagner und seiner angeblichen Vorbereiterrolle für das Nazitum hängt mit einem Missverständnis über den Charakter der deutschen Romantik zusammen. Sie war gegen Ende des 18. Jahrhunderts ihrem Geist und Ursprung nach ein Aufbegehren gegen das beginnende Übergewicht des utilitaristischen Nützlichkeitsdenkens, das vielen Dichtern, Philosophen und Komponisten höchstes Unbehagen bereitete.

Der Romantiker war mit seinen Träumen von einer glücklichen Welt entweder gedanklich auf dem Weg in die Vergangenheit, um das verlorene Paradies aufzuspüren, oder auf dem Weg in eine phantasierte Zukunft, um das Paradies für die kommenden Zeiten zu erträumen. Aber er blieb darin ein einsames Subjekt, seelisch gefährdet und voller kreativer Antriebe und Hoffnungen.

Diese Pflege des Subjektivismus war nun aber gerade das, was die Nazis mit ihrer Hervorhebung der Gemeinschaft, der sich der Einzelne sklavisch unterordnen musste, das genaue Gegenteil von subjektivem Individualismus. 

 Wagners Buddhismus

Zu den vielfältigen Vorbereitungen auf seine Operntexte und Inhalte gehörten für Richard Wagner zwischen 1856 und 1868 die Prosaentwürfe: Jesus von Nazareth und Die Sieger. Jesus ist hier und bei Wagner kein Welteroberer, sondern der Weltüberwinder. Dies entspricht Schopenhauers und eben auch Wagners Bestreben zu einer Weltanschauung, die über buddhistische Thesen und indische Weisheiten zu Wagners einzigem religiösen Werk, dem Parsifal, führt.

Seine Studien zum Buddhismus führen Wagner zu einer Skizze vom 16. Mai 1856. Sie ist in Wagners Entwürfen, Gedanken und Fragmenten abgedruckt (Breitkopf & Härtel, Leipzig). Nach der Herausgeberin ihrer Memoiren einer Idealistin, Malvida von Meysenbug (1816-1903), die über Wagners Pariser Zeit berichtet, erhält Karl Heckel von ihr persönliche Informationen über die Grundlagen zu Wagners Stoff für die geplanten Die Sieger. Wagner findet sie in Burnoufs Introduction à l’histoire du Buddhisme indien (Burnoufs Einführung in die Geschichte des indischen Buddhismus’.)

Zur Realisierung der beiden Stoffe Jesus von Nazareth und Die Sieger kommt es nicht. Trotzdem verarbeitet Wagner vieles daraus für sein letztes Werk, den Parsifal. Auch dort ist die Titelfigur kein Welteroberer, sondern ein Weltüberwinder – ganz im Sinne der buddhistischen Vorlage.

Ein zunächst sündiger trotzig-dummer Junge im ersten Akt, gelangt im zweiten zur Erkenntnis und wird schließlich im dritten Akt eine Art christlicher Buddha, ein Weiser, der als Parsifal – von Parsi = rein, fal = dumm, töricht (Wagner entlehnt es dem Persischen) – die christliche Kirche zwar restituiert, aber von ihrem dogmatischen Machtanspruch befreit. Parsifal führt die Gesellschaft durch Erlösung des Erlösers zur Schopenhauerschen und Wagnerschen Weltethik.

Zu Wagners „Über das Judentum in der Musik“

Der Journalist Haggai Hiltron spricht mit Irad Atir, der an der Tel Aviv Universität im Juni 2012 seine Studien in Musikwissenschaft mit einer Dissertation über Richard Wagner abschloss und dafür vom Internationalen Institut für Holocaust-Studien, Yad Vashem einen Preis erhielt.

Atirs Antworten beim Interview: „Wagners Kritik an Juden war Teil seines Widerstandes gegen die generelle soziopolitische und kulturelle Situation in diesem 19. Jahrhundert – einschließlich seiner nicht-jüdischen Gesellschaft. Wagner kritisierte bestimmte Aspekte an den Deutschen, z. B. deren Rückständigkeit, die bedingungslose Religiosität, den Stolz des Adels und den Militarismus. Generell gab es für unseren Komponisten gute und schlechte Deutsche – und gute und schlechte Juden. [Wagner verweigerte gleich zweimal seine Unterschrift unter eine antijüdische Petition von Kanzler Bismarck, die Rechte der Juden beschränken sollte. B.W.]

Wagner wusste mehr über Juden und Judentum und arbeitete mehr mit Juden, als alle anderen Komponisten in seiner Zeit. Seine obsessive Voreingenommenheit gegen Einzelne und Gruppen war komplex und jederzeit veränderlich. Selbst das sehr schlimme Essay: „Über das Judentum in der Musik“ endet mit einem Aufruf, die jüdische und deutsche Kultur zu vereinigen.“

Im Sommer 1864 hat Wagner seinen Aufsatz Über Staat und Religion verfasst, der sich ebenfalls mit dem kirchlichen Dogma beschäftigt. Dort heißt es: Die Religion lebt nur da, wo sie ihren ursprünglichen Quell und einzig richtigen Sitz hat: im tiefsten, heiligsten Innern des Individuums, – da, wohin nie ein Streit der Rationalisten und Supranationalisten noch des Klerus und des Staates gelangte, denn dieses ist eben das Wesen der wahren Religion, dass sie, dem täuschenden Tagesscheine der Welt ab [entfernt B.W.] in der Nacht des tiefsten Innern des menschlichen Gemütes als anderes, von der Weltsonne gänzlich verschiedenes, nur aus dieser Tiefe aber wahrnehmbares Licht leuchtet.

Mit Hitlers weltlichem Machtanspruch darf man Wagners Werk nicht verbinden

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Richard Wagners Weltanschauung ist also nachweislich das Gegenteil von Hitlers weltlichem Machtanspruch und seinen rasseideologischen Morden. Dass solche Zusammenhänge auch manchen heutigen Regisseuren nicht klar sind oder politisch korrekt eben nicht wahr sein dürfen, demonstieren Regie und Bühnenbild der Meistersinger von Nürnberg vom Festspielsommer 2017 in Bayreuth.

Barry Kosky hat ein antisemitisches Propagandawerk geschaffen. Der im 16. Jahrhundert hoch angesehene Nürnberger Stadtschreiber wird jetzt 1939 zum jüdischen Hermann Levi (Dirigent der Uraufführung des Parifal am 26. Juli 1882) und vom nationalsozialistischen Richard Wagner als üble Karikatur über die Bühne verfolgt. Der 3. Akt, die „Festwiese“ spielt im Gerichtsaal der Nürnberger Prozesse.

Die stellvertretende Bundestagspräsidentin Claudia Roth rühmte den Künstler als einen unendlich kreativen und großartigen Regisseur, der jüdisch und schwul sei und sich mit Wagner und der Geschichte Bayreuths kritisch auseinandergesetzt habe-

(…) Alle seien am Ende erstaunt gewesen, dass der Regisseur kein einziges Buh erntete. Prominente Gäste waren das schwedische Königspaar, die Bundeskanzlerin mit Gatten, Franz Herzog von Bayern, Vertreter der Kirchen usw.

Über Koskys Meistersinger berichtet auch der Internationale Richard Wagner Verband im Newsletter vom Januar 2018 voller Freude über die Jubelstürme im Publikum, „wie lange nicht in Bayreuth“.

Bernd Weikl präsentiert:                                  

Ein entnazifiziertes Regiekonzept für den 3. Akt, 2. Teil: „Die Festwiese“ in den „Meistersingern von Nürnberg“ – aus Richard Wagners Partitur!

Nazifahnen und weitere Assessoires aus dieser fürchterlichen Zeit. Viel Volk versammelt sich auf dem Platz, andere schauen von der Empore herunter, Zünfte treten auf, „Mädel von Fürth“ –  BDM – tanzen  auf altdeutsche Weise. Die Meister treten wieder auf ihre erhabene Tribüne – analog zum ersten Akt. Hier soll ja erneut eine Art Gerichtsverhandlung gegen einen wettsingenden Delinquenten stattfinden.

Sachs kommt etwas zu spät, – er  vermeidet erneut den Hitlergruß, analog zum ersten Akt – möchte seine Begrüßungsansprache halten, wird jedoch durch den Choral: „Wach auf! Es nahet gen den Tag“ daran gehindert. Uniformierte Nazischergen wollen das Volk daran hindern. Und doch wird Wagners Hans Sachs damit gefeiert, was ihm aber dann eigentlich gar nicht recht ist. Tief bewegt singt er: „Euch macht ihr‘s leicht, mir macht ihr‘s schwer, gebt ihr mir Armen zu viel Ehr‘.“ Er ist kein Parteimitglied !!

In einem unbeobachteten Augenblick beklagt sich Beckmesser bei Sachs, dass er mit dem Lied von ihm nicht zurecht kommen würde. Der Schuster rät ihm, die Wettsingerei bleiben zu lassen. Der Schreiber jedoch stellt sich übernervös der Aufgabe, betont falsch, verwechselt Worte, verdreht und verstümmelt sie, hat den Sinn des Liedes nicht erfasst und wird dafür ausgelacht. Gleich dem Tenor im ersten Akt, hat er jetzt: „versungen und vertan“ … Er bezichtigt Sachs, der Verfasser des Liedes zu sein.

Dieser ist jetzt den Anwesenden eine Erklärung schuldig. Er braucht einen Zeugen dafür, dass er nicht Urheber dieser Komposition sei und stellt den Antrag, jemanden zuzulassen, der das Lied gedichtet hätte und jetzt fehlerlos vortragen könne. Dem wird stattgegeben.

Der ausländische Tenor tritt auf und singt die rechten Worte, Endungen – gemäß der Regel und trotzdem überzeugend über die Regel hinaus. Er singt sein Liebeslied an Eva im Paradies, die Muse des Parnass. Er singt von Liebe – und eben nicht von den Vorbereitungen zum Feldzug gegen Polen und Russland … Alle sind begeistert. Nicht die wenigen Nazi-Ordnungshüter …

Während dieser drei Strophen taucht die Szene langsam in sonnendurchflutetes Licht. Es werden von den Meistern, dem Chor – sehr langsam – Nazifahnen gesenkt, Armbinden abgenommen und auf einen Haufen in der Mitte der Bühne gelegt. Juden treten auf und werfen auch ihre gelben Sterne auf diesen Haufen. Noch versuchen uniformierte Statisten zusammen mit Beckmesser diese Handlung zu unterbinden. Zwecklos.

Die Kunst siegt über die Nazidikdatur … Hier könnte jede Dikdatur gezeigt werden. Allerdings würde Publikum schwerlich die historischen Zusammenhänge bei Stalin oder anderen erkennen …

Der Tenor erhält Evas Hand, wehrt aber die Meisterwürde in Form des David mit der Harfe ab „Nicht Meister, nein ..!“  So ein Meister – wie jene sich teilweise gezeigt haben – möchte er nicht werden …

Mit der großen Schlußansprache, Hans Sachsens Treuegelöbnis zur Kunst, überzeugt der Schusterpoet alle und am Ende auch den ausländischen Tenor. Er läßt sich die Meistersingerkette – David mit der Harfe – umhängen. Und statt der Fahne mit dem Hakenkreuz wird ein großes Tuch, David mit der Harfe, als Versöhnungszeichen von der oberen Stadt auf der Bühne heruntergelassen. Auf Fotos, Bildern oder Zeichnungen deutsche Juden, die ja dazu gehören, wenn von deutscher Kunst gesprochen wird.

Acte III, Finale: „Verachtet mir die Meister nicht“ Hans Sachs: Bernd Weikl, Cor i Orquestra del Festival de Bayreuth Horst Stein, Dirigent, Wolfgang Wagner (Regie) Bayreuth (1984) Wolfgang Wagner (1919-2010) tritt in der Schluss-Szene auf.

Stichworte aus der immer wieder als deutschtümelnd und ausländerfeindlich bezeichneten letzten großen Aussage des Hans Sachs:

„Verachtet mir die Meister nicht“ – auch nicht die jüdischen – und auch nicht ihre Kunst … „Im Drang der schlimmen Jahr“ – Nationalsozialismus – „blieb sie nicht deutsch und wahr?“ Das beinhaltet auch die jüdischen deutschen Künstler !!

„Habt acht, uns dräuen üble Streich“ – Nazis, Hitler … Stalin u.v.a….

„Was deutsch und echt, wüßt keiner mehr“ … Bücherverbrennung nicht ur jüdischer Autoren.

„Drum sag ich euch: Ehrt eure deutschen Meister“ … Alle, auch die jüdischen

„Zerging in Dunst das heil’ge römsche Reich“ … bestens! Denn „uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst“ … Es sind die Künste, es ist das humanistische, buddhistisch geprägte Menschenbild, das Richard Wagner vorschwebt.

Sachs wird nochmals kräftig vom Chor gefeiert. Der Haufen an Nazireliquien und Judensternen auf der Bühn – Technik – wird künstlich angezündet. Gleichzeitig werden an den Wänden die Fotos der großen deutschen Künstler, Philosophen und Wissenschaftler aufgehängt. Juden und Nichtjuden, Friedensnobelpreisträger.

Beckmesser, der Nazi-Ortsvorsteher ist gegen diese Entwicklung. Sachs verweist ihn und die restlichen, unbelehrbaren, aber sichtbar dezimierten Nazis von der Szene.

      Vorhang

Anmerkung: Dieses Regiekonzept habe ich z. B. der Nürnberger Staatsoper 2010 angeboten. Es war leider politisch unkorrekt und wurde abgelehnt. Ein jüdischer Regisseur spielte dann mit einem Hakenkreuz auf der Bühne !!!

2005 habe ich am japanischen Nationaltheater „Die Meistersinger von Nürnberg“ inszeniert und wurde nach der Premiere von Publikum und Presse vernichtet. Ein Kamerateam des dortigen Senders NHK reiste mir bis Deutschland nach um mich zu befragen, weshalb ich keinen Bezug zum Nationalsozialismus geschildert hätte.

Zur Person: Bernd Weikl wurde 1942 in Wien geboren und gehörte über Jahrzehnte zu den renommierten und vielseitigen Künstlerpersönlichkeiten der internationalen Opernszene. Er ist promovierter Ökonom, Ehrendoktor, Honorarprofessor, Kammersänger der Staatsopern Wien, Hamburg und München sowie Ehrenmitglied der Staatsoper Wien.

Bayreuther Festspiele, 1984. Inszenierung: Wolfgang Wagner Dirigent: Horst Stein, Hans Sachs: Bernd Weikl, Veit Pogner: Manfred Schenk, Kunz Vogelgesang: András Molnár, Konrad Nachtigall: Martin Egel, Sixtus Beckmesser: Hermann Prey, Fritz Kothner: Jef Vermeersch, Walther von Stolzing: Siegfried Jerusalem, David: Graham Clark Eva: Mari Anne Häggander, Magdalene: Marga Schiml

Die Beiträge unserer Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder die von anderen Gastautoren wieder. In ihrer Meinungsvielfalt dienen sie der Meinungsbildung unserer Leserinnen und Leser.

Zum Thema: Bernd Weikl – Wollen wir ungeahnte Schocks oder Herzensbildung?

Quellen: [1] Meysenbug, Malvida von: Memoiren einer Idealistin, Hsg. Renate Wiggershaus/Ulrike Helmer, Königstein. 1998

[2] Haaretz, 28. 01. 13

[3] Wagner, Richard: Deutsche Kunst und Deutsche Politik. In: Gesammelte Schriften und

Dichtungen, Bd. 8. Leipzig.

[4] Die Welt, Katja Belousova am 26. 07. 2017

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