Bestseller: „Der Osten ist eine westdeutsche Erfindung“

Für den Westen blieb in den 90er-Jahren alles wie zuvor. Gleichzeitig wurde zum größten Kompliment: „Gar nicht zu merken, dass Sie aus dem Osten sind.“ Der Westen ist die Norm – der Osten das andere, was sich anzupassen habe, schreibt Dirk Oschmann.
Titelbild
Wo bleibt der Enthusiasmus, die noch stehende Mauer in den Köpfen einzureißen – wie hier am 11. November 1989 in West-Berlin, die äußerlich sichtbare?Foto: Gerard Malie/AFP via Getty Images
Von 20. März 2023

Vor drei Wochen erschienen und sofort auf den Bestsellerlisten: mit seinem Buch „Der Osten ist eine westdeutsche Erfindung“ erregt Dirk Oschmann, Professor für Neuere deutsche Literatur, viel Aufsehen. Am 16. März las Oschmann im voll besetzten Saal der Kulturbrauerei Berlin.

Fest steht für Oschmann, dass man als „Ossi“ zwei- bis dreimal so gut sein muss wie ein „Wessi“, um auf die gleiche Position zu kommen. Dass junge Menschen nicht die gleichen Chancen haben, wenn sie an einer Universität studieren, die in den „neuen Bundesländern“ liegt. Dass der Osten für rechtsradikales Gedankengut, erhöhte Kriminalität, Demokratiefeindlichkeit stehe, also für etwas, worauf man gerne verzichten könne.

Er fragt: „Müssen wir erst warten, bis eine Generation verstorben ist, um uns als eine Nation zu fühlen?“

Der „Westen hat das Monopol auf Wahrheit“

Dirk Oschmann stammt aus Gotha in Thüringen. In Jena und New York studierte er Germanistik und Amerikanistik, habilitierte zu Lessing, Schiller und Kleist – und ist derzeit einer der wenigen ostdeutschen Professoren an deutschen Hochschulen.

Gerade mal 1,7 Prozent der Spitzenpositionen in Gesellschaft und Politik sind mit Menschen Ost-geprägter Vergangenheit besetzt. Seine Erfahrungen zeigen, dass an ostdeutschen Universitäten unter Professoren immer noch selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass man als Professor aus dem Westen stammt.

Statt nur Goethe bis Kafka zu lehren, unterrichtete er auch DDR-Literatur – und hat wie „in einer Art Zornesausbruch“ das Buch geschrieben. Er nennt es einen Erfahrungsbericht mit dem pointierten Titel: „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“. Es hätte sich lange aufgestaut, erinnert er sich. Und fügt hinzu: „[In meiner Jugend] habe ich nicht im Westen, aber mit dem Westen gelebt“.

Der Osten solle endlich Ruhe geben, so seine Wahrnehmung, und eben einfach Osten sein oder gar nichts. Der Westen sei die Norm – der Osten hingegen das andere, das, was sich anzupassen habe. Je weniger der Westen das hören wolle, umso weniger könne es gelebte Demokratie geben, warnt der Literaturprofessor. Es bleibe die Diskreditierung von Lebenserfahrungen und eine andauernde Entwertung.

Bei den Menschen im Osten hat er mit dem Buch offenbar einen Nerv getroffen, sein Mailpostfach füllt sich schnell. „Endlich! Endlich ist jemand aufgetaucht, der beschrieben hat, was wirklich seit 1990 in und mit Ostdeutschland passiert ist. Entstanden ist ein sehr zorniges Buch, in dem sein Autor kein Blatt mehr vor den Mund nimmt: Für ihn ist Ostdeutschland seit 1990 wie eine Erbkolonie des Westens behandelt worden. Bis heute sei das so“, kommentiert ein Leser auf Amazon.

Es findet sich auch Kritik: „Typische Hetzschrift eines Ostdeutschen, der wie alle Ostdeutschen die Schuld gerne dem bösen Westen gibt und dennoch gerne die Hand aufhält und nicht genug bekommen kann und sich dennoch immer als Opfer sieht.“

Oschmann sagt dazu: „Da zeigt sich die ganze Niedertracht der Perspektive des Westens, dass sie nicht bereit sind, sich 30 Jahre später auf neue Perspektiven einzulassen.“

Keine Nostalgie

Dabei weine keiner eine Träne der Ost-Diktatur nach, diesem Staat mit der höchsten Selbstmordrate der Welt. „Doch warum kam es zu keiner Neuschreibung der Verfassung? Zu einer neuen, wirklich gemeinsamen Nationalhymne nach der sogenannten Wiedervereinigung?“, fragt Oschmann.

Ging es vielleicht gar nicht um die gemeinsame Sache? Für den Westen konnte alles so bleiben wie zuvor. Die gut funktionierenden Netzwerke funktionierten weiter und das größte Kompliment, welches gegeben werden konnte, war: „Gar nicht zu merken, dass Sie aus dem Osten sind.“

Ginge es nach ihm, müsste der Ostbeauftragte sofort weg. Auch die „Busch“-Zulage, die gezahlt wurde und wieder im Gespräch ist. Der Name des finanziellen Bonus stammt aus dem Kaiserreich und galt für die, die in die deutsche Kolonie Namibia „mussten“.

Auch „das Reden über den Osten, das könnte man sofort ändern“, so Oschmann, das wäre für ihn ein richtiger Schritt. Ihm geht es nicht um neue Sprechverbote, davon gebe es schon genug. Man könnte einfach von Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sprechen – so wie von Bayern, Hessen oder Niedersachsen.

„Sprachliche Klarheit trifft bittere Realität“

Sein Ton sei unverschämt, wird ihm in den Medien vorgehalten. Doch das sei genau das Neue, was er zu geben habe: Paroli zu bieten. Oder mit den Worten des westdeutschen Moderators Ingendaay in der Kulturbrauerei Berlin: „Es ist nicht neu, was er sagt, aber so hat es noch keiner gesagt.“

Ähnlich sehen es Rezensenten auf Amazon. „Sprachliche Klarheit trifft bittere Realität“, hat jemand kommentiert. „Sachlich, klar und präzise legt er ein Zustandsbild ab, welches viele der pathologischen Entwicklungen in der Wahrnehmung des Westens über den Osten und seine dramatischen Konsequenzen daraus ableiten lässt. Dass daraus demokratische Prinzipien gefährdet sind, ist eine mutige wie auch traurige Wahrheit, die dieses Buch umso wichtiger machen.“

Professor Oschmann ist nun damit in Deutschland unterwegs, weitere Veranstaltungen in Leipzig, Weimar, Magdeburg folgen im April. Sein Buch ist unter anderem hier zu finden.

 

 



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