Digitale Bildung verdummt – Wissenschaftler und Ärzte wollen Reißleine ziehen

Sinkende Lernleistung, negative gesundheitliche, psychische und soziale Nebenwirkungen – es steht nicht gut um die Bildung und Gesundheit der heranwachsenden Generation. Grund dafür ist die voranschreitende digitale Bildung. Nun wollen Wissenschaftler und Ärzte die Reißleine ziehen.
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Keine Frage: Kinder sind von der Arbeit mit Tablet und Co. begeistert. Doch der Spaß hat ernsthafte Konsequenzen.Foto: iStock
Von 3. Dezember 2023

Über 40 führende Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche fordern zusammen mit Kinder- und Jugendärzten von den Kultusministern der Länder ein Moratorium der Digitalisierung an Schulen und vorschulischen Bildungseinrichtungen. Unter den Erstunterzeichnern sind führende Experten wie der Ordinarius für Schulpädagogik Prof. Klaus Zierer (Universität Augsburg), die Mediziner Prof. Manfred Spitzer (Universitätsklinik Ulm) und Prof. Thomas Fuchs (Jaspers-Lehrstuhl Universität Heidelberg) sowie der Medienpädagoge Prof. Ralf Lankau (Hochschule Offenburg).

Sie setzen sich für ein Moratorium, also für die Abkehr von der Digitalisierung an Schulen und Kitas, ein. Prof. Ralf Lankau, einer der Initiatoren des Aufrufs, stellt klar: „Die wissenschaftliche Erkenntnis ist inzwischen, dass Unterricht mit Tablets und Laptops die Kinder bis zur sechsten Klasse nicht schlauer, sondern dümmer macht. Hinzu kommen laut Studien negative gesundheitliche, psychische und soziale Wirkungen durch den vermehrten Einsatz digitaler Geräte im Unterricht.“

„Im Sinne der Fürsorgepflicht öffentlicher Bildungseinrichtungen fordern wir daher ein Moratorium der Digitalisierung insbesondere der frühen Bildung bis zum Ende der Unterstufe (Klasse 6)“, heißt es von den Wissenschaftlern. Weiter schreiben sie:

Es müssen zuerst die Folgen der digitalen Technologien abschätzbar sein, bevor weitere Versuche an schutzbefohlenen Kindern und Jugendlichen mit ungewissem Ausgang vorgenommen werden. Diese haben nur ein Leben, nur eine Bildungsbiografie und wir dürfen damit nicht sorglos umgehen.“

Die derzeitigen Erkenntnisse lassen damit nur einen Schluss zu: „Jetzt ist der Zeitpunkt, dass die Schulpolitik auf die Pädagogen und Kinderärzte dieses Landes hört und den Versuch des digitalen Unterrichts abbricht!“

Vorbild Schweden geht nach Regierungswechsel einen Schritt zurück

In Schweden habe die Bildungsministerin den Tablet-Einsatz in der Primarstufe bereits gestoppt, so Prof. Lankau. Nach diesem Vorbild könne man auch in Deutschland handeln.

Die skandinavischen Länder waren Vorreiter in der Digitalisierung von Bildungseinrichtungen. Doch die schwedische Regierung korrigierte in diesem Jahr die Entscheidung ihrer Vorgänger, wonach bereits Vorschulen des Landes verpflichtend mit digitalen Geräten auszustatten waren. Der Grund für das Umdenken war eine Stellungnahme von fünf Professoren des renommierten Karolinska-Instituts (Stockholm), einer der besten medizinischen Forschungseinrichtungen der Welt.

Laut dem Gutachten des Karolinska-Instituts, das im Sommer dieses Jahres erstellt wurde, sind die behaupteten positiven Auswirkungen der digitalen Bildung nicht belegbar. Vielmehr habe die Forschung gezeigt, dass „die Digitalisierung der Schulen große negative Auswirkungen auf den Wissenserwerb der Schüler“ habe.

Die gesetzten Ziele – Bildungs- und Chancengerechtigkeit, Unterrichtsverbesserung, gesellschaftliche Teilhabe – würden nicht erreicht, im Gegenteil: „Es ist offensichtlich, dass Bildschirme große Nachteile für kleine Kinder haben. Sie behindern das Lernen und die Sprachentwicklung. Zu viel Bildschirmzeit kann zu Konzentrationsschwierigkeiten führen und die körperliche Aktivität verdrängen“, heißt es in dem Gutachten des Karolinska-Instituts.

Zusammenfassend lasse sich festhalten, „dass die zunehmende Digitalisierung der Schulen unseres Erachtens [nach] bereits erheb­liche negative Folgen aufweist, da sie vermittelt, dass Wissen etwas Relatives ist – ein solcher Ansatz stellt eine ernsthafte Bedrohung für den Wissenserwerb der Schüler dar“, heißt es in dem Gutachten.

„Anstatt das Wissen in erster Linie aus frei zugänglichen digitalen Quellen zu erwerben, die nicht auf ihre Richtigkeit überprüft wurden“, solle der Schwerpunkt der Bildung wieder auf den Wissenserwerb über gedruckte Schulbücher und das Fachwissen der Lehrer gelegt werden, so die Professoren aus Schweden.

Und eines stellen sie noch klar: „Wichtige schulpolitische Entscheidungen sollten nicht getroffen werden, ohne dass man vorher weiß, was die Forschung sagt.“

Waldorfschulen im Silicon Valley

Im Jahr 2019, während Deutschland die Digitalisierung in den Schulen immer weiter vorantrieb, erfreuten sich in der HightechHochburg Silicon Valley Waldorfschulen wachsender Beliebtheit – Schulen, in denen die Kinder mit allen Sinnen lernen dürfen. Schon damals warnte der Hirnforscher und Psychiater Manfred Spitzer, einer der Erstunterzeichner des Moratoriums: „Jetzt fangen wir in Deutschland damit an. Wir bringen iPads in Kindergärten, in erste Klassen und so weiter.“

In Studien sei bereits ermittelt worden, was elektronische Lehrbücher bringen würden. Ganz klar hätte sich gezeigt: „Man lernt weniger, als wenn man Bücher hat.“ Selbst 17-Jährige aus der IT-Hochburg Silicon Valley hätten erkannt, dass sie lieber aus Büchern lesen.

„Lesen bildet, Daddeln nicht“, so der Hirnforscher. „Einfach nur ein Stück Kreide und eine Tafel ist für das Mathelernen bis heute am allerbesten, und ein Bleistift und ein Stück Papier.“

Hier geht es zu dem Moratoriumsaufruf in voller Länge und mit allen Erstunterzeichnern.

 



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