In einer Zeit, in der Universitäten immer ideologischer werden, ist „Ethik“ nichts anderes mehr als eine politisch korrekte Norm.Foto: iStock

Hochschulen gleichgeschaltet: Wenn Bürokraten vorschreiben, was richtig und was falsch ist

Von 5. Mai 2021 Aktualisiert: 5. Mai 2021 22:05
Hochschulen als Ort des Wissens und des Meinungsaustausches – das war einmal, meint ein emeritierter Professor für Anthropologie aus Kanada. Heute bestimmen Bürokraten, was richtiges Wissen und Verhalten ist – mit gravierenden Folgen für jeden, der anderer Meinung ist.

Universitäten als Gemeinschaft unabhängiger Gelehrter, die nach Wissen streben und es zu erweitern suchen – das ist ein längst überholtes Modell. Mit dem explosionsartigen Wachstum der Bürokratie an Universitäten, wissenschaftlichen Einrichtungen und Bewilligungsbehörden haben Aufsicht und Zwang stark zugenommen.

Ein Beispiel sind obligatorische Prüfungen in Forschungsethik für Professoren und Studenten. Diese wurden in den 1970er- und 1980er-Jahren populär, als die Universitäten immer ideologischer wurden.

Als Prüfungen in Forschungsethik an der „McGill University“ [in Quebec, Kanada] erstmals vorgeschlagen wurden, meinten meine leitenden Kollegen, dies sollte keine Pflicht für Dozenten und Studenten sein, sondern eine hilfreiche Gelegenheit für Forscher, über ethische Verantwortung nachzudenken. Doch als Bürokraten anfingen, das zu verwalten und durchzusetzen, wurde natürlich aus der Empfehlung eine Pflicht.

Forschen darf nur, wer Prüfungsfragen zur Ethik ideologisch richtig beantwortet

Anfang des 21. Jahrhunderts betreute ich einen unserer besten Studenten, der gerade seine Doktorarbeit schrieb. Zu diesem Zeitpunkt musste sein Ethikplan – natürlich von einem Bürokraten – genehmigt werden, bevor er an der McGill forschen und sein Forschungsstipendium erhalten durfte.

Dieser Student, der sehr durchdacht und verantwortungsbewusst auf Rückmeldungen reagierte, wurde wiederholt von der „Ethik“-Bürokratin blockiert, die unnötigerweise immer mehr Erklärungen und Angaben forderte. „Unnötig“, ausgenommen für die Bürokratin. Sie musste zeigen, dass ihre Arbeit nötig war und sie das Sagen hatte.

In Kanada blieb die „Forschungsethik“ nicht lange in den uneinheitlichen Händen der Universitäten. „Forschungsethik“ kam unter die Fittiche der drei nationalen Forschungsräte und wurde als „Tri-Council Panel on Research Ethics“ („Drei-Räte-Ausschuss zur Forschungsethik“) zur Norm.

Für Anthropologen und andere Forscher am Menschen gibt es speziell die Erklärung „Ethical Conduct for Research Involving Humans-TCPS 2 (2018)“ („Ethisches Verhalten bei Forschungen am Menschen“). Der Ausschuss hatte die zündende Idee eines Ethik-Lehrgangs zur Forschung am Menschen. Universitäten konnten diesen für Forscher verpflichtend machen – was viele, so wie McGill, auch taten.

Wussten Sie, dass es laut dem „Drei-Räte-Ausschuss zur Forschungsethik“ nun richtige und falsche Antworten auf ethische Fragen gibt? Ethik wird nicht mehr ermittelt, über sie wird nicht mehr diskutiert oder debattiert, wie es seit Tausenden von Jahren der Fall war, sondern sie ist eine Reihe von richtigen Antworten.

Und seltsamerweise lesen sich viele dieser Antworten so, als wären sie von der politischen Abteilung der „Neuen Demokratischen Partei“ – einer sozialdemokratischen Partei in Kanada – geschrieben worden. 

Machen Sie sich keine Sorgen, die Ethik-Bürokratie wird Ihnen sagen, was richtig und was falsch ist.“

Wie der Ethik-Lehrgang deutlich macht, ist sich der „Drei-Räte-Ausschuss zur Forschungsethik“ absolut sicher, es sei unethisch, Menschen zur Zusammenarbeit bei einer Forschungsarbeit zu zwingen. Dies müsse verboten werden, ebenso wie jede angedrohte Strafe bei Nicht-Kooperation. 

Seltsamerweise werden Forscher jedoch nicht nur gezwungen, den Lehrgang über Forschungsethik zu besuchen, sondern auch bedroht, wenn sie es nicht tun. In McGill und anderswo wird der Lehrgang zwingend vorgeschrieben. Wer ihn nicht besucht, erhält keine Forschungsgenehmigung und keine Forschungsgelder. Was also in der Forschung unethisch ist, scheint für Forschungsbürokraten wunderbar ethisch zu sein. Wie schockierend!

„Ethik“ als politische Norm

Die amerikanische Vereinigung für Anthropologie „American Anthropological Association“ (AAA) trat auf den Holzweg, als sie ein Forschungsethik-Komitee einrichtete, um die Ethik in der Anthropologie zu überwachen. Und wie hat das funktioniert?

Linke Anthropologen starteten einen Dschihad gegen den prominenten Anthropologen Napoleon Chagnon, weil ihnen sein Bericht über die Yanomami – eine indigene Volksgruppe im Amazonas-Gebiet – nicht gefiel, der die Idee der primitiven Utopie, die Anthropologen so lieben, zu widerlegen schien.

Wie ein Bericht im Online-Magazin „Quillette“ zusammenfasst: „Im Jahr 2002 akzeptierte die AAA den Bericht der [Komitee]-Arbeitsgruppe. Obwohl die Arbeitsgruppe keine ‚Nachforschung‘ durchführte, die sich mit einer bestimmten Person befasste, rügte sie praktisch Chagnon, die Yanomami in einer Weise dargestellt zu haben, die verletzend war, und beschuldigte ihn, seine Forschung über ihre Interessen zu stellen.“

Die Ethik-Regel untersagen der AAA zwar, einzelne Forscher zu beurteilen, doch Ethik-Bürokraten sind, wie gesagt, von jeglicher Ethik ausgenommen. Als dies passierte, waren die Mitglieder der AAA sehr verärgert über den Bericht der Arbeitsgruppe.

Eine überwältigende Mehrheit stimmte dafür, dass der Bericht widerrufen wird. Daraufhin waren der Präsident und der Vorstand der AAA gezwungen, den Bericht zurückzunehmen. Ob sich ein solcher gesunder Menschenverstand in unserer „Woke“-Zeit durchsetzen würde, ist zweifelhaft.

Eine Moral von den Eskapaden der „Ethik“-Beamten und -Komitees ist, dass Ethik leicht zu Politik mit anderen Mitteln werden kann und wahrscheinlich auch wird. In einer Zeit, in der Universitäten und alle akademischen Organisationen immer ideologischer und mehr politisiert werden, wurde „Ethik“ zu einer politisch korrekten Norm degradiert.

Mit der weit verbreiteten Institutionalisierung der „woken“ Ideologie der „sozialen Gerechtigkeit“ und ihrer Politik der „Vielfalt, Gleichheit und Inklusion“ ist die einzige Vielfalt, die nicht erlaubt ist, die Meinungsvielfalt. Ihretwegen können und werden Professoren häufig entlassen und Studenten von der Uni geworfen. 

Selbst jenseits dieser höchst voreingenommenen Politik wird jedes Vergehen gegen jegliche rassische, geschlechtliche, sexuelle oder ethnische Empfindlichkeit – egal wie klein – als Verstoß gegen die politische Korrektheit angesehen. Das verlangt nach Korrektur, Bestrafung und sogar Ausschluss. 

Doch Moment mal, Universitäten haben ja jetzt Arbeitsgruppen und Lehrgänge für politisch korrekte Auffassungen von Rasse, Geschlecht, Sexualität und ethnischer Zugehörigkeit. Das ist „Fortschritt“!

Philip Carl Salzman ist emeritierter Professor für Anthropologie an der McGill University, Quebec, Kanada.

Dieser Artikel erschien im Original auf The Epoch Times USA unter dem Titel: Academia Becomes More Ideological and More Coercive  (deutsche Bearbeitung von as)

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.


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