Russland – ein Land der Dritten Welt?

Bei Militärparaden und Truppenübungen stellte Russland seine Waffentechnik zur Schau. Doch vieles scheint nur Show gewesen zu sein. Das sei nun im Ukraine-Krieg deutlich geworden, schreibt der amerikanische Militärexperte Stephen Bryen. Ein Kommentar.
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Russland hatte jahrelang Zeit, um Gegenmaßnahmen und -taktiken zu entwickeln, um feindliche Drohnen und Panzerabwehrsysteme auszuschalten. Das scheint nicht geschehen zu sein. Im Bild: Ein zerstörter russischer Panzer am 26. Februar 2022 in der Nähe von Charkiw.Foto: SERGEY BOBOK/AFP via Getty Images
Von 15. April 2022

Im Oktober 1985 besuchte der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow Frankreich, wo er mit dem französischen Präsidenten François Mitterrand zusammentraf. In einem offenen Gespräch sagte Gorbatschow zu Mitterrand, dass die Sowjetunion (UdSSR) ein Drittweltland mit Atomwaffen sei.

Dieses Fazit schreckte Mitterrand auf – und später auch andere westliche Staatsoberhäupter, als Gorbatschows Worte privat in Umlauf gebracht wurden. Wie konnte es sein, dass die allmächtige Sowjetunion sich als Atommacht und als ein Land der Dritten Welt sah?

Marode Fahrstühle und moderne Militärshow

Etwa zur gleichen Zeit sprach ich vor einem jüdischen Verband in Washington. In den 1980er-Jahren war ich ein hoher Beamter im US-Verteidigungsministerium, der für die Sicherheitstechnik zuständig war. In meinem Vortrag zeigte ich 35-mm-Dias von den besten sowjetischen Waffen und erklärte, wie viele von ihnen Kopien amerikanischer Systeme waren. Meine Botschaft: Die UdSSR ist ein mächtiges Land, das viel in Bewaffnung investiert.

Eine Dame im hinteren Teil des Raumes hob ihre Hand und sagte Folgendes: „Mein Mann und ich haben Moskau, Leningrad und Kiew [damals Teil der Sowjetunion] besucht. Wir waren überrascht, wie rückständig das Land war, so rückständig, dass sogar die Aufzüge in den Gebäuden ausfielen. Wie konnte die UdSSR ein so mächtiges Land sein, wenn sie nicht in der Lage war, einen zuverlässigen Aufzug zu bauen?“

Die Sowjetunion und ihr Nachfolgestaat Russland stellten ihre modernen Waffen auf verschiedene Weisen zur Schau: Durch Militärshows, Übungen und die berühmten Paraden mit Bewaffnung und Soldaten auf dem Roten Platz. Westliche Analysten verfolgen diese Vorführungen mit großem Interesse und Fachleute bewerten das technische Niveau und die Fähigkeiten der gezeigten Systeme.

Wie kommt es also, dass, wie die Dame im hinteren Teil des Raumes sagte, russische Wehrpflichtige mit veralteten Repetiergewehren aus dem frühen 20. Jahrhundert ohne ausreichend (oder ganz ohne) Verpflegung und Wasser und mit bestenfalls flüchtiger Ausbildung in der Ukraine aufkreuzen?

Und was ist mit den russischen Panzern und Raketen, die von heldenhaften ukrainischen Kämpfern abgeschossen wurden? Die Ukrainer verwendeten die „Hit-and-Run“-Taktik, bei der sie Überraschungsangriffe starteten und so weit wie möglich frontale Konfrontationen vermieden, bei denen die russische Masse die viel kleineren und leichteren ukrainischen Streitkräfte überwältigen würde.

Zerstörte russische Ausrüstung erscheint alt

Auch wenn die Kriegsberichterstattung sehr einseitig ist und die Verluste oft mehrfach gezählt werden, wodurch die Zahl der zerstörten Ausrüstung aufgebläht wird, lässt sich nicht leugnen, dass die Russen eine gewaltige Menge an Ausrüstung verloren haben, vor allem bei ukrainischen Hinterhalten.

Es stimmt, dass die USA, Großbritannien, die Türkei, Polen, Deutschland und andere Länder bewaffnete Drohnen, Panzer- und Flugabwehrsysteme an die ukrainische Armee lieferten. Aber nichts von dem, was geliefert wurde, ist sonderlich neu. Man hätte erwartet, dass Russland Gegenmaßnahmen und -taktiken entwickeln würde, um solchen Bedrohungen zu begegnen.

Nehmen wir die Drohnen: Die Ukrainer erhielten Bayraktar-Kampfdrohnen aus der Türkei und setzten diese effektiv ein. Zwar wurden einige abgeschossen, die Türken hatten aber reichlich an die Ukraine geliefert. Die Russen erlitten durch Drohnenangriffe erhebliche Verluste.

Sie kannten die Zerstörungskraft von Drohnen aus Syrien und Libyen, wo billige Drohnen mit geringer Leistung zu vielen Verlusten führten. Russland verlor in Libyen einige Pantsir-Flugabwehrraketen-Systeme an Bayraktar. In Syrien wurde sein großer Luftwaffenstützpunkt Hmeimim mehr als einmal erfolgreich angegriffen.

Hat sich Russland vorbereitet?

Noch überzeugender sind die Ereignisse in Bergkarabach im Jahr 2020, wo sowohl Bayraktar-Drohnen, die Raketen abfeuern, als auch israelische Anti-Strahlungs-Harop-Selbstmorddrohnen erfolgreich gegen die von Armenien unterstützten Streitkräfte eingesetzt wurden. Russland hatte zwei Jahre oder mehr Zeit, sich auf diese Bedrohungen vorzubereiten. Dies scheint jedoch kaum geschehen zu sein.

Was die [Flugabwehrrakete] Stinger anbelangt, ist die Sache sogar noch gravierender. Denn Russland hatte 36 Jahre Zeit, um Gegenmaßnahmen für ein System zu entwickeln, das in den Händen der Mudschahidin in Afghanistan russische Kampfhubschrauber, Kampfjets und Truppentransporter zum Absturz brachte.

Die Stinger ist ein System, das resistent gegen Abwehrmaßnahmen ist – was die Russen sehr gut wissen. Es ist eines der wenigen tragbaren Luftabwehrsysteme (MANPADS), die die Ukraine einsetzt. Russische Flugzeuge und Hubschrauber sind jedoch hauptsächlich mit Leuchtraketen ausgerüstet, um die MANPADS zu verwirren, die ihre Ziele meist mit einem Infrarotsuchkopf auswendig machen (in der Regel folgen sie dem Auspuff von Düsentriebwerken).

In der Ukraine waren manchmal zwei oder mehr Schüsse der MANPADS nötig, um einen russischen Hubschrauber oder Jet zum Absturz zu bringen – doch viele sind auf diese Weise abgeschossen worden. Russland verließ sich offenbar vor allem auf veraltete Abwehrmaßnahmen und schlechte Einsatztaktiken. Dafür zahlte es einen hohen Preis.

Wieso wurden so viele Panzer zerstört?

Dies gilt umso mehr für die Panzerung: Die USA lieferten die Javelin, Großbritannien die NLAW. Diese beiden Panzerabwehrlenkwaffensysteme (ATGM) und andere schalteten russische Panzer und andere Großgeräte aus. Es handelt sich dabei um Kurzstreckensysteme, wobei es etwas Mut erfordert, sich an ein Ziel heranzuschleichen und es zu beschießen. Die ukrainischen Spezialkräfte taten genau das.

Russland schickte modernisierte und moderne Panzer, ließ sie aber an den Flanken ungeschützt (eine schlechte Taktik, die noch dadurch verschlimmert wird, dass sich die Panzer ohne Infanterieunterstützung bewegen). Viele russische Panzer waren mit einer Reaktivpanzerung ausgestattet, die die Durchschlagskraft einer eintreffenden Granate auffangen soll. Jedoch verfügt die Javelin beispielsweise über einen Gefechtskopf, der aus einer Tandemhohlladung besteht und die reaktive Panzerung überwinden kann. Außerdem kann sie durch einen überhöhten Angriff auf ihr Ziel stürzen und die Oberseite und den Wiegeturm des Panzers zerstören, wo die Panzerung dünner ist als an der Front.

Die Gefahr, die von Panzerabwehrwaffensystemen und zahlreichen anderen Projektilen (Mörser, Panzerfäuste, Artillerie) ausgeht, kann teilweise mit aktiven Schutzsystemen (APS) gemildert werden. Ein APS, wie das erfolgreiche israelische Trophy APS, erfüllt drei Aufgaben: Es kann ein ankommendes Projektil erkennen, es aktiviert eine Schutzmaßnahme (bei Trophy ist dies ein explosiv geformtes Projektil), die die ankommende Bedrohung abfängt, und es richtet die Kanone des Panzers auf den Schützen. Selbst wenn der Schütze wegläuft, wird er wahrscheinlich nicht überleben.

Kennt Putin seine Verluste?

Russland entwickelte sein eigenes APS mit der Bezeichnung Arena-M. Unter den Panzerwracks, die die ukrainischen Städte, Straßen und Felder übersäen, ist Arena-M nicht zu finden. Das deutet darauf hin, dass Russlands Arena-M vielleicht mehr Werbung als Realität ist – oder dass es nicht genug Arena-M gibt, weshalb sie im Ukraine-Krieg nicht gesichtet wurden.

Man fragt sich, was der russische Präsident Wladimir Putin über Russlands Verluste im Ukraine-Krieg weiß. Er bräuchte nur YouTube oder ein westliches Medium einzuschalten, um das herauszufinden. Er braucht nicht viel zu lesen, sondern sich nur die Bilder ansehen.

Würde Putin daraus schließen, dass Russland ein Land der Dritten Welt mit Atomwaffen ist? Er könnte Gorbatschow anrufen und ihn fragen. Die Antwort wird ihm nicht gefallen.

Dr. Stephen Bryen ist führender Experte im Bereich der Sicherheitsstrategie und -technologie. Er wurde zweimal mit der höchsten zivilen Auszeichnung des US-Verteidigungsministeriums, der Distinguished Public Service Medal, geehrt. Er ist Senior Fellow am Center for Security Policy und veröffentlichte zuletzt das Buch „Technology Security and National Power: Winners and Losers“.

Dieser Artikel erschien im Original auf The Epoch Times USA unter dem Titel: Russia a Third World Country? (deutsche Bearbeitung von as)

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.


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