Siegfried in Bayreuth – Eine Satire mit tieferer Bedeutung

Von 5. Januar 2019 Aktualisiert: 8. Januar 2019 8:46
Über kulturelle Barbaren, die keinen Zugang zum göttlichen Funken der Schönheit haben, uns deshalb hassen und daher zu zerstören suchen, was ihnen versagt ist. Ein Essay von Manfred von Pentz

Nehmen wir einmal an, nur so zum Spass und ohne besondere Hintergedanken, du hättest dreissig Jahre im Knast gesessen, vielleicht wegen eines Bankraubs für karitative  Zwecke, oder wegen des öffentlichen Anzweifelns bestimmter staatlich vorgeschriebener Interpretationen gewisser historischer Ereignisse, oder weil du einem Grünenpolitiker und Mitstreiter des jungen Joschka Fischer eher spielerisch ein Bein gestellt hast, wobei der Kerl jedoch ungewollt voll aufs Maul fiel und sich obendrein noch das Genick gebrochen hat.

Nehmen wir weiterhin an, du kämest aus einem einigermassen gebildeten Hause und wärest dank deiner Mutter mit den grossen Klassikern der Musik aufgewachsen, von denen der grandiose Richard Wagner dir am meisten am Herzen liegt. Entsprechend wirst du alle seiner Opern kennen, hättest etliche als Aufführungen erlebt, und zwei oder drei sogar im geheiligten Bayreuth selbst. Mit anderen Worten, du hast eine ziemlich klare Erinnerung an die Bühnenbilder jener Zeit, die zwar nicht alle konsequent dem originalen Libretto Rechnung trugen, aber immerhin darauf aus waren, das gewaltige Ereignis auch visuell so eindrucksvoll wie möglich zu vermitteln.

Nehmen wir letztlich an, dir sind aus jener Zeit noch einige treue und aufrechte Freunde geblieben, und die hätten sich kurz nach deiner Freilassung eine Überraschung für dich ausgedacht.

Und die sieht folgendermassen aus:

Bayreuth gegen Abend. Eine grosse Limousine, darin du und einige deiner Freunde. Champagner macht die Runde, dann verbinden sie dir die Augen mit einem schwarzen Seidentuch. Der Wagen hält, sie nehmen dich bei den Ellenbogen und führen dich eine Treppe hinauf und setzen dich vorsichtig in ein bequemes Fauteuil.

Du hörst das Murmeln vieler Stimmen und zwischendrin manch harsches Räuspern, als schleimige Rückstände unter Kontrolle gebracht werden. Sodann das unverkennbare Quietschen und Kratzen von Instrumenten, die gestimmt werden. Schliesslich auf einer mehr mechanischen Note ein anderes Quietschen, als sich der Vorhang öffnet.

Stille!

Plötzlich das zaghafte Seufzen von Blasinstrumenten, vielleicht Oboen und Bassklarinetten. Dann Hörner, möglicherweise auch Tubas, Trompeten, Fagotte, Basstrompeten, Posaunen, Kontrabassposaunen und Kontrabass-Tubas, die sich dem allmählich beschleunigenden Klangwerk anschliessen. Bis ein lauter blecherner Schlag die ominöse tonale Prozession unterbricht.

Als alter Wagner-Fan hast du die Situation sofort getickt: das ist der böse Zwerg Mime, der seinen Hammer schwingt, während er das zerbrochene Schwert Notung zu reparieren sucht. Ein Schwert für seinen mächtigen Pflegesohn Siegfried, der damit den Drachen Fafner töten soll, um ihn seines ungeheuren Schatzes zu berauben, nämlich den einen und alleinigen Ring der Macht. Welcher dann, wie der böse Zwerg hofft, in seinen eigenen Krallen enden und ihn so zum Herrn und Meister der ganzen Welt erheben wird!

Mit einem tiefen Seufzer lehnst du dich zurück, und während die kraftvolle Musik dein Herz und deinen Geist überwältigt, entfaltet sich die grandiose Szenerie des originalen Librettos vor deinem inneren Auge.

Wald. Den Vordergrund bildet ein Teil einer Felsenhöhle, die sich links tiefer nach innen zieht, nach rechts aber gegen drei Vierteile der Bühne einnimmt. Zwei natürlich gebildete Eingänge stehen dem Walde zu offen: der eine nach rechts, unmittelbar im Hintergrunde, der andere, breitere, ebenda seitwärts. An der Hinterwand, nach links zu, steht ein grosser Schmiedeherd, aus Felsstücken natürlich geformt; künstlich ist nur der grosse Blasebalg: die rohe Esse geht – ebenfalls natürlich – durch das Felsendach hinauf. Ein sehr grosser Amboss und andre Schmiedegerätschaften.

Und so lauscht du dem Lamento des garstigen Zwergs, bis der schliesslich Ruhe gibt und obendrein noch den Hammer fallen lässt. Und du weisst genau, welche grandiose Szene sich jetzt vor dem gebannten Publikum entfaltet:

Siegfried, in wilder Waldkleidung, mit einem silbernen Horn an einer Kette, kommt mit jähem Ungestüm aus dem Walde herein; er hat einen grossen Bären mit einem Bastseile gezäumt und treibt diesen mit lustigem Übermute gegen Mime an.

Wobei er mit voluminösem Tenor

Hoiho! Hoiho! Hau‘ ein! Hau‘ ein!
Friss ihn! Friss ihn! Den Fratzenschmied!

proklamiert und dann unbändig lacht.

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Da lachst auch du unbändig, springst auf und reisst dir die Augenbinde vom Gesicht. Und was siehst du von deinem strategisch bestens placierten Aussichtspunkt?! Obiges Bühnenbild (hier in leicht abgewandelter Form):

Ein verdreckter und vermutlich stinkenden Hinterhof aus DDR-Zeiten, mit darüber als Relief wabernd die vier erfolgreichsten Massenmörder aller Zeiten: Marx ganz links als Theoretiker, dann Lenin, Stalin und Mao als seine bluttriefenden Handlanger. Zu beiden Seiten werden sie durch zwei wackelige Holztreppen begrenzt, und unten steht ein schrottreifer Camper mit offener Seitentüre. Im Vorderund liegt allerlei Gerümpel herum, darunter eine Autobatterie und zwei knallrote Gasflaschen, letztere vermutlich zwecks Unterstützung von Notungs Reparatur.  Mime sieht aus wie ein transsylvanischer Gemüsehändler, während Siegfried eher einem abgetakelten Vorstadt-Luden gleicht.

http://www.opern-kritik.de/richard-wagner-siegfried-bayreuther-festspiele

Fassungslos setzt du dich wieder hin. Und da dämmert dir die schreckliche Wahrheit: du wurdest dazu verleitet, der modernen Produktion einer grossen klassischen Oper beizuwohnen!

Nehmen wir jetzt an, du warst ohnehin nicht so gut gelaunt, denn dein Banker konnte dir noch immer nicht einleuchtend erklären, warum dein Portofolio trotz langer Laufzeit sowenig Zinsen erbracht hat, oder weil dein wunderschöner fast neuer Diesel in der Innenstadt nicht zu gebrauchen ist, oder weil dein siamesischer Kater dem Dackel von nebenan eins überziehen wollte und darum als rassistisch verunglimpft – kurzum, alles was du noch brauchst,um gänzlich auszurasten, war ein Spektakel wie dieses hier.

Also springst du wieder auf die Füsse, gehst zur Balkoneinfassung und beginnst aus voller Brust, jene kulturellen Barbaren zu verfluchen, die keinen Zugang zum göttlichen Funken der Schönheit haben, uns deshalb hassen und daher zu zerstören suchen, was ihnen versagt ist.

Deine Intervention hat den gewünschten Effekt. Das Orchester legt die Instrumente beiseite, Mime entzündet einen Joint und Siegfried holt eine Prise Koks aus der Lederweste und zieht sie sich in das linke Nasenloch. Dann kommt direkt unter dir etwas in Bewegung, und als du dich vornüberbeugst, siehst du den verquetschten Regisseur der Produktion und neben ihm die Festspielleiterin höchst selbst samt ihren gewaltigen Möpsen. Beide starren zu dir hoch, fletschen die Zähne und fuchten mit den geballten Fäusten. Da beugst du dich noch weiter vor, um sie als rot-grüne Kartoffelkäfer zu beschimpfen, fällst aber statt dessen vom Balkon und auf den Regisseur. Der geht zu Boden und schwächt deinen Sturz dabei erheblich ab. Als man ihn umgehend in das Krankenhaus einliefert, wird festgestellt, dass er zwar nichts Wichtiges gebrochen hat, aber schon länger an latenter Schizophrenie leidet, weshalb er nach einigem Hin und Her in eine Klappsmühle eingeliefert wird, um dort mit einigen durchgeknallten Nafris auf seine Besserung zu hoffen. Wohingegen du wegen versuchten Totschlages zu weiteren fünf Jahren Knast verknackt wirst.

Was für dich die Möglichkeit beinhaltet, dass sich bei deiner neuerlichen Entlassung das politische Blatt geändert hat und die AfD oder eine regenerierte CSU oder beide zusammen das Sagen haben.

Auch, und dies ganz besonders, in Sachen einer kulturellen Wiedergeburt …

Die Webseiten von Manfred von Pentz:

http://der-deutsche-michel.net/
http://www.manfredvonpentz.net/

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.