Hitzesommer 1911: Meteorologen sahen keinen Anhaltspunkt für Klimawandel

Der Sommer von 1911 galt als erster Hitzesommer nach mehreren durchwachsenen. In einer damaligen Publikation des Reclam-Verlages versuchte ein Meteorologe das Geschehen einzuordnen – auch im Sinne einer längerfristigen Betrachtung.
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Hitzesommer – bevor es Minister Lauterbach gab. Ein lokalhistorischer Blog veröffentlichte jüngst eine meteorologische Analyse aus dem Jahr 1911.Foto: Julian Stratenschulte/dpa/dpa
Von 30. August 2023

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Einen Minister Lauterbach und einen nationalen Hitzeschutzplan hatte es im Deutschland des Jahres 1911 noch nicht gegeben. So mussten die Bewohner des Landes eigene Wege finden, um einen Hitzesommer zu bewältigen, der es in sich hatte und sogar noch bis in den September hineinreichte.

In jenem Jahr waren nicht nur hohe Maximaltemperaturen zu verzeichnen. Bereits im Frühjahr begann eine erste Hitzeperiode, die fast vier Wochen andauerte, unterbrochen von nur wenigen kühleren Regentagen.

Hitzesommer 1911 brach dennoch keine Temperaturrekorde

Wie aus einer Analyse eines offenbaren Meteorologen mit dem Pseudonym „Aeolus“ hervorging, waren noch am 13. September jenes Jahres Werte von bis zu 31 Grad Celsius zu verzeichnen. Am 8. September hatte es sogar 35 Grad in Frankfurt am Main und Dresden gegeben. In Aachen und Kleve waren es am gleichen Tag 34.

Die absolute Maximaltemperatur des Sommers habe Chemnitz erlebt. Dort sei das Thermometer am 28. Juli auf 40 Grad im Schatten gestiegen. In dem Artikel, der zuerst am 25.09.1911 in „Reclams Universum Weltrundschau“ erschien, ist auch von einer „ungemein großen Trockenheit“ die Rede. Diese habe sich „in den meisten Teilen des Landes, ganz besonders im westlichen und mittleren deutschen Binnenland“ ausgebreitet.

Ein Blog für Lokalgeschichte hat sich des Beitrags angenommen und vorsorglich darauf hingewiesen, dass „z. B. technische, wissenschaftliche oder juristische Aussagen überholt sein können“. Auch gebe der Artikel „die Sprache seiner Zeit wieder, unabhängig davon, ob diese heute als politisch oder inhaltlich korrekt eingestuft würde“.

Meteorologen lehnten Vorstellung eines grundlegend veränderten Klimas ab

Trotz der hohen Temperaturen seien keine neuen Rekorde gefallen, heißt es in dem Beitrag weiter. Am 18. August 1892 habe man in Bad Reichenhall sogar 41,5 Grad gemessen. Für denselben Tag findet sich im „Deutschen Meteorologischen Jahrbuch – Bayern“ für die Station „Amberg“ ein Eintrag über 39,8 Grad Celsius. Dies galt als einer der offiziellen Hitzerekorde im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts.

Der Autor des Beitrages ließ nicht unerwähnt, dass es in den Jahren davor vielfach Klagen gegeben hatte, wonach es „eigentlich gar keine richtigen Sommer mehr gebe“. Bei „unzähligen, sonst keineswegs naturwissenschaftlich ungeschulten Leuten“ habe sich „die Vorstellung festgesetzt, dass das Klima Mitteleuropas eine wesentliche Veränderung erlitten haben müsse“.

Meteorologen hätten dieser Einschätzung hingegen widersprochen. Sie hätten betont, dass „aus der vergleichenden Wetterstatistik der letzten Jahre auch nicht der geringste Anhalt für diese Anschauung hervorgehe“. Dies sei bei Laien auf „ungläubiges Kopfschütteln“ gestoßen.

„Hitzesommer“ und kalte traten häufig in Serien auf

Dass 1911 erstmals seit längerer Zeit wieder ein Sommer an heiße Jahreszeiten des vorangegangenen Jahrhunderts herangereicht hätte, solle die Zweifler an der Klimastabilität beruhigen. Europa werde vorläufig „keiner neuen Eiszeit“ entgegengehen, und die „gute alte Zeit“ sei auch nicht besser oder schlechter gewesen als die damalige.

„Außergewöhnlich heiße und ebenso abnorm kühle Sommer“ habe es zu jeder Zeit gegeben, äußerte der Analyst. Dies gelte auch vor dem Hintergrund, dass „in den letzten Dezennien die heißen Sommer auffallend selten waren“. Dies sei jedoch „mit der Unberechenbarkeit des Klimas der gemäßigten Zone unschwer zu erklären“. Meteorologen sei dieser Zusammenhang seit langem bekannt.

Diese hielten es stattdessen für evident, dass sowohl kühle als auch warme Sommer „gruppenweise“ aufträten. So habe es in Norddeutschland in den Jahren 1881 bis 1888 gleich acht aufeinanderfolgende kühle Sommer gegeben. Eine ähnliche Abfolge habe es 1907 bis 1910 gegeben. In den Jahren 1730 bis 1747 habe es sogar 18 kühle Sommer in Serie zu verzeichnen gehabt, von 1756 bis 1770 waren demgegenüber 15 aufeinanderfolgende Sommer warm.

Kalte Sommer galten als Krisentreiber

Bezüglich der Ursachen der Hitze von 1911 hielt der Autor anhaltend hohen Luftdruck über Kontinentaleuropa für den unmittelbar wirksamen Faktor. Generell führte er außergewöhnliche Wetterphänomene zurück auf „grundlegende Kräfte, die variieren und mal Hochdruckgebiete auf das Festland und mal auf den Ozean lenken“.

Zu vermuten sei, dass „der Luftabstrom von den Tropen zu den Polen, sowie die höheren atmosphärischen Schichten eine Rolle spielen könnten“. Eine definitive Antwort auf die Frage nach der Ursache heißer Sommer traute sich der Meteorologe jedoch nicht zu. Er stellt jedoch fest, dass „trotz gegensätzlicher Wetterbedingungen im Laufe der Zeit ein Ausgleich stattfindet“. Prognosen über das zukünftige Wetter aufgrund vergangener Wettermuster seien mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit möglich.

Auch die fortgeschrittene heutige Forschung hat die damaligen Einschätzungen nicht grundsätzlich widerlegt. Was gemeinhin als klimawandelbedingte Kausalität bei Wetterextremen ins Treffen geführt wird, bezieht sich auf Veränderungen in den Tropen. Dort feststellbare Veränderungen wie eine Erwärmung der Ozeane beeinflussten auch die Verhältnisse in der gemäßigten Zone. Dies geschehe unter anderem über Strömungen wie den Jetstream oder globale Zirkulationsmuster.

Kalte Sommer galten in früheren Zeiten als Krisentreiber. So sollen sie im frühen 17. Jahrhundert in Europa die Zunahme von Hexenprozessen bewirkt haben. Dazu hatten Missernten aufgrund schlechter Witterung zunehmende Auswanderungswellen nach Amerika zur Folge.



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