Pestizide von Feldern belasten deutsche Gewässer.
Deutsche Gewässer, insbesondere im Bereich von landwirtschaftlichen Flächen, sind stark belastet.Foto: iStock

Deutsche Kleingewässer und Bäche durch Pestizide „schwer belastet“

Epoch Times29. Juni 2021 Aktualisiert: 29. Juni 2021 18:24
Pestizide und ähnliche sichern die Erträge in der Landwirtschaft, indem sie schädliche Insekten, Pilze und Unkräuter bekämpfen, aber sie wirken auch jenseits der begrenzten Ackerflächen. Auch in benachbarten Bächen schädigen sie die aquatischen Lebensgemeinschaften. Wie lange vom Menschen eingebrachte – und bereits seit Jahrzehnten verbotene – Stoffe und Zusätze wirken, fanden Wissenschaftler in der Luft Londons.

Pestizide gelangen nicht nur in – und auf – Pflanzen, sondern auch in die Umwelt wie Bäche und Kleingewässer. Wie viel von Glyphosat und Co von Feldern in die umliegenden Gewässer gespült wird und wie die Giftstoffe dort wirken, ist oft unzureichend erforscht.

Aus diesem Grund haben Forscher unter der Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) zwei Jahre lang die Pestizidbelastung an mehr als 100 Messstellen an Bächen untersucht, die durch überwiegend landwirtschaftlich genutzte Tieflandregionen in zwölf Bundesländern fließen.

In der Studie, die in der Fachzeitschrift „Water Research“ veröffentlicht wurde, kommen sie zu dem Schluss, dass die staatlichen Grenzwerte für Pestizide in der Regel zu hoch liegen und dass selbst diese zu hohen Werte in über 80 Prozent der Gewässer noch überschritten werden. In 18 Prozent der Bäche überschritten gleich mehr als zehn Pestizide derartige Werte.

Pestizid-Grenzwerte um mehr als das Hundertfache überschritten

„Wir haben bundesweit eine deutlich höhere Pestizidbelastung in den Kleingewässern nachgewiesen als wir das ursprünglich erwartet haben“, sagte Prof. Matthias Liess, Ökotoxikologe am UFZ in einer Pressemitteilung. Besonders auffällig sei dabei Thiacloprid, ein Insektizid aus der Klasse der Neonicotinoide.

In drei Gewässern überschritt Thiacloprid den Grenzwert um mehr als das Hundertfache. Andere Insektizide, aber auch Herbizide, überschritten die jeweiligen Grenzwerte in 27 Gewässern um mehr als das Zehnfache.

Aufgrund der umfangreichen Daten konnten die Forscher zudem nachweisen, dass Pestizide auf aquatische Wirbellose bereits in viel niedrigeren Konzentrationen wirken als bisher in der Pestizid-Zulassung angenommen. Ab welcher Konzentration das der Fall ist, hängt davon ab, welche Arten überleben sollen.

Sollen in Kleingewässern beispielsweise empfindliche Insektenarten wie Köcherfliegen und Libellen geschützt werden, sind sehr viel niedrigere Grenzwerte – um den Faktor 1.000 – notwendig, als wenn eher unempfindliche Schnecken und Würmer erhalten werden sollen.

Kritik an Zulassungs- und Kontrollverfahren für Pestizide

Kritisch sehen die Forscher zudem die derzeitigen Verfahren zur Bewertung des ökologischen Risikos von Pestiziden. Weder Laborstudien noch künstliche Ökosysteme oder Simulationsmodelle könnten die Bedingungen im Freiland abbilden. Natürliche Stressfaktoren wie der Räuberdruck oder die Konkurrenz der Arten würden im Zulassungsverfahren nicht ausreichend berücksichtigt, so Prof. Liess.

„Diese offensichtlichen Probleme fallen aber nicht auf. […] Sowohl die Menge des Pestizideintrags als auch ihre Wirkung [werden] weder in Deutschland noch in anderen Staaten in der Umwelt validiert.“

Im Verlauf der Untersuchungen bemerkten die Forscher außerdem, dass die Art der Probenahme entscheidenden Einfluss auf die gemessenen Konzentrationen der Pestizide hat. Neben der von EU-Wasserrahmenrichtlinie vorgegebenen standardisierten Schöpfprobe haben sie eine sogenannte Ereignisprobe genommen. Beispielsweise nach einem Regen, der zusätzliche Giftstoffe von den Feldern in die Gewässer spült. Die Messwerte fielen entsprechend etwa zehnmal höher aus.

„Dass heute noch Pestizide eingesetzt werden, deren Zulassung viele Jahre zurückliegt und damit oft auf einer überholten Risikobewertung beruht, muss sich schnellstens ändern“, so das Fazit der Forscher.

Schadstoffe wirken auch Jahrzehnte nach ihrem Verbot weiter

Dass ein Verbot einzelner Schadstoffe mitunter keinen oder auch langfristig nur geringe Wirkung zeigt, bewiesen jüngst Forscher aus London. Einerseits ist die Bleikonzentration in der Londoner Luft seit dem Verbot von verbleiten Kraftstoffen im Jahr 1999 drastisch gesunken.

Andererseits sind die Partikel in der Londoner Luft im Vergleich zu den natürlichen Hintergrundwerten immer noch stark mit Blei angereichert. Zum diesem Ergebnis kommen Forscher des Imperial College London.

Obwohl die Verwendung von Blei in Benzin in den meisten Ländern verboten wurde, konnten die Forscher das Erbe des Bleis auch 20 Jahre später nachweisen.

Die Studie, veröffentlicht in der amerikanischen „Proceedings of the National Academy of Sciences“, fand heraus, dass heute bis zu 40 Prozent des Bleis in den Luftpartikeln aus der Hinterlassenschaft von verbleitem Benzin stammen. Dieses Ergebnis verdeutliche – einmal mehr –, wie lange sich Schadstoffe in der Umwelt halten können. [Epoch Times berichtete].

Auch hier fordern die Forscher um Dr. Eléonore Resongles weitere Untersuchungen über die Auswirkungen. Von besonderem Interesse sei dabei die potenzielle Gefahr für die Gesundheit der Londoner Bevölkerung, da es trotz der Luftqualitätsziele keinen „sicheren“ Grenzwert für Blei beim Menschen gibt. Auch eine langfristige schwache Bleiexposition könne sich negativ auf die Gesundheit auswirken.

Blei kann bei Kindern zu neurologischen Entwicklungsstörungen und bei Erwachsenen zu Herz-Kreislauf-, Nieren- und Fortpflanzungsproblemen führen.

Schadstoffquellen über Jahrzehnte kaum verändert

Als die Forscher die Isotopenzusammensetzung der Luftpartikel mit historischen Daten verglichen, fanden sie heraus, dass die Gesamtbelastung gesunken ist. Ähnlich wie in deutschen Gewässern liegen die Werte unter den offiziellen, standardisierten Grenzwerten. Dennoch sind die Bleiquellen im letzten Jahrzehnt unverändert geblieben.

„Früher zirkulierte viel Blei in der Luft. Es sank dramatisch, als verbleites Benzin um die Jahrtausendwende aus dem Verkehr gezogen wurde. Die Entwicklung der Isotopenzusammensetzung seither deutet jedoch darauf hin, dass Blei in der Luft, im Boden und im Staub auf einem Hintergrundniveau verbleibt, was sich als gesundheitsgefährdend erweisen könnte“, schließt Prof. Dominik Weiss vom Imperial College. Weiter sagte er:

„Die Ergebnisse der Londoner Studie stimmen mit den Ergebnissen ähnlicher Studien überein, die wir in São Paolo, Brasilien, durchgeführt haben. Sie werfen Fragen über die langfristige Bleibelastung in anderen Megastädten weltweit auf.“

Dr. Resongles fügte hinzu: „Die atmosphärische Bleikonzentration hat in London einen [Wert] erreicht, der mit den derzeitigen politischen Maßnahmen nur schwer weiter gesenkt werden kann. Es sind weitere Forschungen erforderlich, um die Auswirkungen der derzeitigen Luftkonzentrationen – selbst wenn sie die Daten-Luftqualitätsziele erfüllen – auf die menschliche Gesundheit zu ermitteln und den besten Weg zu finden, London endgültig von der Hinterlassenschaft des Bleis zu befreien.“ (ts)

(Mit Material des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und des Imperial College London)



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion