Afghanistan: Der Friedhof der Imperien ruft – wer ist der Nächste?

Von 2. September 2021 Aktualisiert: 4. September 2021 8:22

Dieser Gastbeitrag ist der Originaltext zum Video: „Afghanistan: Der Friedhof der Imperien ruft – wer ist der Nächste?“ vom YouTube-Kanal „Leas Einblick“

Die USA haben ihre Truppen aus Afghanistan abgezogen. Der längste Krieg der amerikanischen Geschichte ist vorbei. Der Krieg begann mit dem Ziel, Terrorismus zu bekämpfen und die Taliban zu verjagen. Nach 20 Jahren fällt Afghanistan jedoch in die Hände der Taliban zurück. 

Die ganze Welt war entsetzt über den desaströsen Truppenabzug der USA. Amerikas Ruf ist schwer beschädigt, während Afghanistan seinen Ruf als „Friedhof der Imperien“ um ein weiteres Mal bewahrt hat. 

Das British Empire, die Sowjetunion und nun die USA – sie alle scheiterten daran, Afghanistan dauerhaft zu besetzen. Tatsächlich ist aber keine der drei Supermächte wegen Afghanistan untergegangen. Die Sowjetunion ist nicht wegen Afghanistan zerfallen; das britische Imperium hat in Afghanistan zwar eine bittere Niederlage im ersten Anglo-Afghanischen Krieg einstecken müssen, doch das Weltreich löste sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf. 

Treffender wäre also der Begriff: „Der afghanische Sumpf“ – ein Sumpf an der Seidenstraße, in dem man leicht stecken bleibt. 

Nun haben die USA den afghanischen Sumpf verlassen. Der Weg ist also frei für den nächsten großen Player. 

Die Taliban haben bereits einen Willkommensruf an China gesendet. Wird China nun diesem Ruf aus dem Sumpf an der Seidenstraße folgen?

Der chaotische Abzug der Amerikaner wird in China spöttisch und genussvoll ausgelacht. Das Versagen Washingtons bietet nicht nur den Taliban, sondern auch Chinas Staatsmedien einen Grund zum Feiern. 

Die Afghanen hätten ihre eigene Wahl getroffen, so behaupten die chinesischen Diplomaten. Gemeint ist, dass sich die afghanische Bevölkerung für die Taliban entschieden hätte. Dass viele Tausend Afghanen ihr Leben riskieren, um vor den Taliban zu flüchten, wird in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. 

Aber freut sich die Parteiführung in Peking über den Abzug der westlichen Truppen in Afghanistan? 

In Wirklichkeit betrachtet Peking den Abzug mit gemischten Gefühlen. 

Einerseits sah Peking die dauernde Militärpräsenz der USA und ihrer NATO-Verbündeten in Afghanistan schon immer als einen Dorn im Auge. Genau wie Russland und der Iran möchte China ebenfalls keine amerikanische Militärbasis in der Region sehen, welche auch als Hinterhof Pekings gilt. Immerhin grenzt Afghanistan an Chinas uigurisches autonomes Gebiet Xinjiang.

Auf der anderen Seite weiß die Parteiführung in Peking, dass China eigentlich der größte Profiteur dieses militärischen Einsatzes war. Über 20 Jahre haben die USA und ihre Verbündeten dort für relativ stabile Verhältnisse gesorgt. Chinas Staatsunternehmen mussten sich deshalb keine großen Sorgen um die Sicherheit machen, wenn sie in Afghanistan investierten. Mit dem Abzug der westlichen Truppen gehört auch der Schutzdienst der Amerikaner der Vergangenheit an – ein Dienst, für den Peking nicht einmal bezahlen musste. 

Nach der Tötung von Bin Laden im Jahr 2011 hatten die USA im Grunde genommen ihr ursprüngliches Ziel des afghanischen Krieges erreicht. Seitdem ist der Ruf in den USA nach einem Truppenabzug aus Afghanistan immer lauter geworden. Washington betrachtete Afghanistan schon lange als eine lästige Mission, die von der wahren Herausforderung – nämlich China – ablenkte. Darüber ist sich Pekings Parteiführung im Klaren. 

Aus diesem Grund würde es Peking richtig entgegenkommen, wenn die USA in diesem afghanischen Sumpf stecken bleiben würden, damit Washington nicht noch mehr militärische Kraft im Südchinesischen Meer einsetzen kann.

Nun sind die Amerikaner doch abgezogen. Die Sicherheitsfrage in Afghanistan stellt ab sofort ein Problem für Peking dar. 

Am 23. Juli hat China einen neuen Sonderbeauftragten für afghanische Angelegenheiten ernannt. Yue Xiaoyong war früher Chinas Botschafter in Qatar und Jordanien – ein Diplomat mit Erfahrung im Umgang mit dem Islam. Der 62-Jährige pendelte in den vergangenen Tagen zwischen Qatar und Pakistan, um ständig Gespräche mit verschiedenen Parteien zu führen.

Peking hat den Taliban Unterstützung im Wiederaufbau versprochen und gleichzeitig eine rote Linie gezogen. Bei dem ersten offiziellen Treffen mit den Taliban-Vertretern am 28. Juli rief Chinas Außenminister Wang Yi die Taliban auf, „Verbindungen zu Terrorgruppen wie der Islamischen Bewegung Ostturkestans (ETIM) zu kappen“ und „effektiv gegen solche Gruppen vorzugehen“.

Pekings größte Sorge liegt darin, dass uigurische Extremisten mit Billigung der Taliban Anschläge in Afghanistan oder gegen chinesische Ziele in der Region verüben könnten.

Ein Sprecher der Taliban teilte auf Twitter mit, die „Delegation versicherte China, dass sie niemandem erlauben werden, afghanischen Boden gegen China zu nutzen“. Das Wort ETIM hat er aber nicht erwähnt. Im Gegensatz zu den Taliban sprechen chinesische Diplomaten in fast jeder Rede, in jedem Interview, die Gruppe ETIM explizit an, wenn es um das Thema Zusammenarbeit mit den Taliban geht. Obwohl Peking Bereitschaft zur engeren Zusammenarbeit mit den Taliban zeigt, traut die KP den Zusagen der Islamisten nicht vollends.

Für die Sicherheitsgarantie lassen sich die Taliban mit finanziellen Hilfen bezahlen. Sie sehen China als den wichtigsten potenziellen Geldgeber für Infrastrukturprojekte.

Wird China nun in großem Umfang in Afghanistan investieren? Werden sogar die Taliban finanziell von China abhängig sein? 

Das hängt stark von der Sicherheitslage in Afghanistan ab.

Das Blutbad in Kabul mit mindestens 163 Toten hat gezeigt, dass die Macht der Taliban bei Weitem nicht gefestigt ist. Der Machtkampf zwischen den Taliban und dem regionalen Ableger des Islamischen Staates, IS-Khorasan, ist schon entbrannt. Sie kämpfen um mehr Mitglieder und mehr Einfluss.

Die Taliban wollen die Herrscher von Afghanistan sein. Ihr Ziel ist, Afghanistan in ein Land umzuwandeln, in dem die Menschen strikt nach dem islamischen Recht, der Scharia, leben. Für den IS sind die Taliban nicht radikal genug. Die IS-Kämpfer reklamieren die Weltherrschaft. 

Die Taliban haben zwar die Macht in Afghanistan übernommen. Sie haben aber nicht genügend Mitglieder, um das ganze Land mit knapp 40 Millionen Einwohnern zu verwalten. 

Die Taliban setzen sich aus 40.000 bis 60.000 Kämpfern zusammen. Die Gruppe ist aber alles andere als homogen. Laut Experten gibt es einen gemäßigten, aber auch einen militanten Flügel innerhalb der Taliban. Diese militanten Kämpfer scharen sich um den zweitwichtigsten Mann der Taliban: Sirajuddin Haqqani. Er ist Führer des Haqqani-Netzwerks, einer besonders einflussreichen Fraktion innerhalb der Taliban. Das Netzwerk gilt als brutal, effizient geführt und wegen vieler krimineller Geschäfte wohlhabend. Die USA haben ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar auf Haqqani ausgesetzt.

Im September 2001 hatte das Haqqani-Netzwerk der Führung der al-Qaida um Osama bin Laden geholfen, sich in Wasiristan zu verstecken. Das Netzwerk unterhält enge Verbindungen zu al-Qaida. Laut Medienberichten ist der Sicherheitschef von Bin Laden, Amin ul-Haq, nach 20 Jahren in seine Heimatstadt zurückgekehrt, nur Stunden vor dem endgültigen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan.

Der IS ist da, Al-Qaida ist ebenfalls da. Viele befürchten, dass Afghanistan zu einer Keimzelle terroristischer Organisationen verwandelt wird. 

Das Land steht vor der Gefahr, in den Abgrund zu stürzen.

Es droht ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den Islamisten untereinander und zwischen Islamisten und den Überresten der afghanischen Armee. 

Gewinnen die Radikalen zunehmend an Macht in Afghanistan, würde das Land in einen Bürgerkrieg versinken. Setzen sich die Gemäßigten unter den Taliban durch, müssten sie den Anti-Terror-Kampf im eigenen Land führen. So oder so wird es keine Ruhe in Afghanistan geben.

China sieht das jetzige Afghanistan als den Wilden Westen, wo überall Gefahren lauern. Chinas Experten mahnen die Staatsführung zur Vorsicht. Man sollte nicht übereilt in Afghanistan groß investieren. 

Doch das widerspricht den Interessen der Taliban. Die Taliban wollen Afghanistan regieren. Dafür sind sie auf Gelder angewiesen. Wo soll aber das Geld herkommen?

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt, das stark von ausländischen Hilfen abhängig ist. Nach der Machtübernahme der Taliban haben jedoch mehrere Länder angekündigt, ihre Hilfsgelder einzufrieren. Auch Deutschland, eines der wichtigsten Geberländer, hat die Zahlungen an Afghanistan gestoppt. Der Internationale Währungsfonds hat den Taliban den Zugang zu IWF-Ressourcen gesperrt.

Peking wird momentan wohl eher vorsichtig beobachten und nichts überstürzen. Politische Unterstützung auf internationaler Ebene und Hilfsgüter – ja, Investitionen im großen Umfang lieber erst mal nicht. So wird die KP Chinas wahrscheinlich vorgehen. 

Aber werden sich die Taliban damit abfinden und ihre Versprechen gegenüber China halten, wenn sie zum gewünschten Zeitpunkt nicht genug Geld von China erhalten werden? Wird Peking für eine Sicherheitsgarantie der Taliban bezahlen müssen? 

Die Machthaber in Peking haben anscheinend auch über diese Fragen nachgedacht. Bereits drei Tage nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul starteten chinesische Soldaten sogleich mit tadschikischen Einheiten gemeinsame Anti-Terrorübungen an der Grenze zu Afghanistan.

Selbst wenn sich das Konfliktpotenzial aus der Welt schaffen ließe, wenn China und die Taliban bereit wären, sich ständig miteinander abzustimmen und aufeinander zuzugehen, stellt sich folgende Frage: Wie lange kann die KP Chinas diese heiße Kartoffel in der Hand halten.

Afghanistans Bodenschätze sind verlockend: Kupfer, Öl und Lithium. Doch es ist äußerst schwierig, das Erz aus dem Land zu transportieren. Dafür müsste man zuerst neue Straßen und Autobahnen bauen. Werden die Taliban in der Lage sein, diese Bauprojekte zu schützen, wenn China bereit wäre, sie zu bauen?

China hat viel in Pakistan investiert. Der China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) stellt eine der bislang größten chinesischen Auslandsinvestitionen im Rahmen der Initiative „Neue-Seidenstraße“ dar. 15.000 Sicherheitskräfte hat Pakistan entlang der CPEC-Route stationiert, um das Projekt und die daran arbeitenden Chinesen zu schützen. Ein Mitarbeiter eines chinesischen Unternehmens sagte in einem Interview, dass sie immer von bewaffneten Soldaten begleitet werden, wenn sie zur Arbeit gehen, sogar wenn sie zum Essen in ein China-Restaurant fahren. 

Aus den Erfahrungen in Pakistan, können sich die Machthaber in Peking die Schwierigkeiten in Afghanistan genau vorstellen. Sie wissen sowohl von der Korruption, als auch von der miserablen Wirtschaftslage in Afghanistan. Trotzdem geht Peking eine politische Allianz mit den Taliban ein. Das wird wohl nicht allein mit der Sicherheitsgarantie der Taliban oder mit den Rohstoffen in Afghanistan zu tun haben.

Die KP Chinas versucht die Taliban an sich zu binden, so wie sie es mit Nordkorea gemacht hat. Je mehr Unruhe diese Länder stiften, je größer die Bedrohungen sind, die aus diesen Ländern ausgehen, umso besser ist es für die KP Chinas. Diese Unruhen werden die USA und ihre Verbündeten dazu bringen, sich ständig mit Atomwaffen-Drohungen oder Terrorgefahren zu beschäftigen. Somit werden sie von der wahren Herausforderung – nämlich China – abgelenkt. Außerdem könnte Peking wieder als einflussreicher Vermittler auftreten, um mehr politisches Gewicht zu gewinnen.



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