Nord Stream-Anschläge: Neue Spuren und ein Whistleblower

Deutschen Ermittlungsbehörden zufolge führen neue Spuren zum Nord-Stream-Anschlag vom 26. September noch tiefer in die Ukraine. Ein „Whistleblower“ aus US-Militärkreisen prangert dagegen die USA als Haupttäter an.
Das Nord Stream 1-Gasleck in der Ostsee - wer dafür verantwortlich ist, ist noch unklar.
Archivbild: Das Nord-Stream-1-Gasleck in der Ostsee aus der Vogelperspektive. Wer für den Anschlag verantwortlich ist, ist noch unklar. Es gibt verschiedene neue Spuren.Foto: ESA/dpa
Von 24. Mai 2023

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Noch vor gut drei Wochen hatte eine dänische Zeitung über einen russischen Schiffsverbund als mutmaßlichen Zerstörer der Nord-Stream-Pipelines 1 und 2 in der Ostsee ins Spiel gebracht. Nun richtet sich der Fokus der Berichterstattung wieder zurück auf die Segeljacht „Andromeda“ und zurück in die Ukraine. Und auf einen aktuellen Tweet des Internet-Unternehmers „Kim Dotcom“.

Wie die „Tagesschau“ berichtet, existieren „offenbar mehrere neue Spuren“, nach denen ein oder mehrere Ukrainer hinter dem schwersten Anschlag auf die deutsche Energieinfrastruktur seit dem Zweiten Weltkrieg stecken könnten. An den Recherchen seien Journalisten von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ beteiligt, die mit dem schwedischen Blatt „Expressen“, der dänischen Tageszeitung „Berlingske“ und dem polnischen Onlinemagazin „frontstory“ zusammenarbeiteten.

Ukraine-Gruppe, Teil 2

Das Rechercheteam knüpfte für seine neuesten Enthüllungen an der im März lancierten Story der „New York Times“ (NYT) und der „Zeit“ an, nachdem vermutlich eine der Ukraine nahe stehende fünfköpfige Gruppe die Sprengladungen mithilfe der „Andromeda“ angebracht und gezündet haben soll, um Russland zu schaden.

Nun habe das Rechercheteam veröffentlicht, dass „deutsche Ermittler“ einer neuen Spur nachgingen. Sie habe zu einem Ukrainer im Alter von etwa 26 Jahren mit auffälligen Tattoos geführt. Dieser soll sich wohl in seinem Heimatland aufhalten.

Der junge Mann sei wahrscheinlich bei der Bootsanmietung dabei gewesen. Dabei habe er einen rumänischen Pass vorgelegt, der einen gewissen „Stefan M.“ als Inhaber ausgewiesen habe. Ein Rumäne dieses Namens existiere zwar, dieser aber habe sich „nach Erkenntnissen des BKA wohl zum Zeitpunkt der Explosionen ziemlich sicher in Rumänien aufgehalten“. Womöglich habe der tatverdächtige Bootsanmieter also einen falschen Pass benutzt.

In den sozialen Netzwerken tauche der Ex-Infanterist manchmal in Militäruniform mit Helm auf, berichtet die „Tagesschau“. Eine Verwandte habe telefonisch ausgesagt, dass der Gesuchte noch immer beim Militär sei und sich im Herbst 2022 stets in der Ukraine aufgehalten habe. Persönlich gefunden sei der Mann aber noch nicht.

Briefkastenfirma in Warschau als Strohfrau-Zentrale?

Als zweite neue Spur habe das Rechercheteam eine mutmaßliche „Briefkastenfirma“ als Mieter der Jacht „Andromeda“ ausgemacht, so die „Tagesschau“. Nach Angaben des Onlineportals „Heise.de“ soll es sich um ein „Reisebüro“ namens „Feeria Lwowa“ ohne eigene Website oder Telefonnummer und mit zweifelhaften Geschäftsverhältnissen handeln. Das Unternehmen habe seinen Sitz in einem „Plattenbau im Warschauer Szeneviertel Powisle“, wie die „Tagesschau“ berichtet.

Eine Nachfrage beim lokalen Handelsregister habe zutage gefördert, dass die „Präsidentin und Anteilseignerin“ des Reisebüros seit 2019 eine „blondierte Frau mittleren Alters“ sei. Nach Angaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ stamme „Nataliia A.“ aus dem Krim-Ort Kertsch und besitze einen russischen Pass. Laut „Tagesschau“ lebt die Frau heute wahrscheinlich in Kiew. Sie habe zwar ihre Verbindung zu dem Warschauer Reisebüro am Telefon zugegeben, sei aber nicht zu weiteren Aussagen bereit gewesen.

Nach Einschätzung der „Tagesschau“ sei es denkbar, dass es sich um eine „Strohfrau“ handele, die Geschäfte für anonyme Hintermänner erledige – und in diesem Fall als offizielle Mieterin der Attentäterjacht engagiert worden sein könnte. Dies sei aber nicht zu belegen.

Die Ermittler seien derzeit dabei, „weiteren Namen und Hinweisen“ nachzuspüren. Dabei solle es sich „um die bislang heißesten Spuren handeln“. Nach Informationen von „Heise.de“ steht dabei auch ein weiterer „Mann aus der Nähe von Odessa“ im Fadenkreuz.

Russland-Theorie vorerst nicht belegt

Der erst vor wenigen Wochen verbreitete Verdacht, dass militärische und zivile Forschungsschiffe aus Russland für die Nord-Stream-Sprengung verantwortlich oder beteiligt sein könnten, ließ sich nach Angaben der „Tagesschau“ bislang nicht erhärten. Das hätten „deutsche Sicherheitskreise“ zugegeben.

Klar ist nach Angaben von „Heise.de“ lediglich, dass die Generalbundesanwaltschaft noch immer „von staatlichen Akteuren“ ausgehe.

Cui bono?

Neben der Ukraine und Russland gibt es einige andere tatverdächtige Länder, die nach dem Motto „Cui bono“ („Wem nützt es?“) für die Anschläge vom 26. September 2022 verantwortlich sein könnten. Schweden, Dänemark, Polen, Großbritannien und die baltischen Länder hätten durchaus entsprechende Interessen. Für manche gehört sogar Deutschland in den Kreis der Tatverdächtigen.

Der amerikanische Investigativjournalist Seymour Hersh hatte den ersten Eintrag auf der Liste der Verdächtigen im Februar 2023 gemacht, indem er die USA und Norwegen als Täter an den Pranger gestellt hatte: Es liege im Interesse von US-Präsident Joe Biden, Russland zu schaden und gleichzeitig Deutschlands Energieversorgung zu schwächen. Motiv, Gelegenheit und Fähigkeit sprächen für die USA als Haupttäter, so Hersh unter Verweis auf eine anonyme Quelle.

„Whistleblower“ soll Hersh-Szenario stützen

Nach einem siebenteiligen Tweet von „Kim Dotcom“ ist inzwischen ein weiterer „Whistleblower“ aus Kreisen des US-Militärs aufgetaucht, der die Recherchen Hershs untermauert – vorausgesetzt, es handelt sich nicht um eine bloße Erfindung.

Der anonyme Hinweisgeber soll demnach bestätigt haben, dass „die Sprengstoffe während der Baltops 22-Seeübungen platziert“ und in der Nacht vom 25. auf den 26. September 2022 jeweils „durch eine Sonoboje ausgelöst“ worden seien. Genau das hatte Hersh von Anfang an behauptet. Beteiligt gewesen seien ein „Sikorsky MH-60R Seahawk“-Hubschrauber, eine „Boeing P-8A Poseidon der US-Marine“ und ein „Boeing KC-135R Stratotanker“. Deren Bewegungsdaten laut „Flightradar24.com“ würden ebenfalls zu Hershs Szenario passen.

Bei „Kim Dotcom“ (Geburtsname: Kim Schmitz) handelt es sich um eine schillernde Figur aus der deutschen Hacker-Szene der 1990er-Jahre, die es auch mit strafbewehrten Methoden zu Millionen gebracht hatte. Heute lebt er in Neuseeland, weit weg von den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden.

Viele Ungereimtheiten

Sämtliche bisherigen Ermittlungsansätze, wie und von wem das historische Attentat hätte bewerkstelligt werden können, hatten bislang mehr oder weniger offensichtliche Ungereimtheiten enthalten. Sowohl Russland als auch die Ukraine, die USA und Norwegen bestreiten vehement, irgendetwas mit der Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines zu tun zu haben.

Derzeit ermitteln offiziell lediglich Deutschland, Schweden und Dänemark unabhängig voneinander den Fall. Russland und China hatten bereits Ende Februar bei den Vereinten Nationen (UNO) um eine gemeinsame internationale Aufklärung gebeten, kamen damit jedoch bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat nicht durch.

Ermittlungen dauern an – Berlin schweigt

Die Generalbundesanwaltschaft unter Peter Frank lehnt seit Monaten jede Stellungnahme ab, verweist stets auf die „laufenden Ermittlungen“. Die Bundesregierung schweigt ebenfalls: Die Sache liege in der Hand des Generalbundesanwalts, des Bundeskriminalamts, der Bundespolizei und der Geheimdienste.

Wie „Heise.de“ schreibt, existiert noch immer kein offizielles „Rechtshilfeersuchen“ der Generalbundesanwaltschaft oder des BKA an die ukrainische Regierung. Ob dieser Schritt „aus kriminaltaktischen Gründen“ oder wegen des „politischen Hintergrunds“ ausgeblieben ist, sei derzeit unklar. Immerhin könnte die Beziehung Deutschlands zur Ukraine schwer leiden, wenn am Ende irgendeine Tatbeteiligung Kiews ans Licht kommen würde.



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