„Ich bin nicht der polternde Nazi, den man hier erwartet hatte“: Berliner AfD-Politiker Thomas Braun erzählt

Von 28. Mai 2017 Aktualisiert: 30. Mai 2017 6:34
An diesem unausgesprochenen „Wir sind ja alle einer Meinung“ rieb er sich ein Leben lang: Thomas Braun war in der SPD und der CDU, leitete Sozialämter und war während des Jugoslawien-Kriegs mit einer Kroatin verheiratet. Jetzt ist er Stellvertretender Bezirksbürgermeister von Berlin-Marzahn und AfD-Stadtrat. Ein Interview mit einem Menschen, der niemals aufgab.

Epoch Times: Herr Braun, Sie haben sich bisher sehr zurückgehalten mit öffentlichen Äußerungen. Wir werden noch zu einigen Stationen Ihres Lebens kommen, aber zunächst möchten wir fragen, wie sind Sie eigentlich in die Politik gekommen?

Thomas Braun: Es war so, dass ich in einem sozialdemokratischen Milieu aufgewachsen bin, im Schwarzwald in einem kleinen Dorf. Ich bin mit 18 Jahren in die SPD eingetreten, auf dem Dorf in einen kleinen Ortsverein, dort haben sie auch Feste gemacht, Flüsse und Bäche aufgeräumt, das war damals so die Zeit des „Le Waldsterben“, wie die Franzosen es nannten. Eigentlich kam ich zur SPD, weil die Ortsgruppe sich gegen Waldsterben engagierte. Da habe ich mitgemacht und bin auch nach Bonn gefahren zu politischen Schulungen.

ET: War das Ende der sechziger Jahre, als Willy Brandt sprach von „mehr Demokratie wagen“?

Braun: Genau, damals hatte ich auch eine Zeitlang ein Bild von Willy Brandt in meinem Zimmer hängen. Er war für mich so etwas wie die neue „Ehrlichkeit“. Über persönliche Abgründe von ihm wusste man damals nichts. Ich hatte als junger Mann eigentlich keine Vorbilder. Ich hatte damals schon viel über den Zen-Buddhismus gelesen und habe damals schon versucht, mich ganz unabhängig zu machen von solchen Übervätern. Aber Willy Brandt erschien mir als authentische Figur, weil er als Herbert Frahm und Geflüchteter nach Norwegen, sozusagen gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet hatte und da auch denunziert wurde. Er war für mich – auch mit seinem Alkoholproblem – ein menschlicher Politiker, der Kontur zeigt. Das hat mich eigentlich auch in die SPD gebracht.

Ich habe aber damals schon, als ich mit der Friedrich-Ebert-Stiftung zu tun hatte, so einen leichten Hauch von „konform sein müssen“ gespürt, dieses unausgesprochene „wir sind ja alle einer Meinung“. Ich war eigentlich immer ein heftiger Widersprecher, auch an der Uni, und ich hatte das Gefühl von einer Art Ideologisierung. Ich war dann bis zur Zeit von Schröder, als er die Hartz IV Gesetze in die SPD Programme eingeführt hat, in der SPD. Also 2003, als er die Agenda 2010 und die Hartz IV Gesetze eingeführt hat, habe ich Herrn Schröder einen Brief geschrieben und ihm mitgeteilt, dass ich austrete. Ich habe nie eine Antwort bekommen.

Als ich 2005 nach Berlin kam, war ich parteilos und bin dann aufgrund von leidvollen Erfahrungen als Sozialamtsleiter – wo ich einfach zur Kenntnis nehmen musste, dass ich ohne eine Parteizughörigkeit in einer Führungsposition nichts werden kann, das war in Kreuzberg – in die CDU eingetreten mit der Absicht, die CDU zu reformieren.

ET: In Berlin?

Braun: In Berlin Neukölln. Das war 2007. Ich war zwei Jahre dort, es gab dort die extremen Verteilungskämpfe in der Berliner CDU, die so für mich ganz neu waren, und als man mir als Delegiertem dann Listen vorgelegt hat, wen ich zu wählen habe, also als Delegierter auf dem Landesparteitag, da habe ich das gar nicht geglaubt, ich dachte, dass das ein Gag, ein Witz ist. Aber man sagte mir, dass das Ernst sei, wo ich ein Kreuzchen zu machen hätte. „Wenn du hier was werden willst“ – und die wussten ja alle, dass ich nicht nur einfaches CDU Mitglied bleiben wollte, sondern auch mehr Verantwortung in der Politik übernehmen wollte – „musst du mit dem Strom schwimmen.“

Passt mal auf Leute“, hab‘ ich dann gesagt, „ihr ruiniert unseren Staat. Ich bin hier zu euch gekommen, um gegen den Strom zu schwimmen.“ Dann bin ich – nach ein paar heftigen Diskussionen – ausgetreten.

ET: Gleich wieder?

Braun: Nach zwei Jahren. Also ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber aus meiner Sicht war diese Berliner CDU nicht reformierbar.

ET: Aber läuft das in der SPD nicht auch so?

Braun: Ja, ich habe das in Leipzig, (1994 – 1998 Leiter des Jugendamtes in Leipzig) schon gesehen, dass es eine Neoliberalisierung der SPD in Leipzig gab zu der Zeit von Tiefensee …

Ich habe damals erbitterte Kämpfe geführt, weil ich als Jugendamtsleiter in Leipzig viele, viele Kitas schließen musste. Leipzig hatte damals einen Bevölkerungsschwund von über 200.000 Menschen, die sind alle abgewandert in die Westländer, die Sterberate war höher als die Geburtenrate. Und ich bin eigentlich nach Leipzig gegangen, weil ich an eine Synthese zwischen West und Ost geglaubt habe. Der Glaube ist mir ziemlich schnell abhandengekommen, weil ich gesehen habe, dass diese Wiedervereinigung, die damals stattgefunden hat, eigentlich eine Übernahme aus dem Westen war.

Ich habe damals gesehen, dass die SPD nicht mehr meine SPD ist und ich bin ausgetreten, was mir natürlich nicht gut bekommen ist. Ich habe dagegen gekämpft, dass man Frauen zwischen 45 und 55, die in den Kitas gearbeitet haben, einfach auf die Straße wirft. Ich war für den Erhalt der Kitas, um Frauen mit Familie weiterhin die Möglichkeit zu geben, berufstätig zu sein – auch wenn das jetzt dem AfD Programm widerspricht, sage ich das – aber die SPD ist voll auf neoliberalen Kurs gegangen.

ET: Mit welchen Hoffnungen sind Sie eigentlich in die AfD eingetreten?

Braun: Ich war Sozialamtsleiter in Kreuzberg und hatte mich da beworben – ich habe vorher sechs Jahre lang Vertrieb gemacht bei einem Bauunternehmen in Süddeutschland, das war sehr spannend als Quereinsteiger, meine Partnerin hat dann einen Job bekommen in Berlin, ich wollte die Beziehung nicht aufs Spiel setzen und hab mich hier beworben.

Ich kam also als Sozialamtsleiter nach Berlin und hatte die Aufgabe – ähnlich wie in Leipzig war das nicht ein normaler Job, wo einfach das Tagesgeschäft gemacht wird, – es gab ein neues Sozialgesetzbuch, das eine neue Verteilung der Mitarbeiter zwischen der Bundesagentur für Arbeit und dem Sozialamt verlangte. Dazu kam, dass ich eine Vorgesetzte hatte, die in einer bestimmten Partei beheimatet war, und ich hatte mir Mühe gegeben, Sozialauswahl nicht nach Parteizugehörigkeiten vorzunehmen. Das ist nicht auf Gegenliebe gestoßen.

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Ich bin dann sozusagen „in Konflikt“ gegangen und hatte noch eine Augenoperation zu überstehen. Als ich zurückkam ins Amt, war meine Stelle runtergruppiert, weil das Amt ja kleiner geworden war. Man hatte festgestellt, dass ich nun zu hoch besoldet war und mich in den Personalüberhang geschoben, das geht. So kann man Menschen „entsorgen“, das ist nicht nur mir passiert, das ist vielen passiert. Man hat dann hier in der Presse später geschrieben, ich sei ja schon 2007 in Kreuzberg „entsorgt“ worden. Richtiges Mobbing.

Nachdem ich wieder aus der CDU ausgetreten bin, ist ja Folgendes passiert hier in Deutschland: Unsere Kanzlerin ist mit der CDU immer mehr nach links gegangen, die SPD noch weiter nach links, und die Grünen … wollten einfach vorschreiben und meinten, damit Glück zu verordnen, indem man alles verhindert, was stört.

Und die weltpolitische Lage, also den Einsatz der Bundeswehr in Afrika und in Afghanistan, die Kriege, die im Nahen Osten geführt wurden, die aus meiner Sicht auch Kriege sind, die um Öl und Rohstoffe geführt wurden, das Einspannen der Nato ohne UNO Mandat und damit auch der Bundeswehr in Rohstoffkriege, das hat mich sehr gestört.

Dazu muss ich sagen, ich war Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger verheiratet mit einer Partnerin, einer Kroatin, aus dem Ex-Jugoslawien. Als der Krieg dort anfing, ist sie hin- und hergependelt. Ich habe also miterlebt, was es bedeutet, wenn in einem Vielvölkerstaat Diskussionen mit Kalaschnikows geführt werden. Das hat mich enorm politisiert, weil dieser Krieg nur 800 Kilometer Luftlinie entfernt war, und das innerhalb von Europa. Ich habe auch gesehen, wie die NATO sich in diesem Krieg positioniert hat, wie sich Deutschland positioniert hat.

Der Weg in die AfD und nach Marzahn Hellersdorf

Braun: Ich habe mich früher schon für Außen- und Sicherheitspolitik interessiert und für Militärpolitik. Ich habe mich dann jahrelang in diese Themen reingekniet und bin auch in einen Arbeitskreis der AfD gegangen. Das war vor etwa zweieinhalb Jahren. Es gibt einen Arbeitskreis in Berlin, wo es um Sicherheitspolitik geht, also Armee, Bundeswehr, NATO und Außenpolitik. Dort habe ich mitgearbeitet als Nicht-AfD-Mitglied. Ich bin außerdem zu Stammtischen der AfD gegangen.

Schließlich habe ich mich entschlossen, da noch aktiver zu sein und habe einen Aufnahmeantrag gestellt. In dieser Zeit wurde ich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, in der AfD Marzahn-Hellersdorf mitzuarbeiten. Obwohl ich in einem anderen Bezirk wohne, ist das möglich.

Ich habe hier unglaublich engagierte Leute getroffen und – das war schon 2016 mitten im Berliner Wahlkampf – da habe ich gleich mitgemacht, Plakate geklebt, an öffentlichen Straßenständen gestanden mit Gunnar Lindemann, der mit über 30 Prozent als Direktkandidat in Marzahn sogar ins Berliner Abgeordnetenhaus einzog. Eigentlich wollte ich erst mal schauen, wie es weitergeht. Der Erfolg für die AfD in Marzahn für die Bezirksverordnetenversammlung war gigantisch mit 23,3 Prozent.

Eines Tages bekam ich einen Anruf von der Bezirksvorsitzenden der AfD, Frau Jeannette Auricht. Bei einem Treffen sagte sie mir, dass ich ihr aufgefallen sei durch meine Lebenserfahrung und eine gewisse Art von Ruhe und meine große Verwaltungserfahrung.  Es gäbe einfach zu wenige Mitglieder, die Erfahrung hätten, wenn man in einer Verwaltung politische Verantwortung übernimmt.

So kam er zur Kommunalpolitik

Braun: Auf meine Frage erklärte sie mir, dass es sich um den Posten eines Stadtrates handelte. Das wollte ich nicht machen, ich wollte nicht mehr in diese parteipolitisch orientierten Verwaltungen, eher wieder in den Industriebereich oder zu Beratungsfirmen, wo ich ja auch schon gute Erfahrungen gemacht hatte. Aber Frau Auricht ließ nicht locker und nach vielen Gesprächen habe ich mich darauf eingelassen.

Dabei war nicht einmal sicher, ob ich den AfD-internen Kampf um Ämter gewinnen würde, weil es große Ressentiments gegen mich gab. Erstens bin ich Akademiker und zweitens komme ich aus dem Westen. Ich habe dann ein Dossier gedruckt, in dem alles über mich stand, von der Schufa-Auskunft bis zu privaten und beruflichen Lebensstationen. Ich habe alles auf den Tisch gelegt. Dann hat man mich erst recht angegriffen: ich wäre in der SPD und der CDU gewesen, wäre Karrierist und würde nun versuchen, hier abzusahnen.

Aber ich wurde gewählt innerhalb der AfD und war dann Kandidat für das Bezirksamt. Im dritten Wahlgang wurde ich als Stadtrat gewählt. Es haben mir zwei Stimmen gefehlt von der eigenen Fraktion, von Personen, die sich ebenfalls Hoffnung auf diesen Posten gemacht haben . So bin ich Stadtrat geworden – ohne es unbedingt zu wollen.

Ich wollte eigentlich bundespolitisch arbeiten, denn meine Themen sind Einwanderung, Innere Sicherheit, Außenpolitik, Bundeswehrreform, Verteidigungspolitik. Ich wollte nie Kommunalpolitik machen, weil ich natürlich weiß, wie wenig Einfluss ich hier habe. Aber ich bin gewählt worden. Eine ganz neue Situation.

„Ich möchte eigentlich erst einen Dienst leisten“

Braun: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die in eine fertige Struktur gehen und etwas haben wollen, sondern, ich möchte sie erst kennenlernen, dann will ich das einbringen, was ich für sinnvoll halte.

Also ich möchte eigentlich erst einen Dienst leisten. So ist für mich der normale Weg. Man sagt ja auch nicht, was kann der Staat mir geben, sondern, was kann ich diesem Staat geben. Das ist meine Einstellung.“

So wollte ich mich erst einmal fünf bis sechs Jahre in der AfD verorten, dort Leute kennenlernen, wollte schauen, was ich politisch bewegen kann, was ich in meinem Arbeitskreis für einen Input geben kann, und bei den übernächsten Bundestagswahlen schauen wir mal, wo ich dann stehe und ob ich eine Chance habe, in den Bundestag zu kommen. Das war mein Programm eigentlich.

Die politische Neutralität

Braun: Jetzt bin ich also Stadtrat auch unter der Vorgabe, dass ich als Wahlbeamter zur politischen Neutralität verpflichtet bin. Ich muss, was die Auseinandersetzungen mit anderen Parteien angeht, auch relativ zurückhaltend sein, was ich oft sehr bedaure. Das Bezirksamt ist ein Kollegialorgan, die Mitglieder gehören verschiedenen Parteien an, die Beschlüsse sind geheim und wir sind dazu da, für das Wohl des Bezirkes zu sorgen.

Ich bin auch bereit, da ich Vertreter einer demokratisch gewählten Partei bin, konstruktiv, und wo nötig auch kritisch, mitzuarbeiten. So wurde ich Stadtrat und Stellvertretender Bürgermeister.“

Bei einem Sitz mehr als Die Linke in der Bezirksverordnetenversammlung von 2016 wäre ich Bezirksbürgermeister geworden – die LINKEN haben 16, die AfD 15 Sitze.

BVV Marzahn-Hellersdorf

Und vor der Einsetzung der Stadträte gab es bei den etablierten Parteien eine Koalition der Willigen, die interne Absprachen trafen, wer welche Ressorts bekommt. Die AfD als zweitstärkste Partei in der BVV musste abwarten, was ihr zugewiesen wurde.

Bezirksamt Marzahn Hellersdorf Zusammensetzung: Linke 2, SPD 1, CDU 1, AFD 1.

Trotz Stimmanteil der AfD von 23,3 % hat die Partei nur einen Fachbereich, Wohnen und Bürgeramt.

2016_Marzahn-Hellersdorf_Stimmenanteil

Meine Wahl war am 10.11.2016 und ich bin am 11.11.2016 um 11 Uhr vereidigt worden. 60 Minuten später saß ich hier und habe meine Arbeit begonnen. Aufgrund der Stimmenverhältnisse im Bezirksamt kann ich mein politisches Gewicht gar nicht in die Waagschale werfen, denn ich habe nur eine Stimme. Die Abstimmungen des Bezirksamtes sind ja auch geheim, die Protokolle gehen in den Tresor. Ich sitze dort im kleinsten Bereich für Wohnen und Bürgeramt, das sind die politischen Fakten. Dem Wahlergebnis der AfD werden sie nicht gerecht.

Zen-Meditation und Kampfsport

Braun: Es ist nicht leicht, als AfD-Stadtrat in einer Verwaltung zu arbeiten, der seit der Wende von den etablierten Parteien durchdrungen, beherrscht und strukturiert wurde. Das sind die Arbeitsbedingungen.

Ich habe gelernt im Laufe meines Lebens, meine Emotionen zu beherrschen, ruhig zu sein, gelassen zu sein, ich habe viele, viele Jahre Zen Meditation gemacht und Kampfsportarten ausgeübt. Ich entspreche nicht den Erwartungen eines polternden „braunen“ AfD-Politikers – obwohl ich Braun heiße. Ich arbeite konstruktiv.

Wenn die etablierten Parteien einen Vorschlag auf den Tisch legen, der dem Wohle der Bürger von Marzahn-Hellersdorf dient, dem stimme ich selbstverständlich zu.

Also ich bin nicht der polternde Nazi, den man hier erwartet hatte, und das löste ja auch am Anfang große Irritationen aus.

Allerdings denke ich, dass die etablierten Parteien und ihre Vertreter im Bezirksamt wissen, dass ich auch streitbar sein kann, weil ich ja auch schon meine Vergangenheit hatte in der Verwaltung und die natürlich ihre Drähte haben. Ich bin aber inzwischen ziemlich gelassen, auch wenn der Vulkan brodelt, der Deckel bleibt drauf. Deshalb entspreche ich nicht den Erwartungen.

Ich wurde hier sehr misstrauisch beäugt, aber da ich natürlich nicht erstmal lernen musste, wie solch ein Büro funktioniert usw., war es für mich nicht so aufregend. In Leipzig hatte ich in der Kernverwaltung 800 Mitarbeiter und in den Sozialabteilungen hatte ich noch Hunderte von Mitarbeitern, hier habe ich nicht einmal Hundert. Es ist für mich eher eine kleinere Struktur.

Die von allen gehasste und geschasste AfD

Braun: Ich bin zwar als AfD-Stadtrat von vielen Informationsflüssen auch zu den anderen Stadträten ausgeschlossen, aber das wird sich zeigen, wohin es sich entwickeln lässt. Allerdings bin ich der erste AfD-Stadtrat und zugleich Stellvertretender Bürgermeister in einem Bezirk von Berlin, das ist neu in der Verwaltung. Das ist natürlich ein Paradigmenwechsel, dass die von allen gehasste und geschasste AfD es geschafft hat, in demokratischen Wahlen in ein Parlament einzuziehen, im Land Berlin ins Abgeordnetenhaus, in den Bezirken auch vertreten ist und Stadträte stellt. Das ist noch nicht Normalität.

Und es ist ganz einfach so, dass auch Vorschläge, die ein AfD-Stadtrat macht, einfach nicht gut sind, auch nicht gut sein können, weil sie ein AfD-Stadtrat macht. Was ein SPD-Stadtrat macht ist ok, wenn ich dasselbe mache, ist es nicht ok, weil ich AfD bin, das ist das Auffallendste bisher gewesen.

Die Arbeitsbedingungen hier sind ok, ich fühle mich hier nicht gemobbt, andere AfD-Stadträte sagen, sie werden gemobbt, sie werden kaltgestellt, das kann ich hier nicht so sagen. Aber das Klima ist nicht so besonders herzlich.

Die Bezirksbürgermeisterin ist Frau Dagmar Pohle von den Linken, weltanschaulich und politisch trennen uns Welten, aber sie macht gute Verwaltungsarbeit. Ich finde auch durchaus, alle Kollegen machen gute Verwaltungsarbeit, das sage ich auch offen. Das gefällt nicht allen, wenn ich das offen sage, aber das ist ein Kollegialorgan. In Fragen der Flüchtlingspolitik sehe ich viele Dinge anders, aber wenn jemand von der anderen Partei einen guten Job macht, dann bekommt er von mir die Anerkennung. Ich habe als Wahlbeamter auch politische Verantwortung übernommen, ganz konkret.

Wir sitzen alle in einem Boot namens „Deutschland“

Braun: Kommunalpolitik ist ein sehr schönes Feld, um zu lernen, denn die Antwort kommt sofort und brutal schnell. Ich bin ein Dienstleister, mein Kalender ist täglich 10 – 12 Stunden gefüllt. Ich lerne dauernd dazu, ich lerne gerne, wir müssen alle unsere Rollen finden und stabil ausfüllen. Wir sind nicht eine Partei, die sich irgendwo in einem rechtsfreien Raum bewegt, wir sind demokratisch gewählt und im System des demokratisch organisierten Staatswesens haben wir Positionen, aufgrund des Willens der Bürger, die uns gewählt haben.

Wir sind in einem Boot „Deutschland“ und da haben sich fast alle auf die linke Seite gesetzt und jetzt läuft Wasser in das Boot. Jetzt sind einige Menschen dabei, sich auf die rechte Seite des Bootes zu setzen, damit das Boot wieder in die Mitte kommt. Das Problem, das wir jetzt noch haben, ist das Wasser im Boot. Die Links- und Grün-Populisten haben mit dem Marsch durch die Institutionen mehrere Jahrzehnte gebraucht, um sich diesen Staat sozusagen anzueignen.

Meine Funktion ist eine Funktion auf Zeit, und die Möglichkeiten, die sich mir strukturell bieten, sind auf Zeit angelegt und sind mir quasi vorgegeben als Aufgabe. Es ist eine Dienstleistung und ich bin nationalkonservativ.

 Ich diene meiner Partei, auch dem Bezirk und natürlich Deutschland, um das ich mir zurzeit große Sorgen mache, weil wir keine Grenzen mehr haben, weil wir grenzenlos geworden sind, weil unsere Rechts- und Sozialsysteme kollabieren, weil die innere Sicherheit infrage gestellt ist.

Also ich bin ein Dienstleister, das ist eine neue Rolle, ich muss meine neue Rolle lernen. Ich lerne immer gern, wachse gerne, und es ist auch ein Austarieren der Rollen zwischen verschiedenen Gremien und Ämtern, zwischen ehrenamtlichen Abgeordneten und Beamten und Wahlbeamten, alle müssen ihre Rollen finden. Aber wir haben inzwischen auch einen Punkt erreicht, wo die Fraktion stabiler geworden ist, der Vorstand ist stabiler geworden, da gibt es Wellenbewegungen, bei denen jeder seine Lernprozesse absolviert, jeder kommt an seine Grenzen oder wird böse auf seine Wahrheit zurechtgestutzt.

Man kann nicht die Erdachse verschieben, das sind Erdungsprozesse, die jetzt stattfinden. Die kenne ich schon, ich bin sehr geerdet hierhergekommen. Allein die Existenz eines AfD-Stadtrates und Stellvertretenden Bezirksbürgermeisters ist ein Zeichen.

Das System kalibriert sich neu, nicht nur bei uns. Es ist wohl so, dass die AfD wahrgenommen wird als Kraft, die das System aus den Fugen bringen wird, und wir sind ja schon mittendrin. Und es ist einfach schändlich, dass man offene Auseinandersetzungen, die innerhalb unserer Partei ausgetragen werden, dass man die benutzt, um uns zu diffamieren. Andere Parteien haben auch Flügel, ich habe die in der SPD mitgemacht, ich habe die in Neukölln erlebt (bei der CDU) und es gibt sie bei den Grünen usw. Es ist einfach schändlich, dass man uns anlastet, dass wir diskursiv diskutieren – wie Herr Habermas es mal gesagt hat – nämlich, dass man latente Probleme diskursiv, also veränderbar macht.

Wir müssen von den Feindbildern wegkommen

Braun: Wir sind in Auseinandersetzungen, wir sind eine lebendige Partei. Wir sind ja auch angetreten, um nicht so zu sein, wie die Altparteien, und es gibt natürlich unterschiedliche Ausrichtungen in der AfD.

Da gibt es Leute, die sind nationalkonservativ, andere sind nationalliberal, aber wir brauchen sie eigentlich alle. Ich bin ein Gegner der Ausgrenzungen, ich habe auch verschiedene Wählerschichten ansprechen wollen, wir sollten eine lebendige Diskussionskultur auch in Berlin erhalten, auch mit Menschen, die andere Ansätze haben. Ich muss ja auch, um Politik zu machen, immer wieder Kompromisse schließen. Wir müssen von den Feindbildern wegkommen.

Ich bin gegen Telefonkonferenzen, sondern für direkte Treffen, es ist anders, wenn man sich in die Augen schaut, dann kann man Konflikte ganz anders austragen als in Videokonferenzen. Wenn Menschen einander begegnen, dann reden sie als Menschen zu Menschen.

So viel zum Thema AfD, ich bin da überhaupt nicht pessimistisch und ich mag es auch, wenn es lebendig ist. Ich hoffe auch, dass wir uns das erhalten können. Auseinandersetzungen gehören dazu – aber man muss sie mit offenem Visier austragen.

Ich kann natürlich im Moment nicht das machen, wofür ich eigentlich in die AfD eingetreten bin, nämlich mich zu engagieren in Themen der Innenpolitik, der Verteidigungspolitik, der Außenpolitik, weil wir im Bezirk zwar viele Problem lösen und wollen das auch, aber es gibt Probleme in Europa oder sogar in der Welt, wenn die nicht gelöst werden, dann geht uns die Luft aus. Natürlich bin ich nach wie vor an vielen übergreifenden Problemen interessiert, wie NATO, allgemeine Wehrpflicht, Euro, Eurozone, innere Sicherheit, aber nicht offiziell, will ich hier ein Stadtrat bin mit einem bestimmten politischen Neutralitätsgebot.

Man hat ja auch Verantwortung

Braun: Die Dinge gehen ja auch ihren Gang. Mir hat mal ein Zen-Meister gesagt, du sollst nicht eingreifen in das Wesen der Dinge. Das kann man eigentlich auch gar nicht. Das heißt nicht Nichtstun, sondern dem Wesen der Dinge Raum lassen. Man hat ja auch Verantwortung, für sich selbst oder für andere. Oder auch für ein Stück Erde, wo man sagt, das ist Heimat.

Ich komme aus dem Schwarzwald, das ist für mich Heimat, da haben meine Vorfahren unheimlich hart gelebt, haben an der bürgerlichen Revolution 1848 teilgenommen und sind auch in den harten Wintern an Hunger gestorben. Und sie haben ihre heimatliche Kultur bewahren wollen. Ich liebe die deutsche Kultur, ich möchte nicht in einer multikulturellen Gesellschaft leben, in der ich unsere Werte jeden Tag neu aushandeln muss. Selbst der Dalai Lama hat einmal gesagt, es gibt auch ein Zuviel an Buntheit, weil dann einfach kulturelle Systeme kaputtgehen. Regeln geben den Menschen auch Sicherheit. Ich habe große Sorge, dass wir uns einfach übernommen haben.

ET: Herr Braun, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Renate Lilge-Stodieck

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