Britische Hochwasser-Expertin: „Monumentales Systemversagen“ beim Umgang mit Hochwasser-Warnungen

Epoch Times20. Juli 2021 Aktualisiert: 20. Juli 2021 19:37
Die Warnungen kamen pünktlich. Bereits am 10. Juli warnte das Europäische Hochwasser-Warnsystem die Regierungen Deutschlands und Belgien vor dem Regengebiet. Es wurde 24 Stunden zuvor konkret vorhergesagt, welche Gebiete betroffen sein würden. Was 100 bis 200 mm Niederschlag in kürzester Zeit jedoch bedeuten wurde anscheinend von den Verantwortlichen übersehen.

In der Diskussion zum behördlichen und amtlichen Umgang mit den vorhergesagten starken Unwettern in Deutschland der letzten Tage äußerte sich nun auch Hannah Cloke. Cloke ist Professorin für Hydrologie an der britischen Universität Reading und eine der Entwicklerinnen des Europäischen Hochwasser-Warnsystems (EAFS).

Das EAFS erfasste bereits am 10. Juli eine drohende Hochwasserlage per Satellit. Am selben Tag wurde die deutsche und belgische Regierung von der EFAS vor Hochwasser an Rhein und Maas gewarnt.

Am 12. Juli, also 24 Stunden vor dem Eintreffen der Sturzflut, wurde den deutschen Behörden konkret vorhergesagt, welche Gebiete von Hochwasser betroffen sein würden. Dazu gehörte auch der Bereich am Fluss Ahr, wo später mehr als 93 Menschen durch die Fluten ums Leben kamen.

Cloke sieht daher in der tödlichsten Naturkatastrophe in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg ein „monumentales Systemversagen“. „Die Tatsache, dass Menschen nicht evakuiert wurden oder die Warnungen nicht erhalten haben, legt nahe, dass etwas schiefgegangen ist“, so die Hydrologin gegenüber der „Sunday Times“.

Dem „ZDF“ erklärte Cloke am Sonntagabend, man habe die Daten mit der Unwetterwarnung über ein umfassend großes Gebiet an Deutschland übermittelt. Aber „irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Warnungen nicht bei den Menschen angekommen sind“, betonte sie.

Schuster: „Die Warninfrastruktur ist nicht unser Problem gewesen“

Das zuständige Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) sieht nach der Hochwasserkatastrophe und der massiven Kritik, die an die Behörde gerichtet ist, vor allem im Westen Deutschlands das Problem weniger in den Schwächen des staatlichen Warnsystems, sondern vielmehr im Umgang mit den Warnungen durch örtliche Behörden und die Bevölkerung.

„Die Warninfrastruktur ist nicht unser Problem gewesen, sondern die Frage, wie sensibel reagieren Behörden, aber auch die Bevölkerung“, sagte BBK-Präsident Armin Schuster am Montag im „Deutschlandfunk“.

Schuster, CDU-Politiker und ehemaliges Mitglied des Bundestages, hat Ende letzten Jahres den damaligen Behördenleiter Christoph Unger nach einem verpatzten Probealarm abgelöst.

Unger war nach einem bundesweiten Warntag unter Druck geraten, da Meldungen der Warn-Apps Nina und Katwarn erst mit einer guten halben Stunde Verspätung auf den Smartphones der Bürger ankamen. In einem tatsächlichen Ernstfall hätte dies folgenschwere Konsequenzen nach sich ziehen können. Seitens des Bundesinnenministeriums wurde der Probealarm später als „fehlgeschlagen“ bezeichnet.

Schuster erklärte nun, dass der diesmalige Umgang mit den Warnmeldungen damit zusammenhänge, dass es Katastrophenlagen dieses Ausmaßes bislang nicht gegeben habe. Die gesamte Warninfrastruktur selbst dagegen habe „vollständig funktioniert“, hob er hervor.

Dies gelte für die Alarmketten. Auch die Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes seien „ziemlich gut“ gewesen. Zwischen Mittwoch und Samstag seien rund 150 Warnmeldungen abgesetzt worden.

Diese Warnungen hätten auch vielen Menschen das Leben gerettet und dazu beigetragen, das Schadensausmaß zu verringern, wandte sich Schuster gegen die Vorwürfe, wonach viele Betroffene nicht rechtzeitig gewarnt worden seien. Als effektiv hätten sich dabei auch Warnungen per Lautsprecherwagen erwiesen.

Kritische Analyse der Abläufe angekündigt

Schuster kündigte gleichwohl eine kritische Analyse der Abläufe in der vergangenen Woche an. Derzeit sei dafür aber noch nicht der richtige Zeitpunkt. „Wir sind noch mitten in der Akut-Phase“, hob er hervor, dies sei nicht die Zeit für Manöverkritik. Jetzt gehe es darum, „zu retten und zu bergen“.

Als ein Problem benannte der BBK-Präsident den Mangel an Sirenen, die vielfach nach Ende des Kalten Krieges abgebaut worden waren. Er verwies auf ein im Frühjahr angelaufenes 90-Millionen-Euro-Programm, um deren Zahl in Zusammenarbeit mit den eigentlich für den Katastrophenschutz zuständigen Ländern wieder zu erhöhen.

Zudem solle bis Ende des Jahres ein Bundeswarnkataster erstellt werden, um überhaupt zu wissen, wo es funktionstüchtige Sirenen gibt. Schuster räumte allerdings ein, dass diese bei Stromausfall häufig nicht mehr funktionierten. Auch werde es Jahre dauern, bis der Wiederaufbau der Sirenen erfolgt sei.

Fokussierung auf digitale Warn-Apps war ein Fehler

Als Fehler bezeichnete der Behördenchef die zwischenzeitliche Fokussierung auf digitale Warn-Apps. Man habe erkannt, „dass das nicht der richtige Weg ist, weil wir da nicht genügend Redundanz haben in unseren Systemen“. Deswegen wolle er „die guten alten Sirenen zurückhaben“. Ein Problem sei etwa, dass Menschen Warnungen per App nachts oft nicht wahrnehmen würden – anders als den Heulton einer Sirene.

Zurückhaltend äußerte sich Schuster zu einer zusätzlichen Einbeziehung auch von Mobilfunkanbietern in das Warnsystem. Dafür wären zusätzlich 30 bis 40 Millionen Euro erforderlich, gab er zu bedenken, dies sei eine „extrem teure Technik“. Gleichwohl sollten auch Systeme, wie sie im Ausland teilweise verwendet werden, geprüft werden, auch um „bei Stromausfall immer noch warnfähig zu sein“.

Seehofer nennt Kritik an Katastrophenschutz „billige Wahlkampfrhetorik“

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat nach der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen den Katastrophenschutz verteidigt. Manches an der derzeit geäußerten Kritik sei einer „ganz billigen Wahlkampfrhetorik“ zuzuordnen, sagte Seehofer am Montag bei einem Besuch an der Steinbachtalbrücke in Euskirchen. Dies sei fast schäbig.

Seehofer kündigte zugleich an, dass nach der Bewältigung der akuten Krisenlage die Abläufe im Katastrophenschutz aufgearbeitet würden. Er selbst habe „das größte Interesse“ daran. „Aber jetzt in diesen Tagen hat die Bevölkerung ein Interesse an der Hilfe und der Solidarität.“

Der Minister sagte auch, die Meldewege rund um die Unwetterkatastrophe hätten nach seiner Information vonseiten des Bundes funktioniert. Auf der Ebene der Bundesländer wolle er sich nicht einmischen.

Laschet: Krisenstäbe reagierten bereits bei der Warnung des Deutschen Wetterdienstes

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte bei dem gemeinsamen Besuch mit Seehofer, die Krisenstäbe der betroffenen Landkreise hätten bereits bei der Warnung des Deutschen Wetterdienstes reagiert, jeweils unterschiedlich nach den örtlichen Gegebenheiten.

„Wir werden das im Nachhinein untersuchen, wo können die Meldewege noch besser werden“, kündigte Laschet an. Es sei ihm aber geschildert worden, dass ganz andere Phänomene bei diesem Unwetter aufgetreten seien, als in den Katastrophenplänen standen.

So habe etwa im Rhein-Erft-Kreis eine unterspülte Kiesgrube die Probleme ausgelöst, dies sei nicht Teil der normalen Flutpläne gewesen. „Deshalb wird da eine genaue Analyse erforderlich sein“, sagte Laschet. Es müsse geprüft werden, wo der Katastrophenschutz verbessert werden könne. (afp/er)



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