Nach dem „Marsch durch die Institutionen“ folgt das Ende der „political correctness“

Von 3. June 2018 Aktualisiert: 4. Juni 2018 8:22
Dr. Thomas Jahn, stellv. Bundesvorsitzender der WerteUnion, ging am 26.04.2018 bei einer gut besuchten CSU-Veranstaltung in Augsburg der Frage nach, wie die „neue Linke“ 50 Jahre nach ihrem Symboldatum „68“ zur alles dominierenden politischen Richtung in Kunst, Kultur, Medien und Funktionseliten werden konnte.

Eine Antwort gab Dr. Thomas Jahn mit Fingerzeig auf die geistigen Urheber der neuen Linken, der im Neomarxismus wurzelnden Frankfurter Schule mit ihrer „Kritischen Theorie“.

Doch der vielzitierte Marsch durch die Institutionen gelang den vielfach gewaltbereiten Linksextremisten vor allem deshalb, weil etablierte politische Kräfte, wie z.B. Gewerkschaften, Kirchen, Verbände oder politische Parteien wie die SPD den aus den Anfängen der Bundesrepublik stammenden „antitotalitären Konsens“, also die klare Abgrenzung von rechts- und linksextremistischen Bestrebungen, aufkündigten.

Hier ist der Text der Rede von Dr. Thomas Jahn:

Die ideologische Dominanz der Linken in Deutschland und ihre neomarxistischen Wurzeln

Wie konnte die „neue Linke“, 50 Jahre nach ihrem Symboldatum „‘68“ zur alles dominierenden politischen Richtung in Kunst, Kultur, Medien und Funktionseliten aufsteigen?

Die erste Antwort liefert uns ein Blick zurück ins 19. Jahrhundert. Karl Marx und seinen Machern spielten die prekären sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft zu Beginn der Industrialisierung in die Hände. Die von ihnen geweckte uralte Sehnsucht nach der Gleichheit der Menschen und der Rückkehr zu einer paradiesischen, kommunistischen Urgesellschaft, war letztlich ein Vehikel, um für ihren Drang zu politischer Macht.

Schon im orthodoxen Marxismus zeigte sich ein immer wiederkehrendes Motiv, die philosophische Rechtfertigung für Gewaltanwendungen aller Art, um ein hehres Ziel zu erreichen, was sich vor allem in der marxistischen Klassenkampf- und der Verelendungstheorie zeigt:

Gewaltlegitimation und „Repressive Toleranz“

Die marxistische Theorie präsentiert sich als Widerstandsbewegung gegen die angeblich unzumutbaren, herrschenden Verhältnisse. Abhilfe sei nur durch Revolution möglich.

Die marxistische Verelendungstheorie als Bestandteil des dialektischen Materialismus, postuliert einen historischen Determinismus, nämlich die geschichtliche Zwangsläufigkeit des Konflikts: Da die Geschichte eine Geschichte der Klassenkämpfe sei, komme es ohnehin zum gewalttätigen Konflikt: Die Arbeiter sind Opfer der historischen Umstände und werden durch Ausbeutung zur revolutionären Gewaltanwendung getrieben.

Das wiederkehrende Gewaltmotiv der Linken hat also immer einen Anlass, ist quasi aufgezwungen, indem die von der Linken ausgehende Gewalt semantisch zur „Gegengewalt“ uminterpretiert wird. Inspiriert von Lenins Leitsatz „Recht ist, was der proletarischen Klasse nützt“ präsentierte z.B. Bertold Brecht 1930 sein als Parabel konzipiertes sogenanntes „Lehrstück“ „Die Maßnahme“. Darin wird der Mord an einem als politisch unzuverlässigem Mitglied einer kommunistischen Untergrundgruppe gerechtfertigt, weil angeblich nur dadurch der revolutionäre Auftrag der Gruppe erfüllt werden konnte (Zitat aus dem von Hanns Eisler vertonten Stück: „Ich weiß nicht, was ein Mensch ist, ich kenn‘ nur seinen Preis“).

Eine moralisch ähnlich unhaltbare Gewaltlegitimation lieferte später der Spiritus Rector der linken deutschen Studentenrevolten seit 1967, Herbert Marcuse, Vertreter der „Frankfurter Schule“, über die später noch zu sprechen sein wird, in seinem 1965 erschienen Essay „Repressive Toleranz“. Demnach akzeptiere die gegenwärtig im Westen herrschende Toleranz eine aggressive Außenpolitik, Aufrüstung, Chauvinismus und Diskriminierung aus rassischen und religiösen Gründen, die nicht zu tolerieren sei, sondern mit Gegengewalt bekämpft werden könne. Das Denken in solchen Zirkelschlüssen kennzeichnete nicht nur die terroristische RAF, sondern auch heutige linke Gewalttäter, wie die Neue Züricher Zeitung am 30.09.2016 mit Blick auf Deutschland zutreffend feststellt:

„Die linksextreme Szene von heute wird wohl kaum noch Marcuse lesen, dazu ist sie viel zu sehr mit Aktionen und Gewalt-Tourismus beschäftigt. Das Denkmuster indes, wonach der Eruption linker Gewalt immer eine Repression oder ein rechter Gewaltakt vorausgeht, ist in den Köpfen fest verankert. Brennt, wie jüngst in Leipzig, das Auto von Frauke Petry, heißt es auf der Internet-Plattform «linksunten.indymedia» prompt, das sei bloß die Quittung für eine «geistige Brandstifterin»….

Oder es gilt das Abfackeln von Luxuskarossen im Berliner Umland als legitime Antwort auf die Teilräumung der Rigaer Straße 94. Dort im Grünen wohnten ja «die Profiteure einer besitzstandswahrenden Gesellschaftsordnung», schrieb ein Kommentator und meinte: «Ein ‹bedroht ihr uns in unseren Räumen, bedrohen wir euch in euren› ist auf jeden Fall wirkungsvoll.» Pardon wird nicht gegeben, und die Toleranz gegenüber Minderheiten, auf die man so stolz ist, bleibt reserviert für Gesinnungsgenossen. Die Opfer linksextremer Gewalt hingegen sind in dieser Perspektive vor allem immer eins: selber schuld.“

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs hätte sich die Theorie von Karl Marx, wonach die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen sei, eigentlich erfüllen müssen. Stattdessen bekannten sich auch die meisten Marxisten in den kriegsführenden Ländern zu ihren jeweiligen Nationen.

Die meisten SPD-Abgeordneten stimmten im Reichstag bekanntlich für die Kriegskredite, anstatt für das imaginäre internationale Proletariat einzutreten.

Angesichts dieser Ereignisse formuliert der russische Berufsrevolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, eine neue These: Demnach sei der Imperialismus, in Form des Weltkriegs, erst noch ein weiteres Stadium des Kapitalismus.

Die „Diktatur des Proletriats“

Abweichend von Marx vertrat Lenin nun darüber hinaus die Auffassung, dass die Revolution nicht in einem Land mit einer starken kapitalistischen Wirtschaft ausbrechen werde, sondern in einem wirtschaftlich unterentwickelten Land wie Russland. Dazu bedürfe es einer revolutionären Bewegung, die von einer disziplinierten Spitzengruppe angeführt werde, die notfalls bis zum Äußersten gehen müsse.

Damit knüpfte Lenin an seine Forderung nach der „Diktatur des Proletariats“ auf dem Londoner Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands 1903 an. Seine damalige Parteitagsforderung hatte auch zur Spaltung der russischen Sozialdemokraten in Bolschewiki (russ.: Mehrheitler) und Menschewiki (Minderheitler) geführt. Seither waren die Anhänger Lenins als „Bolschewiki“ oder „Bolschewisten“ bekannt.

Am 26.10.1917 übernimmt Lenin mit dem berühmten Sturm auf das Winterpalais des Zaren die Macht in Petrograd. Nach einem mörderischen Bürgerkrieg mit 10 Millionen Opfern und über 1,5 Millionen von den Bolschewisten ermordeter „Klassenfeinde“ wird die Rote Armee 1920 vor den Toren Warschaus gestoppt. Lenins Theorie von der im Zeitalter des Imperialismus als höchster Stufe des Kapitalismus unmittelbar bevorstehenden proletarischen Weltrevolution war damit gescheitert.

Und damit nicht genug:

Es kam zur Entstehung von Gegenbewegungen, wie dem italienischen Faschismus, dessen Begründer Benito Mussolini 1914 als damaliger Chefredakteur der Parteizeitung der italienischen Sozialisten zum glühenden Kriegsbefürworter und Nationalisten wurde und 1922 mit dem Marsch auf Rom die Macht in Italien übernahm.

Neben der heute in der Wirtschaftswissenschaft unbestrittenen Unhaltbarkeit der marxistischen Arbeitswertlehre verfängt auch die marxistische Kapitalismuskritik nicht.

Der Begriff des Kapitalismus stammt übrigens nicht von Karl Marx, sondern von dem britischen Ökonomen der klassischen Schule der Nationalökonomie David Ricardo, wonach Kapitalismus eine auf freiem Unternehmertum, Privateigentum an den Produktionsmitteln und Vertragsfreiheit beruhende Wirtschaftsordnung ist.

Die moralische Überlegenheit des Kapitalismus

Dr. Martin Rhonheimer, katholischer Priester und Professor an der Päpstliche Universität vom Heiligen Kreuz in Rom, weist in verblüffender Weise auch die moralische Überlegenheit des Kapitalismus nach. Rhonheimer beschreibt den Kapitalismus als die Wirtschaftsform, in der privater Reichtum zu Kapital wird, daher als „Wirtschaftsform des Gebens“:

„Der Kapitalist gibt von seinem Reichtum, anstatt diesen für den Konsum zu verwenden, und zwar auf eigenes Risiko und ohne dafür zunächst unmittelbar etwas zurückzuerhalten.

Unmittelbare Nutznießer seines Gebens sind diejenigen, die durch das produktive Investieren von Reichtum Arbeit und Lohn erhalten und zwar sofort. Kapitalismus schafft zu allererst einmal neuen Reichtum in der Form von Arbeit und Löhnen. Die entlohnten Arbeiter sind also die ersten und unmittelbaren Nutznießer des Kapitalismus. Löhne sind vorgezogene Anteile am zukünftigen Unternehmensgewinn, deren Ausbezahlung nur dank unternehmerischer Leistung und Risikobereitschaft möglich ist. Der Kapitalist erhält seinen Anteil, wenn überhaupt erst viel später. Deshalb ist es auch nur gerecht, dass – sofern ihm nachhaltiger Erfolg beschieden ist – er mehr erhält als die entlohnten Arbeiter.  

Im Kapitalismus kann man nur reicher werden, wenn man auch andere reicher macht.

Der Sozialismus ist hingegen die Wirtschaftsform des Nehmens. Im Sozialismus wird verteilt, was man anderen weggenommen hat, solange, bis alle – außer die privilegierte Schicht der Verteiler und Planer – gleich arm sind, dann bricht das System zusammen.“

Die orthodoxe marxistische Theorie ökonomisch gescheitert

Die ökonomische Seite des Sozialismus wurde daher schon 1922 durch das Werk des österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises „Die Gemeinwirtschaft – Untersuchungen über den Sozialismus“ eindrucksvoll widerlegt. Mises wies nach, dass ohne (Sonder-) Eigentum an den Produktionsmitteln, kein Wettbewerb möglich ist, so dass Preise nicht frei gebildet werden können. Ohne freie Preisbildung ist aber die Wirtschaftsrechnung unmöglich, also die Feststellung, ob ein Unternehmen rentabel wirtschaftet und nicht entgegen der Nachfrage produziert. Diese Unmöglichkeit der sozialistischen Wirtschaftsrechnung musste schließlich der Sozialist und polnische Ökonom Oskar Lange 1932 in einem Disput mit Ludwig v. Mises zerknirscht eingestehen. Als Ausflucht erfand Lange einen „Konkurrenz-Sozialismus“ (die staatlichen Planungsbehörden sollten sich an US-amerikanischen Warenhauskatalogen orientieren). Außerdem schlug er vor, dass „als ständiges Mahnmal der Notwendigkeit korrekter Kalkulation die Statue von Professor von Mises einen prominenten Platz in der Ehrenhalle der zentralen Planungsbehörde jedes sozialistischen Staates haben sollte.

Das Problem war also, dass die orthodoxe marxistische Theorie ökonomisch gescheitert war und dass ihre Fortentwicklung, der Marxismus-Leninismus nur bis Warschau kam.

In dieser Situation entwickeln intellektuelle Marxisten das, was wir heute als Neomarxismus bezeichnen und was den Zusammenbruch der kommunistischen Staaten Osteuropas 1989 leider überlebt hat:

Antonio Gramsci, ein italienischer Schriftsteller, Journalist, Politiker und marxistischer Philosoph und der Ungar Georg Lukács argumentierten, dass die westliche Kultur die Arbeiterklasse blind gemacht habe gegenüber ihren wahren marxistischen Klasseninteressen. Daher müsse die westliche Kultur zerstört werden. Dazu Georg Lukács 1919: „Wer wird uns von der westlichen Zivilisation erretten?“ Antonio Gramsci sah die neue politische Hauptaufgabe darin, die „kulturelle Hegemonie“ in einer Gesellschaft zu erringen. Zur bekanntesten Ausprägung des Neomarxismus avancierte die, nach dem Ort ihrer ersten Wirkstätte, so genannte „Frankfurter Schule“.

Die „Frankfurter Schule“

Der Name der „Frankfurter Schule“ entstand wohl 1930 mit dem Eintritt Max Horkheimers in das in Frankfurt am Main ansässige und 1924 von Carl Grünberg gegründete „Institut für Sozialforschung“, das ursprünglich Institut für Marxismus heißen sollte. Neben Horkheimer zählten vor allem der Musiktheoretiker Theodor Adorno und der schon erwähnte Soziologe Herbert Marcuse zu den namhaften Vertretern dieser Schule. Weitere bekannte Vertreter sind der evangelische Religionsphilosoph und Theologe Paul Tillich, die Psychoanalytiker Erich Fromm und Alexander Mitscherlich, der Sexualforscher Wilhelm Reich und der damalige KPD-Funktionär Friedrich Pollock.

1933 emigrierten die wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule in die USA. Nach der Rückkehr nach Frankfurt ab 1946 begann die Frankfurter Schule Mitte der Fünfzigerjahre höchste Breitenwirkung zu entfalten. Dies bewirkten Medien, wie vor allem der Hessische Rundfunk, der jeden Abend eine Sendung eines Vertreters der Frankfurter Schule ausstrahlte und der Suhrkamp Verlag. 1964 wurde Jürgen Habermas auf Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an die Universität Frankfurt berufen. Habermas prägte mit Begriffen wie „Verfassungspatriotismus“ oder „Diskursethik“ die öffentliche Debatte in den achtziger und neunziger Jahren und avancierte zum gefeierten Staatsphilosophen der Bundesrepublik und Lieblingsintellektuellen der Feuilletons.

Auch die der „68er“-Bewegung positiv eingestellte Literatur sieht in der „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule den entscheidenden intellektuellen Impuls für APO und Studentenbewegung. Vor allem Herbert Marcuse wird als Theoretiker und intellektueller Vater dieser Ideologie, auch „Neue Linke“ genannt.

Die Frankfurter Schule erhebt den Anspruch eine alles umfassende und alles erklärende Theorie zu sein, die sich als Religions- und Gesellschaftsphilosophie, aber auch als Theorie der Ontogenese (also: Entwicklung des Individuums oder Menschwerdung) oder auch als Moralphilosophie präsentiert. Darüber hinaus will die Frankfurter Schule auch Kultur-, Musik- und Kommunikationstheorie sein. Sie erhebt damit den Anspruch eine Theorie der Wahrheit zu sein, die die klassische Philosophie des Abendlandes von Thomas von Aquin bis Kant ablösen möchte.

Die Thesen der Frankfurter Schule lassen sich kurz wie folgt zusammenfassen:

Im Zentrum der Frankfurter Schule steht mit der sogenannten „Kritischen Theorie“ ohne Zweifel die Religionsphilosophie. Für Horkheimer und Habermas steht fest, dass Gott durch die modernen Naturwissenschaften sowie durch den dogmatischen Marxismus (historischen Determinismus) widerlegt ist. Für Horkheimer ist das Christentum eine Lüge. Nicht Gott, sondern der Mensch sei das höchste Wesen. Für Habermas ist Gott eine falsche Hypothese, da das Zeitalter der Hochreligionen und die Epoche des metaphysischen Denkens ein für alle Mal vorbei sei. Die Moderne ist nach Habermas eine Epoche des Massen-Atheismus, das sogenannte nach-metaphysische Zeitalter.

Aus der Religionsphilosophie der Kritischen Theorie leiten sich die gesellschaftspolitischen Forderungen der Frankfurter Schule, vor allem die erziehungsphilosophischen Thesen ab, die man als Befreiung des Menschen aus angeblich autoritären Strukturen, wie Ehe, Familie, Heimat, Nation oder aus natürlichen Hierarchien (Hieros und Arche: Heiliger Ursprung) zusammenfassen kann.

An die Stelle einer universalistischen Ethik im Sinne Kants tritt eine positivistische Diskursethik, in der die revolutionäre Selbstbefreiung des Subjekts an die Stelle der altmarxistischen Arbeiterklasse tritt. Um das historisch determinierte Ziel, die Moderne oder die herrschaftsfreie Gesellschaft zu erreichen, bedarf es der Ablösung überkommener, vermeintlich autoritärer Strukturen. Demnach ist die bürgerliche Familie nach Horkheimer die – Zitat „massenpsychologische Grundlage des Faschismus – gestern, heute und morgen“ Zitat Ende. In der Familie werde mit Autorität erzogen, und aus dieser autoritätsbezogenen Erziehung gehe die sogenannte „autoritäre Persönlichkeit“ hervor, die wiederum Voraussetzung für den Faschismus sei. Auch die Ehe sei geschichtlich überholt, ebenso wie das Gewissen, das Adorno bereits 1936 als Zitat: „Schandmal einer unfreien Gesellschaft“ charakterisierte.

Tatsächlich ist die Frankfurter Schule eine Weiterentwicklung des Marxismus. Denn an die Stelle der altmarxistischen These des Klassenkampfes und der Ausbeutung der jeweils beherrschten durch die jeweils herrschende Klasse, wird die These der angeblichen Gefangenheit des Menschen in autoritären Strukturen, wie der Ehe, der Familie oder in christlich-bürgerlichen Moralvorstellungen, gesetzt. Die Frankfurter Schule beschreibt diesen zu befreienden Menschen als seelisch dumpf und unglücklich, als geistig unterentwickelt, als wissenschaftlich unaufgeklärt, als religiös verbohrt und als ökonomisch-sozial ausgebeuteten Menschen.

Nachdem das Menschenbild der Frankfurter Schule weder Gott noch Gewissen kennt, ist der neue, neomarxistische Mensch ganz im Sinne Darwins und Freuds nur das am weitesten entwickelte Säugetier und Produkt der Natur, das vor allem triebfixiert und triebdeterminiert ist. Alles beherrschender Trieb ist der Sexualtrieb.

Ganz im Sinne von Marx ist dieser Mensch, der gewissenlos ist, so dass ihm auch der freie Wille zwangsläufig fehlt, lediglich Produkt der Gesellschaft, dessen Bewusstsein durch das Sein bestimmt wird. In diesem Menschenbild lösen sich auch die Antipoden „Gut und Böse“ und „Wahr und Falsch“ auf, denn der unfreie Mensch, der nicht verantwortlich ist für sein Tun oder Unterlassen, kann konsequenterweise auch nicht sündigen.

Von der Verelendungstheorie zur Herrschaft der Technik über den Menschen (Versklavung)

Die Frankfurter Schule hat sich aber nicht allzu weit von der marxistischen Orthodoxie entfernt. Die marxistische Verelendungstheorie, in dessen Zentrum die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die herrschende Bourgeoisie steht, wird z.B. bei Horkheimer durch die angebliche Herrschaft der Technik über den Menschen abgelöst. Demnach sei der Mensch in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft von der Technik versklavt. Der gesamte technische Fortschritt könne nur als ein unendlicher Prozess der Entmachtung begriffen werden. Nach Adorno sei diese zwangsläufige Entwicklung auch historisch belegbar, wonach der Mensch am Anfang durch Einsatz von Technik sich erfolgreich von den Naturgewalten emanzipiert habe. Je mehr er sich aber positiv-dialektisch von der Natur emanzipieren wollte, umso mehr geriet er (negativ-dialektisch) unter die Herrschaft und Sklaverei der Technik, zu finden in Horkheimers und Adornos 1944 veröffentlichtem Buch „Die Dialektik der Aufklärung“. Mit dieser „Geburtsstunde“ der Umweltbewegung wird die altmarxistische These von der angeblichen Unterdrückung der Arbeiterklasse im Kapitalismus auf die Umwelt übertragen.

Von der ökonomischen Unzulänglichkeit des Marxismus wird durch die Verwendung von Kampfbegriffen abgelenkt. Marx Horkheimer äußert Ende der 30er Jahre die Ansicht, dass als eine Reaktion auf die Krise des Kapitalismus der Faschismus versuche, den Kapitalismus mit despotischen Mitteln aufrechtzuerhalten, Zitat Horkheimer: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Zusammengefasst postuliert die Frankfurter Schule daher eine dreifache Durchbrechung des Prinzips „Herrschaft“:

  1. Die „Herrschaft der Technik“ über den Menschen.
  2. Die „Herrschaft gesellschaftlicher Institutionen“, wie Ehe, Familie, Religion, Brauchtum oder Nation über den Menschen.
  3. Die „Herrschaft des menschlichen Gewissens“ über den Menschen.

Die Wirkmächtigkeit der Kritischen Theorie lässt sich anhand von acht Schlagworten – in Anlehnung an Rudolf Willeke („Hintergründe der 68er-Kulturrevolution, Frankfurter Schule und Kritische Theorie“) – illustrieren, die zu der heute real existierenden kulturellen, politischen und allgemein den öffentlichen Diskurs bestimmenden „Hegemonie“ (im Sinne von Antonio Gramsci) eines eigentlich neomarxistischen Denkens geführt hat:

  1. Die Ent-Christlichung der Öffentlichkeit, die zu einem Verschwinden christlicher Symbole oder der moralischen Interpretationsmacht des Christentums geführt hat, das sich heute neben andere Religionen einreihen muss, Stichwort: „Der Islam gehört zu Deutschland“.
  2. Die Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft, die Institutionen wie der Ehe oder der Familie ihrer Aufgaben entledigt und den Umbau der christlichen Kirchen zu politisierenden Sozialagenturen im Sinne einer Entmythologisierung und Profanisierung herbeigeführt hat.
  3. Die Ent-Ethisierung des Rechts, die zu einer Abkehr vom Schutz eines ethischen Minimums (z.B. im Sinne der Zehn Gebote, für einen effektiven Schutz des menschlichen Lebens oder des Eigentums) und einer Ausrichtung an gesinnungspolitischen Zielen (Antidiskriminierung, Umerziehung oder Umverteilung, wie z.B. im Steuerrecht) geführt hat, ganz im rechtspositivistischen Sinne von Lenin: „Recht ist, was der proletarischen Klasse nützt.“
  4. Die Ent-Kriminalisierung des Verbrechens ist demnach eine Folgeerscheinung der Ent-Ethisierung des Rechts und der bereits erwähnten Theorie, wonach der Mensch ohnehin nur Produkt seiner Umgebung, also Getriebener der (ungerechten) sozialen Umstände sei.
  5. Die Ent-Pathologisierung der Krankheit, die individuelle medizinische Ursachen für Erkrankungen nicht mehr kennt, sondern immer neue Krankheitsformen kreiert, die angeblich durch die kapitalistische Arbeitswelt (Stress der zum berühmte Burn-out-Syndrom führt), durch Umweltgifte oder die industrielle Lebensmittelproduktion hervorgerufen werden.
  6. Die Ent-Rationalisierung des technischen Fortschritts ist demnach eine Folgeerscheinung der Ent-Pathologisierung der Krankheit und der bereits erwähnten Theorie, wonach der Mensch von der Technik versklavt werde. Hier findet sich im Übrigen der ideengeschichtliche Ursprung der „grünen“ Technikfeindlichkeit (Beispiel: Energiewende im postfaktischen Zeitalter).
  7. Die Ent-Ästhetisierung der Kunst, die zu einem Kulturbetrieb geführt hat, der nicht mehr den natürlichen Regeln des Schönen, Wahren, Guten, des Ehrwürdigen oder der Harmonie folgt, sondern nur noch der Provokation, Verächtlichmachung und Agitation dient und somit nur noch rein politische Propagandazwecke verfolgt (Beispiele: Politisierung der Sprache, Brechts episches Theater: Ironisierende Brechung der Katharsis (Läuterung der Seele) oder der Empathie der Zuschauer; Brutalismus in der Architektur).
  8. Die Ent-Biologisierung des menschlichen Geschlechts, die die in Gestalt von Mann und Frau geschaffene Gottesebenbildlichkeit des Menschen negiert und etwa 60 bis 200 willkürliche, neue sogenannte „soziale“ Geschlechter kreiert (gemeint ist die Gender-Ideologie).

Was blieb von Marx, Marcuse, Meinhof, Mahler und Co.? Was ist das Gemeinsame zwischen Marxismus, dem Neomarxismus der Frankfurter Schule und den Nachkommen der „68er“?  

Das gemeinsame Band ist das quasireligiöse Sendungsbewusstsein mit der das eingangs erwähnte egalitaristische Ziel einer Rückkehr zu einer paradiesischen Urgesellschaft befeuert wird, wo das marxistische Mantra Wirklichkeit wäre: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“.

Selektive Ausblendung der Natur des Menschen

Dieser Glaubenseifer macht blind für die Welt-Wirklichkeit, die leider nicht paradiesisch ist, sondern so, wie sie wohl am prägnantesten der Ökonomie-Nobelpreisträger Friedrich-August von Hayek in seinem Zwei-Welten-Theorem beschrieben hat:

Einige 100.000 Jahre lang lebte die Menschheit in kleinen Gruppen von Jägern und Sammlern oder in Stammesgemeinschaften, in denen jeder jeden kannte. Die dort gepflegten Verhaltensmuster (Vertrauen, Fürsorge und Hilfe für den Nächsten oder das Teilen von Besitz) haben sich tief in unsere Instinkte eingeprägt.

Der moderne Mensch muss sich aber auch in einer großen, anonymen und arbeitsteiligen Gesellschaft zurechtfinden, in der völlig andere Regeln und Verhaltensweisen als in der kleinen Gruppe gelten und auch notwendig sind.

Friedrich-August von Hayek:

„Unsere Schwierigkeit besteht zum Teil darin, dass wir unser Leben, unsere Gedanken und Gefühle unentwegt anpassen müssen, um gleichzeitig in verschiedenen Arten von Ordnungen und nach verschiedenen Regeln leben zu können. Wollten wir die unveränderten, uneingeschränkten Regeln des Mikrokosmos (das heißt die Regeln der kleinen Gruppe oder beispielsweise unserer Familien) auf den Makrokosmos (die Zivilisation im Großen) anwenden, wie unsere Instinkte und Gefühle es uns oft wünschen lassen, so würden wir ihn zerstören. Würden wir aber umgekehrt immer die Regeln der erweiterten Ordnung auf unsere kleineren Gruppierungen anwenden, so würden wir diese zermalmen. Wir müssen also lernen, gleichzeitig in zwei Welten zu leben.“

Seit 1968 unterscheidet die Linke typischerweise nicht mehr zwischen diesen zwei Welten, also der Privatsphäre einerseits und der öffentlichen Sphäre des Politischen andererseits. Das Private ist politisch und das Politische privat, frei nach dem Titel der gleichnamigen Autobiografie einer gewissen Claudia Roth.

Dies führt einerseits zu dem missionarischen Eifer, seine Mitmenschen mit als politisch korrekt empfundenen Haltungen oder Lebensstilen (z.B. veganes Essen, feministische Attitüden oder Multi-Kulti-Ideologien) zwangszubeglücken. Und andererseits zur Projizierung von Erwartungshaltungen aus der Sphäre der überschaubaren Kleingruppe auf die anonyme Massengesellschaft oder auf Kulturen fremder Kontinente. Partnerschaftliche Vertrautheit gegenüber Familienmitgliedern, Freunden oder Nachbarn setzt für die Erwartung ähnlicher Reaktionen des Gegenübers soziale Nähe und oft jahrzehntelange Bindungen voraus, die in menschlichen Zufalls- oder Zwangskollektiven natürlich gerade nicht existieren.

Schlimmer jedoch als die selektive Ausblendung der Natur des Menschen ist die Gefahr der wohl kalkulierten Fruchtbarmachung linker Ideen aus machiavellistischer Überzeugung heraus. Dazu gehört nicht nur die künstliche Aufspaltung der Gesellschaft und das Schüren von Konflikten nach dem uralten Teile-und-Herrsche-Prinzip, sondern auch die akribische Suche nach immer neuen, vermeintlich ausgebeuteten oder diskriminierten Gruppen, nachdem sich die Protegierten von einst, wie „die“ Arbeiter oder „die“ Frauen, als undankbar erwiesen haben, weil sie die Parteien ihrer Fürsprecher nicht mehr wählten.

Der schon erwähnte Spiritus Rector der „68er“-Bewegung, Herbert Marcuse, bestätigt diese Suche nach vermeintlich unterdrückten Minderheiten und seine Gewaltakzeptanz in seinem 1965 erschienen Essay „Repressive Toleranz“:

„Die Toleranz, die Reichweite und Inhalt der Freiheit erweiterte, war stets parteilich intolerant gegenüber den Wortführern des unterdrückenden Status quo. (…) ich glaube, dass es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein »Naturrecht« auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. Gesetz und Ordnung sind überall und immer Gesetz und Ordnung derjenigen, welche die etablierte Hierarchie schützen.“

Diese Ideologie führte auch zu dem seit den 80er Jahren bekannten Phänomen der sogenannten „Political Correctness“.

Wer also eine ausgeprägte Meinung dazu hat, wer oder was politisch korrekt ist, hat das Recht, politisch inkorrekte Meinungen aus einer Debatte auszuschließen, also intolerant gegenüber Andersdenkenden zu sein. Ein totalitäres Rezept, um Andersdenkenden das Recht auf die freie Meinungsäußerung abzusprechen, wie wir es heute nahezu täglich bei politischen Debatte in Deutschland erleben müssen.

Gleichzeitig geht auch der linke Fahndungseifer nach hoffentlich immer neuen, angeblich diskriminierten Minderheiten weiter und hat bereits zu einer mannigfaltigen Spaltung und Politisierung der Gesellschaft geführt.

Die immensen Gefahren, die von diesem Glaubenseifer ausgehen, wurden von dem berühmten russischen Literaten Fjodor Dostojewski fast schon hellseherisch erahnt, wie ein Zitat aus seinem 1873 veröffentlichten Roman „Die Dämonen“ beweist. Dostojewski lässt den sozialistischen Eiferer Schigalew ein politisches Programm verkünden, von dem Dostojewski sicher selbst nie geahnt hätte, mit welch planmäßiger Gnadenlosigkeit Schigalews reale Genossen später in Russland und anderswo ans Werk gingen.

„Kaum sind Familie oder Liebe da, so regt sich auch das Verlangen nach Eigentum. Wir werden dieses Verlangen ertöten. Wir werden die Trunksucht, die Klatscherei, das Denunziantentum befördern, und wir werden unerhörte Unzucht gestatten. Wir werden jedes Genie im Säuglingsalter ersticken. Alles wird unter einen Nenner gebracht, vollständige Gleichheit geschaffen werden.“

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*) CSU-Landtagskandidat Dr. Tomas Jahn (*1973) ist Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht sowie Geschäftsführender Gesellschafter der Rechtsanwaltskanzlei Meidert & Kollegen, Kaufbeuren.

Der Artikel erschien zuerst bei www.conservo.wordpress.com

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