Verunsichert, entmutigt, leben von Hartz IV: Die Not der Musiker

Tausende Musiker in Deutschland sind seit 15 Monaten arbeitslos. Auch wenn der Lockdown seit Anfang Juni aufgehoben ist, können sie nur schwer in ihr Berufsleben zurückkehren. Wer noch den Mut hat, nach so langer Pause wieder vor Publikum aufzutreten, hat oft leere Terminkalender. Und auch die seelische Not ist groß.
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"Wir Musiker haben viele Jahre nicht wirklich bewusst und achtsam Musik gespielt, haben nur die Tasten gedrückt oder die Saiten gestrichen. Dabei ist Musik doch so viel mehr als das", sagt Trompeten-Solist Joachim K. Schäfer.Foto: iStock
Von 28. Juni 2021

Es ist nicht ganz einfach für einen Profi-Musiker, nach über einem Jahr Pause wieder vor Publikum zu spielen. „Mir ging es vor dem Auftritt richtig schlecht, ich hatte Bauchkrämpfe und habe mich gefühlt wie ein Student vor dem ersten öffentlichen Konzert“, sagt der erfahrene Trompeten-Solist Joachim K. Schäfer. Er ist einer von Tausenden Musikern in Deutschland, die nach über einem Jahr im Lockdown nun wieder öffentlich auftreten dürfen. Doch so einfach wie es klingt, ist es nicht.

Joachim Schäfer ist Bühnenprofi der Kammermusik, sein besonderes Interesse gilt den Kompositionen von Johann Sebastian Bach. In den vergangenen 20 Jahren führten ihn Konzert- und Festivalauftritte neben Deutschland auch nach Japan, Italien, Frankreich, Tschechien, Polen, in die Slowakei und in die USA. Auch gründete er in dieser Zeit mehrere Ensembles, darunter die Dresdner Bachsolisten. Mit dem Preußischen Kammerorchester arbeitet er seit vielen Jahren zusammen.

Am 22. Juni spielte der sächsische Musiker das erste Mal seit dem Lockdown wieder vor einem größeren Publikum, gemeinsam mit dem preußischen Orchester. Doch der Start war sehr „holprig“ wie er selbst sagt.

Womit er nicht gerechnet hatte: Viele seiner Kollegen wollen nicht auf die Bühne zurückkehren.

Sie sind zum Teil verunsichert, entmutigt, leben von Hartz IV oder haben inzwischen einen anderen Job. Den Profi stellte das vor eine ganz neue Herausforderung: Bevor er auftreten konnte, musste er einige Kollegen zuerst motivieren und wenn das nicht funktionierte, dann musste er Ersatz suchen. Am Ende ist der Auftakt seiner Spielsaison geglückt, sein Terminkalender ist jedoch bis Ostern nächsten Jahres nur spärlich bestückt.

Über leere Auftragsbücher und Terminkalender klagt die gesamte Kulturbranche, da ist Schäfer kein Einzelfall. Seit dem ersten Lockdown im März 2020 hat sich die Situation vor allem von Musikern und Theaterschauspielern dramatisch verschlechtert.

14 Monate erzwungene Spielpause haben nicht nur leere Konten hinterlassen, sondern die Menschen psychisch stark belastet. Existenzängste, Depressionen, Selbstmord. Einer der bekannteren Fälle, wenngleich nicht aus der Klassik, sondern der Moderne ist der langjährige Grönemeyer-Gitarrist und Solo-Musiker Stephan Ullmann, der sich im Juni vergangenen Jahres das Leben nahm.

„Wir alle kannten Stephan als Quell unfassbarer Energie und Inspiration. Aber auch als einen Menschen, der die Energie dafür aus seinem eigenen Schaffen ziehen musste. Der Applaus, die Bestätigung, die nur echte Menschen, ein echtes Publikum schenken kann. In einer Zeit, die bereits herausfordernd für Stephan war, hat Corona ihm das alles genommen“, hieß es vonseiten seiner Familie.

Eine Umfrage der deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung ergab im Februar dieses Jahres, dass seit der Corona-Pandemie die Anfrage in psychotherapeutischen Praxen um 40 Prozent gestiegen ist. Dreiviertel davon bekommen jedoch keinen Termin für ein Erstgespräch. Das zeigt: viele Menschen sind an ihre Grenzen der existenziellen und psychischen Belastbarkeit gestoßen.

Zusammenhalt in der Familie gibt Sicherheit

Joachim Schäfer hatte Glück. Ein guter Zusammenhalt in der Familie sorgte dafür, dass seine Eltern und Schwiegereltern die weggebrochenen Einnahmen kompensierten. So konnten er und seine Frau, die ebenfalls Musikerin ist, ihrem Beruf vorerst treu bleiben.

Über den Sommer kam etwas Hilfe von kleinen Kirchen, die den brotlos gewordenen Musikern um Schäfer kleine Auftritte auf Spendenbasis anboten. Der Trompeter nahm das Angebot gerne an, war er doch selbst mit Kirchenmusik aufgewachsen. Und wo klingt Bach besser als in einer Kirche?

„Der erste Lockdown bis Ende Mai letzten Jahres, der hatte uns schon gereicht. Nach drei Monaten spürte man bereits, dass man aus der Übung war“, erzählt Schäfer. Auch wenn man täglich übt, so gehört das regelmäßige Auftreten vor Publikum zum Alltag eines Berufsmusikers. Unfreiwillige Ferien können einen dann schon aus der Bahn werfen.

So erging es einer Flötistin in Dresden. Da sie keine feste Anstellung in einem Orchester hatte, fielen für sie von heute auf morgen alle Auftritte weg. Wie sie Epoch Times erzählt, litt sie durch die psychische Belastung mehrere Wochen unter einem Hörsturz, danach begann sie als Musiklehrerin an einer allgemeinbildenden Schule zu arbeiten. Die finanzielle Sicherheit, die sich daraus ergab, ließ sie psychisch aufatmen.

Als Musikerin will sie nicht mehr arbeiten, das ist ihr zu ungewiss. Sie und viele andere wählen auch für die Zukunft den sicheren Weg über eine berufliche Neuorientierung.

Der „Akku“ sei runter, nicht nur bei vielen Künstlern, auch bei Veranstaltern, sagt Schäfer. Der letzte Komplett-Lockdown dauerte ganze sieben Monate. Die Verunsicherung sei groß. Veranstalter planten nur sehr vorsichtig, um am Ende nicht auf den Kosten sitzen zu bleiben.

Nur halb gefüllte Konzertsäle rentieren sich nicht. Und wer in vergangenen Lockdowns nur damit beschäftigt war, Tickets zu erstatten, überlegt zweimal, ob er sich den Aufwand noch einmal macht. Und die Unterstützungsgelder aus den Kulturfonds würden nur sehr zaghaft angenommen, weiß Schäfer. Festivals, die früher eine lukrative Einnahmequelle für Musiker waren, sind für diesen Sommer komplett abgesagt.

Die Musiker-Familie lebt mit ihren Kindern derzeit von rund 500 Euro im Monat. Den Tourneebus unterhalten die Eltern, auch die Miete zahlen sie. Schäfers früherer Assistent musste sich inzwischen eine andere Arbeit suchen. Einladungen kommen nachwievor nur für musikalische Gottesdienste, wo er ohne Test- und Maskenpflicht auf ein kleines, aber sehr dankbares Publikum trifft.

So spielt der Musiker, der vor Corona um die 100 Konzerte im Jahr bestritt, nun für eine freiwillige Kollekte, die ihm das Gefühl gibt, das sein Können und seine Kunst doch noch geschätzt werden.

Anne-Sophie Mutter wirft Politik Kulturverachtung vor

Vor Corona spielten große Orchester, große Chöre vor mehr als 2.000 Menschen in einem ausverkauften Saal. Inzwischen ist eine solche Situation kaum noch vorstellbar.

„Ich bin nur ungern der Kassandra-Rufer, aber ich glaube, es muss sich alles ändern. Es wird einfach keinen Tag X geben, wo alles wieder so sein wird wie vorher“, sagte Folkert Uhde, Intendant der Köthener Bachfesttage im Februar dieses Jahres gegenüber dem „MDR“. Auch die Intendantin der Dresdner Philharmonie, Frauke Roth, war damals der Überzeugung, dass sich die Konzertbranche „komplett neu erfinden“ muss.

Ideen zur Neugestaltung gab es zahlreich, auch die Gagen von Spitzenstars sollten neu diskutiert werden. Jetzt, vier Monate später, ist man nicht viel weiter gekommen. Unter den Künstlern ist der Eindruck entstanden, als habe sich die Politik der Not der Musiker nicht angenommen.

Deutschlands Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter weiß, dass die Menschen die Live-Musik lieben und vermissen. Während des letzten Lockdowns warf sie der Politik vor, kulturverachtend zu sein. Im „ARD“-Sendeformat Maischberger sprach sie Ende Mai von einem nicht zu rechtfertigenden Berufsverbot. Ihre Verzweiflung war nicht zu verkennen.

Die Sendung wurde fünf Tage vor Ende des Lockdowns ausgestrahlt. „Trotz einer Vielzahl von Pilotstudien, die immer wieder zu demselben Ergebnis kamen, wurden hunderttausend Musiker in die Arbeitslosigkeit verbannt“, wirft sie dem anwesenden SPD-Politiker und Gesundheitsexperten Karl Lauterbach vor.

Die Studien mit meist 1.000 Besuchern klassischer Konzerte konnten belegen, dass das Ansteckungsrisiko dort bei 0,5 Prozent liegt – weit unter dem Ansteckungsrisiko beispielsweise im Supermarkt. In Großraumbüros sei das Ansteckungsrisiko sogar 16 Mal höher als auf einem Musikevent. Gegenstudien, die zu einem anderen Ergebnis gekommen sind, gibt es ihrer Aussage nach nicht.

Lauterbach geht in keiner Weise auf ihre Argumente ein, sondern lenkt ab. Man dürfe das Positive der Maßnahmen nicht übersehen, schließlich seien Menschen vor dem Tod geschützt worden.

Eilantrag abgeschmettert

Ein Eilantrag der Künstlerin beim Bundesverfassungsgericht, mit dem Ziel, die Konzertsäle wieder zu öffnen, wurde im Mai abgeschmettert. Der Grund: Es handele sich nicht um ein Berufsverbot, man könne ja spielen und streamen. Für Mutter ein „tragisches Urteil“, weil es auf zwei falschen Annahmen beruhe. Zum einen böten Streams keine Einnahmequelle, zum anderen sei es emotional und künstlerisch fruchtlos.

So sieht es auch Joachim Schäfer. Digitale Streams seien keine Alternative. „Das ist totaler Quatsch, damit erreicht man doch die Menschen nicht“, stellt er fest. „Wir verramschen unsere Kunst nicht“, darauf habe er sich mit seinen Musikerkollegen geeinigt. Die Menschen sehnten sich nach Live-Musik, das habe er in den Gesichtern des Publikums gesehen. Schäfer:

Wir sind soziale Wesen, wir brauchen die persönliche Begegnung. Wir müssen dem anderen gegenüber stehen und ihn wahrnehmen können als einen Mitmenschen.“

Für den Trompeter gilt es nun, seinen Musikerkollegen Mut zu machen. Das Schlimmste werde erst noch kommen, sagt er und hofft, dass er sich täuscht. Auch im kommenden Winter fallen alle Einnahmen weg. Auftritte zur Weihnachtszeit mit Chören sind aktuell nicht planbar. Über ein Jahr ohne Proben und Auftritte ist auch für Laien-Chöre eine große Herausforderung.

Viele sind ermattet, trauen sich nicht mehr, das spürt er. Dass er so viel Überredungskunst bei manchen Kollegen habe anwenden müssen, das ging auch an die Substanz. Seine Kraft holt er sich aus der Musik und aus seinem Glauben.

Der „Hammer“ kommt erst noch

Den großen Aufprall in der Musikerszene erwartet Joachim Schäfer in drei bis fünf Jahren. Bis dahin sei der Staat nicht mehr in der Lage, die Kultur finanziell zu unterstützen. Das knappe Budget habe man schon in den vergangenen Jahren gespürt.

Das werde zwar jetzt kurzfristig überdeckt mit Corona-Hilfsgeldern, aber danach komme erst „so richtig der Hammer“, meint er. Auch wenn er Musiker sei, würde ihm nicht entgehen, dass viele Steuergelder wegfielen. Egal ob Unternehmen, Gastronomie, Veranstalter, keiner habe im vergangenen Jahr wirklich Gewinne erwirtschaftet. Ohne Gewinne keine Steuern.

Für ihn als Musiker heißt das nun, in seinem Metier neue Wege zu finden und zu gehen, wenn auch nicht digital. Daran arbeite er jetzt. „Wir Musiker haben viele Jahre nicht wirklich bewusst und achtsam Musik gespielt, haben nur die Tasten gedrückt oder die Saiten gestrichen. Dabei ist Musik doch so viel mehr als das.“



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