„Wenn die Obrigkeit was befiehlt, sollen wir danach tanzen!“ – Eine Reportage vom 1.8. aus Berlin

Von 8. August 2021 Aktualisiert: 17. August 2021 17:33
Fast schon surreal erleben viele Teilnehmer die Szenen zwischen Polizei und den fröhlich wirkenden Teilnehmern der verbotenen Querdenken-Demo am 1.8. in Berlin.

Es ist der 1. August 2021. Berlin ist voller Menschen, die eigentlich für eine kurzerhand verbotene Großdemonstration der Querdenken-Bewegung angereist sind. Hier auf dem Olympischen Platz findet die Aufstellung für einen Autokorso statt, der nicht verboten wurde. Der Platz ist voll. Autos dicht an dicht, dazwischen Menschen, offenbar Gleichgesinnte, die ihre Autos vorbereiten und sich miteinander austauschen.

Es ist kurz vor elf Uhr. Die Stimmung ist fröhlich, aber nicht ausgelassen. Jeder ist sich bewusst, warum er gekommen ist. Nach langer Pause will man erneut ein Zeichen setzen in der deutschen Hauptstadt. Die drohende Impfpflicht sowie Corona-Maßnahmen, die Freiheit und Grundrechte der Bürger willkürlich einschränken, sind das Hauptanliegen der Demonstranten.

Wer nicht am Autokorso teilnimmt, begibt sich von hier zu Fuß Richtung Innenstadt. Ziel ist eine verbotene Kundgebung in Höhe Aral-Tankstelle in der Reichsstraße. Doch die Polizei macht den rund 2.000 Menschen einen Strich durch die Rechnung. Auf Höhe der U-Bahnstation Neu-Westend gibt es eine Vollsperrung. Die Passanten kommen nicht weiter, das Gebiet um die Tankstelle ist eingekesselt. Wer schon drin ist, kommt vorerst nicht mehr raus. Wie sich später herausstellt, sind die Querdenken-Ikonen Ralf Ludwig und Samuel Eckert dort mit ihrem Bus aufgehalten worden, ihr Equipment wurde von der Polizei beschlagnahmt.

Krankenschwester Vivian Richter aus Dresden hält eine Ansprache vor den unbeeindruckt wirkenden Polizisten und erklärt ihnen, dass sie auch ihretwegen auf die Straße gehe. Wie sie weiß, bekomme auch diese Berufsgruppe seit November 2020 „diese neuartigen Medikamente ohne Verfallsdatum“. Laut ihrem Gelöbnis als examinierte Krankenschwester sieht sie sich gezwungen, dagegen auf die Straße zu gehen.

„Das müssen wir uns nicht geben“

Was die Impfpflicht für das medizinische Fachpersonal betrifft, „das bekommen die nicht durch“, sagt sie gegenüber Epoch Times. „Das sollen die mal versuchen, aber dann bricht das Gesundheitswesen tatsächlich zusammen“ ist sie sich sicher. Bereits ein Drittel habe sich bundesweit schon ganz klar dagegen ausgesprochen. Man habe sich die Inhaltsstoffe ganz genau angeschaut. „Wir sind keine Impfgegner, aber das müssen wir uns nicht geben,“ sagt Richter mit süffisantem Lächeln. Aus Gewissensgründen habe sie im März ihren Job als Arzthelferin gekündigt. Eine Sperre beim Arbeitsamt habe sie daraufhin aber nicht bekommen.

Die Menschenmenge hat sich am Straßenrand aufgereiht. Man will dem Autokorso zuwinken, der hier bald vorbeikommen sollte. Doch der lässt auf sich warten. Unterdessen fährt ein einzelner Privatwagen vor mit mehreren Lautsprechern auf dem Dach. Münchner Kennzeichen. Auf der Motorhaube steht: „Wo ist die Grippe?“ und „Uns allen droht Impfzwang.“ An der Autotür ist zu lesen: „Kultur verarmt ohne Zuschauer.“ Lautstark verkündet der Fahrer, dass es in Deutschland doch Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit geben sollte. Die Polizei ist zur Stelle und ruft ihn zur Räson. Die Menge schreit aufgebracht: „Frieden, Freiheit, keine Diktatur!“

Es herrscht ein Durcheinander von Polizei und Privatpersonen. Letztere fragen sich ratlos, wohin man als Nächstes ziehen soll. Unbeteiligte Autofahrer sind wegen des Chaos genervt. Wer unterdessen im „Wiener Caffehaus“ an der Ecke die Toilette aufsucht, wird von den Gästen ermahnt, seine Maske aufzusetzen.

Nicht weit entfernt steht Polizeisprecher Thilo Cablitz. Auf die Frage, wo denn der Autokorso bleibe, erklärt er, dass diverse Autokorsos, die für den Tag angemeldet seien, ganz regulär stattfinden könnten, da die Hygienemaßnahmen eingehalten würden. Man müsse jetzt nach entsprechenden Alternativrouten suchen.

Die Situation in der Reichsstraße beschreibt er zu diesem Zeitpunkt wie folgt: „Wir haben hier ungefähr 2000 Personen, die an einer verbotenen Versammlung teilnehmen wollten. Wir haben hier die Technik sichergestellt, damit diese nicht für weitere verbotene Versammlungen genutzt werden kann. Im Folgenden werden wir uns um diejenigen fokussiert kümmern, die dazu aufgerufen haben und versucht haben, entsprechend Menschenströme zu lenken. Dann wird es darum gehen, das hier aufzulösen und die Menschen zu zerstreuen. Diejenigen, die dann immer noch zuwider handeln, werden wir entsprechend in ihrer Freiheit beschränken und Verfahren einleiten.“

„Da kommen Erinnerungen an den Geschichtsunterricht hoch“

Hier gibt es also kein Vorwärtskommen, womit sich der Platz langsam leert. Die Spaziergänger haben sich auf mehrere Straßen verteilt, finden dann aber auf dem Kaiserdamm mehrheitlich wieder zusammen. Als die Polizei mit Wasserwerfern auffährt, weicht man auf Querstraßen aus und findet auf der Kantstraße wieder zusammen. Alle laufen Richtung Osten. Die 2.200 Polizeikräfte, die man für diesen Tag nach Berlin geholt hat, versuchen immer wieder, die Menschen, die ebenfalls aus ganz Deutschland angereist sind, aufzuhalten. Das scheinbar planlose Durcheinander stellt die Beamten an diesem Tag vor große Herausforderungen.

Jan aus Darmstadt ist der Meinung, dass es für die Polizei viel einfacher gewesen wäre, hätte man die Demo erlaubt. Dann hätte alles kontrolliert an einem Platz stattgefunden. Immer wieder ertönt das Martinshorn der Polizeiautos, die versuchen, den Demonstranten zuvorzukommen und deren Marsch aufzuhalten. Berlin wird an diesem Tag erneut Zeuge eines Katz- und Maus-Spiels, wie es schon so oft seit Beginn der Demonstrationsverbote in verschiedenen deutschen Städten stattgefunden hat. Im Großen und Ganzen bleibt alles friedlich. Rangeleien zwischen Polizisten und einzelnen Teilnehmern gibt es aber immer wieder. Am Ende des Tages wird die Polizei von mehreren hundert Festnahmen sprechen.

Rentner Wolfgang vom Bodensee ist vor Tagen angereist. Schon im vergangenen Jahr sei ihm aufgefallen, dass Dinge, die hier in Deutschland geschehen, immer mehr einer Diktatur gleichen. Dagegen geht er auf die Straße.

Drei junge Studenten aus Dresden und Potsdam fallen in der Menge auf dem Kaiserdamm auf. Ihre Altersgruppe ist nur spärlich vertreten. Zunehmende Freiheitseinschränkungen, drohende Impfpflicht und die Schaffung einer Zwei-Klassengesellschaft lässt sie besorgt in die Zukunft blicken. Es fehle an Mit- und Selbstbestimmung und an Verhältnismäßigkeit bei den Corona-Maßnahmen. „Da kommen Erinnerungen an den Geschichtsunterricht hoch“, sagen sie, „unfassbar, dass es so viele nicht begreifen“.

„Der Deutsche kriegt den Arsch net hoch“

Sie sind laut, die Spaziergänger an diesem 1. August. Sie tragen Schilder und fordern in Sprechchören immer wieder Freiheit und Demokratie. Oft sind sie von unbeteiligten Passanten nicht zu unterscheiden. Sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft, das ist nicht zu verkennen.

Am Nachmittag füllt sich das Gelände um die Siegessäule. Ein Polizeihubschrauber kreist über dem Großen Stern. Mehrere Tausend Menschen bewegen sich auf der Straße des 17. Juni und laufen den Wasserwerfern entgegen, die vor der Siegessäule in Stellung gebracht worden sind. Man singt, tanzt und will sich nicht einschüchtern lassen. Ein Grüppchen aus Holland fällt auf mit seinen gelben Regenschirmen. Sie sehen sich als Europäer, daher sei es klare Sache, die Berliner Demonstranten zu unterstützen.

Rentnerin Helga Fülbier aus München wünscht sich noch viel mehr Menschen auf der Straße. „Der Deutsche kriegt den Arsch net hoch“, sagt sie in bayrischem Dialekt und lacht. Ihr Mann hält es mit dem alten Fritz: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“ „Aber das dürf mer nimmer“, lenkt Helga ein. „Wenn die Obrigkeit was befiehlt, solln wir danach tanzen!“ Dabei solle sich die Politik doch mal um die kümmern, die auf dem Alexanderplatz oder am Cottbuser Tor „rumlungern“. Gemeint sind Drogenabhängige und Dealer. Da hätten die Regierenden geschlafen.

Und dann treffe ich sogar noch einen waschechten (Ost)Berliner. Was ihn auf die Straße treibt, sei der Umstand, dass man unter dem Vorwand von Klimawandel und Energiewende den Menschen das Geld aus der Tasche zieht.

„#Den Rechten die Suppe versalzen“

Abgeschottet von der Polizei, hinter dem straßensäumenden Wäldchen, hört man die Gegendemonstranten der Antifa. Mit ihrer lauten Techno-Musik hoffen sie, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Banner haben sie mitgebracht, auf denen steht: „#Den Rechten die Suppe versalzen“ und „Gegen Rechtsruck und Coronaleugnung“. „I can’t get no sleep“ dröhnt aus den Lautsprechern der „Rave“-Bühne. Die rund 100 Jugendlichen tanzen sich in Trance. Es interessiert sie nicht, warum Eltern und Großeltern auf die Straße gehen. Der Regen lässt die gesamte Szene trostlos erscheinen. An einigen Stellen riecht es nach Haschisch. Das reale Leben scheint für viele weit weg zu sein.

Die Straße des 17. Juni hat sich inzwischen geleert. Die Wasserwerfer kamen nicht zum Einsatz. Die Dusche von oben hat die Menschen abziehen lassen. Später sammeln sie sich erneut auf der Kurfürstenstraße, Potsdamer Straße, Alexanderplatz und am Breitscheidplatz. Auch in der Nähe des Regierungsviertels und auf der Leipziger Straße werden sie gesehen. Offenbar passiert alles spontan.

17 Uhr zurück auf dem Olympiaplatz. Man traut den Augen kaum. Die Teilnehmer des Autokorsos warten immer noch auf die Freigabe durch die Polizei. Sechs Stunden haben sie geduldig ausgeharrt. Die Polizei habe immer wieder penibel in die Autos geschaut, um die Einhaltung der Maskenpflicht festzustellen, sollte man zu mehreren Haushalten gehören, sagt Torsten aus Hamburg.

Die Leute fühlen sich hingehalten, haben aber ihren Humor nicht verloren. Aus Lautsprecherboxen ertönt das Kinderlied: „Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?“

Die Polizei vor Ort erklärt, dass die Route bisher nicht freigegeben wurde „aufgrund der vielen unerlaubten Versammlungsteilnehmer, die die Stadt blockiert haben“. Jetzt habe man eine Alternativroute gefunden. Wenn diese vom Versammlungsleiter akzeptiert würde, dann gehe es gleich los. Und so geschah es dann auch.

Dieser Artikel erschient in der Wochenzeitung Ausgabe KW31. In der ursprünglichen Version gab es einen geschichtlichen Fehler um die Olympischen Spiele in Berlin, der korrigiert wurde.



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion