Frankreichs Orakel-Dorf: „Le Pen führt hier bis zu 50 Prozent“

Von 23. April 2017 Aktualisiert: 7. Mai 2017 9:00
Ein Dorf in Frankreich wählt immer den kommenden Präsidenten und gilt deshalb als Wahlorakel. Jetzt hat dort Marine Le Pen starken Rückhalt.

Ein burgundisches Dorf mit 1.700 Einwohnern gilt als Wahl-Orakel der Franzosen: Der Ort hat seit über 30 Jahren fast ausnahmslos das Wahlergebnis des Landes widergespiegelt – manchmal bis auf ein Hundertstel genau.

Seit 1974 wählte Donzy bei Parlamentswahlen wie der Rest des Landes – und seit 1981 bei sieben Präsidentschaftswahlen. Der einzige Ausrutscher war 2012, als der Ort zuerst für Sarkozy stimmte, in Runde zwei jedoch für Hollande.

Als Marine Le Pens Vater, Jean Marie Le Pen, 2002 zur Präsidentschaftswahl antrat, bekam er in Dozny in der ersten Runde 16,86 Prozent und 16,87 Prozent landesweit. Danach verlor der ehemalige Front-National-Chef gegen Jaques Chirac. Aktuell hat Marine Le Pen in dem Ort eine starke Anhängerschaft.

Was der Bürgermeister sagt

Bürgermeister Jean-Paul Jacobs bestreitet den Orakel-Ruf seines Ortes: „Wir können nicht behaupten, dass wir repräsentativ für das Land sind. Hier ist ein ländliches Dorf, mit vielen Bauern, eher älteren Menschen und fast keiner Einwanderung“, sagte er dem Sender „20minutes“. Gänseleber und Ziegenkäse werden dort hergestellt. Es gibt eine Regenschirmfabrik, drei Schulen, drei Bistros und ein Altenheim.

Das größte Problem des Bürgermeisters ist gerade, Ersatz für den Arzt zu finden, der demnächst in Rente geht.

Alles in allem ist es ziemlich gut, in Donzy zu leben und die Menschen können leben – wenn auch in einer sehr bescheidenen Weise. Aber wie alle anderen, sehe auch ich eine hemmungslosere Redeweise unter einigen lokalen Persönlichkeiten, die ungeniert wiederholt sagen, dass sie FN wählen. Unvermeidlich sagen die anderen dann am Ende, ‚wenn er es tut, warum sollte ich nicht auch?'“

Le Pen führt hier mit 40-50 Prozent“

„Marine Le Pen führt und wird hier zwischen 40 und 50% in der zweiten Runde machen“, sagt Didier, ein Wirt, der das wichtigste Bistro im Ort führt. Er trifft jeden Tag die Bevölkerung – Landwirte, Senioren, Ladenbesitzer.

Sicher würde es mich stören, den Euro zu verlassen“

Auch der Chef eines Familienunternehmens scheint wenig beunruhigt: „Falls Le Pen die Präsidentschaft gewinnt, wäre dies eine Kohabitation,“ sagt Pierre de Jean, der mit 15 Mitarbeitern hochwertige Schirme herstellt, die sich besonders gut in Russland und China verkaufen.

„Sicher würde es mich stören, den Euro zu verlassen“, meint er. „Man spürt eine Atmosphäre des Rückzug in sich selbst, die nicht gesund ist. Ich bin für eine globalisierte Welt – natürlich mit einigen Regeln zur Kontrolle.“

Globalisierung hat viele Verlierer”

Ein gewisser Jean-Michel, der seine Meinung nicht zu erkennen gab, sagte:

„Hier sehen wir jeden Tag, wie es bergab geht, die Globalisierung hat zu viele Verlierer erschaffen und die Leute haben davon die Nase voll. Macron wird das nur weiter anheizen. Ein Ex-Banker, der Wirtschaftsminister unter Holland war, weit weg von den Pariser Problemvierteln, wer wird den schon wählen? Le Pen wird ein sehr hohes Ergebnis einfahren.“

Landarbeiter Mickael, 30, meinte zum „Telegraph“: „Ich will radikale Veränderung. Ich wähle Le Pen.“ Zur Begründung sagt er: „Ich jongliere mit zwei Jobs, um über die Runden zu kommen. Ich fahre mit meinen Kindern nicht in die Ferien. Ich bin das arbeitende Frankreich, auf das niemand schaut und auf das niemand hört.

Die Buchhalterin des Altenheims Frédérique Charpin, 31, sagte: „Die Leute haben genug von der Art und Weise, wie das politische System Frankreichs organisiert ist“. „Warum nicht alles ändern mit Marine Le Pen?“, fragt sie – und fügt sogleich hinzu, dass sie nicht glaube, das Le Pen die entscheidende zweite Runde gewinnt.

Wenn wir den Euro verlassen könnten …“

Ein wenig weiter entfernt sprach „20minutes“ mit Evelyne Monnot, einer Firmenchefin am Grosse-Borne Steinbruch: „Aus dem Euro kommen wir nie raus, aber wenn, dann würden wir überleben. Europa schützt uns nicht. Wenn man den Selbstkostenpreis der eigenen Produktion mit dem vergleicht, was im Ausland an Dumpingpreisen praktiziert wird, dann tut es weh. Was wir brauchen, ist jemand, der kleinen Unternehmen Flexibilität gibt“, sagt Monnot. Klingt sehr nach dem Wirtschaftsprogramm des FN. Auf die Frage, ob sie Le Pen wählen wird, wich sie mit einem nervösen Lächeln aus.

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