Nahostexperte: Islamisten verlieren an Rückhalt unter Muslimen – und ändern ihre Strategie für Europa

Von 23. November 2019 Aktualisiert: 24. November 2019 12:23
Analyst Gilles Kepel zeigt sich im Interview mit der NZZ optimistisch, dass sich derzeitige Protestbewegungen in der arabischen Welt nicht mehr von islamischen Extremisten vereinnahmen lassen. Grund zur Beruhigung gibt es jedoch nicht, in Frankreich wollen salafistische Enklaven Bürgerkrieg erreichen.

Gilles Kepel ist Jahrgang 1955 und profilierter Experte zu Themen wie radikaler Islam, Dschihadismus und Naher Osten. Sein jüngstes Buch ist jüngst unter dem Titel „Chaos: Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen“ auch auf Deutsch erschienen. Mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) hat er über die Entwicklung jüngster Protestbewegungen in Ländern wie Algerien, Irak oder Libanon gesprochen.

Gegenüber dem „Arabischen Frühling“, so meint Kepel, hätten die Protestbewegungen dazugelernt. Außerdem sei ihre Basis breiter. Dass die Machtapparate nicht mehr einfach zerschlagen könnten, kristallisiere sich zunehmend heraus.

Diesmal sei er aber auch optimistisch, dass es für Muslimbrüder und Salafisten nicht mehr so einfach sein werde, den Protest zu unterwandern – und damit Reaktionen wie den blutigen Putsch 2013 in Ägypten heraufzubeschwören.

„Das Problem der Aufstandsbewegungen von 2010/2011 war, dass sie von Gruppen getragen wurden, die über keine wirkliche Verankerung in der Gesellschaft verfügten: gut ausgebildete, mehrsprachige junge Menschen, denen es gelang, die sozialen Netzwerke zu ihren Gunsten zu nutzen. Doch sie schafften es nicht, die Gesellschaft als Ganzes zu erreichen – außer vielleicht in Tunesien, wo es der Protestbewegung aus dem Hinterland gelang, mit den städtischen Mittelschichten einen Pakt einzugehen.“

In Kairo waren Mittelschicht und Landbevölkerung außen vor

Am Tahrir-Platz in Kairo sei es zwar gelungen, ein dauerndes Spektakel zu veranstalten, die Mittelschicht oder ländliche Bevölkerung habe jedoch kaum Notiz davon genommen.

Andernorts gelang dies nicht. Der Tahrir-Platz in Kairo glich einem dauernden Spektakel, aber die breite Bevölkerung war davon ausgeschlossen. Nun rebelliere jedoch eine junge Mittelschicht, die zwar – wie im Libanon – über eine teils akademische Ausbildung auf hohem Niveau verfüge, die sie auf dem Weltmarkt durchaus konkurrenzfähig mache, aber zu Hause keine Arbeit garantiere.

Kepel, gegen den eine Todes-Fatwa des „Islamischen Staates“ (IS) gilt, zeigt sich jedoch nicht nur optimistisch dahingehend, dass der radikale Islam derzeitige Protestbewegungen nicht mehr zu vereinnahmen schafft. Er sieht auch Saudi-Arabien unter Kronprinz Mohammed bin Salman als eine positive Kraft, wenn es darum geht, den Salafismus zurückzudrängen.

Dies sei auch dem Umstand geschuldet, dass die USA dank ihrer Politik der Energieunabhängigkeit die Erdölrente, von der die Saudis jahrzehntelang gut leben konnten, verringert hatten.

USA zwangen mit ihrer Energiepolitik die Saudis zur Kehrtwende

Nun seien diese gezwungen, ihr wirtschazftliches Modell zu überdenken, wenn sie überleben wollten. Und bin Salman sei nicht mehr auf das Wohlwollen der Extremisten angewiesen. Kepel erklärt den derzeitigen Zustand wie folgt:

„Es bedeutet, dass die Menschen in Saudiarabien arbeiten müssen, anstatt bloß eine Rente zu beziehen; auch die Frauen. Den Frauen die Möglichkeit zur Erwerbsarbeit zu geben, heißt aber, mit der salafistischen Ideologie zu brechen, die sich strikt dagegenstellt sowie gegen alles, was die traditionelle Rolle der Frau unterminiert. Heute kommt den Salafisten keine Schlüsselrolle mehr zu bei der Legitimation der Herrschaft von Mohammed bin Salman. Er hat sogar seinen wichtigsten Ulema, also islamischen Religionsgelehrten, Mohammed bin Aissa, auf eine Art Pilgerfahrt nach Auschwitz geschickt.“

Die Botschaft, die davon ausgehe, sei klar: Die neuen Herrscher des Königreichs wollten die Politik der Nichtanerkennung der Shoah beenden. Zudem entsende Salman Emissäre nach Europa, um den muslimischen Gemeinschaften klarzumachen, dass sie die Gesetze ihrer Gastländer respektieren müssten und die Scharia dort nicht anwenden dürften. Es werde künftig deutlich weniger Geld aus dem Königreich für salafistische Bewegungen geben.

Salafistische Enklaven in Frankreich wollen Bürgerkrieg

Entwarnung geben könne man jedoch nicht. Der Salafismus in Europa sei weniger als früher auf Finanzierung von außen angewiesen. Die Extremisten verfolgten eine neue Strategie – und zwar eine der Spannung:

„In Frankreich gibt es heute salafistische Enklaven, die ein echtes Problem für westliche Demokratien sind. Sie stellen ein Vermächtnis von Abu Musab al-Suri dar, dem bedeutendsten Ideologen des IS. Mittels solcher Enklaven, die im Widerspruch zu den Werten der Gesellschaft des Gastlandes stehen, und mit Attentaten auf Zivilisten und zivile Einrichtungen soll eine Fragmentierung der westlichen Gesellschaft provoziert werden. Auf diese Weise wollen Extremisten heftige Reaktionen bei Anhängern der extremen Rechten hervorrufen, einen Bürgerkrieg auslösen und so Europa von innen heraus zerstören.“

Aber auch in Europa gebe es Gegenbewegungen – nicht zuletzt in den islamischen Communitys selbst. Diese wehrten sich zunehmend gegen die streng wörtliche Lesart der islamischen Lehre, wie sie Al-Kaida oder der IS propagierten.

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