Fachkräftemangel spitzt sich trotz schwieriger Wirtschaftslage zu

Rund zwei Millionen Jobs in Deutschland sind vakant. Laut der Deutschen Industrie- und Handelskammer sucht jedes zweite Unternehmen händeringend nach Personal. Das hat inzwischen auch finanzielle Auswirkungen.
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Jedem zweiten Unternehmen in Deutschland fehlen aktuell Fachkräfte. Symbolbild.Foto: iStock
Von 18. Januar 2023

Trotz der schwierigen Wirtschaftslage wird der Fachkräftemangel in Deutschland zu einem immer drängenderen Problem. Zu diesem Ergebnis kommt der am vergangenen Donnerstag von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) veröffentlichte DIHK-Fachkräftereport. Mehr als die Hälfte von fast 22.000 Unternehmen gaben demnach an, nicht alle offenen Stellen besetzen zu können. Laut DIHK sei das ein Rekordwert.

Fast 100 Milliarden Wertschöpfungsverlust

„Wir gehen davon aus, dass in Deutschland rund zwei Millionen Arbeitsplätze vakant bleiben“, berichtete Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse. Das entspräche einem entgangenen Wertschöpfungspotenzial von fast 100 Milliarden Euro.

Gesundheits- und Sozialdienstleister am höchsten betroffen

Hoch fällt der Personalmangel beispielsweise in der Industrie und der Bauwirtschaft aus. Hier klagen 58 Prozent der Unternehmen über Stellenbesetzungsprobleme. Besonders betroffen seien in diesem Segment die Produzenten von Maschinen und Anlagen zur Herstellung anderer Güter sowie von Spitzen- und Hochtechnologie. Der Fachkräftemangel dort beeinträchtige schon heute wichtige Vorhaben wie den Ausbau der Elektromobilität oder erneuerbarer Energien.

Wenn der Prozentsatz der Bauwirtschaft immer noch sehr hoch ist, hat er sich im Vergleich zu 2021 jedoch abgeschwächt. Im Jahr 2021 lag er noch bei 66 Prozent. Die Fachkräftelücke in den Industrieunternehmen ist größer geworden. Betrug sie 2021 noch 53 Prozent, so ist sie im Jahr 2022 um fünf Prozent angestiegen.

Im Dienstleistungsbereich sind es 52 Prozent der Unternehmen, die von Problemen bei Stellenbesetzungen berichten. Richtig hart trifft es allerdings die Gesundheits- und Sozialdienstleister. Laut DIHK haben in der Umfrage 71 Prozent Stellenbesetzungsprobleme angegeben. Das sind vier Prozent mehr als im Jahr 2021.

Die Branche Verkehr und Logistik ist ebenfalls stark betroffen. Hier suchen 65 Prozent der Unternehmen vergeblich nach Personal. Laut dem stellvertretenden DIHK-Hauptgeschäftsführer, Achim Dercks, erschwere der Mangel schon heute die pünktliche Belieferung von Handel und Industrie.

Im Gastgewerbe klagten 60 Prozent der Betriebe über Engpässe. Das führe laut DIHK schon heute dazu, dass vielerorts Angebote und Öffnungszeiten reduziert werden.

Große Probleme bei dualer Ausbildung

Besonders bei der Einstellung von Fachkräften mit dualer Berufsausbildung (48 Prozent) und Auszubildenden (39 Prozent) scheitern Unternehmen bei der Stellenbesetzung. Personal mit Weiterbildungsabschluss suchen 37 Prozent der Unternehmen mit Besetzungsproblemen erfolglos. Jedes dritte Unternehmen hat Probleme bei der Besetzung von Hochschulabsolventen. 31 Prozent der Betriebe können allerdings auch keine Stellen für Menschen ohne Berufsabschluss besetzen. Letzteres zeigt, dass auch in diesem Segment durchaus Beschäftigungschancen bestehen.

Derks weist in einer Presseerklärung seines Verbands auf dieses enorme Potenzial hin. „Menschen ohne Berufsabschluss sind in Branchen wie Verkehr, Sicherheitswirtschaft, Reinigungsdiensten et cetera durchaus gefragt. Erstrebenswert ist im Interesse einer nachhaltigen Vermittlung natürlich auch eine arbeitsmarktnahe Weiterbildung beziehungsweise Umschulung. Gerade für mittelständische Unternehmen müssen entsprechende Angebote der Arbeitsagenturen einfacher zugänglich werden.“

„Gefährliche Mischung“ unter der Oberfläche

„Die derzeit noch stabile Arbeitsmarktentwicklung und die vielen offenen Stellen dürfen nicht zu dem Fehlschluss verleiten, alles laufe relativ rund und den meisten Unternehmen gehe es gut.“, sagt Dercks weiter. Unter der Oberfläche braue sich seit geraumer Zeit eine „gefährliche Mischung“ zusammen.

Der Fachkräftemangel erhöhe beispielsweise die Herausforderungen zur Finanzierung der öffentlichen Haushalte. In Kombination mit hohen Energiepreisen und den Herausforderungen der Transformation in Richtung Klimaneutralität könnten die immer größeren Personalengpässe bis hin zur Verlagerung von Produktion und Dienstleistungen ins Ausland führen. Im Klartext heißt das: Die jetzige Situation könnte den Wirtschaftsstandort Deutschland so unattraktiv machen, dass Unternehmen ins Ausland abwandern oder gar nicht erst überlegen, sich in Deutschland anzusiedeln.

Der Fachkräftemangel hat aber nicht nur Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland, die öffentliche Hand ist ebenso betroffen. Dercks spricht gegenüber „ZDFheute“ von 30 Milliarden Euro an Steuern und Sozialbeiträgen, die nicht zur Verfügung stünden.

Rahmenbedingungen müssen auf den Prüfstand

Die befragten Unternehmen sind sich einig, dass die Rahmenbedingungen in Deutschland auf den Prüfstand gestellt werden müssen. Auf die Frage, welche Rahmenbedingungen bei der Fachkräftesicherung helfen würden, nannte mit 52 Prozent mehr als jeder zweite Umfrageteilnehmer den Bürokratieabbau. Würde die Regierung beispielsweise von Berichts-, Dokumentations- oder Meldepflichten entlasten, dann könnte sich das Personal intensiver um die eigentlichen betrieblichen Aufgaben kümmern.

Auf Platz zwei der Wunschmaßnahmen rangierte laut DIHK die Stärkung der beruflichen Bildung. 46 Prozent der befragten Betriebe nannten in der Umfrage genau diesen Punkt.

Jedes dritte Unternehmen erhofft sich von einer erleichterten Einstellung ausländischer Fach- und Arbeitskräfte eine Verbesserung seiner Lage. 31 Prozent gaben an, dass die bessere Qualifizierung und Vermittlung von Arbeitslosen ein Weg sein könnte, neue Fachkräfte für das Unternehmen zu gewinnen.

Für 24 Prozent der Befragten wäre auch eine gesteigerte Attraktivität der Region zum Leben und Arbeiten hilfreich, um neues Personal zu gewinnen und im Unternehmen zu halten. Der Ausbau der digitalen Infrastruktur, die bedarfsgerechte Erweiterung der Betreuungsangebote und eine flexiblere Beschäftigung älterer Menschen wären für 22 Prozent der Unternehmen ein Weg aus der Personalmisere.

„Wir müssen die Betreuungsinfrastruktur und -angebote weiter ausbauen und flexibilisieren“, so Dercks. „Die Betreuungslücke für unter Dreijährige liegt immer noch bei fast 270.000. Würden die aktuell in Teilzeit beschäftigten Frauen ihre Arbeitszeit um durchschnittlich zwei Stunden pro Woche erhöhen, entspräche das rechnerisch etwa 500.000 zusätzlichen Ganztagsstellen.“

Fachkräftegewinnung im Ausland erleichtern

Was die Fachkräftegewinnung im Ausland betrifft, so hat das Auswärtige Amt offenbar vor, zu reagieren. Laut einem Bericht der „Zeit“ ist mehr Einsatz von Personal und Digitalisierung im Bereich der Visavergabe geplant.

Die Wochenzeitung beruft sich hierbei auf ein internes Arbeitspapier des Ministeriums, das der Funke-Mediengruppe vorliegt. Wie es in dem Papier demnach heißt, sind mehr als hundert zusätzliche Visa-Entscheider sowie lokale Beschäftigte an den Auslandsvertretungen nötig, „wenn wir bei den Fachkräftevisa pro Jahr 50.000 bis 100.000 mehr Visaanträge bearbeiten wollen“.

Das gesamte Visaverfahren soll daher digital ausgestaltet werden. Bisher erfolgt die Antragsstellung in fast allen Fällen in Papierform.

Weiter plant das Außenministerium die Stärkung des Bundesamts für Auswärtige Angelegenheiten (BfAA) und eine bessere Vernetzung dieser Behörde mit den Innenbehörden. „Unser Ziel ist es, bis Ende 2024 circa 100.000 an im BfAA entschiedenen Visa jährlich zu erreichen und damit die dort bearbeiteten Anträge innerhalb von vier Jahren zu vervierfachen“, heißt es in dem Aktionsplan.

Jährlich 400.00 zusätzliche Fachkräfte

Laut Prognosen, auf die sich das Auswärtige Amt beruft, benötige Deutschland jährlich 400.000 zusätzliche Fachkräfte. Deshalb möchte das Ministerium auch Deutschkurse im Ausland ausbauen. Weiter soll die Zusammenarbeit zwischen den Behörden in Deutschland und den Auslandsvertretungen verbessert werden. Ein großes Augenmerk soll hier auf das Thema Familiennachzug gelegt werden. Viele dieser Arbeitskräfte und ihre Familien brauchen vor der Einreise demnach ein Visum für den Aufenthalt in Deutschland.

Um zukünftig das Visaverfahren für Fachkräfte und deren Familienangehörige zu beschleunigen, soll für weitere „ausgewählte visumsbefreite Länder“ die visumfreie Einreise „zur unmittelbaren Arbeitsaufnahme“ ermöglicht werden. Zudem sollen „effektive Instrumente“ für humanitäre Aufnahmen aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland durchgesetzt werden.



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