Heute vor 10 Jahren begann die Finanzkrise – Das Finanzsystem ist ebenso verwundbar wie damals

Epoch Times14. September 2018 Aktualisiert: 14. September 2018 12:42
Die Lage an den Finanzmärkten sei heute genau so gefährlich wie zu Beginn der Finanzkrise im September 2008, schätzt der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet. Die Verschuldung ist extrem hoch.

Der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, schätzt die Lage an den Finanzmärkten heute genau so gefährlich ein wie zu Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren. Die Verschuldung der Schwellenländer mache das Finanzsystem heute „so verwundbar wie 2008 – wenn nicht noch mehr“, sagte Trichet der Nachrichtenagentur AFP. Mitte September 2008 hatte die US-Investmentbank Lehman Brothers Konkurs angemeldet und damit den Beginn der Finanzkrise markiert.

„Es ist mittlerweile herrschende Meinung, dass die massive Überschuldung in den Industriestaaten ein wesentlicher Faktor für das Ausbrechen der Finanzkrise 2007 und 2008 war“, sagte der heute 75-Jährige, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) von 2003 bis 2011.

„Das Wachstum der Verschuldung – vor allem der Privathaushalte – hat sich in den Industrieländern zwar verlangsamt.“ Doch das werde wettgemacht durch die Verschuldung der Schwellenländer.

Das macht das weltweite Finanzsystem insgesamt mindestens so verwundbar wie 2008, wenn nicht mehr.“

Die Banken liehen sich kein Geld mehr

Trichet war der zweite Präsident seit Gründung der EZB, als Lehman Brothers zusammenbrach. „Ich habe den wahren Beginn der Krise, die über der Welt zusammenbrach, schon am 9. August 2007 erkannt“, sagte er AFP. Am Morgen dieses Tages „hörte der Geldmarkt unter Banken komplett auf zu funktionieren“.

Anzeichen gab es schon vorher. Doch im Sommer 2007 wurde klar, dass die Spekulation mit US-Immobilienkrediten nicht nur US-Banken Probleme bereitet. Ende Juli konnte die deutsche Mittelstandsbank IKB nur mit staatlicher Hilfe in Höhe von mehr als drei Milliarden Euro vor dem Kollaps gerettet werden. Sie hatte massiv in komplexe US-Finanzinstrumente investiert.

Am 9. August fror die französische Großbank BNP Paribas drei ihrer Investmentfonds in den USA ein, nachdem der Verlust binnen weniger Tage auf 400 Millionen Euro angewachsen war. Furcht und Hektik machten sich breit, die Banken liehen sich gegenseitig kein Geld mehr.

Das hatte es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben“, sagte Trichet – „keine Transaktion zwischen Banken mehr, kein Zins mehr“.

Die EZB steuerte sehr schnell 95 Milliarden Euro bei

Er und seine Kollegen hätten damals entschieden, den Banken die von ihnen geforderte Liquidität zur Verfügung zu stellen. Rund 50 Geschäftsbanken verlangten die bislang unvorstellbare Summe von 95 Milliarden Euro – und bekamen sie.

„Ich war an dem Tag in der Bretagne, in meinem Sommerhaus – aber in dauerndem Kontakt mit der EZB und den Ratsmitgliedern“, erzählte Trichet. „Wir haben die Entscheidung binnen zweieinhalb Stunden getroffen.“ Sie sei „extrem wichtig“ gewesen, denn sie zeigte: „Die EZB kann sehr schnell extrem mutige Entscheidungen treffen.“

„Es gab zwei Schulen: Die einen glaubten, die Subprime-Krise sei das Vorzeichen von etwas noch Schlimmerem, die anderen, es handle sich nur um die Korrektur des Marktes, eher gesund und ohne systemische Auswirkungen. Ich gehörte zur ersten Schule.“

Tatsächlich verschlimmerte sich die Krise, die Pleite von Lehman Brothers am 15. September 2008 „war der Zünder“, sagte Trichet. Er und seine Zentralbankkollegen in den USA und weltweit „waren in einer Dauerkonferenz“. „Wir haben erläutert, dass die Pleite von Lehman katastrophale Folgen haben würde. Aber ich verstehe, dass die US-Regierung Lehman nicht retten wollte, wenn es keine privatwirtschaftliche Lösung gab.“ Die US-Regierung habe damals nicht den politischen Willen gehabt, mit Steuergeldern einzuspringen. „Da habe ich mich auf die Katastrophe vorbereitet.“

Lehman Brothers – die größte Pleite des US-Geschichte

Die US-Investmentbank Lehman Brothers hinterließ damals einen Schuldenberg von weit über 600 Milliarden Dollar und 25.000 schockierte Angestellte. Es war die größte Pleite der US-Geschichte.

An der Wall Street gab der Aktienindex Dow Jones um 500 Punkte nach – der größte Kurssturz seit den Terroranschlägen von 2001. Bilder von Bankern, die mit ihren Habseligkeiten unter dem Arm noch am selben Tag die Bank verlassen, wurden zum Symbol der Krise.

„Wir haben das nicht kommen sehen!“, sagte damals eine Angestellte von Lehman Brothers in London. Doch andere sahen es. Der frühere Börsenmakler und Autor Lawrence McDonald ist überzeugt, dass das Management der Bank seit langem um die immensen Risiken wusste, die sie für kurzfristige Profite aufnahmen.

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„Sie haben uns mit 250 Stundenkilometern direkt auf den größten Eisberg von faulen Krediten zufahren lassen“, sagte er AFP 2009.

Hausbesitzer konnten ihre Schulden nicht mehr zahlen

Zwischen 2005 und 2007, inmitten der Immobilienblase in den USA, machte die Bank noch gutes Geld. Damals wurden im großen Umfang schlecht abgesicherte Kredite einkommensschwacher Hausbesitzer zu Finanzprodukten gebündelt und mit einer guten Bonität versehen. Ab 2007 aber konnten immer mehr Hausbesitzer ihre Darlehen wegen steigender Zinsen nicht mehr abbezahlen – die faulen Kredite aber wurden weiter zu Wertpapieren gebündelt und von Bank zu Bank als Geldanlage weitergereicht.

Mitte 2007 begann Lehman, Verluste anzuhäufen. Neun Monate später knickte als erste Wall-Street-Größe die Investmentbank Bear Stearns ein – sie wurde später unter Aufsicht der Notenbank Fed an den Rivalen JPMorgan Chase verscherbelt. Der Deal sendete Schockwellen durch die Finanzmärkte, die von da an auf den Niedergang von Lehman wetteten.

Am 9. September scheiterten Verhandlungen über den Einstieg einer koreanischen Staatsbank, daraufhin rauschte die Lehman-Aktie in den Keller und verlor die Hälfte ihres Werts. Am 10. September vermeldete die über hundert Jahre alte Bank einen Quartalsverlust von 3,9 Milliarden Dollar.

Eine Rettungsaktion war für die US-Regierung unter George W. Bush nicht zu bewältigen

Kurz vor dem dramatischen Wochenende wurde dann bekannt, dass die Fed und das Finanzministerium in Gesprächen mit privaten Investoren über einen Einstieg waren. Doch auch Verhandlungen mit der Bank of America und der britischen Barclays scheiterten – womöglich, weil diesmal nicht mit staatlicher Unterstützung zu rechnen war: Washington lehnte eine Rettung ab.

„Wir sind sehr dafür kritisiert worden, dass wir Lehman Brothers haben Insolvenz anmelden lassen“, sagte dazu einmal Henry Paulson, der damals unter Präsident George W. Bush Finanzminister war. Doch laut Regierung war die Großbank so angeschlagen und hatte so wenig Sicherheiten, dass eine Rettungsaktion zu riskant und schlicht nicht zu bewältigen war.

„Auch im Vergleich zu anderen Banken war Lehman unglaublich schwach“, sagte dazu kürzlich Timothy Geithner, der damals die New Yorker Fed leitete und später Finanzminister unter Präsident Barack Obama wurde. Es sei „sehr schwierig“ gewesen, in dieser unsicheren Phase einen soliden Käufer zu finden, der ein so hohes Risiko tragen wollte.

Nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Laurence Ball von der Johns Hopkins University waren weitere Faktoren entscheidend: Der politische Druck auf die Fed, Lehman fallen zu lassen, sei zu groß gewesen, die Kritik der steuerzahlenden Öffentlichkeit an der staatlichen Rettung mehrerer Banken zu laut. Und nicht zuletzt hätten wohl beide, Paulson und die Fed den Schaden nicht kommen sehen, den Lehman schließlich anrichten würde. (afp)

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