Hier in Stuttgart kam es vor SWR-Gebäude zu Lügenpresse»-Rufen. Auch dieser Teilnehmer ist mit der Berichterstattung der Medien nicht zufrieden.
In Stuttgart kam es vor dem SWR-Gebäude am 22. Januar 2022 zu „Lügenpresse“-Rufen. Auch dieser Teilnehmer ist mit der Berichterstattung der Medien nicht zufrieden.Foto: Christoph Schmidt/dpa

Zweiter langjähriger SWR-Mitarbeiter geht an die Öffentlichkeit

Von 26. Januar 2022 Aktualisiert: 26. Januar 2022 20:14
Mit einer Sprachnachricht und einem offenen Brief wendet sich der langjährige SWR-Mitarbeiter Martin Ruthenberg an die Öffentlichkeit.

„Heute ist Sonntag, der 9. Januar 2022. Ich bin Martin Ruthenberg und ich bin fassungslos vor Wut.“ Mit diesen Worten beginnt die Sprachnachricht des langjährigen SWR-Mitarbeiters.

Der Südwestrundfunk ist die zweitgrößte öffentlich-rechtliche Sendeanstalt Deutschlands im Verbund der ARD. Bis vor Kurzem habe ich selbst dort als Redakteur gearbeitet. Ich kenne Martin Ruthenberg seit Oktober letzten Jahres, als ich mich, wie er jetzt, in einem offenen Brief kritisch zur Corona-Berichterstattung geäußert habe.

Er war einer der ersten von vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich bei mir nach der Veröffentlichung gemeldet haben. Der Anfang seiner damaligen Mail spricht Bände:

„Ist das wirklich wahr, dass es endlich jemand aus unseren Reihen riskiert, sich öffentlich kritisch zur Corona-Berichterstattung zu äußern? Oder ist das jetzt ein Fake? Sie sehen, ich kann es kaum glauben. Dabei hätte ich fast geheult, als ich Ihren offenen Brief auf der Seite des Multipolar-Magazins gelesen habe. Die Berichterstattung habe ich auch von Anfang an kritisch verfolgt, immer wieder einzelne Kolleginnen und Kollegen (mehr oder weniger vorsichtig) darauf angesprochen und meistens Unverständnis geerntet.“

Protest in Freiburg als Auslöser

Nach langem Abwägen und dem Versuch innerhalb des SWR einen angstfreien Dialog zu ausgewogener Berichterstattung anzuregen, tritt Martin Ruthenberg jetzt an die Öffentlichkeit mit einer fünfzehnminütigen Sprachnachricht, die er in sozialen Medien geteilt hat.

Der Auslöser für seine Wut ist die Berichterstattung des SWR über den Protest gegen die Corona-Politik in Freiburg, der am Samstag 6.000 Menschen auf die Straßen gebracht hat.

Der Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn (parteilos) spricht im SWR-Interview von „Corona-Leugnern und Leugnerinnen“, die wie Spaltpilze in der Gesellschaft wirkten. Er sieht eine Radikalisierung, die „alle Grenzen überschritten hat.“

Ruthenberg war selbst auf der Demo und kann diese Schilderung nicht nachvollziehen. Für ihn sind die Worte des Freiburger Oberbürgermeisters geschmacklos und diffamierend. Vielmehr mache dieser dreiminütige Beitrag in exemplarischer Weise deutlich, wie Medien und Politik seit dem Beginn der Corona-Krise funktionieren, erklärt er. Mit bestimmten Framings und Narrativen werde die öffentliche Meinung gelenkt. Als Beispiel nennt er den Begriff „Corona-Leugner“:

„Ich habe in diesen ganzen zwei Jahren nicht einen einzigen Menschen getroffen, der Corona geleugnet hat. Der Begriff ‚Corona Leugner‘ ist ein Kampfbegriff, den die Medien in unserer Gesellschaft salonfähig gemacht haben. Ich weiß, dass Menschen an Corona gestorben sind und immer noch sterben und vermutlich auch in Zukunft sterben werden.“

Ein interner Brief an die Geschäftsleitung

Martin Ruthenberg ist vielmehr jemand, der in zeitaufwendigen Recherchen nach Antworten sucht auf Fragen und Widersprüche, die ihm in der Berichterstattung begegnen.

Zunehmend hat er sich dabei unwohl in seinem Job als Nachrichtensprecher gefühlt. In einem internen Brief an die Geschäftsleitung des SWR hat er am 1. November 2021 darauf hingewiesen:

„Seit nun mehr als anderthalb Jahren mache ich beim Lesen der Nachrichten für SWR2 und SWRAktuell einen geistigen Spagat zwischen meiner persönlichen Wahrnehmung und den Inhalten, die ich als Sprecher nicht verantworte. Dabei ist es für mich immer außer Frage gestanden, dass ich dem SWR und meinen Kolleginnen und Kollegen gegenüber loyal sein möchte. Gleichzeitig ist es mir sehr schwergefallen, täglich wiederkehrend aktuelle Todeszahlen zu verlesen; so nackt und ohne Bezugsgröße verkündet, geht ihr Informationsgehalt gegen null.

Die bedauerliche Anzahl der Toten verbreitet vor allem Angst. Schwerer wiegt allerdings das, was nicht gesagt wird, denn dies ist ja das eigentlich Interessante und Wichtige. Damit meine ich Standpunkte, die von der Mehrheitsmeinung abweichen. Minderheiten hatten es noch nie leicht, zu Wort zu kommen. Seit Beginn der Krise beobachte ich eine verstärkte Tendenz, deren Meinungen – im besten Fall – zu ignorieren. Auch sind mir immer wieder reflexhafte Abwehrreaktionen aufgefallen, Schutzmechanismen, die völlig natürlich sind, wenn wir Angst haben.

Gleichzeitig ist Angst der mächtigste Hebel, um Menschen dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie nicht tun würden, solange sie sich frei und sicher fühlen. Dass wiederum andere diesen Hebel für ihre Interessen missbrauchen können, liegt auf der Hand. Dies geschieht umso häufiger, je mehr Menschen in Angst leben.

Zwangsläufig wird es in einer solchen Krise mehr Manipulationsversuche geben, die auch mit einer Umverteilung von Macht einhergehen. Es ist also mehr Wachsamkeit geboten als sonst, nicht zuletzt auf der Seite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Auch deshalb müsste es in so einer Situation mehr Meinungsvielfalt geben als sonst und die Grundrechte müssten noch sorgsamer geschützt werden.

In meiner Wahrnehmung ist das Gegenteil der Fall. Ein öffentlicher Diskurs, der diese Bezeichnung verdient, ist für mich nicht mehr erkennbar. Gleichzeitig stehen die Grundrechte in einer Weise zur Disposition, als sei dies vollkommen selbstverständlich.“

Der Nachrichtensprecher und Moderator bittet in seinem Schreiben um die Aufnahme eines angstfreien Diskurses innerhalb des SWR. In seiner aktuellen Sprachnachricht erklärt er, der Sender habe das Vertrauensverhältnis zu ihm zerrüttet, da die Geschäftsleitung nicht zur Genüge auf seine Bitte eingegangen sei und auch die Beweggründe für meine Kündigung nicht ausreichend dargestellt habe. Seit Ende Oktober ist er arbeitsunfähig krankgeschrieben. Er behält sich vor, zu kündigen.

Ole Skambraks: Ich bin kein Einzelfall 

Der SWR hat versucht, die von mir geäußerte Meinung als Einzelfall abzustempeln. Durch die zahlreichen Rückmeldungen von Kolleginnen und Kollegen wusste ich, dass dies nicht stimmte. Allerdings war schnell deutlich, dass sich abgesehen von Martin Ruthenberg niemand namentlich äußern wollte, aus Angst vor Repressalien und Jobverlust.

Die fristlose Kündigung, die der SWR gegen mich ausgesprochen hat, muss auf die kritisch denkenden Menschen im öffentlich-rechtlichen System wie ein Betäubungsmittel gewirkt haben, während der SWR nach außen mit einer Dialogveranstaltung Offenheit signalisiert hat.

Martin Ruthenberg ist konsequent für seine Meinung eingetreten und hat versucht, die Dinge intern zu bewegen. Man wird ihm ähnlich wie mir vorwerfen, dass er mit seiner Kritik vorschnell an die Öffentlichkeit gegangen ist. Dabei stellt ein solcher Schritt tatsächlich die Ultima Ratio dar für Menschen, die an der Berichterstattung ihrer Sender verzweifeln.

Diese Menschen sind dem Pressekodex und den Statuten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verpflichtet. Sie merken, wir befinden uns mittlerweile so weit davon im Abseits, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Grundwerte unserer Demokratie infrage gestellt sind.

Es sind nicht wenige. Die Verantwortlichen in den Programmdirektionen täten gut daran, endlich abzurüsten, diese Stimmen wahrzunehmen und ihnen Platz in der Berichterstattung zu geben. Ansonsten gefährden sie nicht nur ihren Programmauftrag, sondern unsere Zukunft in einer lebenswerten Gesellschaft.

Martin Ruthenberg: Offener Brief an die Geschäftsleitung des SWR.



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