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Sportökonom Tolsdorf analysiert aus sportökonomischer Perspektive DopingfälleFoto: UWH

„Drogendealerringe sind besser organisiert“

Über ökonomische Ursachen des Dopings und den angekratzen Mythos vom sauberen Sport

Frank Tolsdorf, Sportökonom an der Privaten Universität Witten/Herdecke, untersucht seit Jahren Dopingfälle in der Leichtathletik. Nach den jüngsten Missbrauchsfällen im Umfeld der Tour de France ist er überzeugt, dass sich seine Erkenntnisse auch auf den Radsport übertragen lassen.

Lesen Sie im folgenden Interview seine Bewertung des Falls Landis:

Herr Tolsdorf, Sie haben Dopingmissbrauch in der Leichtathletik wissenschaftlich untersucht. Dabei kommen Sie zu dem ernüchternden Urteil, dass Doping im System des Leistungssports begründet ist und dass vor allem die Sportverbände ein hohes Maß an Mitschuld tragen. Sind ihre Ergebnisse – Stichwort Floyd Landis – auch auf den Radsport übertragbar?

Tolsdorf: Die Grundlage meiner Untersuchung stütze sich zwar auf Daten aus der Leichtathletik, doch die Ergebnisse lassen sich auf das generelle Problem des Dopings übertragen. Radsport, Leichtathletik, Schwimmen – letztlich handelt es sich bei jeder Sportart um einen Wettkampf. Und die These meiner Untersuchung war, dass die extreme Konkurrenz des Wettbewerbs maßgeblich für das Dopingverhalten von Athleten verantwortlich ist.

Auch im aktuellen Fall konzentriert sich alles wieder auf die Person des Athleten. Sein Fehlverhalten wird in den Medien dargestellt als Tat eines ehrgeizigen Einzelgängers, der an die Spitze wollte. Deckt sich dieses Bild mit ihren Erkenntnissen?

Tolsdorf: Nein. Natürlich steht in den Medien immer das Individuum im Mittelpunkt und wird nach einem positiven Test als gewissenloser Betrüger bezeichnet. Doch das Problem des Dopings ist ein systematisches. Die Medien benötigen Stars mit denen sich Zuschauer, Zuhörer oder Leser identifizieren können. Natürlich sollte dieser Star dann auch noch renommierte Wettbewerbe gewinnen. Wie gewinnt man solche Wettbewerbe? Durch hartes Training und leider eben auch durch Doping. Viele Athleten dopen nicht, weil sie sich einen Vorteil verschaffen wollen, sondern weil sie einen Nachteil ausgleichen wollen. Sie agieren reaktiv. Sportler befinden sich in einem Spannungsfeld – sie wissen nicht ob ihre Konkurrenten gedopt sind. Wenn sich ein Sportler in einem solchen Fall eine Siegchance bewahren will, dann ist der Griff zu Dopingmitteln oftmals der einzige Weg. Austrainiert sind alle Sportler, den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage macht oftmals das Dopingmittel. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von einem Gefangenendilemma.

Kann man inzwischen von einer Dopingindustrie sprechen?

Tolsdorf: Das Beispiel des spanischen Dopingnetzwerkes des in Kalifornien ansässigen BALCO zeigen, dass es sich beim Doping um eine organisierte Industrie handelt. Und der relativ sorglose Umgang mit den Blutkonserven zeigt, dass das Unrechtsbewusstsein der Beteiligten relativ niedrig ausgeprägt ist. Oder die Beteiligten waren sich sicher, dass sie nicht verfolgt werden. Beide Szenarien zeigen deutlich das Ausmaß und die Sorglosigkeit der Dopingindustrie, in welche Sportler, Trainer und Teams verwickelt sind. Die meisten Drogendealerringe sind ungleich besser organisiert.

Welche Rolle spielt der Mythos vom sauberen Sport? Muss er um jeden Preis aufrecht erhalten werden, damit sportliche Großereignissen wie zum Beispiel die Tour de France oder die Olympischen Spiele weiterhin ein ökonomisches Milliardenspiel bleiben?

Tolsdorf: Der Mythos vom sauberen Sport ist ein Marketinginstrument. Umso überraschender ist es, dass jetzt nach der Tour eine Probe von Landis positiv getestet wurde. Für die Veranstalter der Tour wäre eine positive B-Probe eine absolute Katastrophe – man darf gespannt sein, wie sich die Situation weiterentwickelt. Die gesamte Glaubwürdigkeit der Tour steht auf dem Spiel – daran haben die Organisatoren kein Interesse. Dieses Problem hat jede Sportart und jede Sportgroßveranstaltung. Zuschauer wollen in ihrem Sportkonsum nicht irritiert werden. Sie wollen Athleten sehen, die im fairen Wettkampf gegeneinander antreten. Das erklärt auch, warum immer wieder von intensiven Dopingkontrollen gesprochen wird. Schaut man sich jedoch an, wie und wann diese durchgeführt werden, so lassen sich Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Kontrollen nicht wirklich beseitigen. Trainingskontrollen werden beispielsweise viel zu selten eingesetzt. Dazu kommt jedoch auch, dass einige Dopingarten nicht nachweisbar sind – Stichwort Gendoping, welches in den nächsten Jahren erheblich an Relevanz gewinnen wird.

Zyniker fordern jetzt, man solle doch gleich das Doping freigeben. Was halten Sie von solchen Aussagen? Und welche ökonomischen Auswirkungen hätte dies?

Tolsdorf: Ich sehe die Freigabe von Dopingmitteln als sehr problematisch an. Ab wann soll es denn freigegeben werden? Vielleicht bei Kinder- und Jugendspielen? Ich möchte die Eltern sehen, die ihre Kinder dann noch in Sportvereine schicken. Oder soll Doping mit der Volljährigkeit erlaubt werden? Auch dieses hätte Ausstrahlungseffekte in den Kinder- und Jugendbereich. Man stelle sich vor, wie die Jugendlichen pünktlich zu ihrem 18. Geburtstag die erste Nadel gesetzt bekommen. Gleichzeitig löst die Freigabe kein Problem. Wieder wird es Dopingmittel geben, die effektiver sind als andere und wieder werden einzelne Sportler dadurch Vorteile generieren. Auf die Spitze getrieben könnte man argumentieren, dass die Freigabe von Dopingmittel vor allem jenen Sportlern einen Vorteil verschafft, die sich auch Dopingmittel leisten können.

Wie muss sich der Leistungssport verändern, damit er wieder „sauber“ werden kann? Sehen Sie als Sportökonom eine Chance?

Tolsdorf: Einen „sauberen“ Leistungssport wird es nach meiner Ansicht nicht geben. Das schon erwähnte Gendoping und andere Methoden sind nicht oder nur kaum nachweisbar. Allerdings sollte es möglich sein, durch wirklich effektive Kontrollen die Kosten des Dopings für den Sportler zu erhöhen. Kosten in der Weise, dass die Wahrscheinlichkeit des Entdecktwerdens relativ hoch liegt.



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