Mysteriöse Ulfberht-Schwerter sind 800 Jahre älter als ihre Erfindung

Das Bearbeiten von Metall ist eines der ältesten Handwerke. Bereits vor über 1.000 Jahren erschufen Schmiedemeister die sogenannten Ulfberht-Schwerter – mit einer Technik, die ihrer Zeit Jahrhunderte voraus war.
Titelbild
Ein Ulfberht-Schwert aus dem Rhein bei Mannheim. Datierung: 1. Hälfte 9. Jh. Befindet sich heute im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.Foto: Martin Kraft | Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0
Von 26. Juli 2022

Die berühmten Ulfberht-Schwerter verblüffen Archäologen weltweit, da sie aus sehr reinem Metall hergestellt sind. Bis zu ihrer Entdeckung nahm man an, dass die Technologie zum Schmieden eines solchen Metalls erst in der Neuzeit mit der Industriellen Revolution erfunden wurde. Tatsächlich waren die Schwerter und Schmiede ihrer Zeit jedoch fast 1.000 Jahre voraus.

Bis heute entdeckten Archäologen etwa 170 Ulfberht-Schwerter in 23 europäischen Ländern. Sie alle stammen aus der Zeit zwischen 800 und 1000 nach Christus. Erst vor wenigen Jahren untersuchten Forscher erstmals die metallurgische Zusammensetzung der rätselhaften Schwerter.

Schmieden der Schwerter erforderte höchstes Maß an Präzision

Damit sich Eisen verflüssigt, muss es auf über 1.500 Grad Celsius erhitzt werden. Erst in diesem Zustand trennen sich die Verunreinigungen vom Erz und können vom Schmied abgeschöpft werden. Da Eisen jedoch ein eher sprödes Metall ist, musste der Schmied anschließend Kohlenstoff beimischen, um das Eisen zu härten – in der modernen Metallurgie entstanden daraus die sogenannten Kohlenstoffstahle.

Damals, so wird angenommen, war es in Europa jedoch nicht möglich, Eisen auf eine so hohe Temperatur zu erhitzen. So musste Schlacke erst durch Aushämmern entfernt werden – eine weit weniger effektive Methode.

Die Ulfberht-Schwerter haben jedoch fast keine Verunreinigungen mehr und der Kohlenstoffgehalt ist dreimal so hoch wie der anderer Metalle aus dieser Zeit. Im metallurgischen Sprachgebrauch wird ein solcher Werkstoff „Tiegelstahl“ genannt. Bis zur Entdeckung der Waffen nahm man an, dass Öfen aus der Zeit der Industriellen Revolution die ersten Werkzeuge waren, mit denen derartige Metalle hergestellt werden konnten.

Ulfberht vollbrachte Wunder

Der moderne Schmied Richard Furrer aus Wisconsin sprach in einer Dokumentation über die Schwierigkeiten bei der Herstellung eines solchen Schwertes. Furrer ist einer der wenigen Menschen auf der Welt, die noch heute über die notwendigen Fähigkeiten verfügen, um ein Ulfberht-Schwert zu reproduzieren. „Wenn man es richtig machen will, dann ist es das Komplizierteste, was ich kenne“, sagte der Schmied.

Für Schmied Furrer musste der Hersteller der Ulfberht-Schwerter als jemand angesehen worden sein, der magische Kräfte besaß. „Die Fähigkeit, eine Waffe aus Dreck herzustellen, ist eine ziemlich mächtige Sache“, sagte er. „Aber eine Waffe herzustellen, die sich biegen lässt, ohne zu brechen, die so scharf bleibt und so wenig wiegt, würde als übernatürlich angesehen werden.“ Furrer selbst hat in tagelanger, mühsamer Arbeit ein ähnliches Schwert geschmiedet. Der kleinste Makel oder Fehler hätte das Schwert in ein Stück Schrott verwandeln können.

Erst im letzten Schritt erhielten die Schwerter auf ihren Klingen den lateinischen Schriftzug „†VLFBERH†T“, dem sie ihren Namen zu verdanken haben. So ritzte der wundervollbringende Schmied zunächst vom Griff aus Vertiefungen in die Mitte der kalten Klinge, wo später der Schriftzug prangen sollte. Danach formte er mit einem Draht den Namen, legte den Draht auf die vorgefertigten Rillen und hämmerte ihn dann in die Klinge. So konnten die meisten Signaturen von seinem Gegner gelesen werden, wenn der Besitzer das Schwert mit der rechten Hand vor sich hält.

Zudem besitzen manche Ulfberht-Schwerter auf der entgegengesetzten Seite der Klinge weitere Zeichen. Diese sind geometrische Symbole und bezeichnen vielleicht die Schmiede, die Armeeeinheit oder den Namen des Schwertbesitzers.

Wer war Ulfberht und woher hatte er dieses Wissen?

Bis heute diskutieren Forscher, wer Ulfberht war. Vermutlich war es der Name des Schmiedes, der die ersten Schwerter dieser Art herstellte und sein Meisterwerk nach vollendeter Arbeit „signierte“. Aus heutiger Zeit betrachtet, könnte Ulfberht als eine Art Markenname der damaligen Zeit gedeutet werden. Doch woher kam Ulfberht und war er nur ein gewöhnlicher Schmied?

Viele Forscher sind sich sicher, dass Ulfberht keineswegs nur ein gewöhnlicher Schmied war. Hinweise darauf liefern auch hier wieder die Schwerter selbst. So ist bekannt, dass früher ausschließlich hohe Geistliche und gelegentlich Adlige des Lesens und Schreibens mächtig waren. Außerdem tragen die Schwerter in ihrer Aufschrift Christuskreuze – ein weiteres Zeichen dafür, dass Ulfberht ein Abt, Bischof oder Mönch gewesen sein könnte. Ebenso möglich ist auch, dass begabte Schmiede diese unter Aufsicht und Anweisung des Geistlichen herstellten und er sie später nur noch signierte.

Weiterhin weisen die lateinischen Buchstaben von Ulfberhts Namen auf eine Herkunft aus dem mittel- bis südeuropäischen, christlich geprägten Raum hin. Mit der Untersuchung des Namens selbst kann das Ursprungsgebiet weiter eingegrenzt werden und die Spur führt in das Fränkische Reich.

Woher Ulfberht dieses Wissen um die aufwendige Herstellungstechnik hatte, kann jedoch nicht sicher gesagt werden. Von einigen Forschern wird der Nahe Osten, das Gebiet des heutigen Afghanistans, Persiens oder Indiens als Ursprung vermutet. Dort soll bereits im Mittelalter Tiegelstahl hergestellt worden sein, wie der arabische Philosoph und Schriftsteller Al-Kindi in einem seiner Werke aus dem 9. Jahrhundert schreibt.

Stammt Ulfberht vielleicht aus dem Nahen Osten oder reiste er dorthin und erlernte (zufällig) diese Technik? Oder kann es auch möglich sein, dass Reisende aus dem Nahen Osten dieses Wissen mitbrachten und Ulfberht das Geheimnis anvertrauten oder gar für ihn (freiwillig) arbeiteten? All diese Fragen bleiben leider zunächst unbeantwortet.

Eine Spur führt nach Mitteldeutschland

Ein 2012 in Weser bei Großenwieden (Niedersachsen) entdecktes Ulfberht-Schwert wurde von Archäologen untersucht. Mit der Studie sollte geklärt werden, woher das Erz für das Schwert stammte. Die Klinge bestand aus manganhaltigem Stahl, während die Parierstange und der Schwertknauf zusätzlich mit einer Blei-Zinn-Folie überzogen waren. Letztlich konnte das Blei einer Lagerstätte im Hintertaunus zugeordnet werden, während der Stahl für eine Herstellung im Rheinland spricht.

Als Herstellungsorte stehen dabei die nächstgelegenen Klöster Fulda oder Lorsch zur Debatte. Dies scheint sich mit Schriftquellen aus der Zeit zu decken, die auf Waffenproduktion in Klöstern wie St. Gallen, Lorsch, Fulda und Corbie hinweisen.

Dies deckt sich weiterhin mit der gesellschaftlichen Rolle Ulfberhts als Geistlicher. Nicht selten waren Bischöfe und Äbte auch Kriegsherren, die Kriege anführten und Waffen an bischöflichen Sitzen und großen Klöstern herstellen ließen.

Ulfberht war bei Wikingern begehrt wie „warme Semmeln“

Ganz besonders begehrt scheinen die Ulfberht-Schwerter bei den Wikingern in Skandinavien gewesen zu sein. Hier entdeckten Archäologen mit Abstand die meisten Schwerter dieser Art. Kein Wunder, dass die Ulfberht-Schwerter zunächst für Wikinger-Produkte gehalten wurden. Dabei ist der Grund dafür von religiöser Natur. Bei den Wikingern war es üblich, die Toten zusammen mit ihrer Ausrüstung zu bestatten, damit diese im Jenseits verwendet werden konnten. Im Frankenreich war dies undenkbar, da die vorherrschende christliche Religion die Mitgabe von Gegenständen untersagte. Stattdessen könnten die Schwerter von Generation zu Generation weiter gegeben worden sein, bis sie untauglich und entsorgt wurden.

Zahlreiche Schwerter aus Skandinavien zeigen jedoch auch gravierende Fehler. So fehlten beispielsweise Buchstaben im Schriftzug oder die Kreuze stehen an der falschen Stelle. Auffällig ist zudem, dass die am nördlichsten entdeckten Schwerter häufiger und mehr Fehler aufweisen als die weiter südlich gefundenen. Viele Forscher deuten diese daher als Fälschungen oder Nachahmungen von Wikingern. War die Nachfrage nach den begehrten Schwertern so groß, dass sie diese versuchten zu kopieren?

Für einige Forscher ist es wahrscheinlicher, dass die Wikinger nie an diese Schwerter kommen sollten. So ist im Capitulare Mantuanum von 781 – Capitulare sind königliche Gesetze – festgehalten, dass niemand Waffen außerhalb des Fränkischen Reiches verkaufen sollte. Auch das Edikt von Pîtres besagt, dass niemand ohne die Erlaubnis des Königs Waffen an einen Fremden geben oder verkaufen darf sowie Priester den „nortmanni“ keine Waffen überlassen dürfen.

Dass der fränkische König die Ausfuhr von Waffen an erbitterte Feinde wie den Wikingern verbietet, klingt auch für die Forscherin Anne Stalsberg einleuchtend, wie sie in ihrer Studie schreibt. Möglich ist auch, dass sich die Wikinger die beliebten Schwerter einfach durch Plünderungen holten oder als Lösegeld einforderten. Aufschluss darüber können vielleicht künftige Materialanalysen geben.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Epoch Times Wochenzeitung, Ausgabe Nr. 54, vom 23. Juli 2022.



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