Variantenreiches Musizieren bereits in der Eiszeit

Von 13. Januar 2005 Aktualisiert: 13. Januar 2005 21:26
Tübinger Forscher entdecken kostbare Flöte aus Mammutelfenbein

Wieder ist die Schwäbisch Alp mit ihren in der Eiszeit bewohnten Höhlen um einen bedeutenden Fund reicher geworden, einer aus Mammutzahn gefertigten Flöte. Schon Anfang der 90er Jahre wurden zwei Flöten aus Vogelknochen in derselben Höhle, dem Geißenklösterle bei Blaubeuren, gefunden, aber dieses mal handelt es sich um eine technische Meisterleistung, das Mammutelfenbein ist nicht innen hohl, wie etwa Knochen, sondern die Flöte mußte aus zwei Teilen präzise gearbeitet und luftdicht zusammengesetzt werden. Insgesamt 16 Messungen mit der Radiokarbonmethode attestieren der Flöte ein Alter von ca. 36.000 – 30.000 Jahren, eine andere Datierungsmethode, die Thermolumineszenz, lieferte zwei Daten von ca. 37.000 Jahren.

Für den Leiter der Forschungsgruppe von der Uni Tübingen, Prof. Nicholas Conard, weisen die Funde aus den Höhlen des Schwäbischen Jura die Region als eines der Schlüsselgebiete frühester kultureller Innovation am Beginn des Jung-Paläolithikums aus. Sie zeigen, dass die Bewohner im europäischen Eiszeitalter vor nicht weniger als 35.000 Jahren in kultureller Hinsicht bereits auf dem Niveau historisch belegter Bevölkerungen standen und ein voll entwickeltes modernes Verhalten zeigten. So können nunmehr auch die Ursprünge der Musik bis in diese älteste Epoche, in der die Anwesenheit des anatomisch modernen Menschen, des Homo sapiens sapiens, bewiesen ist, zurückverfolgt werden.

Die 31 Segmente der Flöte wurden eigentlich schon 1971 im Geißenklösterle ausgegraben, aber erst in diesem Jahr wurde das Prachtexemplar bei der Durchsicht zahlloser Elfenbeinfragmente im Rahmen der Fundplatzauswertung entdeckt und zusammengesetzt. Im Unterschied zu vorher gefundenen Flöten, die aus hohlen Speichenknochen von Schwänen gefertigt waren, muß die Herstellung dieser Flöte aus massivem und gebogenem Elfenbein eine Meisterleistung gewesen sein – selbst heute, mit moderner Technologie, wäre ihre Herstellung kein einfaches Unterfangen. Die Flöte wurde damals aus zwei Teilen hergestellt, die jeweils sorgfältig geschnitzt und dann luftdicht und paßgenau zusammengeklebt wurden, mit Birkenpech.

Der Spezialist für archäologische Musik, Friedrich Seeberger, simulierte anhand moderner Rekonstruktionen der eiszeitlichen Flöten die Notenbandbreite sowie die möglichen Tonkombinationen und kommt zu dem Schluß, daß mit diesen Flöten durch ihre Terzensprünge eine variantenreiche und ästhetisch anspruchsvolle Musik gespielt werden konnte. Wenn man jetzt noch wüßte, welche Art von Musik, welche spezifischen Melodien die Menschen damals zum Klingen brachten, wäre die Freude über diesen außergewöhnlichen Fund noch größer. Alle drei Flöten können bis zum 30. Januar im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart betrachtet werden.

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