Der deutsche Bildungs-Skandal: „Deutschland verdummt, Lehrer tragen Maulkorb“ | ET im Fokus

Epoch Times28. Mai 2019 Aktualisiert: 6. Juni 2019 12:12
„Lehrer haben einen Maulkorb aufgesetzt bekommen und müssen Unterrichtsmethoden anwenden, hinter denen sie gar nicht stehen.“ Das sagt der deutsche Kinder- und Jugendpsychologe und Spiegel-Bestsellerautor Dr. Michael Winterhoff. In seinem neuen Buch „Deutschland verdummt“ deckt er die Missstände in den Kitas und Schulen auf.

Es läuft etwas schief, mächtig schief. In Deutschland. In der Gesellschaft. In den Kitas. In den Schulen. Bereits vor zehn Jahren sorgte Dr. Michael Winterhoff mit seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ für Wirbel. Das Buch wurde 100.000-fach verkauft. Nun ist sein neues Buch mit dem Titel „Deutschland verdummt – Unser Bildungssystem verbaut die Zukunft unserer Kinder“ erschienen.

In der Sendung vom 23. Mai sprach Moderator Markus Lanz mit dem Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut und Autor Dr. Michael Winterhoff über den Zustand unserer Gesellschaft und unserer Kinder.

Derzeit können die Schüler dem Lehrmaterial von vor zehn Jahren schon nicht mehr folgen. Zuletzt wurde von Abiturienten eine zu schwere Mathematik-Abschlussprüfung bemängelt. Es hätte in einem Teil der Prüfung sehr viel – auch unnötigen – Text gegeben. Dadurch wären „eklatant viele“ Schüler nicht rechtzeitig fertig geworden, so „ntv“.

Die ganze Gesellschaft sei im Wahn, so Winterhoff. Man würde denken, dass man:

eine gute Schulausbildung braucht, gute Noten braucht. Mittlerweile ist doch eigentlich klar für die Wirtschaft, dass das leider kein Kriterium mehr ist.“

Denn die besten Noten helfen nicht, wenn den Heranwachsenden die sozialen Kompetenzen – die sogenannten „Softskills“ fehlen, beispielsweise eine gute Arbeitshaltung und der Sinn für Pünktlichkeit. Ausbildungsbetriebe haben ein Problem:

Das Handy ist ihnen (den Azubis) wichtiger als der Kunde, der vor ihnen steht… Azubis sind auf dem Niveau von Kleinkindern. Die Hälfte der Schüler sind nicht für Ausbildungsberufe zu gebrauchen, weil sie weder leistungsbereit noch pünktlich sind“, sagt Winterhoff.

Dabei hätten 50 Prozent der Abiturienten Probleme wegen mangelnder Grundkenntnisse in Deutsch und Mathematik. Es fiele ihnen schwer, einen Text zu erfassen.

Laut der Studie zur Ausbildungsreife und Studierfähigkeit der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2016 haben sich „immerhin 34 % der Unternehmen (unabhängig vom Studienabschluss) in den vergangenen zwei Jahren von akademisch qualifizierten Berufsanfängern in der Probezeit getrennt, wie eine DIHK-Studie (2015) zeigt“.

Dabei fehle den Absolventen laut Studie eben die soziale Kompetenz. Sie leiden an Selbstüberschätzung und fügen sich nicht in die Firma ein. Die Ursache dafür, so Winterhoff, werde früh gelegt.

Die Wurzel des Bildungsverfalls: Die Digitalisierung

Woran liegt die mangelnde Auffassungsgabe der Schüler? Warum ist die Situation in den Schulen so? Winterhoff erklärt, dass Anfang der Jahrtausendwende die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beauftragt wurde, zur Frage Stellung zu beziehen, was man ändern müsste, um die Kinder auf eine digitale Welt vorzubereiten.

Dazu muss man wissen und verstehen, dass die Beauftragten der OECD Leute aus der Wirtschaft und Ideologen sind. Sie haben sich darüber Gedanken gemacht, wie die Kinder auf die Digitalisierung vorbereitet werden könnten. Es handele sich jedoch nicht um die Menschen, die mit Kindern arbeiten, so Winterhoff.

Das ist ein Skandal, dass es möglich war, dass über diesen Einfluss, über die Bildungspolitik das von oben nach unten durchgedrückt wurde – an den Lehrern vorbei und die Lehrer haben einen Maulkorb aufgesetzt bekommen und wenden Unterrichtsmethoden an, hinter denen sie gar nicht stehen.“

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Autonomes Lernen heißt „Ich brauche niemanden, auch keinen Lehrer“

Beispielsweise wurde die Ideologie des „Autonomen Lernens“ (unabhängiges Lernen) eingeführt. Das bedeutet, dass das Kind die Vorstellung entwickelt, es könne alles allein lernen. Autonomes Lernen bedeutet: „Ich brauche niemanden, auch keinen Lehrer“, so Winterhoff.

Das beginnt nicht erst in den Schulen. So gibt es beispielsweise Kitas, in denen sich die Kinder „einloggen“ müssen: In einem Lageplan der Kita mit verschiedenen Räumen müssen sich Kinder einloggen. Wenn sie in einen anderen Raum gehen, müssen sie sich „umloggen“. Winterhoff erklärt:

Wenn Sie Ihr Kind abholen, heißt das, Sie schauen auf den Lageplan, und können Ihr Kind da rausholen und ausloggen – das ist fatal. Wir nehmen den Kindern die Beziehung,“

Dabei sei die Beziehung dringend notwendig. Kinder bräuchten Anleitung und Begleitung. Es gehe nicht darum, dass Kinder sich selbst etwas erarbeiten und entdecken können.

Irreführender Begriff „Individuelles Lernen“

Begriffe werden missbraucht und verursachen ein falsches Verständnis bei den Eltern. Welches Bild entsteht beispielsweise, wenn Eltern sich vorstellen, dass Schulen nach dem Prinzip des „individuellen Lernens“ arbeiten?

Da würde ich mir drunter vorstellen, dass sich ein Lehrer individuell um das Kind kümmert“, so Winterhoff.

Und genau das sei das Irreführende. Denn das ist nicht der Fall, im Gegenteil: Individuelles Lernen bedeutet:

Das Kind kann entscheiden, auf welchem Lernniveau es arbeitet und wann es arbeitet.“

Die Folgen bezeichnet Winterhoff als fatal. Kinder lernen nur das, was ihnen liegen würde. So seien dem Kinderpsychiater in seiner Praxis Kinder begegnet, die in der vierten Klasse keine Mathematik-Aufgaben erledigt haben, „weil sie immer das machen, was ihnen liegt – Deutsch.“

Dabei fällt dem Lehrer das nicht einmal auf. Denn er hat 28 Kinder in seiner Klasse und kann sich nicht um alle kümmern.

Problem Spaßgesellschaft: Kinder entwickeln keine Frustrationstoleranz

In der Schule wird mit Anlauttabellen gearbeitet. A ist Ameise, B ist Bär. Der Gedanke dahinter ist, dass das Kind über die Anlauttabelle die Laute selbst erkennt. Aus dem Symbol heraus erschließt sich der Buchstabe.

Durch diese Art Lernen entwickele ein Kind jedoch die Vorstellung, dass es niemanden braucht, der es anleitet. In einem Bildungssystem, in dem nur gelernt wird, was Spaß macht, könnten die Kinder keine Frustrationstoleranz entwickeln.

Winterhoff gibt im TV bei Lanz folgendes Beispiel:

Im Unterricht wird der Buchstabe A an die Tafel geschrieben. Das Kind versucht, das A in sein Heft zu schreiben. Es vergleicht und bemerkt, dass das von der Lehrerin geschriebene A viel schöner ist und gewinnt damit eine wichtige Erkenntnis: „Die Lehrerin kann mehr als ich.“ Die Lehrerin hilft dem Kind beim Schreibenlernen und irgendwann kann es den Buchstaben richtig und schön schreiben. Dann lobt die Lehrerin das Kind. Dabei entwickelt das Kind eine Lernhaltung, eine Arbeitshaltung. Das Kind müsse eine Frustrationstoleranz entwickeln. Das heißt, es muss etwas machen, obwohl es keine Lust dazu hat. Und genau das ist so grundlegend wichtig.

Dabei betont der Kinderpsychologie ausdrücklich:

Wenn der Säugling schreit, muss man sich ihm zuwenden, ansonsten würden Sie (die Eltern) eine Schädigung auslösen. Das Urvertrauen kann sich sonst nicht bilden. Ab neun Monaten kann das Kind zunehmend warten. Und nur wenn das Kind die Erfahrung macht, dass es nicht immer dran ist, dass es aushalten und abwarten muss, kann es das später im Leben auch erbringen. Es ist ein Hirnreifungsprozess. Das Gehirn von Kindern ist diffus.“

So lernen Kinder natürlich

Das Kind erkennt keine Straße, keinen Hauseingang, keine Tür. Es muss sich alles erst erarbeiten. Jeden Tag lernt das Kind, ob diese Dinge noch so funktionieren wie gestern. Und nur dann kommt es zu einer inneren Beruhigung, und weitere Dinge werden wahrgenommen.

Dabei gibt es eine Regel, erläutert Winterhoff:

Je kleiner Kinder sind, desto gleicher müssen die Abläufe sein. Desto gleicher die Gruppe, der Inhalt und die Bezugsperson.

Wenn nun in den Kindergärten diese Bezugsperson von den Kindern eingefordert werden muss und sich das Kind in Räumen erst ein- und ausloggen muss, sei dies für Kinder fatal. Sie blieben auf der Stufe von Kleinkindern stehen.

So werden Kinder zu Legasthenikern

Winterhoff gibt ein Beispiel aus der 5./6. Klasse:

Du hast einen Lernbegleiter. Das ist nicht etwa ein Lehrer oder eine Lehrerin. Das ist das Heft. Du suchst dir den Lernstoff aus: leicht, schwer oder mittelschwer. Wenn du gelernt hast, kannst du mit deinem Lernbegleiter eine Leistungsüberprüfung machen, und dann gibst du dir selbst die Smileys.

Winterhoff kritisiert: „Herr Lanz, wenn Sie das mal übertragen auf Zähneputzen, ich hätte mir immer Smileys gegeben und ich bin davon überzeugt, dass die Zahnärzte noch mehr zu tun hätten als heute. Der Skandal, um den es geht: Es fehlt die Beziehung, es fehlt die Bindung, Kinder tun gern etwas für den Erwachsenen. Man geht erst ab 16 für sich in die Schule, darunter für die Eltern oder die Lehrer.“

Mitte der 1990er Jahre fing das Dilemma an: In den ersten zwei Jahren konnten die Kinder schreiben, wie sie sich das vorstellen, und danach begann erst das Schreibtraining.

Wir haben 20 Jahre lang Kinder zu Legasthenikern gemacht. Ich kann Ihnen sagen: Wer meinen Kindern lesen, schreiben, rechnen beigebracht hat, war meine Frau – kein anderer“, ist Winterhoff überzeugt.

Dass dieses System derart von der Gesellschaft übernommen werden würde, hätte sich der Kinderpsychiater damals nicht träumen lassen. Nun ist es so weit gekommen: Die Schreibschrift wird abgeschafft, die Rechtschreibung auch, im Bundesland Nordrhein-Westfalen werden keine Diktate mehr geschrieben, berichtet Winterhoff bei „Lanz“. Und fügt hinzu: „Das Schreiben nach Gehör ist eine andere Katastrophe.“

Das große Experiment in der Bildungspolitik

In der Bildung gibt es keine Untersuchungen. Wenn Mediziner eine neue Technik herausbringen wollen, muss diese mit einer Doppelblindstudie überprüft werden – mit Tausenden von Patienten.

In der Bildungspolitik hat irgendeiner eine Idee, die gießt er mit der Gießkanne aus und dann wird das umgesetzt.“

In den letzten zehn bis 15 Jahren wurden die Schulen dauernd reformiert und ideologisch geprägt. Wenn Winterhoff in Vorträgen oder anderen Begegnungen mit Lehrern spricht, dann sagen sie: „Sie sprechen mir aus der Seele, aber wir dürfen ja gar nicht mehr.“

Auch Moderator Lanz betont, dass es unglaublich schwer sei, einen Lehrer in die Sendung einzuladen. Dabei hätten die Lehrer so viel zu berichten, aber in letzter Sekunde wird dann gesagt: „Mach mal lieber nicht“.

Winterhoff stimmt dem zu:

Die haben Angst, die haben einen Maulkorb auf. Die dürfen nicht reden. Ich hoffe, dass Lehrer jetzt anfangen zu reden.“

Der Fehler liegt in der Ideologie. Eine Entwicklung ist gar nicht mehr möglich, weil der Lehrer nicht mehr in Beziehung mit den Kindern sein darf.

Auch Lanz bestätigt, dass er Lehrer erlebt habe, die „unglaublich engagiert sind, die sich unglaublich anstrengen. Aber sie beißen sich an diesem System die Zähne aus.“

Die Lösung: „Lehrer müssen wieder Lehrer werden“

Wir (Erwachsenen) können acht Stunden arbeiten gehen und uns auf die Arbeit konzentrieren, Verantwortung übernehmen für uns und andere, wir können unsere Gefühle einschätzen und die von anderen, uns einfühlen. „All diese Dinge müssen von klein auf altersangemessen geübt werden“, sagt Winterhoff.

Doch viele Eltern haben viel Arbeit, viel Stress. Sie selbst kommen gar nicht mehr zur Ruhe. Wenn immer mehr Eltern es aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr schaffen, sich um ihre Kinder zu kümmern, muss die Gesellschaft das übernehmen, so Winterhoff. Schließlich befinden sich die Kinder täglich etwa acht Stunden außerhalb der Familie im gesellschaftlichen System.

Das ist sehr gruselig. Da müssten wir viel mehr Beziehungsarbeit leisten. Ich brauche Lehrer statt Lernbegleiter“, fordert Winterhoff.

Die Lösung sind kleine Gruppe. In Südtirol werden beispielsweise in einer Klasse sieben Kinder von einem Lehrer unterrichtet. Eine Grundschulklasse mit einer Klassenstärke von 15 Kindern auf zwei Lehrer würde diesem Maßstab entsprechen.

Der erste Schritt in die richtige Richtung ist das personenzentrierte Lernen:

Wir können alles über Nacht regeln. Wir können über Nacht regeln, dass Lehrer wieder Lehrer werden und dass die Kinder personenzentriert werden.“

Lehrermangel ist nicht das Problem – „Wir brauchen Konzepte“

Wir haben zwar einen Lehrermangel, aber wir können etwas daran ändern, davon ist Winterhoff überzeugt. „Wir müssen die Ausbildung verändern, die Bedingungen verändern, dann haben wir genug Lehrer. Wir brauchen auch mehr Erzieher.“

Der natürliche Betreuungsschlüssel in den Familien ist eins zu eins oder eins zu vier. In der Ganztagsschule kommt hingegen in der Nachmittagsbetreuung ein Erwachsener auf 25 Kinder. Dabei ist der Betreuer vielleicht sogar ein Quereinsteiger, der keine pädagogische Ausbildung hat. Quereinsteiger sind jedoch nicht das Allerheilmittel. Das ist der falsche Ansatz.

Wir müssen einen Masterplan machen, dass wir in fünf oder sieben Jahren den Kindern das geben können, was sie brauchen.“

Immer mehr Menschen kommen im heutigen Leben nicht mehr klar, Tendenz steigend. Daher rät Winterhoff:

Wir müssen Konzepte entwickeln, die man aufbaut, was Kindern heute fehlt, was in Familien vielleicht nicht mehr geleistet wird, wie man das ausgleichen kann.“

Mit seinem Appell wendet sich Winterhoff an die Bildungsministerien, an die Lehrer und Lehrerinnen, an die Gesellschaft:

Es ist mein Anliegen, dass jetzt öffentlich zu machen. Wir könnten sehr rasch etwas ändern und wir müssen etwas ändern.“

Lanz sieht die Wichtigkeit des Themas Bildung für die Zukunft. Er verspricht einen neuen Termin mit Winterhoff.  Der Moderator will dann auch die Bildungsministerin Anja Karliczek in die Sendung bringen. Vielleicht finde man auch einen Lehrer oder Lehrerin. Dann könne man darüber reden, warum der Schuletat im neuen Haushalt um 600 Millionen gekürzt worden ist. Winterhoff erklärt spontan seine Zusage: „Ich bin sofort dabei.“

Michael Winterhoff: „Deutschland verdummt -Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut“

Erschienen am 20. Mai 2019
ISBN: 978-3-579-01468-5

(sua)