Die geheime Pandemie (Teil I)

Von 11. August 2009 Aktualisiert: 11. August 2009 15:04
Wenn das Suchtzentrum des Gehirns durch pornographische Darstellungen in Fahrt kommt, werden dabei gleichzeitig die Regionen für Logik und das Bewusstsein für Konsequenzen und Willensstärke außer Betrieb gesetzt.

Bei Pandemie denken die meisten derzeit an Masken für den Mund und Bürokratie an Flughäfen. Doch still und leise breitet sich eine für die Gesellschaft nicht minder gefährliche Seuche aus: die Sucht nach Internet-Pornographie, auch bekannt als Online-Sex-Sucht.

Eine Online-Internetsexsuchthilfeplattform spricht von über 60 Millionen Betroffenen Online-Sex-Süchtigen allein in den USA. Betroffen, das heißt, dass regelmäßig Zeit auf Online-Sex-Seiten verbracht und masturbiert wird. Die sozialen Auswirkungen sind enorm und zeigen sich mit fortschreitenden Dauer der Abhängigkeit immer stärker. Die häufigsten sind, dass die Betroffen deutliche Bewusstseinsveränderungen erleben. Leicht irritierbare und depressive Gemütszustände treffen beinahe auf alle zu. Ein weiteres Symptom ist die Isolation von der Mitwelt. Das stundenlange Alleinsein vor dem Computer, beschäftigt mit einer virtuellen Welt, führt für viele zur Unfähigkeit, mit der realen Umwelt in Kontakt zu treten.

Dazu kommt, dass in den Augen der betroffenen – fast immer Männer – Frauen auf ihre Geschlechtsteile reduziert werden. Ein Anstieg sexueller Übergriffe gehört ebenso zu den dramatischen Folgen wie die Vernachlässigung der realen Umgebung und wichtiger Lebensbereiche. Erkenntnisse von Gehirnforschern zeigen: Online-Sex-Süchtige haben ein handfestes Suchtproblem.

Eine weitere Gemeinsamkeit Internetpornosüchtiger sind schwere Beziehungsprobleme. Eine Studie der American Academy of Matrimonial Lawyers (Verband der US-Scheidungsanwälte) ergab 2002, dass weit über 50 Prozent der Scheidungen im engen Zusammenhang mit exzessivem Pornokonsum stehen. Noch acht Jahre davor spielte Pornographie überhaupt keine Rolle.

Das Internet als Katalysator

Der große Unterschied zwischen Porno-Magazinen und Online-Pornographie sind die berühmten vier A´s des Internets: Affordable, Agressive, Anonymous und Accessible. Zu deutsch: billig, aggressiv, anonym und leicht zugänglich. Während man früher für Pornos in schmuddelige Läden gehen und viel Geld ausgeben musste, lauern heute die Pornoproduzenten im Internet auf ihre Opfer. Kaum ein Emailaccount, der nicht zugespamt wird, kaum eine größere Plattform, die einen nicht irgendwie zu einer frei zugänglichen Pornoseite führt. In dem im Jahre 2007 erschienen Buch „The Drug of the New Millenium, The Science behind Internet Pornography Use“ schreibt Mark Kastleman, dass es  4,2 Millionen Internetpornoseiten gibt, und 2.500 neue jede Woche online gehen.

Pornokonsum ist Drogenkonsum

Gehirnwissenschaftler haben  herausgefunden, dass pornographische Bilder, vor allem im Zusammenhang mit Masturbation, einen chemisch indizierten Rauschzustand auslösen, der nur mit schwerstem Drogenkonsum vergleichbar ist. Ja, richtig gelesen, Pornokonsum ist Drogenkonsum.

Die Neurowissenschaftlerin Judith Reisman erklärt in ihrem Buch „The Psychopharmacology of Pictorial Pornography“, dass Pornobilder, die durch die Augen das Gehirn erreichen, die körpereigene Drogenproduktionsstätte anwerfen.

Welche körpereigenen Drogen werden dabei produziert? Randy Hyde führt auf „Candeo“ (Online-Portal, das über Pornographie aufklärt) aus,  das seien im wesentlichen Dopamin, Noradrenalin, Testosteron, Oxytocin und Serotonin. Die Mischung der Hormone  erzeugt ein High, das das beim normalen Sex bei weitem übertrifft und einen extrem berauschenden Effekt mit sich bringt.

Ein Klick – und alle guten Vorsätze sind vergessen... (fd/flickr.com)
Ein Klick – und alle guten Vorsätze sind vergessen… (fd/flickr.com)

Es werden Emotionen, Gefühle und Erinnerungen zusammengekleistert, die so nicht zusammengehören. Das führt zu einer chemischen Unordnung im Gehirn des „Patienten“ – wie die Wissenschaftler sagen. So wird etwa das Hormon Oxytocin normalerweise von einer Mutter beim Stillen ihres Kindes oder eben beim Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner ausgeschüttet. Der von Gott oder der Natur gegebene Effekt soll dabei ein tiefes emotionales Familienband sein. Im Zusammenhang mit Pornographie bewirkt Oxytocin eine starke Bindung zu einem Liebesgefühl, das auf die Darstellungen projiziert wird. Das erklärt, warum viele Männer ihre Augen nicht vom Kleiderausschnitt von Frauen wenden können. Sie haben ihr Gehirn darauf trainiert und können, gleich einer Liebesbeziehung, ihren Blick nicht abwenden.

Oder das Noradrenalin, das in einer Liebesbeziehung bewirkt, dass man sich an kleine Details des Zusammenseins erinnern kann. Im Zusammenhang mit Pornokonsum bewirkt es, dass optische Bilder genauestens aus der Erinnerung abgerufen werden können. Diese können jedoch nicht nur aktiv abgerufen werden, sie kommen auch ständig unwillkürlich aus dem optischen Gedächtnis ins Bewusstsein. Dopamin wird für gewöhnlich in einer dauerhaften Beziehung ausgeschüttet, um die positiven Eigenschaften des Partners verstärkt wahrzunehmen, gleichzeitig die negativen etwas milder zu beurteilen. Beim Pornokonsum bewirkt dieses Glückshormon, dass die Bilder im Zusammenhang mit einer Art Glückszustand wahrgenommen werden. Das nebenbei mitgelieferte Serotonin lässt die Trübsal des Lebens vergessen. Zusammen bewirken diese Chemikalien eine süchtig machende, sich ständig verstärkende und ergänzende Mischung.

Eine normale Suchtlaufbahn

Für gewöhnlich haben junge Männer in ihren frühen Teenagerjahren die ersten Kontakte mit Soft-Pornographie. Die ersten Erfahrungen mit sexueller Erregung, die ein Lustgefühl mit sich bringt, werden mit optischen Anreizen gemacht. Da diese Erlebnisse als positiv wahrgenommen werden, werden sie im Laufe des Lebens immer und immer wieder wiederholt. Die Bilder werden „härter“. Die Art und Weise, wie Pornographie im Gehirn funktioniert, sorgt dafür, dass sie immer weiter benutzt wird. Die großen Mengen an Dopamin, die bei einer „Session“ ausgeschüttet werden, bedürfen immer stärkerer Anreize. Die Themen, die geschaut werden, müssen immer deutlicher und aggressiver werden, um das gewünschte High zu erreichen.  Irgendwann ist das Gehirn nicht mehr in der Lage, in einer normalen Lebenumgebung genug Dopamin zu produzieren. Man braucht „Pornostimulierung“, um nicht schlecht gelaunt zu sein.

Damit sind alle Zutaten für eine handfeste Sucht gegeben. Der Pornokonsument erlebt eine starke endogen produzierte Highwelle, die jederzeit und beinahe gratis erhältlich ist. Sehr oft wird das meist unbewusst als Selbstmedikation eingesetzt. Sobald Emotionen wie Ärger, Stress, Langeweile oder Müdigkeit auftreten, wird mittels Pornokonsum abgeholfen. Durch jahrelanges ständiges Wiederholen brennt sich diese billige und wirkungsvolle Selbstmedikation im Gehirn ein. So wie man das Radfahren nicht verlernt, verlernt das Gehirn, das auf Effizienz aus ist, diese chemische Abhilfe gegen unangenehme Gefühle nicht mehr.

Dr. Jekill und Mr. Hyde

Zeigen sich die sozialen Auswirkungen wie Eheprobleme, soziale Isolation und Depressionen dann offensichtlich, und der Pornokonsument erkennt, dass seine Probleme mit Pornographie in Zusammenhang stehen, wird der Entschluss gefasst, damit aufzuhören. Dieser Entschluss ist jedoch nicht so einfach in die Tat umzusetzen. Tritt ein sogenannter „Trigger“, ein Anlass für eine Internetpornosession, die ja wirklich nur einen Mausklick entfernt ist, auf, sind alle Entschlüsse im Nu vergessen. Stunden später, wenn das Ganze wieder vorbei ist, findet sich der Rückfällige völlig verzweifelt wieder. Ein neuer Entschluss wird gefasst, die Automatik zum Computer wird mit aller Gewalt unterdrückt, bis der innere Druck so groß geworden ist, dass nachgegeben wird. Diese Phasen der Kontrolle und des Freigebens wiederholen sich in mehr und weniger langen Zyklen wieder und immer wieder. Es hat sich eine, wie die Psychologen sagen, Zwangshandlung entwickelt.

Es funktioniert so: Sobald ein Trigger (Langeweile, Einsamkeit, Wut, Stress oder Müdigkeit) oder physisch (Anblick einer knapp bekleideten Frau, reizvolle Werbung etc.) auftritt, kommt das limbische System im Gehirn, das Suchtzentrum, in Fahrt. Das Prekäre daran ist, dass dabei gleichzeitig die frontalen Gehirnlappen, wo die Logik und das Bewusstsein für Konsequenzen und Willensstärke liegen, außer Betrieb gesetzt werden. In diesem Zustand, der sich plötzlich oder auch allmählich entwickeln kann, ist der Süchtige gar nicht mehr in der Lage, vernünftig zu entscheiden. Das limbische System hat die Kontrolle übernommen, und je mehr sich darauf eingelassen wird, desto enger wird das Bewusstsein, gleich dem Schacht in einer Eieruhr. Wenn der Drogenrausch zu Ende ist, typischerweise nach dem Orgasmus, zieht sich das limbische System wieder zurück, das normale Denken setzt ein, und voller Selbstzweifel steht der Geplagte da und versteht nicht, wie es wieder so weit kommen konnte. Gleich der Geschichte von Dr. Jekill und Mr. Hyde hat der Pornosüchtige wenig Chancen, aus diesem Teufelskreis wieder herauszukommen.

Es folgt der Artikel: Tipps für den Ausstieg aus der Online-Sex-Sucht

Erschienen in The Epoch Times Deutschland Nr. 30/09

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