Rainer Zitelmann „Warum Intellektuelle den Kapitalismus nicht mögen“

Von 15. Juli 2018 Aktualisiert: 16. Juli 2018 19:17
„Die Vorstellung, dass eine Wirtschaft ohne aktives Zutun und ohne Planung besser funktioniert als mit, ist vielen Intellektuellen fremd.“ Dr. Dr. Rainer Zitelmann wagt einen Blick auf die Ursachen und plädiert in seinem Bestseller "Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ für mehr Markt und weniger Staat.

„Warum Intellektuelle den Kapitalismus nicht mögen“ – so lautet die Überschrift des zehnten Kapitels im Buch „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ von Dr. Dr. Rainer Zitelmann. Es erschien 2018 in seiner 2. Auflage im FinanzBuch Verlag München und ist mittlerweile ein Bestseller des Manager Magazins. Spannend.

Was sind denn Intellektuelle? Eine einheitliche Definition gebe es nicht, beginnt Rainer Zitelmann dieses Kapitel. Doch es genüge, wenn man Intellektuelle definiere „als Menschen, deren Beruf es ist, Gedankenarbeit zu leisten, und die in der Lage sind, diese Gedanken besser auszudrücken, als dies die meisten anderen Menschen vermögen“. Dabei handele es sich meist um belesene Menschen, die eher in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften unterwegs sind als in den Ingenieurwissenschaften oder technischen Bereichen.

Vorurteil: Aller Reichtum entstand durch Diebstahl

Der Historiker Alan S. Kahan schrieb 2010 in seinem Buch, dass „Antikapitalismus in der Tat das am meisten verbreitete und überall praktizierte ideelle Bekenntnis unter Intellektuellen ist“ (1). Auch das Vorurteil, aller Reichtum sei durch Diebstahl und Betrug entstanden, halte sich „am hartnäckigsten in den Gefängnissen und – an der Harvard-Universität“, erklärte der Soziologe George Gilder.

Am meisten glauben dies „unser geistiges Estabslishment“, zu dem vor allem „Sozialwissenschaftler, hochkarätige Journalisten und führende Regierungsbeamte“ gehören (2). Natürlich gebe es glücklicherweise auch einige unter den Intellektuellen, die den Kapitalismus nicht ablehnen.

Antikapitalismus kann sich in vielen Formen zeigen, beispielsweise als linke oder rechte Globalisierungskritik, die sich gegen Freihandel richtet. Er tritt auch als rechter, linker oder islamisch motivierter Antiamerikanismus oder als Ökologismus auf – er wechselt die Erscheinungsformen wie es Mode ist.

Intellektuelle Unzufriedenheit – Unbefriedigend beschäftigt – Groll

Schon seit Jahrhunderten klagen Intellektuelle darüber, dass sie wirtschaftlich ein schwereres Los haben als die in der Wirtschaft erfolgreichen, schreibt Rainer Zitelmann.

Bereits 1940 versuchte sich Joseph Schumpeter, ein österreichisch-amerikanischer Ökonom, an einer Erklärung für dieses Phänomen. Rainer Zitelmann fasst seine ökonomische Erklärung so zusammen:

„Je mehr Menschen studierten, die später nicht in der Wirtschaft benötigt würden, desto größer wäre die Zahl an jungen Menschen, die arbeitslos oder unbefriedigend beschäftigt seien. Diese strömten in Berufe, in denen der Standard am wenigsten bestimmt seien oder in denen Fähigkeiten und Fertigkeiten einer anderen Ordnung zählten.“

Und (Zitat von Joseph Schumpeter): „Sie vermehren die Schar der Intellektuellen im eigentlichen Sinne des Wortes, deren Zahl infolgedessen unverhältnismäßig ansteigt. Sie stoßen zu ihnen in einem Geisteszustand äußerster Unzufriedenheit. Unzufriedenheit erzeugt Groll und redet sich in jene soziale Kritik hinein, die […] unter allen Umständen die typische Haltung des intellektuellen Zuschauers gegenüber Menschen, Klassen und Institutionen, namentlich in einer rationalistischen und utilitaristischen Zivilisation, ist.“ [Anmerkung der Red: Utilitaristisch: Der Zweck heiligt die Mittel. Nachteile für einen Einzelnen zählen umso so weniger, je mehr Menschen daraus einen Gewinn ziehen]

Darin stecke sicherlich ein Körnchen Wahrheit, erklärt der Autor. Doch eine rein ökonomische Erklärung greift für ihn zu kurz. Denn laut Alan S. Kahan sind oft die beruflich sehr erfolgreichen und gut bezahlten Intellektuellen besonders antikapitalistisch eingestellt.

Kapitalismus ist eine gewachsene Ordnung, kein übergestülptes Konstrukt

Einer der Gründe ihrer Ablehnung ist das Unverständnis vieler Intellektueller für den Charakter des Kapitalismus als spontan gewachsene Ordnung“

Rainer Zitelmann beweist seine These in den ersten neun Kapiteln mit eindrucksvollen Beispielen von fünf Kontinenten. Sie zeigen, dass der Kapitalismus kein Gedankenkonstrukt ist, das der Wirtschaft – anders als der Sozialismus – übergestülpt wurde –, sondern eine von unten gewachsene Ordnung.

Unternehmen wachsen aus einer Idee heraus, einem Bedürfnis der Menschen, welches ein anderer Mensch mit einer neuen Erfindung o.ä. befriedigt. Wie bei Apple und Steve Jobs entwickelt sich ein Unternehmen (und eine Wirtschaft) sprungweise, spontan in viele Richtungen. Ungeplant. Es sieht eventuell chaotisch aus – und funktioniert und ist lebendig.

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Die Rolle der Politiker bestehe darin, diese wachsende Ordnung nicht zu behindern. Eines der sehr faszinierenden Beispiele findet sich im Kapitel 7 „Schweden – der Mythos vom nordischen Sozialismus“. In dem Moment, als die schwedische Regierung sich vom Sozialismus und der Planwirtschaft des Wohlfahrtsstaates zwischen 1970 und 1991 abwandte, verbesserte sich das Wirtschaftswachstum des Landes wieder im weltweiten Ranking und liegt seit 2016 vor Deutschland.

Die Form des Kapitalismus ist eine gewachsene Form, so gewachsen, wie eine Sprache wächst. Sprachen werden nicht erfunden, sondern entwickeln sich spontan. „Esperanto“ ist eine Plansprache, sie wurde bereits 1887 erfunden und hat sich bis heute nicht durchgesetzt. Der Sozialismus sei so etwas wie eine Plansprache, „ein von Intellektuellen erdachtes System“.

„Der Sozialismus war niemals und nirgendwo ursprünglich eine Arbeiterbewegung … er ist eine Konstruktion von Theoretikern, abgeleitet aus bestimmten Tendenzen abstrakten Denkens, mit dem lange Zeit nur die Intellektuellen vertraut waren; und es bedurfte langer Anstrengungen der Intellektuellen, bevor die Arbeiterklasse überredet werden konnte, ihn als ihr Programm zu übernehmen.“ (Friedrich August von Hayek, „The Intellectuals and Socialism“, 1949)

Fazit von Dr. Dr. Zitelmann:

Kein Wunder, dass der Marxismus im 20. Jahrhundert eine ungeheure Attraktivität auf Intellektuelle ausübte: Die Theorie wurde von Intellektuellen erdacht und in komplizierten Systemen formuliert.“

Und es ging darum,

gewachsene spontane Ordnungen – vor allem die Marktwirtschaft, aber auch Traditionen und gesellschaftlicher Normen – zu zerstören und an deren Stelle ein ‚wissenschaftliches‘, vernunftgesteuertes System zu setzen.“

Denn, so der Autor: „Die Vorstellung, dass eine Wirtschaft ohne aktives Zutun und ohne Planung besser funktioniert als mit, ist vielen Intellektuellen fremd.“

Wer wird im Kapitalismus reich?

Dem Kapitalisten werde unterstellt, dass er primär aus Eigennutz handle, um sich zu bereichern, beschreibt der Autor.

Doch wer wird denn reich? Ein Kapitalist wird „nur dann reich, wenn er mit seinen Produkten oder Dienstleistungen die Bedürfnisse vieler Kunden befriedigt“ – und es werde dabei übersehen, dass ein Künstler, ein Schriftsteller oder Gelehrter die Bedürfnisse von viel weniger Kunden befriedigt.

So kann es sein, dass eine Boulevardzeitung viel mehr Menschen erreicht als ein hochpoetischer Essay – und die Boulevardzeitung damit viel reicher wird. Für den Intellektuellen stimmen an dieser Stelle jedoch die Marktgesetze nicht mehr. Außerdem leitet er für sich eine moralische Überlegenheit ab.

Für einen Intellektuellen ist ein Wirtschaftssystem mit einem starken Staat erstrebenswert, beispielsweise ein sozialdemokratisch geprägter Wohlfahrtsstaat. Dieser nimmt den Reichen ihre ungerecht-verdienten Gelder weg und verteilt großzügig um. Vor allem lenke dieser die „chaotische“ Wirtschaft.

Die Lenkung und staatlichen Eingriffe wollen Intellektuelle paradoxerweise nur im Bereich der Wirtschaft, sonst fordern sie überall Freiheit. Sie vertrauen einer Behörde mehr als den Konsumenten.

Intellektuelle sehen sich als eine Elite: Ihr Gegner ist eine andere Elite – die der Wirtschaft

Führen mehr Bildung und höhere Bildung nicht selbstverständlich zu mehr Einkommen und höheren Stellungen, dann sind die Märkte, an denen so etwas geschehen kann, für die kapitalismuskritischen Intellektuellen ungerecht.“ (Zitelmann)

Oder anders formuliert, wer sich als Elite sieht, aber in seinem Lebensstil zurückstecken muss hinter dem eines banalen Unternehmers, der „muss doch hadern mit der Ungerechtigkeit des Systems“. Dahinter steckt also einfach eines: Neid.

Explizites (aus Büchern) und implizites (intuitives) Lernen

Der Autor verweist noch auf ein weiteres, eventuell sogar tiefer liegendes Motiv. Dieses bezieht sich auf die Art und Weise der Aneignung von Wissen.

Intellektuelle setzen den Erwerb von Wissen mit akademischer Ausbildung, Studium, Büchern und Faktenwissen gleich, dies wird als „explizites Wissen“ bezeichnet.

Das Gegenteil davon ist das „implizite Wissen“, welches erheblich ursprünglicher und wirksamer ist als das Faktenlernen aus Büchern und im Studium.

Das „implizite Wissen“ entsteht intuitiv, wie ein kleines Kind eine Sprache lernt. Oder ein Junge Fahrradfahren. Dem Jungen nutzt es nichts, Bücher über das Fahrradfahren zu lesen – er muss es tun, ausprobieren und hinfallen. Er wird nicht berechnen, welchen Muskel er wie einsetzen muss, um die Balance zu halten. Zusätzlich kann er Andere, die ebenfalls Fahrradfahren lernen wollen, in ihren Versuchen unterstützen.

Wissenserwerb erfolgt, das wissen Lehrer sehr gut, „nicht unbedingt durch die bewusste und systematische Aneignung von Wissen, sondern erfolgt oftmals als implizites Lernen“, wie der Autor schreibt.

Erfolgreiche Unternehmer lernen durch das Leben, wie sie ihr Unternehmen entwickeln, mit Versuch und Irrtum. Was ihn erfolgreich macht, hat er nicht aus Büchern gelernt.

Aus Sicht des Intellektuellen hat dieser Unternehmer nicht mal unbedingt ein Diplom, wichtige Veröffentlichungen oder einen promovierten Abschluss. Wie kann er daher erfolgreicher sein als er selbst?

Er „vermag nicht zu verstehen, warum der ihm ‚geistig unterlegene‘ Unternehmer, der nur einen Bruchteil der Bücher gelesen hat und vielleicht nicht einmal über ein abgeschlossenes Studium verfügt, am Ende wesentlich mehr Geld verdient, ein höheres Vermögen hat, in einem schöneren Haus wohnt und vielleicht sogar eine schönere Frau hat als er. Er empfindet dies als ‚zutiefst ungerecht‘, und dies bestätigt ihn in seiner Ansicht, dass der Markt bzw. der Kapitalismus nicht ‚richtig‘ funktioniert und dass diese Unzulänglichkeit bzw. die daraus resultierende Ungerechtigkeit durch eine massive Umverteilung korrigiert werden müsse.“

Zitelmann: Natürlich – kapitalistische Systeme seien alles andere als vollkommen

„Gibt es in kapitalistischen Ländern Ungleichheit, Korruption und Armut? Selbstverständlich.“ Rainer Zitelmann analysiert sie auch. Doch: Das sei in allen Zeiten und in allen Gesellschaften zu beobachten.

Ist der Dieselskandal in Deutschland, basierend auf betrügerischer Software, eine Erfindung des Kapitalismus? „Ist Betrug eine Erfindung oder Folge des Kapitalismus? Oder gibt und gab es diesen nicht in jedem System?“ Fragt der Autor und forscht weiter.

In einer Marktwirtschaft fliege ein Betrug sogar erheblich leichter auf als in anderen Systemen – da gelegentlich andere Wettbewerber ihn aufzeigen. In autoritären Systemen wie der DDR gäbe es gar nicht die Auswahl – und auch nicht die Pressefreiheit dazu, um dies zu veröffentlichen.

„Gibt es Ungleichheit im Kapitalismus? Natürlich“, greift der Autor einen weiteren typischen Vorwand auf.

Auch die Ungleichheit gab es in allen Zeiten und in allen Ländern. Doch man solle sich auch fragen, ob eine Gesellschaft ohne Ungleichheit eigentlich erstrebenswert wäre.

Unternehmer sind erfolgreich, weil sie sich an den Markt anpassen

Heute krankt das System daran, dass weltweit den Kräften des Marktes zu wenig Spielraum eingeräumt wird, erklärt Zitelmann. So sei es die Aufgabe, mehr Kapitalismus zu wagen. Denn das Marktsystem funktioniere weil …

… derjenige reich wird, der die Bedürfnisse von möglichst viele Konsumenten befriedigt. Das ist die Logik des Marktes.“

Dort, wo der Staat seinen (planwirtschaftlichen) Einfluss verringert, steigte der Wohlstand und die Armut nehme ab.

Fazit: Ein sehr empfehlenswertes Buch

Gut recherchierte Fakten, sorgfältige Argumentation, zudem noch sehr verständlich und manchmal sogar amüsant zu lesen – „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ ist ein sehr empfehlenswertes Buch.

Die Titel der anderen Kapitel heißen: Einleitung: Das Experimentierfeld der Geschichte – China: Von der Hungersnot zum Wirtschaftswunder – Kapitalismus hilft Afrika besser als Entwicklungshilfe – Wie Ulbricht mit dem Trabi den Mercedes überholen wollte – Nord- und Südkorea: Der Markt ist sogar weiser als Kim Il-sung – Thatcher und Reagan reformieren England und Amerika – Warum geht es den Menschen in Chile besser als in Venezuela – Schweden – der Mythos vom nordischen Sozialismus – Menschen geht es besser, wo wirtschaftliche Freiheit herrscht – Die Finanzkrise – eine Krise des Kapitalismus und als Abschluss folgt ein Plädoyer für kapitalistische Reformen.

Sehr gut dokumentierte Anmerkungen, Literatur und das Personenregister nehmen rund 40 Seiten ein.

Rainer Zitelmann, „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“, erschienen im FinanzBuch Verlag München, ISBN 978-3-95972-088-5, (Hardcover, 283 Seiten mit 684 Quellenangaben, 24,99 Euro) und kann hier bestellt werden. Dr. Dr. Rainer Zitelmann ist promovierter Historiker und Soziologe („Psychologie der Superreichen“) – und erfolgreicher Unternehmer. Mittlerweile sind 21 Bücher von ihm erschienen, darunter viele Bestseller, die weltweit übersetzt wurden. Er war u.a. Ressortleiter bei der Tageszeitung „DIE WELT“.

(1) Kahan, „Mind vs. Money. The War Between Intellectuals and Capitalism“

(2) George Gilder, „Reichtum und Armut“, Berlin 1981