"Weisheit untersucht nicht, sie betrachtet." Roland R. Ropers
"Weisheit untersucht nicht, sie betrachtet." Roland R. Ropers
Foto: Gerald B. / Pixelio

Kolumne: Ropers neue Welt der Etymosophie

EUDÄMONIE – glückselige Götterwelt im Innersten

von Roland R. Ropers / Gastautor, Montag, 4. Februar 2013 10:00

 

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Die Etymosophie-Kolumne von Roland R. Ropers erscheint wöchentlich exklusiv in der EPOCH TIMES Deutschland.

Sokrates hatte das Daimonion, die Götterwelt im Innersten des Menschen entdeckt. Das griechische Präfix „eu“ steht für gut, harmonisch, wohl (Eutonie – die gute Spannung, Evangelium – die gute Botschaft; griech.: angelos: der Bote, der Engel). Eudämonie ist die harmonisch wirkende Kraft der Götter.

Griechische Weisheit hatte wesentlich zur Geburt einer neuen Menschheitsepoche beigetragen, deren schicksalsreichster Augenblick das Ereignis von Golgotha war. Herabgestiegen war das Weltenwort, hatte sich zu erkennen gegeben in der Verkündigung: „ICH bin das Wort“, wurde gekreuzigt und ist auferstanden. So konnte der Apostel Paulus viel bewusster als Sokrates auf den Christus in uns, das lebendige innere Wort hinweisen. Mitten hinein in die Dämmerung der alten Götter ertönten die machtvollen Klänge uralter Wahrheit: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ (Prolog des Johannes-Evangeliums). Die chinesische Übersetzung dieser berühmten Bibelstelle heißt: „Im Anfang war das TAO“.

Die Innenwelt der Dämonen, ist das Reich von der Erkenntnis von Einheit und Weisheit, aber nicht der Bereich des Teufels (griech.: διάβολον - diabolon), die Welt der Trennung. Das griech. Verb „diaballein“ (trennen, teilen, Chaos schaffen) steht im Gegensatz zu „symballein“ (zusammenwerfen, in die Einheit bringen). Jedes Symbol ist stets Hinweis auf die vom Menschen angestrebte Einswerdung. Weisheit untersucht nicht, sie betrachtet. Wir müssen eine ganze Weile genau hinschauen, bevor wir wirklich sehen können.

Mehr Schein als Sein gehört zum trügerischen Erkennungszeichen unserer verführerischen Welt der Mega-Täuschungen. Das lateinische Sprichwort: „mundus vult decipi, ergo decipiatur“ (die Welt will betrogen sein, also wird sie betrogen) hat an Gültigkeit eher gewonnen als verloren. Das lat. Wort „decipere“ (= täuschen, betrügen; engl.: to deceive) heißt wörtlich: wegnehmen. Im Akt der Täuschung wird Wirklichkeit weggenommen und die Scheinwelt für real gehalten. Im Sanskrit bezeichnet man diesen Zustand mit „Maya". Und was man heute auf sehr bedrückende Weise wahrnehmen muss, ist die Tatsache, dass die vom Konsum und Fortschrittsglauben gesteuerten menschlichen Marionetten ihr eigentliches Leben und Dasein nicht erkennen, stattdessen eine Scheinwelt mit allen denkbaren Mitteln aufrechterhalten und verteidigen, was zu einem dauernden, letztlich vermeidbaren und unnötigen Lebenskampf führt. Wenn Leben als Kampfplatz verstanden wird, werden alle damit verbundenen Verteidigungs- und Rechtfertigungsmechanismen den Zugang zum göttlichen Paradies verhindern.

Der Erfahrungsbereich des ewigen Lebens, des Seins in der Gegenwart, ist jedoch völlig frei von jeglicher Projektionsaktivität, die den Focus vom göttlichen und menschlichen Zentrum in den Bereich der vielfältigen Erscheinungen und Täuschungen verlagert. Und so ist auch die jetzt sehr lebendige Projektionswelt von Astralebenen, Durchsagen, Visionen mit aller größter Vorsicht zu betrachten, denn „die Geister, die ich rief, ward ich nicht mehr los" (Goethe‘s Faust).

Was hindert uns am Erkennen der Wahrheit, dass die Ur-Natur des Lebens immerwährend in uns ist? Unser Nichtwissen ist es (Sanskrit: Avidya), – die irrige Auffassung nämlich, dass unsere wahre Wesensnatur, welche Geist ist (Sanskrit: Atman), in Körper, Seele, Intellekt und Sinnesorgangen zu finden ist. Das Licht des Ewigen Lebens leuchtet, doch der Schleier unseres Nicht-Wissens, unser Aufenthaltsort im Reich der Schein-Welt, verdeckt das Licht. Damit ist der Erfahrungsweg zur Eudämonie versperrt.

Die Erfahrung jener Wahrheit erfolgt durch Verwandlung. Nach der Lehre der Upanishaden lebt der Mensch in drei Bewusstseinszuständen: Wachen, Träumen und Tiefschlaf. In keinem dieser Zustände können wir unsere innerste Wesensnatur schauen. Doch jenseits dieser drei Zustände gibt es einen vierten, der nur Mystikern und Erleuchteten bekannt ist – ein Zustand, der Raum, Zeit und Kausalität transzendiert. Er ist das von Jesus Christus erwähnte inwendige Königreich Gottes. Was man in jenem vierten Zustand erfährt, steht niemals im Widerspruch zu allen übrigen Erfahrungen. In diesem transzendenten Zustand wird jegliches Bewusstsein der Welt in ihrer Vielfältigkeit ausgelöscht. Allein der Urgrund des Universums existiert, den die Inder Brahman nennen. Man erfährt Frieden und Glückseligkeit jenseits allen Verstehens.

Die Hindus bezeichnen dieses Stadium mit Samadhi, der Buddhismus spricht von Nirvana, und bei den Christen ist es die Unio Mystica, die mystische Vereinigung mit Gott.

Wie kann ein spiritueller Sucher, der die Wahrheit finden möchte, sich mit Antworten aus Theologie und Philosophie, mit Doktrinen und Glaubensgrundsätzen zufriedengeben? Sri Ramakrishna pflegte zu sagen: „Ihr seid in den Mangogarten gekommen. Welchen Sinn hat es, wenn ihr die Blätter an den Bäumen zählt? Esst die Mangofrüchte und stillt euren Hunger!"

Wer sich mit großer Ernsthaftigkeit auf den Weg macht, lässt sich auf ein abenteuerliches Risiko ein, das Leben heißt. Erst auf einem oftmals beschwerlichen und entbehrungsreichen Weg bricht nach und nach das Kartenhaus der Scheinwelt zusammen, und das Licht in der Finsternis beginnt dauerhaft zu leuchten.

„Tanz' mein Herz! Heute tanz' mit Freude.
Die Klänge der Liebe erfüllen
Tage und Nächte mit Musik,
und die Welt hört ihre Melodien.
Ergriffen vor Freude tanzen Leben und Tod
zu den Rhythmen dieser Musik.
Hügel und Meere und Erde tanzen.
Die Welt der Menschen tanzt
unter Lachen und Tränen.
Schau! Mein Herz tanzt vor Entzücken
in unzähligen Künsten,
und der Schöpfer ist sehr erfreut."

(Der indische Dichter und Mystiker Kabir, 1440 - 1518)

 

Roland R. Ropers
Roland R. Ropers
Foto: The Epoch Times

Der Religionsphilosoph Roland R. Ropers ist Autor und Herausgeber etlicher Bücher:

Was unsere Welt im Innersten zusammenhält: Hans-Peter Dürr im Gespräch mit bedeutenden Vordenkern, Philosophen und Wissenschaftlern von Roland R. Ropers und Thomas Arzt; 2012 im Scorpio Verlag

Eine Welt - Eine Menschheit - Eine Religion von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit von Raimon Panikkar und Roland R. Ropers

Die Hochzeit von Ost und West: Hoffnung für die Menschheit von Bede Griffiths und Roland R. Ropers

Geburtsstunde des neuen Menschen. Hugo Makibi Enomiya-Lassalle zum 100. Geburtstag von Roland R. Ropers

 

 



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