Foto: Jana Lam Zuviel Spielzeug zerstört den Forscherdrang

Brauchen Kinder Spielzeug ?

Von 19. April 2005 Aktualisiert: 19. April 2005 17:58
Drei Monate Kindergarten mit Wäscheklammern und Matratzen

„ Mami, mir ist es langweilig. Komm, spiel mit mir.“ „ Langweilig? Wie kann es dir langweilig sein? Schau dein Zimmer an. Ich hatte nicht mal halb so viele Spielsachen und mir war nie langweilig.“

Wer kennt das nicht ? Kann ein Überangebot an Spielsachen Langeweile verursachen?

Ich besuchte ein Kindergarten, in dem gerade ein Projekt „ Spielzeugfreier Kindergarten“ durchgeführt wird.

Auf den ersten Blick sieht der Raum ziemlich leer aus, eingerichtet nur mit Stühlen, Tischen, leeren Kisten, Matratzen, Bänken und einer Bockleiter. Also mit Sachen, die vielseitig gebraucht werden können und praktisch in jedem Haushalt zu finden sind. Spielsachen findet man hier keine. Ich sehe nur Tücher, Seile, Wäscheklammern, Werkzeuge und Besen. Mich hat interessiert, warum sich die Kindergärtnerin, Frau Hediger, für dieses Projekt entschieden hat. „ Ich war immer diejenige, die Impulse zum Spielen gegeben hat. Ich habe gesehen, dass die Kinder oft ein Spielzeug nur anfassen und dann wieder auf die Seite legen. Dann war ich bei einer Vorstellung dieses Projektes und dort habe ich in einem Video gesehen, wie die Kinder spontan zusammen spielten. Das hat mich begeistert.“

Eine Überhäufung mit Spielzeug, Konsumgütern und Freizeitangeboten könne auch dazu führen, dass Kinder zu wenig Gelegenheit haben, „zu sich zu kommen“, ihre eigenen Bedürfnisse zu spüren, ihre eigenen Ideen und Phantasien zu entwickeln, erklärt die engagierte Erzieherin.

Sie betont, dass sie sich viel Mühe gegeben haben auch den Eltern dieses, vom Verein für Suchthilfe Aargau geleitete, Projekt näher zu bringen und damit in hohem Maße auf Zustimmung und Offenheit gestoßen seien.

Den Kindergartenvormittag ohne Spielzeug beschreibt Frau Hediger so: ,,Die Kinder können spielen was und mit wem sie wollen. Sie können auch im Garten spielen. Jedes Kind darf essen, wann es Hunger hat. Ich beobachte die Kinder und gebe keine Spielangebote. Nur wenn eine Situation gefährlich wird, greife ich ein. Wenn sie eine Hilfe brauchen, müssen sie zuerst andere Kinder fragen, ob ihnen jemand hilft. Erst wenn es nicht geht oder niemand helfen möchte, kommen sie zu mir.“

Plötzlich klingelt eine Glocke. Alle Kinder und die Kindergärtnerin laufen schnell zu einem Stuhl auf einer Seite des Raumes. Dort lassen sie sich entlang einer halbkreisförmigen Linie nieder, die mit weißem Klebeband auf den Boden um den Stuhl geklebt wurde. Auf dem Stuhl sitzt das Mädchen, welches mit der Glocke geklingelt hat. „ Ich möchte mit der Matratze spielen und die Jungen möchten auch mit der Matratze spielen.“ „ Hast du sie schon gefragt?“ möchte ein anderes Mädchen wissen. „Ja, aber sie hören nicht zu.“

„Ich habe nichts gehört“, sagt der Junge. „Ja, was kann man da machen?“ fragt die Kindergärtnerin in die Runde. „ Brauchst du unbedingt diese Matratze?“ erkundigt sich wieder ein Kind. „ Ja.“ „ Ich werde etwas anderes spielen“, lenkt der Junge schließlich ein.

Nachher erklärt Frau Hediger mir, wenn ein Kind ein Problem habe, mit dem es nicht zurechtkomme, könne es einfach die Glocke läuten. Dann müssen alle kommen und zuhören. Bei den Diskussionsrunden wächst die Sprechfreudigkeit und Sprachmeisterung. Kinder lernen, auf ihre Bedürfnisse zu achten, Wünsche umsetzen und sich Hilfe zu holen, wenn sie alleine nicht weiterkommen. Manchmal müssen sie auch zurückstehen oder gar verzichten. Durch das Selbertun kann das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wachsen. Die Kinder werden selbständiger und selbstbewusster.

Erzieher und Kinder haben die eingeführte Schlussrunde am Ende des Kindergartenvormittags schätzen gelernt. Hier ist Raum, um über die eigenen Erlebnisse zu berichten und Probleme zu besprechen. An dieser Stelle können auch die Erzieherinnen ihre Beobachtungen einbringen und zum Beispiel Kinder, die immer nur zu zweit spielen, anregen sich auch mal mit anderen zusammenzutun, Streitigkeiten besprechen usw.

In einer Woche geht dieses 3-monatige Projekt zu Ende. Nach den Veränderungen im Verhalten der Kinder gefragt, hat die Erzieherin Bemerkenswertes zu berichten: ,,Früher konnten sich die Kinder hinter den Spielsachen verstecken. Als plötzlich alle Spielsachen weg waren und der Raum so gross und leer geworden ist, wussten die Kinder zunächst nicht, was sie machen sollen. Alle haben versucht irgendwie ihre eigene Häuser oder Grenzen zu bauen. Mit der Zeit sind die Häuser zusammen gewachsen und die Kinder benutzen jetzt den ganzen Raum. Es wird nicht mehr gesagt: „ Das ist meins.“ Es wird viel mehr zusammen gesprochen und viel mehr körperlich gespielt wie z.B. springen, fangen, klettern, kriechen usw.

Auch die Kinder erwidern auf die Frage, ob sie sich auf die Rückkehr der Spielsachen freuen: „ Nein, es wird langweilig.“ Die Kindergärtnerin fügte noch dazu:“ Die 3 Monate waren ein Prozess nicht nur für die Kinder, sondern auch für mich. Ich habe meine Anschauungen was Spielen bedeutet auch geändert. Es wird sicher nicht mehr so sein wie früher. Die Kinder werden jetzt auch mitbestimmen, welche Spielsachen zurückkommen und wie der Raum eingerichtet wird.“



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