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Den Mut haben zu leben

Epoch Times18. Oktober 2010 Aktualisiert: 18. Oktober 2010 14:52
Die Regisseurin des Films „Die Wüstenblume“, Sherry Hormann, im Gespräch mit unserer chinesischen Kollegin Lea Zhou.

Im Film „Die Wüstenblume“ wird eine wahre Geschichte nach dem Bestseller von Waris Dirie erzählt. Waris aus Somalia wurde zu einem der bestbezahlten Models der Welt. Doch bei allem Erfolg belastete sie das Geheimnis ihrer Kindheit. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erzählte sie von der grausamen Tradition der Frauenbeschneidung, deren Opfer sie selbst als kleines Mädchen wurde. Waris entschließt sich, ihr Leben dem Kampf gegen dieses Ritual zu widmen.

Epoch Times: Sherry Hormann, Sie haben sich an ein ungewöhnliches Thema gewagt, das sehr, sehr bewegend ist. Was mich interessiert, ist eigentlich nicht die Geschichte, die erzählt wurde, sondern Ihre Geschichte. Sie haben gesagt: Endlich ein politisches Thema. Sie haben hier in München an der Hochschule für Fernsehen und Film studiert – wann ist eigentlich der Wunsch entstanden, jetzt will ich etwas machen, was die Welt bewegt?

Sherry Hormann: Ich habe durch Komödien erfahren, wie man das Publikum begeistern kann. Ich habe in Deutschland Komödien gemacht, die sehr erfolgreich waren. Das war toll zu sehen. Ich habe mir dann gedacht, wenn man das mit einer Komödie kann, dann werde ich das nächste Mal versuchen, das Publikum mit einem politischen Thema zu fesseln, sodass die Menschen immer noch das Gefühl haben, sie werden unterhalten, aber es gibt dabei noch die zweite Schicht darunter. Eine Bewusstwerdung, dass es auch noch andere Probleme gibt außer den eigenen.

Epoch Times: Seit wann haben Sie sich für dieses Thema interessiert?

Hormann: Ich habe mich vorher für das Thema nicht interessiert, ich habe mich auch nicht für Afrika interessiert. Das war mir immer fremd. Und ich habe mich erst nach dem Lesen des Buches dafür interessiert, aber dann fühlte ich mich beschenkt, reich beschenkt, dass ich das machen darf.

Epoch Times: Wie ist Waris im realen Leben? Ist sie ein Mensch, der auch gepanzert ist, eine Frau, die auch streitbar ist, sie müsste eigentlich auch anders sein, als diese zarte zierliche Figur im Film?

Hormann: Das Problem ist, wenn man eine lebende Person verfilmt, lernt man ja sozusagen den Effekt, die Folge dessen kennen, was das Leben mit dieser Person gemacht hat. Ich kenne die Person aber nicht, als sie 12 war und ich kenne sie auch nicht, als sie gerade nach Europa kam. Ich denke die Persönlichkeit von heute, die wir auch alle sehen, die gepanzerte und streitbare Person, war vor 20 Jahren ein ganz anderer Mensch. Die war verunsichert, hatte Angst und kannte die Regeln der westlichen Kultur nicht. Und so muss man auch wieder zurückfinden, das heißt, die Person, die wir auf der Leinwand sehen, war eine andere Person, bevor sie die berühmte Waris wurde.

Epoch Times: Sie haben vorhin von der ersten Begegnung erzählt. Haben Sie sofort erkannt, was sie sich wünscht? Hat sie Ihnen das erzählt oder sie es Sie einfach merken lassen?

Hormann: Sie hat es sich anmerken lassen. Man darf nicht vergessen: Waris Dirie ist in der Wüste geboren, sie ist eine Ziegenhirtin gewesen. Sie hat im Gegensatz zu uns keine Schulbildung gehabt. Sie ist auch jetzt keine Intellektuelle. Sie ist ein totaler Bauchmensch, sie spürt sofort: sie ist wahrhaftig, sie ist ehrlich, gehe ich mit ihr den Weg? Sie macht dies aus dem Bauch heraus.

Ich erzählte ihr etwas aus meinem Leben. Das heißt, wer bin ich für sie, und zwar nicht ich als Filmregisseurin oder Autorin, sondern ich, Sherry, als Frau, als Mutter, als Lebewesen.

Epoch Times: Wie lange hat das beim ersten Treffen gedauert, bis sie sagte, okay, jetzt gebe ich dir …

Hormann: Das waren zwei Stunden. Aber es war eben diese lange Strecke des Schweigens. Vielleicht auch, um zu sehen, ob die durchhält. Inzwischen weiß ich, es war wie eine Prüfung.

Epoch Times: Man weiß halt auch nicht, ob sie das mit Absicht oder mit ihrem Bauchgefühl gemacht hat?

Hormann: Ich weiß es nicht. Aber ich meine – Sie kommen aus China? Aha, aus Peking! Da gibt es doch immer die Geschichten vom „Meister“ – oder der Schüler geht zum „Meister“ und es sind immer die drei Aufgaben, die man bekommt. Und so ein bisschen war das auch (beide lachen). Okay, welche Prüfung habe ich jetzt noch zu bestehen, dass du mich akzeptierst?

Epoch Times: Wie viele Prüfungen gab es?

Hormann: Das war die Hauptprüfung. Es war keine Arroganz, es war Distanz. Es war auch nicht gefallen wollen, sondern entdecke mich neu. Entdecke mich nicht, wie die Presse mich sieht, sondern entdecke, was du in mir siehst. Das ist auch das Schöne in Beziehungen, was sieht mein Partner in mir, was andere nicht sehen …

Epoch Times: Haben Sie durch die Arbeit auch öfter Kontakt mit ihr gehabt, um die Details abzusprechen?

Hormann: Ja, ich habe sie sehr oft getroffen. Sie ist kein Mensch, mit dem man am Tisch sitzt und redet und schreibt oder in ein Diktiergerät spricht. Sondern – wir sind Stunden durch Wien spazieren gegangen, dort lebte sie damals. Ich durfte auch kein Diktiergerät bei mir haben, ich musste das alles in Erinnerung behalten. Erst abends in meinem Hotel habe alles niedergeschrieben.

Epoch Times: Sie erzählte wahrscheinlich von vielen Begegnungen und verschiedenen Orten, die sie dann recherchieren mussten. Haben Sie das alles gemacht?

Hormann: Ich kann natürlich wegen des Bürgerkriegs nicht nach Somalia reisen – dort herrscht Anarchie, also das kann man nicht verantworten. Aber ich war an der Grenze zu Somalia. Ich habe auch in England Menschen getroffen, mit denen sie Berührung hatte. Ich habe auf diese Weise meine Recherche gemacht.

Epoch Times: Diese Tradition der Genitalbeschneidung von Frauen gibt es schon so lange und sie ist sehr verbreitet, Female Genital Mutilation, kurz FGM. In vielen islamischen Ländern ist dies ein Tabuthema. Hatten Sie keine Angst, solch ein sensibles Thema anzusprechen? Solch eine Geschichte bewegt zutiefst. Haben Sie sich darüber Gedanken gemacht?

Hormann: Ich habe auch ein Kind. Darüber wurde auch gesprochen. Aber ich glaube, wenn ich immer nur wegrenne aus Angst, dann lebe ich nicht wirklich.

Epoch Times: Was ist für Sie das Thema des Films? Es ist natürlich diese Genitalbeschneidung von Frauen. Aber man sieht, es ist viel mehr.

Hormann: Das ist eine schöne Frage. Das Thema des Films ist, den Mut haben zu leben.

Epoch Times: Dann passt es, dass Sie eigentlich auch den Mut hatten, diesen Film zu machen. Ich stelle es mir unheimlich gefährlich vor, wenn Sie nach Afrika gehen.

Hormann: Man merkt an Ihren Fragen, dass Sie aus einem Land kommen – ich meine seit gestern ist die Presse, sind die Zeitungen voll davon [Anm. der Red. nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo] – aber Sie kommen aus einem Land, in dem Sie damit konfrontiert wurden. Ein deutscher Journalist würde mir diese Fragen nicht stellen. Wenn man in Länder kommt, die tagtäglich mit der Angst aufwachen – dann stellt man andere Fragen.

Epoch Times: Ich komme aus einem Land, in dem die Angst fest sitzt. Die sitzt viel fester als alles andere. Von daher stelle ich mir immer vor, wenn Sie reingehen – Sie haben auch gesagt, dass Sie mit Steinen beworfen wurden. Wie war das für Sie?

Hormann: Das war furchtbar, grauenvoll! Das war in Dschibuti, dort haben wir den Marktplatz von Mogadischu nachgestellt. Und das sieht ja 1:1 aus wie in Somalia; Wir hatten auch Polizisten, waren also richtig verschanzt und trotzdem – wir waren nicht verschleiert, aber wir waren gemäß der Tradition mit langen Hosen und langen Hemden bei 40 °C im Schatten bekleidet. Das ist ja klar, also aus Respekt vor der Kultur.

Dann steht man da auf dem Marktplatz und dreht – und auf einmal tschhh, war mein Assistent plötzlich weg, er lag auf dem Boden.

Epoch Times: Was haben Sie dann gemacht?

Hormann: Wir hatten natürlich die Polizisten, die uns zur Verfügung standen – aber die waren viel mehr damit beschäftigt, ob sie ein Mittagessen bekommen oder nicht. Sie müssen verstehen, wir haben in einem Land gedreht, wo es nichts zu essen gibt. Wo die Armut das das einzige Thema ist. Und dann kommen die reichen Weißen und wollen auch noch etwas über deren Kultur machen. Ich meine, das ist auch … irgendwie verständlich.

Epoch Times: Vor dem Film hatten Sie eigentlich kaum Unterstützung gehabt von NGOs, von der UNO, der EU. Ich frage mich, wie das war, wenn Sie mit der Polizei sprechen? Wissen die Leute dort, um was für ein Thema es geht?

Hormann: Wir haben lange darüber nachgedacht, ob wir es sagen oder nicht. Ich habe immer gesagt, die Unwahrheit wird immer hoch kommen, immer. Wir werden offen damit umgehen und wir werden nur die Menschen an unsere Seite holen, die uns unterstützen. Das heißt, diejenigen, die uns nicht unterstützt haben, haben uns bekämpft. Diejenigen, die uns unterstützt haben, haben es möglich gemacht, dass wir diesen Film drehen konnten. Zum Beispiel die Frau, die die Beschneiderin spielt, die im ganzen Leben nichts anderes getan hat, als Kindern alles wegzuschneiden, hat auch gesagt, ich werde zusagen, diesen Film mitzumachen. Ich wollte eine echte Beschneiderin. Es gab nur eine, die das mitgemacht hätte, und das war sie. Ich wollte, dass das authentisch ist. Dann stand die Frau in meinem Zimmer und der Übersetzer sagt: Sie macht es. Warum macht sie es? Dann sagte sie: Vielleicht kann sie damit wieder etwas gutmachen.

Epoch Times: Diejenigen, die die Mutter und den Vater gespielt haben, waren dies alles Einheimische?

Hormann: Das waren alles Einheimische. Witzig – den Vater habe ich während der Dreharbeiten neu besetzt. Er wollte nach einem Drehtag plötzlich eine Million Dollar. Wo soll ich eine Million Dollar herbekommen – soll ich drucken oder was? (lacht) Dann habe ich die Rolle mit einem anderen Vater besetzt und er ging dann immer beten. Als guter Moslem ging er immer beten, mitten in der Einstellung war er plötzlich weg. Ich frage, wo ist denn der Vater? Na, der ist beten. (lacht) Okay. Das sind so Dinge, auf die ist man als Westler nicht vorbereitet.

Epoch Times: Wenn man sagt, in dem Film geht es immer um Folgendes: Der Tag, der dein Leben verändert hat. So einen Film zu machen, inwieweit hat der Film rückwirkend wieder auf Sie Einfluss genommen?

Hormann: Einen großen – Sie stellen schöne Fragen. Einen sehr großen, weil, wenn man so lange an einem Film arbeitet, verändert der Film einen auch. Man wird in manchen Situationen gütiger, man wird aber auch radikaler und ehrlicher.

Epoch Times: In welcher Hinsicht?

Hormann: In der Hinsicht, dass das Leben ein Geschenk ist. Mit welcher Qualität und mit welcher Vorsicht und Liebe ich mein Leben lebe. Wie ich schaue, dass die Menschen um mich herum das auch bekommen. Das geht eigentlich nur so – man wird immer ehrlicher.

Epoch Times: Meinen Sie, durch das Kennenlernen, durch das Leid von anderen Menschen ist man noch dankbarer für das Leben?

Hormann: Naja, oft ist es ja so, dass man sich durch das Leiden anderer Menshen irgendwie unscheinbar und nichtssagend fühlt, weil diese ja ein viel schlimmeres Schicksal haben als ich. Wer bin ich denn schon? Man fühlt sich eher als graue Maus. Und das sind ja die Helden. Sondern dass man eher sagt, wie wichtig es ist, dass man in seinem eigenen Leben genau hinschaut und wahrhaftig lebt. Ehrlich und wahrhaftig lebt.

Epoch Times: Gibt es eigentlich eine besondere Szene, die Ihnen selbst am besten gefällt?

Hormann: Eine Szene, die ich sehr mag, ist, als sie sich bei dem Fotografen vorstellt, um sich nackt fotografieren zu lassen. Dieser Moment, wie der Fotograf, Tim Spall, mit ihr umgeht. ihr dieses Vertrauen schenkt.

Epoch Times: Was mir auffällt, ist, dass diese Schauspielerin, die Waris gespielt hat, solch eine Unschuld ausstrahlt. Sie haben gesagt, sie stand vorher noch nie vor der Kamera?

Hormann: Sie ist Model. Und ich wusste das nicht. Sie spielt jetzt in einem weiteren Film mit, also sie ist wirklich durch ihre Rolle weitergekommen – jetzt geht sie ihren Weg.

Epoch Times: Diese Unschuld, war das ein besonderes Kriterium bei der Suche, beim Casting?

Hormann: Ja.

Epoch Times: Nach welchen Kriterien haben Sie die Schauspielerin für Waris ausgesucht?

Hormann: Naja, sie muss auf der einen Seite die Unschuld spielen, auf der anderen Seite muss sie das Model glaubhaft darstellen. Das geschieht nun einmal durch eine gewisse Körpergröße, eine gewisse Schönheit. Sie muss spielen können. Sie besuchte dann viele Monate die Schauspielschule in New York, weil sie natürlich die Rede vor der UN gegen Frauenbeschneidung auch glaubhaft rüberbringen muss. Die ganze Bandbreite der Original-Waris musste diese Schauspielerin erfüllen. Ich habe viele Menschen angeschaut, viele, viele junge Frauen beim Casting nur für diese Rolle.

Epoch Times: Wie viele haben Sie gecastet?

Hormann: 1.200 – es ging über Monate.

Epoch Times: An welchem Thema arbeiten Sie jetzt?

Hormann: Das nächste ist ein Sachbuch. Das spielt in den 80ern – es heißt „Anleitung zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick, er ist ein sehr berühmter Psychologe gewesen. Da versuche ich ein Drehbuch zu machen und es irgendwann zu verfilmen.

Epoch Times: Das wird sehr interessant sein.

Hormann: Das ist ein globales Thema, wie wir uns alles so gestalten, dass wir ja nicht glücklich werden. (lachen)

Epoch Times: Vielen herzlichen Dank.

Hormann: Ich danke Ihnen.

Das Interview führte Lea Zhou, Chefredakteurin der DaJiYuan in Europa.

www.wuestenblume-film.de/

Foto: Carlos Alvarez/Getty Images


 



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