Einen Ein-Euro Job annehmen oder nicht nehmen

Von 16. Januar 2005 Aktualisiert: 16. Januar 2005 0:00
Schicksale und Meinungen

Klassentreffen mit Schulfreunden, die man lange nicht gesehen hat, haben etwas Vertrautes und Befremdliches zugleich. Schaut man da in den eigenen Spiegel oder entdeckt man Schicksale? Ich entdeckte sehr unterschiedliche Standpunkte zu der Frage der Ein Euro-Jobs.

Gundula M. lebt in einem kleinen Ort auf dem Land und sprudelte bei dem Thema sofort los: „Nach meinem Studium sind wir dann nach B. gezogen, damit die Kinder näher bei der Oma wohnen. Ich dachte, ich könnte hier Arbeit bekommen, versuchte es erst mit Zeitungen austragen. Man versprach mir eine feste Stelle, die habe ich bis heute nicht bekommen….

Dann fing ich bei der Post an, aber die Halbtagsstelle entpuppte sich fast als Vollzeitstelle, weil die Bezirke ständig erweitert wurden, dazu kamen Überstunden. Nach einem halben Jahr wurde ich entlassen, den wirklichen Grund weiß ich bis heute nicht. Aber ich sehe immer wieder Neue, die dort arbeiten, und nach mir wurden etliche nach der gleichen Methode entlassen. Ich vermute, sie haben auf diese Weise billige Arbeitskräfte, die sie dann nach zwei Jahren entlassen können. Da wir auf dem Land wohnen, ist es nicht einfach, eine Halbtagsstelle oder ähnliches zu bekommen, alle Mütter hier reißen sich um solche Stellen….

Dann versuchten wir uns selbständig zu machen, aber da ich noch keine fünf Jahre am Stück gearbeitet habe, wurde ich nur als arbeitssuchend eingestuft und nicht als arbeitslos, bekomme also keine finanzielle Hilfe, um mich selbständig machen zu können. Wir haben das versucht und konnten jetzt dafür erstmal die notwendigsten Anschaffungen machen. Einen Kredit aufzunehmen habe ich nicht gewagt, weil man Mann schon Rentner ist und die Kinder noch klein.

Jetzt, wo die Kinder größer werden, wird das Geld immer knapper. Ich arbeite nebenher ein paar Stunden, verdiene aber sehr wenig. Da dachte ich, ich könnte als Überbrückung, vielleicht so 2-3 Jahre, bis die Kinder mich nicht mehr für Hausaufgaben brauchen, Sozialhilfe bekommen. Die Errechnung ergab wir könnten ca. 100 Euro bekommen. Aber dann müsste ich dafür 100 Stunden im Monat arbeiten, für einen Euro die Stunde. Da ich nicht allein erziehend bin, sondern einen Mann zu Hause habe, der auf die Kinder aufpassen kann, wäre ich dann zur Arbeit verpflichtet. Dass mein Mann viel älter und Ausländer ist, dass er also den Kindern bei den Hausaufgaben gar nicht helfen kann, interessierte nicht.

Du nennst das Schicksal? Ja, natürlich Schicksal und weißt du, was die vom Arbeitsamt zu mir gesagt hat? Alle die kommen, haben ein solches Schicksal, und bei jedem wäre es ganz anders. Den Prototyp Sozialhilfeempfänger gibt es gar nicht. Und als ich noch gesagt habe, dass es mir peinlich wäre, wenn jemand aus B. erfahren würde, dass ich Sozialhilfe bekomme. Dann haben sie zu mir gesagt, ich brauche mich überhaupt nicht zu schämen und dass es viel mehr sind, als ich denke, die Sozialhilfe bekommen, viele rechtschaffene Leute…“

Sigrid S. war wiederum fast zufrieden mit der Lösung, die man für sie gefunden hatte:

„Ja, ich wollte schon immer mal alte Leute besuchen, aber ich habe auch nicht gewusst, wie ich das anstellen soll. Ich bin ja schon lange Zeit arbeitslos, meine Stelle wurde nach der Wende ‚abgewickelt’. Ich habe erst ABM Stellen gehabt, das war sehr interessant, aber befristet, dann kamen einige kürzere Anstellungen, sogar auch als Souffleuse. Ich wollte doch immer zum Theater. Aber allmählich wurde ich zu alt für neue Stellen. Die Weiterbildungsmaßnahmen und was es da alles gab, waren sehr nett, auch Sprachen habe ich gelernt. Die Firmen, die das anbieten, verdienen sicher ganz gut daran, aber ich konnte nie etwas davon anwenden.

Jetzt gehe ich auf eigenen Wunsch in ein Altenheim und möchte da den einsamen Menschen vorlesen oder mit ihnen sprechen. Das ist doch sinnvoll. Viele tun mir leid, die niemanden mehr haben. Von allein habe ich das nicht gemacht.

Aber leider sieht es nach den ersten Tagen so aus, als würde ich hin und her geschoben, wo man gerade Aushilfe braucht, Rollstuhlfahrer betreuen und zur Toilette begleiten mit allen Begleitumständen, was ich gar nicht kann und auch nicht möchte. Aber natürlich lasse ich einen hilflosen Menschen nicht im Stich. Auch an der Pforte musste ich sitzen, wobei ich noch nie mit einer Telefonanlage gearbeitet habe … Ich vermute, das wird die Betriebe auch zur Ausbeutung verführen, immer weniger Fachkräfte sind dann notwendig…

Geld habe ich jetzt weniger als vorher, ich weiß noch nicht, wie ich das hinkriege, ich habe Sorge, dass ich aus meiner Wohnung ausziehen muss, die ist ein paar Quadratmeter zu groß. Aber ein Umzug wäre doch auch sehr teuer, den kann ich auch nicht allein bezahlen…Es bleiben schon noch viele Fragen offen.“

Ganz anders als ich erwartet hatte, nahm Mona L. Stellung, eine ehemals kämpferische Gewerkschafterin:

„Also nach meiner Auffassung ist Hartz IV ein Geschenk für die Entwicklung der Verantwortung des einzelnen für sich selbst und als Mitglied der Gemeinschaft, so er denn überhaupt noch weiß, dass er das ist.

In den ganzen Jahren, wo die vorbereitenden Seminare des DGB und Arbeitgeber-Verbands liefen mit dem Titel „Zukunft der Arbeit“, wurden ja solche Konzepte reichlich erarbeitet mit den entsprechenden Begründungen. Es lief immer darauf hinaus, dass es nur 2 Kategorien von Menschen geben wird, nämlich die mit und die ohne Arbeit. Wobei dann die einen Geld dafür bekommen, dass sie Arbeit haben und die anderen für das Geld, das sie bekommen, weil sie keine Arbeit haben, dann dafür auch soweit wie möglich ‚Arbeiten’ leisten. Kurz: Arbeit für Geld oder Geld für Arbeit.

Es war immer klar, dass wir auf eine Freizeitgesellschaft hin steuern und es die größte Aufgabe sein wird, den Menschen im Leben wieder einen Sinn zu geben, da das Grundrecht auf Arbeit nie wieder zu erfüllen sein wird im Sinne des 20. Jahrhunderts. Die ungelöste Frage blieb, durch welchen Einfluss die Menschen wieder bescheidener werden können und weniger egoistisch, eher im Sinne der Begründer unserer Republik. Die Antwort war, dass die Katastrophen, die wir ja selbst heraufbeschwören, Umwelt, Wasser, Nord-Süd-Konflikt und körperliche und geistige Degeneration durch degenerierte Lebensmittel und Gifte, Chancen beinhalten. Das wird dahin führen, dass die einen immer mehr Angst und die anderen immer weniger Angst haben, vor was auch immer.

Niemand außer wenigen Wirtschaftsweisen traute sich dies auch öffentlich zu sagen…, aber alle alle alle wissen, dass dies nicht nur Vision, Vorausahnung war. Es war einfach Logik. Diese Papiere verschwanden meist in tiefen Schubladen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann ruhen sie noch heute. Nein. Es brauchte ja mutige und bekannte, akzeptierte Personen, die so etwas nach Außen hin auch vertreten und auf sich nehmen: Hartz war integer genug.

Und dann war da noch die Aussage: ’Die Menschen der Zukunft werden Mystiker sein, oder sie werden nicht sein’. Sie kam vor fast 40 Jahren von dem Jesuiten Karl Rahner, Theologe der katholischen Kirche, der an vielen Universitäten lehrte.“

 

 

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