"motz" - die Straßenzeitung des Obdachlosen-Wohnprojekts in Berlin

„motz und Konsorten randständig abwegig unbedacht e.V.“

Von 2. Juli 2005
Wir haben immer eine offene Tür - ein Bett im Warmen und drei Mahlzeiten

Eine freundliche Männerstimme am Telefon beantwortet klar und konzentriert alle meine Fragen, als ich beginne mich dem Obdachlosen-Wohnprojekt Motz anzunähern. Am Ende der Hinweis, ich möchte doch Michael anrufen, der könnte am besten alle Fragen beantworten. Ich erreiche Michael nicht, aber in der Weserstraße in Berlin-Friedrichshain werde ich am Telefon ebenso freundlich aufgefordert doch einfach mal zu kommen: „Wir haben immer eine offene Tür, auch für Sie.“ Als ich schließlich durch Berlin Mitte hindurch weiter nach Osten hinter dem Bahnhof Ostkreuz bei den Leuten von Motz lande, ist es Mittagszeit. Die Tür in dem Quergebäude Weserstraße 36 wird mir geöffnet, obwohl, wie die Bewohner dann etwas beklommen sagen, die Presse sich eigentlich immer anmeldet bei Michael Krahn.

Trotzdem werde ich freundlich empfangen. Eine warme Suppe könnte ich auch haben, die eigentliche warme Mahlzeit würden sie erst abends kochen. Eine Mischung aus Büro und Wohnküche dient für alle als Treffpunkt. Hier entsteht ihre Zeitung motz life, hier schlägt das Herz des Vereins „motz und Konsorten randständig abwegig unbedacht e.V.“. Staatliche Unterstützung bekommt und will der Verein nicht, wohl aber sind Spenden willkommen. Die Bewohner haben abwechselnd Dienst. Telefon, Zeitungskasse und Wohnung wollen auch bewacht sein und Neuankömmlinge finden immer ein offenes Ohr, wenn auch nicht immer ein „Bett im Warmen“. Denn 17 Betten sind schnell belegt.

Zwischen allen Amtswegen

Marco erzählt, wie er hier ankam. Er ist Anfang 20 und hat wie die meisten hier eine üble Drogenkarriere hinter sich. Er fiel schließlich zwischen alle sozialen Auffangsysteme, hatte zwar einen Entzug hinter sich, aber dann ging ihm alles nicht schnell genug. Die Amtswege deprimierten ihn. Er war obdachlos und rief im Motz an, ja, wenn er in einer halben Stunde einträfe, könnten sie ihm ein Bett freihalten. Er schaffte es. Er schaffte auch die nächsten Stationen gut, konnte die Drogen endgültig vermeiden, war nicht mehr allein, sondern unter Kumpels, beteiligte sich bald mit seinen vielfältigen Computerkenntnissen an den Büroarbeiten des Vereins, an der Straßenzeitung motz und erzählt mir nun stolz, dass er nach einem halben Jahr schon so weit sei, sich eine Wohnung zu suchen in der Nähe. Da er noch sehr wenig verdient, beantragt er eine Mietübernahme beim Sozialamt und stellt sich erst allmählich auf eigene Füße.

Erfolg muss man hier nicht vorweisen

Nicht alle Bewohner schaffen solch einen schnellen „Erfolg“, für manche ist es schon ein lohnendes Leben, wenn sie in der Nacht nicht auf der Strasse schlafen müssen, dass sie ernst genommen werden, dass niemand sie drängt, „erfolgreich“ zu sein. Die Regeln sind klar: Die Wohnung für alle bleibt drogenfrei, nur Zigaretten sind gestattet, aber kein Alkohol, keine weiteren Drogen. Was sie am Tag machen, bleibt ihnen überlassen. Sie bestimmen selbst über ihr Leben. Auf der Straße werden sie nicht kontrolliert. Kann einer sich aber auffallend nicht mehr selbst kontrollieren, dann wird in der Gemeinschaft schon mal ein klares Wort gesprochen. Wer lieber wieder abtaucht in die Sucht, der muss gehen. Denn dieses Zuhause ist allen viel wert und kann nur so erhalten werden. Seit fünf Jahren wohnen sie hier auf 180 Quadratmetern in Zimmern mit zwei bis vier Betten.

Marco führt mich herum. Höflich klopft er an jedem Zimmer an, die meisten Bewohner sind bei dem schönen Wetter ausgeflogen. Bis zu vier Betten stehen in den hellen Zimmern, jedes ist bunt bezogen und ordentlich gemacht. Keine Stockbetten mit kariertem Bettzeug oder reine Matratzenlager. Ein Nachttisch für jeden, ein Schrank für alle, Bilder an die Wände gepinnt. Das Bad blitzblank, die Wäschekammer voll frischer Bettwäsche, Handtücher und Notbekleidung für Notfälle. Nachtruhe für jeden möglichst acht Stunden. Die Neuankömmlinge schleichen schon mal nachts durch die Gänge, weil so viel Frieden und Geborgenheit schon lange nicht mehr zu ihren Erfahrungen zählt.

Er meint die Menschen

Bei meinem zweiten Besuch lerne ich schließlich Michael Krahn kennen, wie der Berliner sagt, „die Seele vons Janze“, ein Kerl von einem Mann, die muskulösen Arme tätowiert, mit einer Vergangenheit als Seemann, der sich dem Suff ergeben hatte. Er weiß, wie das ist, ganz unten zu sein. Er lässt sich nichts vormachen, aber er gibt sein Leben, seine Liebe in dieses Projekt, das einzigartig ist in Deutschland. Wobei Projekt der falsche Ausdruck ist, denn er meint nicht das Projekt, er meint die Menschen. Jeden Morgen ist er zu einem langen Frühstück und Gesprächen in der Weserstraße. Er glaubt an die, an die keiner mehr glaubt, er ermutigt sie, weil er selbst es geschafft hat clean zu werden und zu bleiben, er hat eine kleine Rente nach 20 Jahren Seefahrt, er verdient ein bisschen mit dieser Arbeit bei dem Verein, er hat eine Wohnung, ein Partnerin fürs Leben und, nicht zu vergessen, „Lexa“, die Mischung aus Labrador und Rottweiler. Ihre animalische Wärme ist nicht wegzudenken aus der Gemeinschaft der Gescheiterten, die wieder die Verantwortung für ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen.

Sie wären nur noch auf der Suche

Und sie nehmen es in Hände, die wissen, wie leicht vermeintliche Sicherheiten zerbrechen können, wie Beziehungen, Arbeitsplatz, Versprechungen und der eigene Wille verloren gehen können. Sie haben unter Michaels behutsam fester Begleitung gelernt, dass nicht mehr alles zerbricht, wenn man geduldig wieder aufbaut, was einem entglitten ist. „Ja, was meinen Sie, wie schnell das gehen würde, wenn ich Ihnen Ihre goldene Uhr wegnehmen würde, den Autoschlüssel, die Wohnung, das Geld, hops auf die Straße mit Nichts! Nach drei Tagen würden Sie sich nicht mehr die Zähne putzen, Sie würden niemandem mehr ins Gesicht sehen, Sie wären nur noch auf der Suche, wie Sie überleben könnten und auf der Suche, wie Sie diesen ganzen Alptraum vergessen könnten.“ Die Kollegen schildern mir die Notübernachtungen der Stadt, die Matratzenlager, die Enge, den Lärm, die Besoffenen, die Junkies und die erbarmungslose Notwendigkeit, den Tag auf der Straße zu verbringen, weil die Unterkünfte um 8 Uhr früh abgeschlossen werden und erst am Abend wieder geöffnet werden. Sie kommen aus anderen Gegenden, es hat sie in den Bauch der Großstadt Berlin verschlagen, und sie schildern ihn als ein großes Vakuum, aus dem man nicht mehr herauskäme, wenn man kein Geld hat. Trampen könnte man nur außerhalb.

Obdachlose wecken nicht nur Mitgefühl

Aber trampen wollen sie jetzt nicht mehr, sie haben ein fühlbares Zuhause, sie werden da nicht verwöhnt, alles müssen sie selbst in Ordnung halten und für den Lebensunterhalt können sie zunächst die Zeitung verkaufen, motz oder motz life, erscheint alle 14 Tage in einer Auflage von 15.000 Stück. Jeder Berliner kennt sie, wenn sie in die U-Bahn steigen und ansagen, dass sie vom Erlös der Zeitung ihren Lebensunterhalt bestreiten. Von den 1,20 Euro dürfen sie 80 Cent behalten. Für „Ein Bett im Warmen“ und drei Mahlzeiten in der Weserstraße brauchen sie drei Euro täglich. Nicht jeder traut sich in den Straßenverkauf, „damit outet man sich“, sagt Michael, „wenn Sie die motz verkaufen, weiß jeder, dass Sie ganz unten sind, obdachlos, das weckt nicht nur Mitgefühl, das weckt auch Verachtung und Aggressionen.“

motz life fürs Leben

Seine Idee war es, mit seinen Obdachlosen wechselnd mit den Profis der motz eine Ausgabe motz life zu gestalten, eine seiner verrücktesten und besten Ideen. Durch die gemeinsame Arbeit wächst Vertrauen und Verantwortungsgefühl, wächst Selbstvertrauen und Freude. Das geschieht auch bei den übrigen Projekten des gemeinnützigen Vereins, der keine Gelder erwirtschaften darf, sondern alles wieder investieren muss. Zum Wohle aller. Da gibt es inzwischen einen Laden für gebrauchte Waren im Billigangebot am billigen Ende der berühmten Friedrichstraße, ein Antiquariat in Friedrichshain mit Internet-Auftritt und Katalog. Es gibt eine Entrümpelungs- und eine Umzugsfirma motz macht mobil, es gibt dort Arbeitsplätze und Geld zu verdienen, es gibt nicht nur Hoffnung, sondern die reale Chance für ein Leben nach der Sucht, ein Leben mit Freunden und mit Freuden, die man genießen kann und mit Leiden, die man wieder ertragen kann.

Sie können helfen durch die Übernahme einer Patenschaft!!

Mit nur 3 Euro im Monat übernehmen Sie die Patenschaft für „Ein Bett im Warmen“ für einen Tag und helfen damit einem Menschen in Not.

Wie erfahre ich, dass das Geld auch richtig verwendet wird?

Sie haben die Möglichkeit das durch Ihre Patenschaft unterstützte Bett zu besichtigen.

Außerdem wird regelmäßig in „der Motz“ über die Verwendung Ihrer Spendengelder genau berichtet. www.motz-berlin.de

Sitz des Vereins (Vereinsregisternummer 16476 Nz beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg) ist Zossener Str. 56-58, 10961 Berlin. Geschäftsführer ist Bernd Braun, Vorstandsvorsitzender ist Klaus Immhäuser.

Spendenkonto Volksbank Berlin, BLZ 100 900 00, Kto.-Nr. 57 100 790 07

Die Neue Epoche übernimmt keine Verantwortung für die angegebenen Spendenadressen



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