Kolumne vom Freischwimmer: In einem Land, in dem wir gut und gerne (und fröhlich!) leben

Von 26. Juli 2020 Aktualisiert: 27. Juli 2020 9:25
Unlängst sagte meine Chefin zu mir, ich könne doch mal wieder eine Kolumne über meine bezaubernden Erlebnisse im Alltag machen. Gut, dann mache ich das halt ...

Unlängst (ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen was für ein hübsches Wort „unlängst“ ist?); unlängst also, sagte meine Chefin zu mir, ich könne doch mal wieder eine Kolumne über meine bezaubernden Erlebnisse im Alltag machen. Als ich ihr nämlich Folgendes erzählte, musste sie grinsen. Vielleicht, so meinte sie, könne der eine oder andere durchaus Parallelen zu seinem Alltag entdecken.

Gut, dann mache ich das halt – aber eigentlich hatte ich schon geplant, einen tiefergehenden, investigativen Bericht darüber zu schreiben, wie man fachgerecht seine Strümpfe bügelt.

Na, dann muss ich das eben verschieben …

… und so ergab es sich, dass ich vor anderthalb Wochen zwei Hosen zum Kürzen brachte. Da ich nicht direkt zur ortsansässigen „Schneider-Szene“ gehöre, und somit auch nicht über ein fundiertes Wissen über eventuell existierende Qualitätsunterschiede in dieser Dienstleistungsbranche verfüge, betrat ich völlig unbekümmert das erstbeste Schneiderfachgeschäft. Von außen war es hübsch anzusehen: große Schriftzeichen auf der Fensterscheibe verkündeten stilvoll, welche Arbeiten hier erledigt werden können. Auch das „Kürzen von Hosen“ war ausdrücklich mit aufgelistet. Das stimmte mich fröhlich.

Frohen Mutes erklomm ich die paar Stufen ins Atelier. Die nette Meisterin ihrer Zunft schaute sich die Hosen mit fachmännischem Blick an und versicherte mir überzeugend, dass es für sie keinerlei Schwierigkeiten verursachen würde, wenn sie zwei Hosen kürzen und umnähen soll. „Das ist doch alles kein Problem“, so der O-Ton der freundlichen Dame. Ich zog also rasch eine der Hosen an und sie steckte mit ihren kleinen, niedlichen Nadeln die richtige Länge ab. Dabei erläuterte sie mir glaubhaft, das es völlig ausreicht, wenn sie nur an einem Hosenbein Maß nimmt, weil sie die Länge dann einfach nur auf die anderen drei zu übertragen bräuchte.

So einfach ist das also für eine gelernte Schneiderin.

Dann gab sie mir noch höflich lächelnd einen Schein, auf welchem vermerkt wurde, dass ich die Hosen am Freitag abholen könne.

Als ich am Donnerstag – einen Tag vor der abgesprochenen Abholung – meinen freien Tag in der Stadt mit Kuchen essen, Kaffee trinken und Leute beobachten sinnlos verplempert hatte, kam mir spontan in den Sinn, doch einmal bei der Schneiderin meines Vertrauens vorbeizuschauen, um zu fragen, ob die Hosen eventuell schon einen Tag vorher fertig wären.

Ich war ja sowieso in der Nähe.

So stromerte ich gut gelaunt in besagtes Fachgeschäft und fragte sie wohlerzogen, wie denn der Stand der Dinge sei.

Zu meiner großen Überraschung erfuhr ich jedoch, dass das Kürzen und Umnähen meiner Hosen nun doch ein großes Problem darstellte. Plötzlich war es nicht mehr so einfach, etwas von der Länge abzuschneiden und die Kante dann sauber umzunähen. Ich war erstaunt, denn die gleichen Hosen, welche in der vergangenen Woche noch „kein Problem“ waren, hatten nun durch tagelanges Herumliegen auf einem Schneidertisch abrupt große Komplikationen verursacht. „Der Stoff ist zu dies; die Nähte sind zu das …“ aber irgendwie verstand ich den Inhalt der Aussagen über die plötzlich aufgetretenen Probleme nicht.

Ich war verwirrt.

Trotzdem blieb die ausgesprochen nette Dame dabei, dass ich die Hosen am Freitag abholen könne. Gesagt – getan, und am nächsten Tag ging ich meine Beinkleider holen.

Dabei sollte sich die Anprobe als wirklicher Höhepunkt des Tages herausstellen, denn „surprise, surprise“ nur ein Hosenbein hatte die richtige Länge. Und das war jenes, welches die nette Dame vorher selbst abgesteckt hatte. Das andere Hosenbein war zudem noch krumm abgeschnitten und schief umgenäht. Ich fragte die Schneiderin, wie ein solcher Fauxpas geschehen konnte. Doch ihre Antwort überraschte mich noch mehr als das krumme und schiefe Hosenbein: „Das ist nicht schief abgeschnitten! Das ist auch nicht schief umgenäht! Das fällt nur am Knie so komisch!“

Ich war baff und wusste nicht so recht, was ich darauf antworten sollte.

Während ich noch überlegte, was ich darauf erwidern könne, probierte ich die zweite Hose an. Die war so „gekürzt“, dass sie mir beim Probe-Laufen im Laden immer unter die Hacken der Schuhe geriet. Spontan fiel mir ein Spruch meiner Mutter ein: „drei Mal abgeschnitten und immer noch zu kurz“. Krampfhaft war ich nun darum bemüht die Contenance zu wahren. Dies gelang mir relativ gut und wir konnten uns friedlich darauf einigen, dass die Hosen im Rahmen einer Reklamation noch ein weiteres Mal gekürzt werden …

Ich bin schon jetzt auf das Ergebnis gespannt.

Am Samstag wollte ich dann mit dem Zug in eine andere Großstadt fahren. Hübsch in der Bahn vor mich hin trödeln und mich am Zielort mit netten Menschen*Innen treffen.

Das hatte ich vor.

Deshalb beschloss ich nach dem Verlassen des Schneiderfachgeschäftes; des Schneidermeister-Ladens, mal kurz am Hauptbahnhof vorbeizuschauen, um mir auf dem Fahrplan die richtige Verbindung – natürlich erst nach dem Ausschlafen – herauszusuchen. Dabei kam ich mir total schlau vor, als ich den Fahrplan an den Stellen fotografierte, an denen die Verbindungen in die andere Stadt explizit mit der jeweiligen Uhrzeit aufgelistet waren.

Wie gesagt: offizieller Fahrplan! Abfotografiert!

Am Samstag betrat ich dann, vom freudigen Reisefieber gepackt, um 11:15 Uhr den Hauptbahnhof und schaute zur Sicherheit schnell noch auf die große elektronische Anzeigetafel. Da der Zug laut Fahrplan in drei Minuten fahren sollte, hatte ich es verständlicher Weise etwas eilig. Aber an der Anzeigetafel wurde der Zug nicht angezeigt. Nun hatte ich aber wirklich keine Zeit mehr um noch lange zu suchen und rannte auf den Bahnsteig. Aber auch hier wurde er nicht annonciert; und ein Zug stand da auch nicht.

Leicht irritiert ging ich wieder nach unten und schaute noch einmal auf den Fahrplan. Den verglich ich mit meinen Fotos auf dem Handy. Alles war noch so, wie es gestern war. Keine Änderung.

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Dann schaute ich eine Stunde später. Auf dem Fahrplan stand 12:18 Uhr. Nun wieder ein kurzer Blick auf die große elektronische Anzeigetafel. Hier fuhr er 12:11 Uhr.

Was für ein Durcheinander !?! Klärung musste her.

Kurzer Hand beschloss ich im Service Center einmal Licht ins Dunkel bringen zu lassen. Als ich am Schalter an die Reihe kam, stand neben der eigentlichen Mitarbeiterin noch eine andere Angestellte. Nachdem ich mein Anliegen artig vorgebracht hatte, ergriff die „stehende“ Dame sofort das Wort: „Da müssen Sie mal richtig schauen, junger Mann! Neben dem Fahrplan gibt es immer noch Aushänge, die die jeweiligen Änderungen anzeigen!“

„Aha“, entfuhr es mir, „da habe ich aber nichts gesehen, was meine Verbindung betrifft“. „Komm`se“, sagte die nette, stehende Dame in ihrer hübsch anzusehenden Bahn-Tracht, „da zeig ich Ihnen mal, wo sie richtig schauen müssen“.

Dies wurde zwar in einem zuvorkommenden und freundlichen Ton vorgetragen – aber trotzdem enthielt diese Aussage irgend etwas, was mir den Eindruck vermittelte, dass mein IQ leider doch nicht dazu ausreicht, einen Fahrplan (und Fahrplanänderungen) lesen zu können.

Naja, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.

Und so stiefelte sie mit mir zum Fahrplan und deutete auf die Aushänge daneben. „So, hier sehen Sie alle Änderungen! Sie brauchen nur richtig gucken, junger Mann“, und dabei zwinkerte sie mir fröhlich zu.

Brav guckte ich … und guckte … aber fand nichts, was auf die Verbindung und etwaige Änderungen zu meinem Zielort hin deutete. Verwegen richtete ich das Wort an die Bahnfachangestellte: „Zeigen Sie mir doch bitte einmal, wo die Verbindungen zu meinem Zielort und die Änderungen aufgelistet sind. Ich kann da leider nichts entdecken“.

Nun schaute auch sie … und schaute … und schaute … und fand auch nichts. Auch sie konnte nichts finden – weil da nämlich gar nichts stand.

Trotzdem konnte sie mir – noch während sie vergeblich suchte – meinen Fehler (und meine damit einhergehende, elende Dummheit) erklären: „Na das liegt daran, dass Sie die Bahn-App nicht auf Ihr Handy geladen haben!“

„Aha“, dachte ich mir, „hätte ich mir doch gleich denken können, dass ich als Kunde wieder mal viel zu blöde bin!“

Aber diesmal wollte ich das ausdiskutieren: „Sie sagen mir also, dass, wenn die offiziell ausgehängten Fahrpläne falsch sind und auch in dem Bereich der Änderungen nichts bekannt gemacht wird, ich die Schuld habe, weil ich mir eine App nicht herunter geladen habe … ???“

Schöne neue Welt! Wir schaffen das!

PS.: Falls Sie einmal auf einer Rolltreppe einen schmucken Jüngling vor sich haben, der zwei verschieden lange und schief genähte Hosenbeine hat … und der eilig zu Zügen rennt, die gar nicht fahren – dann bin ich das.

PPS.: Eine wirkliche Aufklärung über die falschen Zug-Fahrzeiten gab es nicht. Die Bedienstete der Bahn, welche sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten um nette Konversation bemühte, sagte am Schluss: „Tja, ich weiß es auch nicht warum der Fahrplan falsch ist“.

Das war`s.

„Es geht nichts über eine ordentliche Schlamperei“. (Klaus Klages)

UND

„Wenn man auf nichts mehr zählen kann, muß man mit allem rechnen“. (Jules Renard)

Ahoi

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