Ausgestorbene „Volkskrankheit“? 99,8 Prozent weniger Grippefälle 2021

Von 23. September 2021 Aktualisiert: 23. September 2021 15:30
420 Influenza-Fälle registrierte das RKI binnen der ersten 36 Wochen dieses Jahres. Nicht 420.000, sondern vierhundertzwanzig. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das ein Rückgang um 99,8 Prozent. Ist die „Volkskrankheit“ Grippe in Deutschland (fast) ausgestorben?

Aus Angst vor einer enormen Grippewelle im Winter 2020/2021 hat der Bund im vergangenen Jahr deutlich mehr Grippeimpfstoff gekauft als in den Vorjahren: 26 Millionen Dosen. Zu wenig, so das Robert Koch-Institut (RKI). Die Ständige Impfkommission empfahl, dass sich rund 40 Millionen Einwohner impfen lassen sollten – vor allem ältere Menschen und Beschäftigte im Gesundheitswesen, um Doppel-Infektionen mit der Grippe und dem Coronavirus zu vermeiden. Epoch Times berichtete.

Zu einem tatsächlichen Engpass ist es trotz überdurchschnittlich großen Interesses nicht gekommen. Wie viele Dosen Grippeimpfstoff im vergangenen Jahr tatsächlich verabreicht wurden, ist derzeit noch unbekannt. Fakt ist: Bis Ende November 2021 wurden vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) „rund 25 Millionen“ Dosen Grippeimpfstoff freigegeben – und die Grippewelle im Frühjahr ist ausgefallen.

Über 99 Prozent weniger Grippefälle

Bereits im Frühjahr 2020 zeigte sich ein „extrem ungewöhnlicher“ Rückgang akuter respiratorischer Erkrankungen. In Kalenderwoche elf stoppte die Grippewelle plötzlich. Das RKI deutet dies als „einen klaren Hinweis“ darauf, dass die in KW 12 eingeführten „Distanzierungsmaßnahmen“ „für die Verlangsamung der Ausbreitung von Atemwegserkrankungen wirksam sind.“

Ein Jahr später, im April 2021, teilte das RKI mit, dass die Grippe dieses Jahr ausgeblieben ist. Eine Grippesaison geht üblicherweise von Kalenderwoche 40 eines Jahres bis zur 20. Woche des Folgejahres (etwa Oktober bis März). Eine Grippewelle ist kürzer und definiert sich anhand der Fallzahlen. Nach der Definition der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) seien die Kriterien für den Beginn einer Grippewelle jedoch nicht erfüllt worden, teilte eine RKI-Sprecherin auf Anfrage mit.

Das heißt: „Es hat [2020/21] überhaupt keine Grippewelle gegeben.“ Dies sei ein Novum seit Beginn der Grippeüberwachung durch die 1992 gegründete Arbeitsgemeinschaft. Beim RKI gibt es keine Hinweise, dass so etwas überhaupt einmal stattgefunden hat. Statt jährlich durchschnittlich etwa 200.000 laborbestätigten Grippefällen gab es 2020/21 lediglich 519. Epoch Times berichtete.

In seinem Epidemiologischen Bulletin 37/2021 weist das Robert Koch-Institut (RKI) für die ersten 36 Wochen 2021 am 16. September 420 Influenza-Fälle aus. Vierhundertzwanzig. Im Vorjahreszeitraum registrierte das RKI 194.420 Fälle. Das ist ein Rückgang um 99,8 Prozent.

„Extrem ungewöhnlich“, aber nicht verschwunden

Auch die Zahl der Grippetoten ist erfreulicherweise zurückgegangen. In der Corona-Saison 2020/21 verzeichnete das RKI 13 laborbestätigte Todesfälle im Zusammenhang mit der Grippe. Drei Jahre zuvor waren es noch 1.700 Grippetote. 2018/19 kam es zu etwa 960 Todesfällen. Dennoch ist davon auszugehen, dass diese Zahlen zu niedrig liegen. Analog zur RKI-Schätzung von etwa 25.100 Sterbefällen in der Saison 2017/18 ist 20/21 mit etwa 200 Sterbefällen im Zusammenhang mit der Grippe zu rechnen.

Ausgestorben ist die Grippe damit nicht, aber die Zahlen sind, um es mit den Worten des RKI zu sagen, „extrem ungewöhnlich“ niedrig. Dass sich dieses Szenario zwei Jahre nacheinander wiederholt, wäre allerdings noch ungewöhnlicher.

Angesichts der geringen Fallzahl dieses Jahr und der dadurch geringen Grundimmunität sei davon auszugehen, dass – unter normalen Umständen – 2021/22 wieder mehr Grippefällen auftreten. „Besonders viele Menschen werden dann krank, wenn das [Grippe-]Virus sich genetisch verändert hat und in der Vorsaison nicht schon ein großer Anteil der Bevölkerung mit dem Virus Kontakt hatte und […] immun ist“, schreibt das RKI in seinen Influenza-FAQs.

Wirksamkeit der Maßnahmen gegen schwebende Krankheitserreger

Auch für das Ausbleiben der Grippewelle 20/21 zieht das RKI die Corona-Maßnahmen „mit Mindestabständen, Hygiene, Masken, Empfehlungen zum Lüften von Räumen, Homeoffice-Regelungen und zeitweisen Schulschließungen“ als Begründung heran.

Inwieweit das die Ursache ist, ist nicht abschließend geklärt. Denn beim Rückgang der von Noro- und Rotaviren ausgelösten Gastroenteritis (GE), die das RKI im Epidemiologischen Bulletin ausweist, haben Maskenpflicht und Lüften kaum einen Effekt spielen können. Beide Viren werden durch Stuhl und/oder Erbrechen ausgeschieden und per Schmierinfektion übertragen und gingen laut RKI um 35,9 (Norovirus-GE) respektive 57,5 Prozent (Norovirus-GE) zurück.

Gleichzeitig stieg jedoch die Zahl der registrierten Hantavirus-Erkrankung, diese Viren werden ebenfalls mit dem Speichel, Kot oder Urin ausgeschieden. Anders als bei Noro- und Rotaviren werden Hantaviren von infizierten Nagetieren ausgeschieden und „meist eingeatmet, beispielsweise zusammen mit aufgewirbeltem Staub, welcher die Erreger enthält.“

Laut RKI-Bulletin gab es 2021 in den ersten 36 Wochen trotz umfassender Maskenpflicht bereits 1.528 Hantavirus-Erkrankungen. Im Vergleich zum Vorjahr (133) sind das etwa 11,5-mal so viele Fälle. Hinweise oder Verlinkungen gibt es nicht. Das Wort Hantavirus taucht im ganzen Bericht nur ein einziges Mal auf. Eine plausible Erklärung wäre, dass die meisten Hantavirus-Infektionen dort erfolgen, wo es keine Maskenpflicht, aber Nagetiere gibt.

Wie das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, mitteilte, werden in Deutschland seit Einführung der Meldepflicht für humane Hantavirusinfektionen im Jahr 2001 durchschnittlich etwa 500 Fälle pro Jahr gemeldet.

Weiter heißt es auf der FLI-Website: „Europaweit erhobene Daten zeigen, dass in periodischen Abständen von zwei bis drei Jahren mit einer deutlich erhöhten Anzahl von Infektionen zu rechnen ist“. Häufungen gab es laut FLI und RKI 2007, 2010, 2017 und zuletzt 2019.

Grippe-Inzidenz von über 650 in einer unauffälligen Grippesaison

Zurück zur Grippe: Die „Volkskrankheit“ ist keineswegs ungefährlich. Laut RKI sterben jedes Jahr Tausende Menschen. Doch trotz starken saisonalen Verlaufs und obwohl die Fallzahlen der Grippe die von Corona übersteigen, hörte man in der Vergangenheit keine Berichte über eine Überlastung des Gesundheitssystems.

Insgesamt kamen laut RKI während der außergewöhnlichen Grippesaison 2017/18 rund 11,2 Prozent der Bevölkerung oder etwas über neun Millionen Deutsche mit Grippe in Berührung. Von Oktober 2020 bis März 2021 registrierte das RKI im Vergleich dazu etwa 2,54 Millionen Corona-Positive.

Für die folgende durchschnittliche Saison 2018/19 geht aus dem RKI-„Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2018/2019“ hervor, dass zwischen Kalenderwoche 40/2018 und 20/2019 insgesamt 181.105 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Erkrankungen gemeldet wurden. Das waren knapp die Hälfte der rund 334.000 Fälle 2017/18 und fast exakt 7.000 weniger als 2019/20, als Corona die Grippe ab KW 11 ablöste.

Dennoch verzeichnete das RKI in der 8. Kalenderwoche 2019 einen Höhepunkt von etwa 26.000 bestätigten Neuinfektionen. Mindestens. Da es keine Meldepflicht für Influenza gibt, beruft sich das RKI in seinem Bericht auf eine andere Zahl: Schätzungen zufolge waren in der Grippesaison 17/18 rund 3,8 Millionen Arztbesuche aus dieser Zeit auf „Influenza-assoziierte“ Gründe zurückzuführen.

Anhand dieser Zahlen ist davon auszugehen, dass in Kalenderwoche 8/2019 über eine halbe Million Menschen wegen (oder mit) Grippe ihren Arzt aufsuchten. Daraus errechnet sich eine bundesweite Inzidenz von 657,3 Grippe-Positiven pro 100.000 Einwohnern [hier nachzurechnen], wobei regionale Abweichungen sehr wahrscheinlich sind. In einer durchschnittlichen Grippesaison sind die Menschen, die ihre Grippe zu Hause auskurierten, nicht einbezogen.

Die Rekord-Inzidenz für Corona liegt bei 885,4 (Vogtlandkreis, 2. Januar 2021). Die bundesweite Inzidenz lag zu diesem Zeitpunkt bei 141.



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