„Zu viele Fensterstürze von Russland-Kritikern“: Gerüchte nach Tod von Weißhelme-Trainer Le Mesurier

Von 13. November 2019 Aktualisiert: 13. November 2019 12:47
Zwei Tage nach dem Todessturz des Weißhelme-Trainers James Le Mesurier gibt es weiterhin keine Anzeichen für Fremdverschulden. Dass der in Istanbul lebende Brite drei Tage vor seinem Tod explizite Kritik aus dem Kreml erfuhr, nährt jedoch Gerüchte.

Am Montagmorgen (11.11.) wurde in Beyoğlu, einem wohlhabenden Stadtbezirk im Westteil Istanbuls, die Leiche des früheren britischen Armeeoffiziers James Le Mesurier vor einem fünfstöckigen Gebäude gefunden, in dem dieser eine Privatwohnung und ein Büro besaß.    

Der zweifache Vater, der zusammen mit seiner Ehefrau Emma Winberg in dem Gebäude wohnte, soll nach deren Angaben am frühen Montagmorgen um 4 Uhr zeitgleich mit ihr zu Bett gegangen sein. Beide hätten zuvor Schlafmittel eingenommen. Winberg wachte bisherigen Erkenntnissen zufolge etwa eineinhalb Stunden später auf, als Polizeibeamte an der Türe klopften und sie darüber unterrichteten, dass Le Mesuriers lebloser Körper auf der Straße vor dem Gebäude aufgefunden worden sei.

Bisherige Ermittlungsergebnisse lassen erkennen, dass Le Mesurier, der mit einem weißen Shirt und einer grauen Hose bekleidet war sowie eine Armbanduhr trug, als Gläubige ihn auf ihrem Weg in eine nahegelegene Moschee auffanden, aus einem Fenster in einem oberen Stockwerk des Gebäudes gefallen war. Die Behörden behandeln den Vorfall, wie die „Daily Mail“ berichtet, derzeit als einen Selbstmord. Auch seine Ehefrau gab an, dass Le Mesurier in den Wochen zuvor unter Stresssymptomen gelitten habe, Medikamente zu sich nahm und Andeutungen machte, die Selbstmordgefahr erkennen ließen.

Gebäude galt als einbruchssicher – Räumlichkeiten als gut gesichert

Die Rolle des Ex-Offiziers und weitere Umstände haben jedoch vielerorts Argwohn geweckt, sodass langjährige Freunde Le Mesuriers und einige Medien eine eingehende Untersuchung des Todesfalls fordern. Anzeichen auf Fremdverschulden gibt es bislang nicht. Zudem galten die unteren Stockwerke des Gebäudes als einbruchssicher und sowohl Büro als auch Privatwohnung waren nur nach Authentifizierung mittels Fingerabdruckscannern zugänglich.

Dennoch sehen einige Beobachter mehrere Warnlampen aufleuchten, die es zumindest als geboten erscheinen ließen, die Möglichkeit einer gezielten Tötung durch einen fremden Geheimdienst, insbesondere einen der Russischen Föderation, zu untersuchen.

Der 48-jährige Le Mesurier, der 2000 die Armee verlassen hatte, um in Eigenregie Katastrophenhelfer auszubilden, betrieb zusammen mit seiner Frau in Istanbul die Vereinigung „Mayday Rescue“. Diese bildete Rettungskräfte aus, unter anderem auch den sogenannten „Syrischen Zivilschutz“, besser bekannt als „Weißhelme“. Le Mesurier galt sogar als Mitgründer der Vereinigung. 

Im Westen wurde die Organisation mit mehreren Auszeichnungen bedacht, bis hin zu einem „Oscar“ für eine Netflix-Produktion über die Weißhelme im Jahr 2017. Die Organisation Mayday, zu deren Budget mehrere Regierungen und die UNO beitragen und die Büros in Istanbul und Amsterdam betreibt, soll mehr als 2900 Katastrophenhelfer für Syrien ausgebildet haben. Die Weißhelme sollen im Laufe des syrischen Bürgerkrieges mehr als 100 000 Menschenleben gerettet haben. Dabei sollen 252 Angehörige der Organisation ums Leben gekommen sein, etwa 500 wurden verwundet.

Russland wirft Weißhelmen propagandistische Agenda vor

Die Weißhelme waren vorwiegend in Gegenden tätig, die von islamistischen Rebellengruppen gehalten wurden und Luftangriffen des syrischen Regimes von Präsident Baschar al-Assad und dessen Verbündeten ausgesetzt waren, insbesondere vonseiten der russischen Luftwaffe.

Assad und die russische Regierung warfen den Weißhelmen hingegen vor, den humanitären Einsatz nur als Vorwand zu betrachten und tatsächlich terroristischen Gruppen nahezustehen, mithilfe derer westliche Länder, die Türkei und Golfstaaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar versuchten, die Regierung in Damaskus zu stürzen. Die Weißhelme, so hieß nicht zuletzt vonseiten russischer Medien, betrieben Propaganda mit dem Ziel, die Bevölkerung in den USA und Europa für eine Militärintervention in Syrien zu begeistern. Dabei scheue man nicht einmal davor zurück, vermeintliche Giftgasangriffe zu inszenieren.

Nur drei Tage vor Le Mesuriers Tod hatte der Kreml diesen beschuldigt, Agent des britischen Geheimdienstes MI6 zu sein, der „überall auf der Welt aktiv“ sei. Das russische Außenministerium benannte die Weißhelme in diesem Zusammenhang als „eine der gefährlichsten terroristischen Gruppen“.

Nahost-Experte: „Le Mesurier war bis dato nicht wirklich bekannt“

Emma Winberg erklärte gegenüber der Presse, die permanenten Angriffe auf seine Organisation infolge ihrer Zusammenarbeit mit den Weißhelmen hätten zu dem Stress beigetragen, der ihm zuletzt enorm zu schaffen gemacht hätte – insbesondere, dass er persönlich zum Ziel russischer Kampagnen und jener prorussischer Social-Media-Nutzer geworden sei. Die „Daily Mail“ schreibt jedoch, auch finanzielle Sorgen hätten ihn geplagt: Le Mesurier soll befürchtet haben, dass seiner NGO die Mittel ausgehen könnten, um Familien von Angehörigen der Weißhelme zu versorgen, die im Einsatz getötet oder verwundet worden waren.

Nahost-Analyst Ali Özkök erklärte gegenüber der Epoch Times, dass die Weißhelme nach wie vor als Akteure für den Westen eine strategische Bedeutung hätten:

„Die Weißhelme sind definitiv neben ihrer ‚Feuerwehraktivitäten‘ eine grundsätzlich gesellschaftserhaltende Struktur, die vom Westen unterstützt wird, um eben Idlib und andere Rebellengebiete möglichst lebensfähig zu halten. Das wirkt sich natürlich auch auf das gesamte strategische Ökosystem der Region samt seiner militärischen Bedeutung aus.“

Dass Le Mesurier ein prototypisches Anschlagsziel gewesen wäre, hält er jedoch für wenig wahrscheinlich. Tatsächlich sei er bislang nicht wirklich bekannt gewesen. Sollten der MI6 oder andere Dienste Kontakt zu ihm gesucht haben, wäre das keine Sensation:

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„Dass Geheimdienste mit ihm in Kontakt standen oder er selbst aktiv Teil von solchen war, überrascht nicht, weil seine Beziehungen und seine Aktivitäten am Boden für jeden Geheimdienst, der ein Interesse an Syrien, seine Rebellenstrukturen und auch Terroristen hat, Gold wert sind. Das weckt natürlich Kritik bei all jenen, die ein Problem mit der Legitimierung von Idlib haben: vor allem Russland, das in der Region ein Hindernis in der Legitimierung von Baschar al-Assad sieht.“

Lange Liste verdächtiger Todesfälle

Chemiewaffenexperte Hamish de Bretton-Gordon, der ein enger persönlicher Freund Le Mesuriers war, fordert dennoch eine intensive Untersuchung der Todesumstände:

Es gibt zu viele Leute, die Probleme mit den Russen haben und dann von Balkonen oder aus Fenstern fallen, um das nicht in vollem Umfang auszuermitteln.“

De Bretton-Gordon spielt damit auf verdächtige Todesfälle an wie jenen des Immobilienentwicklers Scott Young, der 2014 in London aus seinem Penthouse im vierten Stock gefallen war und am eisernen Zaun um das Grundstück aufgespießt wurde. Young soll sich zuvor bei russischen Mafiastrukturen verschuldet haben.

Erst im Vorjahr starb Journalist Maksim Borodin, der über Korruption und das Wirken russischer Söldner in Syrien berichtet hatte, nach einem Sturz von seinem Balkon im Zentrum von Jekaterinburg. Wenige Monate zuvor kam Nikolai Gorochow, ein Anwalt der Familie des 2009 im Gefängnis verstorbenen Sergei Magnitski, ebenfalls nach einem Sturz aus einem oberen Stockwerk ums Leben – nach Angaben der Behörden fiel er aus einem Fenster, als er versucht habe, eine Badewanne zu bewegen. Bereits in den Jahren 2007 und 2009 starben Iwan Safranow und Olga Kotowskaja, die zu verdächtigen Waffentransaktionen und Korruption recherchierten, nach Stürzen aus dem fünften bzw. vierzehnten Stockwerk von Wohngebäuden. In beiden Fällen sprachen die Behörden von Selbstmord.

Die Affäre Skripal Anfang 2018 unterstrich, dass russische Geheimdienste auch im Ausland in der Lage sind, tödliche Operationen gegen Feinde des Kremls auszuführen. In Istanbul soll es bereits mehrere verdächtige Todesfälle gegeben haben, hinter denen russische Racheakte vermutet werden. Diese betrafen vor allem radikale Islamisten mit Verbindung zu Tschetschenien oder anderen russischen oder zentralasiatischen Regionen. Im Fall Le Mesurier deutet bis dato jedoch nichts Belastbares auf einen Mord hin.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.