Ein Ostdeutscher und der 8. Mai – Von Torsten Preuß

Von 8. Mai 2019 Aktualisiert: 8. Mai 2019 10:04
Der Dresdner Journalist und Autor Torsten Preuß erinnert mit einem persönlichen Blick zurück an den historischen Tag und seine Folgen für die Deutschen im Osten.

Als Deutschland 1945 auch den zweiten großen Krieg des letzten Jahrhunderts verlor, waren sich die Deutschen bis zum Schluss uneinig, ob sie sich darüber freuen sollten oder nicht. Der Welt war das egal. Am 8. Mai war es vorbei. Deutschland lag am Boden. Militärisch. Wie politisch. 40 Jahre später nannte Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 in seiner Jubiläumsrede erstmals den „Tag der Befreiung“.

Ich saß an diesem Abend im Westen Berlins in meiner Kreuzberger Wohnung vor dem Fernseher und verfolgte den Beitrag in der Tageschau. 10 Monate vorher durfte ich aus der DDR „ausreisen“, wie es damals hieß.

Allerdings ohne meine Familie. Meine Verlobte und unser einjähriger Sohn mussten noch in Dresden bleiben. Weil alle, die einmal aus dem Osten Deutschlands „ausreisen“ durften, nicht mehr reinkamen, blieben für Treffen mit seinen Liebsten nur die kommunistischen „Bruderländer“, wie die CSSR oder Ungarn. Obwohl es nie sicher war, ob es klappte.

Am 8. Mai 1985 war ich gerade wieder von so einem Treffen gekommen, es sollte in Prag stattfinden. Nach monatelangem Kontakt nur per Brief oder manchmal per Telefon, war ich 2 Tage vorher von Westberlin losgefahren, voller Freude auf die gemeinsamen Tage. Die waren in dem Moment gestorben, als ich umsonst auf dem Bahnsteig in Prag wartete. Weil meine Familie an der Grenze aus dem Zug geholt und wieder zurück nach Dresden geschickt wurde.

Ein Schicksal von Millionen Ostdeutschen damals. Ohne dass die im Westen noch jemanden aufregten. So war ich auch nicht überrascht, als Richard von Weizsäcker das Schicksal der Deutschen im Osten an diesem Tag nur noch einen Satz wert war:

Wir in der späteren Bundesrepublik Deutschland erhielten die kostbare Chance der Freiheit. Vielen Millionen Landsleuten bleibt sie bis heute versagt.“

Weil der Tag der Befreiung damals nur ein halber war und das wird auch heute in Deutschland immer noch ungerne ausgesprochen. Mit dem Ergebnis, dass die ostdeutschen Gedanken und Gefühle rund um den „Tag der Befreiung“ bis heute keine Stimme haben, die daran erinnert, dass nur die Deutschen im Westen 1945 befreit wurden.

Für die Deutschen im Osten wurde der Tag der Befreiung der erste Tag in die nächste Unfreiheit. Weil sie am Ende des großen Krieges nicht den amerikanischen „Way of Life“ einer Demokratie gehen durften, sondern den russischen einer Diktatur gehen mussten. In der „SBZ“ für „Sowjetisch Besetzte Zone“, in der 17 Millionen Deutsche ab jetzt so leben sollten, wie die Russen schon seit 1917. Streng nach den Regeln von Karl Marx, dem Heiligen Vater aller Linken, der schon 1848 in Brüssel ihre Bibel geschrieben hatte, das „Kommunistische Manifest“. Das beginnt mit dem legendären Satz:

Ein Gespenst geht um in Europa. Das Gespenst des Kommunismus.“

Das hatte 1917 in Russland seine erste Heimat gefunden, als der Genosse Lenin mit einem Staatsstreich, der bis heute als die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ bekannt ist, in seiner Heimat die Macht übernahm und aus Russland den ersten kommunistischen Staat der Welt machte. In dem ging es so zu wie in allen folgenden kommunistischen Staaten der Welt auch.

Heute weiß man mit welchem Ergebnis. Nachzulesen in ihrem eigenen Guinness-Buch der Rekorde: das „Schwarzbuch des Kommunismus“, in dem der größte Leichenberg aller Zeiten die Kommunisten sogar zu den größten Verbrechern aller Zeiten macht. 100 Millionen sind bis heute noch ein blutiger Weltrekord. Alleine Lenins Kommunismus kostete bis 1924 mehr als 10 Millionen Menschen das Leben. Ohne dass das große Blutvergießen mit ihm aufhörte. Weil dem Genossen Lenin als nächster „Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion“ der Genosse Stalin folgte, dessen „Stalinismus“ in den Jahren bis 1945 längst mehr Menschenleben gekostet hatte als der ganze Faschismus zusammen. So war Josef Stalin der größte damals lebende Massenmörder, als er mit seiner Roten Armee den damals bekanntesten lebenden Massenmörder Adolf Hitler vom Osten aus besiegte und als erster in Berlin einmarschierte.

Obwohl er die Stadt persönlich nie betreten hat. Er fuhr im Juni 1945 von Moskau aus in seinem gepanzerten Zug lieber direkt nach Potsdam zur Konferenz der Siegermächte die über die Zukunft Deutschlands entscheiden sollten.

Danach stand fest, dass die Deutschen ab jetzt ein geteiltes Volk waren. Sogar ein viergeteiltes. Über die Deutschen im Westen übernahmen die Amerikaner, die Engländer und die Franzosen die Oberhoheit, über die Deutschen im Osten die Russen. Die hatten auf ihrem Siegeszug auch den Osten Europas unter ihre Herrschaft gebracht und so standen sich Anfang 1946 in Europa zwei Welten gegenüber, die nicht miteinander, sondern nur gegeneinander leben konnten. Weil Stalin der freien Welt nicht beitreten wollte. Ganz nach seiner Überzeugung, „je mehr Gebiet du hast, umso sicherer bist du“, behielt er sich den Osten Europas als Pufferzone zwischen ihm und den verhassten Kapitalisten im Westen. Am 5. März 1946 sagt der britische Premierminister Winston Churchill:

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Ab jetzt wird Europa von einem Eisernen Vorhang getrennt den Josef Stalin errichtet hat.“

Auf der einen Seite der freie Westen, auf der anderen Seite der unfreie Osten, auch das „Kommunistische Lager“ genannt. Kommandiert vom größten damals lebenden Massenmörder, dem Genossen Stalin, der ab jetzt auch das Kommando über den Osten Deutschlands hatte. Um aus der „Sowjetisch Besetzten Zone“ den nächsten kommunistischen Staat auf Erden zu machen. Gegründet 4 Jahre später, am 7. Oktober 1949, als „Deutsche Demokratische Republik“.

Obwohl die „DDR“ weder demokratisch noch eine Republik war, sondern die nächste Diktatur in Deutschland. Angeführt vom nächsten Diktator in Deutschland, dem Genossen Walter Ulbricht, einem deutschen Kommunisten der ersten Stunde, auch der „Stalin von der Spree“ genannt, weil er so dachte und regierte wie sein großes Vorbild an der Moskwa. Jeder Andersdenkende wird zum „Klassenfeind“ erklärt und verfolgt, verhaftet und in Schauprozessen nach Moskauer Vorbild zu Höchsttrafen verurteilt.

Am eifrigsten von Ulbrichts Justizministerin, der Genossin Hilde Benjamin, auch als „Blutige Hilde“ bekannt, die „im Namen des Volkes“ alle Andersdenkenden am liebsten zum Tode verurteilte, oder sie in die Lager schickte, die die roten Genossen von den braunen Genossen übernommen hatten, oder gleich weiter nach Sibirien, in die Tiefkühltruhe des Kommunismus, in einen der vielen Gulags in denen schon Millionen ihr Leben in seinem Namen erfrieren mussten.

Die meisten Anklagen lauteten auf „Landesverrat“ oder „Zusammenarbeit mit dem Klassenfeind“ im bösen Westen, in dem weiter die die „Kapitalisten! Imperialisten, Faschisten und Kriegstreiber!!! regierten und daran arbeiteten, die guten Kommunisten im Osten zu überfallen.

Dort glaubten schon damals Millionen nicht an die rote Propaganda und flohen über die noch offenen „Sektorengrenzen“ in den freien Teil Deutschlands. Die meisten über den freien Teil Berlins, den die Amerikaner seit dem „Tag der Befreiung“ beschützten, damit wenigstens der Westen Berlins hinter dem Eisernen Vorhang frei blieb.

Die Ostdeutschen nannten Westberlin deshalb schnell „die Insel im roten Meer“. Auf der stiegen sie in Pan Am – Maschinen und flogen über den unfreien Osten in den freien Westen Deutschlands.

Sie nannten das „Abstimmung mit den Füßen“, die Kommunisten „Ausbluten unserer Republik.“ Irgendjemand musste den Kommunismus ja aufbauen und selbst gingen sie schon von Anfang an nicht mehr arbeiten in ihrer „Diktatur des Proletariats“, die sie am liebsten das „Paradies der Arbeiterklasse nannten“. Ihnen gehörte Alles, dem Rest nichts. Am wenigsten ihre Freiheit. Das konnte am 13. August 1961 die ganze Welt sehen. Erst war es nur ein Gerücht das niemand glauben konnte. Obwohl die meisten den Kommunisten inzwischen alles zutrauten, aber das? Die Antwort kam vom „Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, unserem verehrten Genossen Walter Ulbricht “ höchstpersönlich. Auf einer kurz davor einberufenen Pressekonferenz im Osten Berlins:

Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“

Heute die bekannteste Lüge der Welt, die am 13. August 1961 wahr wurde. Am schwärzesten Tag in der deutschen Geschichte, als sich mitten durch Deutschland, mitten durch Berlin, der Eiserne Vorhang endgültig schloss.

Mit welchem Ziel zeigt ein berühmtes Foto von diesem Tag. Aufgenommen vor dem Brandenburger Tor hält es die ehrlichste Stunde der Kommunisten fest. Obwohl an diesem Tag „die Kapitalisten! Imperialisten, Faschisten und Kriegstreiber!!!“ aufgehalten werden sollten, sahen die nur ihren Rücken. Ihre Waffen sah das eigene Volk, als letzte Warnung auf dem Weg in die Freiheit. Auf den stand ab jetzt die Todesstrafe. So folgte dem Deutschland des Gasbefehls das Deutschland des Schießbefehls. Vollstreckt an jedem, der vom Osten in den Westen Deutschland wollte.

Zwei Jahre später kam ich in diese Welt. Als einer aus der ersten Generation in Deutschland die hinter Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen geboren wurde. Lebendig eingemauert wuchsen wir vom ersten Tag unseres Lebens ohne das wichtigste im Leben auf. Von Freiheit konnten wir nur träumen.

Auch noch für immer und ewig wie es damals schien. Dass der „Eiserne Vorhang“ eines Tages wieder fallen würde, glaubte mit der Zeit niemand mehr. Weil jeder Widerspruch schon längst verstummt war. Stell dir vor es ist Diktatur und alle machen mit.

Nicht nur im Osten, erst recht im Westen. Sonst hätte Richard von Weizsäcker in seiner Rede damals mehr dazu gesagt. Aber auch das gehört zur eher bitteren Wahrheit über unsere jüngste deutsche Vergangenheit: Im Westen Deutschlands hatte man schon ziemlich früh entschieden, die drei berühmten Affen zu imitieren: Nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr sagen wollen.

Obwohl das ja der freie Teil Deutschlands war. Aber „Die Mauer muss weg!“ hat im Westen nie jemand gerufen. Im Gegenteil: Mit der Zeit fanden sie Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen mitten durch Deutschland, mitten durch Berlin, ganz „entspannt“, wie sie dazu sagten.

Angeführt vom Genossen Willy Brandt, der 1970 als Kanzler der Westdeutschen zum Genossen Leonid Breschnew nach Moskau in den Kreml reiste und mit dem berühmten Brandt-Breschnew-Pakt den Osten Deutschlands und Europas endgültig den Kommunisten gab. Nach dem Motto: Ihr könnt den Osten behalten und wir im Westen bekommen dafür unseren Frieden. Dafür hat er sogar den Friedensnobelpreis bekommen und seitdem ist er im Westen ein Held.

Auch solche Erinnerungen teilen Deutschland bis heute. Denn für die Menschen im Osten Deutschlands und Europas bleibt der Held aus dem Westen für alle Zeiten nur der Mann aus dem Westen der sie für alle Zeiten an die größten Verbrecher aller Zeiten ausgeliefert hatte. Obwohl sich die Westdeutschen extra die „Wiedervereinigungspräambel“, in ihr Grundgesetz geschrieben hatten. Die mit dem Satz endete:

Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“

Aber jeder der noch daran erinnerte wurde sofort als „Kalter Krieger“ beschimpft und mundtot gemacht, weil er die „Entspannung zwischen den Blöcken“ gefährdete. An die Wahrheit sollte lieber niemand mehr erinnern. Mauer? Stacheldraht? Todesstreifen? Mitten durch Deutschland, mitten durch Berlin? Nicht mal im Fernsehen gab es das noch zu sehen. ARD und ZDF waren damals schon Staatssender, so herrschte politisch wie medial die totale Verdrängung. Und im Verdrängen sind alle Deutschen Weltmeister. Die Fähigkeit, nicht zu sehen was eigentlich nicht zu übersehen ist gehört ja zu unseren Stärken. Oder Schwächen? Jedenfalls zu unserer Geschichte.

Die endete am Ende doch noch glücklich. Weil die Deutschen im Osten nach 40 roten Jahren ihren ganzen Mut zusammennahmen und sich, allein gelassen vom Rest der Welt, einfach selbst befreiten. Stell dir vor es ist Diktatur und niemand macht mehr mit. Dann ist sie über Nacht vorbei und alles hat sich gewendet.

Seitdem wächst zusammen „was hinten rauskam“, sag ich mal. Weil es ohne den „Kanzler der Einheit“ ja keine gegeben hätte. Helmut Kohl war der einzige gewesen, der im Westen nicht aufhörte, an die Schicksale der Deutschen im Osten zu erinnern und das Grundgesetz ernst nahm.

So folgte der inneren Befreiung auch die von außen. Mit dem Kohl-Gorbatschow-Pakt. In dem holte Kohl aus Moskau wieder zurück, was Brandt dort gelassen hatte.

Danach war auch der Osten Deutschlands wirklich befreit, 45 Jahre später als der Westen.  Aber anders als die Westdeutschen, die ihre Freiheit 1945 geschenkt bekamen, haben sich die Ostdeutschen ihre Freiheit selbst erkämpft. Bis in diese unvergessliche Nacht in der Mitte Berlins, als nach der Diktatur der Faschisten auch die Diktatur der Kommunisten in Deutschland am Boden lag. So ist der 9. November 1989 der wahre „Tag der Befreiung“ in unserer Geschichte, weil er vollendete, was der 8. Mai 1945 nur begonnen hatte. Ein Grund mehr, Wende 30 dieses Jahr gebührend zu feiern.

Torsten Preuß ist Journalist und Schriftsteller http://www.1liebe2welten.de 

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.

 

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