Freiheit des Willens: Wie Dante selbst nach 700 Jahren zum Nachdenken anregt

Von 30. Mai 2021 Aktualisiert: 30. Mai 2021 16:09
Was ist Wahrheit? In der Zeit der "Woke"-Ideologie ist die Antwort selbstverständlich: Schwarze Menschen gut, weiße schlecht; Frauen gut, Männer schlecht, und so weiter. Diese selbstverständlichen Wahrheiten sind natürlich alles andere als selbstverständlich. Das wird vor allem bei den großen Klassikern der Literatur sichtbar, so auch in Dante Alighieris "Göttlicher Komödie".

Kürzlich sagte mir ein führender US-Wissenschaftler an einer hoch angesehenen amerikanischen Universität: „Die Universitäten liegen im Sterben.“ Ich weiß nicht, ob das stimmt, da ich nie eine US-Universität besucht habe und nicht in den USA lebe. Aber seine Worte hallten in mir wider, weil sie in Großbritannien durchaus wahr sind.

Vielleicht schwimmen die Fakultäten in Naturwissenschaften, Technik und Medizin auf ihre eigene selbstgefällige Art und Weise fließend vor sich her – sehr zufrieden mit sich selbst, da sie immer noch Zuschüsse und Unterstützung erhalten. Und vor allem, da man sie glauben lässt, was für schlaue Jungs und Mädels sie seien – wahrlich die Creme de la Creme der intellektuellen Errungenschaften. Doch das ist in Wirklichkeit eine ernsthafte Entstellung dessen, worum es bei Bildung geht.

So verrät uns die Wissenschaft, „wie“ die Dinge sind. Doch sie sagt uns nicht wirklich viel über das „Was“ und vor allem das „Warum“. Das „Warum“ der Dinge ist viel wichtiger als das „Wie“. Das soll nicht heißen, das „Wie“ sei nicht wichtig. Das „Warum“ jedoch beinhaltet die letztendlichen Fragen wie zum Beispiel unsere Bestimmung. Wissenschaft und Technik ohne eine wahre Bestimmung sind für die Menschheit nicht nützlich, sondern gefährlich. Um das „Warum“ zu ermitteln, müssen wir uns wieder den Geisteswissenschaften und ihren verschiedenen Fakultäten zuwenden. Und genau diese liegen im Sterben.

Hier ist ein Einblick: Im Alter von 7 bis 10 Jahren war mein jüngster Sohn, Joseph, ein Harry-Potter-Fanatiker; und durch „Harry Potter“ wurden seine Lesefähigkeiten und sein Vorstellungsvermögen immens gefördert. Allerdings war es eine kleine Überraschung, als er sich mit 18 Jahre (im Jahr 2011) nach möglichen Universitäten umsah und eine in Großbritannien fand, die ein Englischstudium anbot – mit „Harry Potter“-Studien als Kernstück! 

Wie stolz die Universität auf ihren angesagten, zeitgemäßen, nicht-elitären Zugang zur Literatur war. Und wie traurig es jetzt für diese Universität sein muss, wenn die einzige angemessene Reaktion auf ein Buch von J.K. Rowling darin besteht, es zu verbrennen – wegen der unsensiblen Ansicht der Autorin, dass eine Frau zu sein, eben eine Frau zu sein bedeutet.

All das bringt mich zu dem grundlegenden Punkt: Wenn wir nicht ernsthaft verstehen, wie großes Denken aussieht – das in Werken von Theologen, Philosophen, Schriftstellern und Dichtern existiert – werden wir als Zivilisation untergehen. Der Untergang wird uns zu den getarnten Ideologien bringen wie Gleichheit, Vielfalt, „Woke“-Bewegung – alles untermauert durch eine virulente Form des Marxismus, und das Ende aller wahren Werte, wie wir sie kennen und lieben.

Wie großes Denken aussieht

Wenn wir großes Denken auf einen Bereich eingrenzen, von dem ich persönlich begeistert bin, dann wäre zu sagen: Jedes Kind sollte im Unterricht immer wieder guter, großer und großartigster Literatur ausgesetzt werden. Und auch als Erwachsener ist es von größter Bedeutung, mehr als nur Bestseller und Schund zu lesen, um als Mensch und Bürger weiter zu wachsen.

Was große Literatur ausmacht, sind keine zeitgenössischen Bücher voller politisch korrekter, „woker“ Memes und Themen mit all ihrer selbstgefälligen Tugendhaftigkeit und Überlegenheit. Diese sind vergleichbar mit Fast Food, nur weniger nahrhaft. 

Klassische Texte werden nicht von patriarchalischen, weißen Männern der Mittelklasse geschaffen. Im Gegenteil, sie werden von Kulturen geschaffen, weil die Menschen in einer Kultur lange und intensiv über den Text nachgedacht hatten. Sie entdeckten dabei, dass er bei jedem wiederholten Lesen mehr Wert zeigte: mehr Unterhaltung, mehr Ideen, mehr Wissen, mehr Schönheit und – wenn ich das so sagen darf – mehr Transzendenz.

Der große Klassiker spricht die tiefsten Bereiche der menschlichen Natur an und deutet meist auf etwas Göttliches, das jenseits davon liegt.

Ein großartiges Beispiel für die Literatur, die ich im Sinn habe, wäre Dantes „Göttliche Komödie“ – ein Werk von übergreifender Genialität. Was den westlichen Kanon der Literatur betrifft, so kann man nur eine Handvoll Werke mit ihm vergleichen.

Lassen Sie uns eins klarstellen: Gegen einen westlichen Kanon der Literatur ist nichts einzuwenden, vor allem dann nicht, wenn er einer lebhaften Debatte und Überprüfung unterliegt. Es war der englische Schriftsteller Dr. Samuel Johnson, der in seiner „Vorrede“ zu „The Plays of William Shakespeare“ („Schauspiele von William Shakespeare“) die Sache am prägnantesten auf den Punkt brachte: 

„Was die Menschen schon lange besessen, untersuchten und verglichen sie oft. Und wenn sie den Besitz beharrlich weiter zu schätzen wissen, dann deshalb, weil häufige Vergleiche das Urteil zu seinen Gunsten untermauerten.“

„Genauso wie unter den Werken der Natur kein Mensch einen Fluss tief oder einen Berg hoch nennen kann, ohne die Kenntnis vieler Berge und vieler Flüsse; so kann in der Schaffung von Genialität nichts als ausgezeichnet bezeichnet werden, bis es mit anderen Werken der gleichen Art verglichen worden ist …“

„Was am längsten bekannt ist, wurde am meisten überdacht, und was am meisten überdach wurde, wurde am besten verstanden.“