Zuckerbergs Vorschlag zur Regulierung des Internets dient nur ihm selbst

Von 4. April 2019 Aktualisiert: 4. April 2019 20:48
Der CEO von Facebook versucht, uns davon abzulenken, die realen Bedrohungen wahrzunehmen, die das Unternehmen für Demokratie und menschliche Freiheit darstellt. Ein Kommentar von Robert Epstein, ehemaliger Chefredakteur von Psychology Today.

Vor einigen Jahren veröffentlichte ich ein Essay, in dem ich erklärte, wie Internet-Mogule die Irreführung nutzen, um uns dazu zu bringen, in kritischen Momenten in die falsche Richtung zu schauen, genau wie Magier es tun.

Niemand tut dies dreister als Facebook-CEO Mark Zuckerberg, der kürzlich in einem vernichtenden Bericht des britischen Unterhauses sowie in einem neuen Buch von Roger McNamee, einem der ersten Investoren von Facebook, regelrecht verprügelt wurde. Ich forderte Zuckerbergs Rücktritt im vergangenen Sommer, nachdem er in seiner Aussage vor dem US-Kongress nicht gerade ehrlich war. Laut Slate enthielt seine Aussage viele Irreführungen: „Ablenkungen, technische Spitzfindigkeiten und Verzögerungen, die dazu bestimmt waren, die Vier-Minuten-Uhr eines jeden Abgeordneten ablaufen zu lassen.“ [Jedem Abgeordneten stehen bei den Anhörungen für Fragen und Antworten vier Minuten Zeit zur Verfügung.]

Zuckerberg hat sich selbst übertroffen. In einer vor einigen Tagen in der Washington Post veröffentlichten (und gleichzeitig als Facebook-Blogpost veröffentlichten) ausführlichen Stellungnahme hat er nicht weniger gefordert als die Regulierung des gesamten Internets, zu dem natürlich auch Facebook selbst gehört.

Er hat sogar spezifische Strategien angeboten und die Behörden großzügig beraten, wie sie vier äußerst wichtige Bereiche regulieren sollten: schädliche Inhalte, Wahlintegrität, Datenschutz und Datenübertragbarkeit.

Kribbeln Ihre B[ull] S[hit] Detektoren schon?

Warum zeigt uns der Bad Boy des Internets, dessen Unternehmen im März 2018 plötzlich 50 Milliarden Dollar an Marktwert verloren hat und in den letzten Jahren zu einem der am wenigsten angesehenen Unternehmen in Amerika geworden ist, plötzlich, wie man sein eigenes Unternehmen regulieren soll?

Hat Zuckerberg, dem seit 2003 glaubwürdig vorgeworfen wird, sich durchs Leben gehackt zu haben, plötzlich ein neues Kapitel aufgeschlagen?

Überhaupt nicht. Wenn Sie sich seine Richtlinien für die Regulierung mit einem kritischen und informierten Blick ansehen, werden Sie eine Irreführung sehen, die des hohen Lobes von Penn und Teller würdig ist. (In den USA sehr bekannte Zauberkünstler, deren Tricks sehr oft auf geschickter Irreführung der Aufmerksamkeit bestehen.)

Schädlicher Inhalt

Jeder ist besorgt wegen falscher und beunruhigender Inhalte im Netz und niemand hat mehr getan, um solche Inhalte zu verbreiten als Mark Zuckerberg- zuletzt mit einer 17-minütigen Live-Übertragung eines Mörders, der systematisch unschuldige Menschen in einer Moschee umbrachte.

Seine Lösung? „Dritte …. sollen Standards für die Verbreitung schädlicher Inhalte festlegen.“

Der Trick dabei ist, die Verantwortung vom Unternehmen weg zu verlagern. Normen beseitigen keine schädlichen Inhalte, die, erinnert Zuckerberg, „unmöglich zu entfernen“ sind. Sie werden dem Unternehmen jedoch einen gewissen Schutz vor Klagen und Geldbußen bieten. Solange das Unternehmen die Standards einhält, ist es einigermaßen sicher, unabhängig davon, welche schrecklichen Inhalte durch seine porösen kuratorischen Verfahren verbreitet werden. Das Unternehmen könnte sogar in der Lage sein, sein Kuratierungsbudget zu kürzen und sich auf Standards zu verlassen, um es vor Haftungsansprüchen zu schützen. (Kuratieren heißt so viel wie vorhalten und/oder teilen)

Wahlintegrität

Zuckerberg konzentriert sich hier auf nur eine relativ triviale themenpolitische Werbung und fordert die Schaffung von Gesetzen, die „aktualisiert werden sollten, um die Realität der Bedrohungen widerzuspiegeln“, mit denen wir jetzt konfrontiert sind. Er erwähnt nicht Cambridge Analytica oder die russische Internet Research Agency, die beide mit Hilfe von Facebook-Anzeigen im Jahr 2016 Millionen von Nutzern der Plattform erreichten, aber genau das ist es, wovon er spricht. Er sagt auch nicht, wie genau Kongress oder Regulierungsbehörden das Gesetz aktualisieren sollten.

Aber gezielte Werbung ist keine ernsthafte Bedrohung für unseren Wahlprozess. Wie ich bereits an anderer Stelle erklärt habe, sind überall zielgerichtete Anzeigen wettbewerbsfähig, sichtbar und unterliegen der durch eigene Einstellungen geprägten Wahrnehmung, genau wie Plakate und TV-Anzeigen, und dasselbe kann über Fake News gesagt werden.

Facebook ist eine ernsthafte Bedrohung für die Demokratie, nicht wegen der Anzeigen, die Unternehmen auf seiner Plattform kaufen, sondern wegen seiner beispiellosen Macht, festzulegen, welche Nachrichten und Informationen mehr als 2 Milliarden Menschen jeden Tag sehen. Ich habe mehr als sechs Jahre damit verbracht, störende neue Formen der Einflussnahme zu entdecken, zu studieren und zu quantifizieren, die das Internet ermöglicht hat – fast alle davon liegen vollständig in den Händen von Führungskräften bei Google und Facebook.

Um Ihnen nur ein kurzes Beispiel für die Macht zu geben, die Zuckerberg hat: Die von ihm selbst veröffentlichten Daten zeigen, dass, wenn er sich dazu entschließen würde, am Wahltag 2020 „Geh-wählen“-Aufforderungen nur an die Anhänger eines Kandidaten zu senden – und das wird mit ziemlicher Sicherheit der Kandidat der Demokraten sein -, wird Zuckerbergs Botschaft dem Kandidaten an diesem Tag wahrscheinlich mindestens 450.000 zusätzliche Stimmen einbringen. Niemand, außer „Zuck“ und ein paar seiner Spießgesellen wird sich dieses Mißbrauchs bewußt sein. Diese massive Manipulation ist eine von mindestens fünf Techniken, mit denen Facebook Wahlen beeinflussen kann, ohne dass die Menschen es wissen.

Um Wahlen zu schützen, müsste praktisch jeder Aspekt der Tätigkeit von Facebook streng reguliert werden, aber Zuckerberg lenkt uns von den tatsächlichen Bedrohungen ab.

Datenschutz

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Zuckerbergs Lösung für das Datenschutzproblem, mit dem wir alle heutzutage konfrontiert sind, besteht darin, dass die Welt eine Version der Allgemeinen Datenschutzverordnung (DSGVO) der EU von 2018 annimmt, obwohl Zuckerberg selbst sich weigerte, die DSGVO-Richtlinien in seinem weltweiten Unternehmen umzusetzen, nachdem das Gesetz in Kraft getreten war.

Dieser Trick ist besonders beunruhigend. Facebook ist die zweitwichtigste Überwachungsoperation, die jemals von der Menschheit geschaffen wurde (Google ist Nr. 1) und generiert fast 100 Prozent seines Umsatzes durch die Monetarisierung der persönlichen Daten, die sie kontinuierlich über uns und unsere Kinder sammelt. Zuckerbergs Vorschlag zum Schutz unserer Privatsphäre hat keine Auswirkungen auf das schmierige Geschäftsmodell des Unternehmens – ein Modell, das von Natur aus die Privatsphäre verletzt.

Hat die DSGVO das Datenschutzproblem in der EU gelöst? Überhaupt nicht. Zuckerberg weiß es besser als jeder andere. Es hat Facebook nicht bei einer einzigen Seele in der EU davon abgehalten, die personenbezogenen Daten zu sammeln und zu monetarisieren.

Da es für Unternehmen so schwierig ist, die DSGVO umzusetzen, war ihr Haupteffekt, die Risikofinanzierung von Start-ups und kleinen Unternehmen in Europa zu verhindern. Es hatte nur minimale Auswirkungen auf Facebook und Google.

Im besten Fall schafft die DSGVO die Illusion, dass Menschen Eigentümer ihrer Daten sind und sie ihre Daten nach der Erhebung löschen könnten. Aber sobald diese Daten gesammelt wurden, werden sie in Vorhersagemodelle integriert, die vollständig Facebook und Google gehören. Die Daten selbst sind danach entbehrlich.

Darüber hinaus werden keine Daten jemals wirklich entfernt oder gelöscht. Der Zugang ist für Sie einfach nicht mehr möglich. Mehrere Kopien Ihrer Daten verbleiben über einen längeren Zeitraum auf Servern und Sicherungsgeräten – möglicherweise auf unbestimmte Zeit, vorbehaltlich der „relevanten rechtlichen oder betrieblichen Aufbewahrungspflichten“ von Facebook.

Portabilität von Daten

Zuckerberg hätte aufhören sollen, als es den Anschein hatte, als ob er gut dastehe. Stattdessen fügte er diese vierte, etwas erbärmliche Kategorie von Vorschriften hinzu.

Unter Portabilität versteht er, dass Menschen in der Lage sein sollten, ihre Daten von Facebook zu entfernen und woanders hinzuzufügen. Aber wohin bringen Sie sie? Facebook hat keine Konkurrenz, und wenn Sie gehen, trennen Sie sich von Hunderten von Freunden und Familienmitgliedern, fast so, als wären Sie ohne Ihr Handy nach Sibirien geflohen. Zuckerberg kicherte wahrscheinlich, als er seine Gedanken über die Regulierung der Portabilität schrieb.

Keine von Zuckerbergs raffinierten Richtlinien beginnt auch nur, die drei ernsthaften Bedrohungen anzusprechen, die das Unternehmen für Demokratie und menschliche Freiheit darstellt: die aggressive Überwachung, die Fähigkeit zu kontrollieren, was Milliarden von Menschen sehen und nicht sehen (das Zensurproblem), und die Fähigkeit, das Denken, Verhalten, Kaufen und Wählen von Menschen unterbewusst zu manipulieren.

Werden unsere Führer Zuckerbergs Geschicklichkeit widerstehen und die schwierigen Fragen direkt angehen? Angesichts der Geldmengen, die Facebook unseren Politikern gibt, habe ich meine Zweifel.

Robert Epstein, ehemaliger Chefredakteur von Psychology Today, ist Senior Research Psychologe am American Institute for Behavioral Research and Technology. Der Autor von 15 Büchern und mehr als 300 Artikeln arbeitet an einem Buch namens „How Google and Facebook Ate Your Brain, and How You Can Get a New One“. Folgen Sie ihm auf Twitter: @DrREpstein

Das Original erschien in The Epoch Times (USA) (deutsche Bearbeitung von al)
Originalartikel: Zuckerberg’s Proposal for Regulating the Internet Is Self-Serving

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.