Undatierte Aufnahme des legendären Physikers Dr. Albert Einstein.Foto: AP/dpa

Bisher unveröffentlichter Brief: Albert Einstein war der Wissenschaft um 70 Jahre voraus

Von 28. Mai 2021 Aktualisiert: 28. Mai 2021 12:58
Ein lang verschollener Brief von Albert Einstein diskutiert eine Verbindung zwischen Physik und Biologie. Erst sieben Jahrzehnte später konnte die moderne Wissenschaft Beweise für eine Verbindung zwischen Physik, Quantenmechanik und Biologie nachweisen. Einsteins Brief – in aller Kürze – beweist einmal mehr, wie aufmerksam er seine (Um-)Welt beobachtete.

Seit dem Anbruch des elektronischen Zeitalters war es für Forscher noch nie so einfach, mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten. Dass es auch anders herum funktioniert, zeigt ein bislang unveröffentlichter Brief, der 1949 von keinem Geringeren als Albert Einstein geschrieben wurde. Darin diskutiert der in Deutschland geborene Mathematiker und Physiker über Bienen, Vögel und die Frage, ob sich aus dem Studium der tierischen Sinne neue physikalische Prinzipien ergeben könnten.

2019, nach der Veröffentlichung eines Artikels über die mathematischen Fähigkeiten von Bienen, so berichten Prof. Adrian Dyer und Quantenphysiker Prof. Andrew Greentree vom Royal Melbourne Institute of Technology (RMIT Universität), erhielten sie Post von Judith Davys – beziehungsweise von Albert Einstein. Die britische Seniorin wandte sich an die Forscher, um einen 72 Jahre alten Brief zu teilen, den Einstein an ihren verstorbenen Mann Glyn Davys gerichtet hatte.

Die Ergebnisse einer einjährigen Untersuchung sowie den Brief im Originaltext veröffentlichte Prof. Dyer jüngst in der Fachzeitschrift „Journal of Comparative Physiology A“.

Gespräche über Blumen, Bienen und Bomber

Einstein war einer der größten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts und ein hervorragender Kommunikator. Seine Vorstellungskraft half bei der Gestaltung vieler Technologien, die heute das Informationszeitalter prägen, einschließlich Satellitennavigation (GPS) und Solarzellen. Für letztere, beziehungsweise „für seine Verdienste um die theoretische Physik, besonders für seine Entdeckung des Gesetzes des photoelektrischen Effekts“ erhielt Einstein 1921 den Nobelpreis. – Dass Einstein die Auszeichnung für seine Relativitätstheorie bekam, ist ein weit verbreiteter Irrglaube.

1933 verließ der Physiker Deutschland, um an der Princeton University in den Vereinigten Staaten zu arbeiten. Hier lernte er im April 1949 den deutschen Zoologen und Verhaltensforscher Karl von Frisch bei einer Gastvorlesung kennen. Von Frisch kam nach Princeton, um seine neuen Forschungen vorzustellen: Wie Honigbienen anhand der Polarisationsmuster des vom Himmel gestreuten Lichts effektiver navigieren. Er nutzte diese Informationen, um die inzwischen berühmte Tanzsprache der Bienen zu übersetzen. Für diese Forschung erhielt von Frisch schließlich seinen eigenen Nobelpreis erhielt.

Am Tag, nachdem Einstein von Frischs Vortrag besucht hatte, trafen sich die beiden Forscher zu einem privaten Gespräch. Offiziellen Aufzeichnungen existieren über das Treffen nicht. Dennoch gibt der kürzlich entdeckte Brief von Einstein einen Einblick in mögliche Gesprächsthemen.

Tierisches Verhalten aus der Sicht eines Physikers

Einsteins Brief, so die Forscher, ist vermutlich eine Antwort auf eine Anfrage, die er von Glyn Davys erhielt. 1942, als der Zweite Weltkrieg tobte, war Davys der britischen Royal Navy beigetreten. Er ließ sich zum Ingenieur ausbilden und forschte unter anderem an der Erkennung von Schiffen und Flugzeugen mittels Radar. Diese im Entstehen begriffene Technologie wurde zu dieser Zeit streng geheim gehalten.

Völlig zufällig entdeckte man zur gleichen Zeit die Bio-Sonar-Sensorik bei Fledermäusen. Das brachte die Menschen – unter ihnen vermutlich auch Davys und Einstein – auf die Idee, dass Tiere möglicherweise ganz andere Sinne haben als Menschen. Obgleich ältere Schriftstücke verloren scheinen, fragten sich Prof. Dyer und Kollegen, was Davys dazu veranlasst haben könnte, dem berühmten Physiker zu schreiben.

In Archiven von Nachrichten, die 1949 in England veröffentlicht wurden, fanden die Forscher, dass von Frischs Entdeckungen über die Bienennavigation bereits im Juli desselben Jahres große Schlagzeilen machten. Selbst die Londoner Zeitung „The Guardian“ berichtet über von Frischs Bienentanz. In den Nachrichten wurde speziell darüber berichtet, wie Bienen polarisiertes Licht zur Navigation nutzen.

„Wir glauben, dass dies Davys dazu veranlasste, an Einstein zu schreiben. Es ist auch wahrscheinlich, dass Davys‘ erster Brief an Einstein speziell Bienen und von Frisch erwähnte. So antwortete Einstein: ‚Ich bin mit den bewundernswerten Untersuchungen des Herrn v. Frisch gut vertraut'“, erklären die Forscher in einem Artikel in „The Conversation“. Aus dem Brief gehe zudem hervor, dass Einstein sich neue Entdeckungen durch das Studium des Verhaltens von Tieren vorstellte. Er endete seinen Brief mit den Worten:

Es ist denkbar, dass die Untersuchung des Verhaltens von Zugvögeln und Brieftauben eines Tages zum Verständnis irgendeines physikalischen Prozesses führen könnte, der noch nicht bekannt ist.“

Albert Einstein scheint – wieder einmal – richtigzuliegen

Sieben Jahrzehnte nach Einsteins Brief lüftete die Forschung tatsächlich die Geheimnisse, wie Zugvögel navigieren. Selbst nach Tausenden Kilometern über den Pazifik kommen sie an einem bestimmten Ziel an. Im Jahr 2008 zeigten Untersuchungen an mit Funksendern ausgestatteten Drosseln erstmals, dass diese Vögel eine Art biologischen Magnetkompass als primäre Orientierungshilfe im Flug nutzen. Heute besagt die Theorie, dass bestimmte Sinnesproteine auf das Magnetfeld der Erde reagieren und somit die Grundlage des biologischen Magnetkompasses der Vögel bilden.

Vielleicht ironischerweise ist eine der führenden Theorien für die Erklärung des Magnetsinns bei Vögeln die Verwendung von Quantenzufälligkeit und -verschränkung. Beide hat Einstein erstmals vorgeschlagen. Obwohl Einstein einer der Begründer der Quantenphysik war, fühlte er sich mit ihren Implikationen unwohl. Um seinen Widerstand gegen die Zufälligkeit auszudrücken, soll Einstein gesagt haben: „Gott würfelt nicht“. Eben diese Zufälligkeit ist heute eines der Kernstücke der Quantenphysik.

Und obwohl Einstein mit der Theorie nicht einverstanden war, lässt seine Bereitschaft, darüber zu spekulieren, wie wir aus der Sinneswahrnehmung von Tieren neue Dinge lernen können, vermuten, dass er erfreut darüber gewesen wäre, wie neue Forschungen über den Vogelzug die Grenzen des Verständnisses der Physik verschieben.

„In der Tat ist Einsteins Brief an Davys ein Beweis dafür, wie offen er für neue Möglichkeiten für die Physik war, die in der Natur beobachtet werden“, schließen die Forscher um Prof. Dyer in „The Conversation“. Einsteins Brief veranschauliche einmal mehr, „wie achtsam [Albert Einstein] war [und] was man entdecken kann, wenn man einen anderen Blick auf die Welt wirft.“ (ts)

(Mit Material des Royal Melbourne Institute of Technology (RMIT Universität) und „The Conversation“ unter Creative Commons Lizenz)



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