Ein Funke namens Mahsa Amini wird zum Flächenbrand

Der Tod eines Mädchens wird zum Funken, der ein ganzes Land in Brand setzt. Müssen die Mullahs der Wut des Volkes weichen? Es ist überfällig, schätzt Investigativjournalist und Iran-Kenner Shams Ul-Haq die Brisanz der Lage ein.
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Iranische Demonstranten auf den Straßen von Teheran nach dem Tod von Mahsa Amini.Foto: AFP via Getty Images
Von 25. September 2022

Im Iran ziehen wütende Menschen durch die Straßen. Ein Mädchen ist gestorben, eine junge Frau, Anfang 20. Es besteht der Verdacht, dass die berüchtigte Moralpolizei von Teheran etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnte. Die 22-Jährige lebte eigentlich in der iranischen Provinz Kurdistan, war zu Besuch bei ihren Verwandten in der Hauptstadt des Mullah-Reiches. Dort war sie den Sittenwächtern aufgefallen, jenen Polizeipersonen, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben, als ihre Mitmenschen zu beobachten. Gewöhnlicherweise haben sie es auf Frauen abgesehen, wie Mahsa (Jina) Amini, aus Saqez, ihres Outfits wegen.

Um mehr Details zum Tod von Mahsa und vor allem über die Proteste im Iran zu erfahren, sprach die Epoch Times mit dem in Deutschland lebenden Investigativjournalisten und Nahost-Kenner Shams Ul-Haq. Der heutige Buchautor und Filmemacher kam als 15-Jähriger aus Pakistan nach Deutschland, spricht neben Deutsch, Englisch und Farsi (Persisch) auch Arabisch, Urdu und Hindi und gilt als Nahost-Terrorexperte. (Weitere Informationen: www.shamsulhaq.de)

Der Tod eines Mädchens

Obwohl der Kenner der iranischen Religionsdiktatur sich selbst als Regimekritiker sieht, räumt er als Journalist ein: „Es kann wirklich sein, dass das Mädchen einen Herzanfall erlitten hat.“  Ul-Haq verweist dazu auf ein Video, das aus den Aufnahmen diverser Überwachungskameras des Polizeigebäudes zusammengeschnitten wurde. Das Video habe das iranische Innenministerium immer wieder im Fernsehen als Beweis gezeigt, weiß Shams Ul-Haq.

Zu sehen ist darauf Mahsa Amini, wie sie am 13. September mit anderen jungen Frauen in einer Polizeieinrichtung ankommt. Darin entwickelt sich ein Streitgespräch zwischen der jungen Frau und einer voll vermummten und mit Corona-Maske drapierten Aufseherin über die Kleiderordnung. „Da gab es eine kleine Auseinandersetzung“, erklärt Ul-Haq. Er vermutet anhand von Situation und Gestik der beiden Frauen, das Video ist ohne Ton, dass die Aufseherin das Mädchen mit harten Worten wegen ihrer Bekleidung ausgeschimpft haben könnte.

Im Video ist eine junge Frau zu sehen, die nichts Verwerfliches an ihrer Bekleidung findet und dies augenscheinlich auch gegenüber der Aufseherin kundtut. Diese jedoch zupft demonstrativ kritisch an ihr herum. Sie scheint dabei verächtliche Worte zu verwenden, ihre Gestik spiegelt das zumindest wider.

„Ich gehe davon aus, dass man ihr gesagt hat, dass sie verhaftet wird und nicht mehr gehen darf“, so der Journalist. Im Video ist zu sehen, wie die Aufseherin sie zu den anderen wartenden Frauen zurückschickt und das Gespräch beendet.

Wer das Video gesehen hat, sieht eine verzweifelte junge Frau, der der Ernst ihrer Lage gerade erst richtig bewusst wird. Sie schlägt die Hände vors Gesicht. Ul-Haq: „Und dann ist sie auf einmal umgekippt“.  In einer weiteren veröffentlichten Videosequenz sieht man, wie sie auf einer Trage herausgetragen und in einen Krankentransporter gebracht wird. „Das iranische Regime sagt, sie hat einen Herzinfarkt bekommen“, erklärt Ul-Haq weiter.

Keinerlei Vorerkrankungen

Mahsa’s Vater führte an, dass seine Tochter keinerlei Vorerkrankungen gehabt habe. Dies wurde auch in verschiedenen westlichen Medien berichtet. Doch Ul-Haq weiß noch ein weiteres Detail: Der Vater des Mädchens habe zwar auch eingeräumt, dass seine Tochter einen Herzinfarkt bekommen habe, aber nach seinen Schilderungen sei der Krankenwagen zu spät gekommen. „Deswegen wurde sie zu spät behandelt“, so Ul-Haq. Unter den jungen Leute im Iran, den Regimegegnern, wie er sie nennt, kursiere aber eine weitere Geschichte. „O.K., sie hat einen Herzinfarkt bekommen und wurde ins Krankenhaus gebracht. Aber: Während man sie ins Krankenhaus brachte, wurde sie gegen den Kopf geschlagen.“ Das sei später die eigentliche Todesursache gewesen. „Dafür gibt es aber keine Beweise“, räumt Ul-Haq ein.

Allerdings wurde bekannt, dass die 22-Jährige neben einem Herzinfarkt auch noch einen Hirnschlag bekommen haben soll und anschließend ins Koma fiel. Und vielleicht gibt es doch schon einen Beweis, zumindest einen Anhaltspunkt, dass an der offiziellen Version etwas nicht so ganz stimmt: Der „Guardian“ berichtete nach seinerzeit unbestätigten Informationen von einem CT-Scan, der bei Mahsa Amini gemacht worden sei: „Ein CT-Scan von Aminis Kopf zeigte einen Knochenbruch, eine Blutung und ein Hirnödem, was anscheinend bestätigte, dass sie an den Folgen eines Schlags auf den Kopf starb“, schrieb die britische Zeitung bereits am 19. September.

Mahsa Aminis Tod soll am 16. September auf der Intensivstation des Teheraner Kasra-Krankenhauses eingetreten sein, drei Tage nach ihrer Verhaftung. Teherans Polizeichef General Rahimi weist jegliche Gewaltvorwürfe gegen die Frau zurück und spricht von einem „unglücklichen Vorfall“. Präsident Raisi kündigte eine Untersuchung an.

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Der Funke des Protests

Doch das ist nur die eine Seite der Geschichte. Die andere sind die sofort aufgeflammten Proteste in der Bevölkerung nach Bekanntwerden des Todes von Mahsa Amini – zunächst im kurdischen Teil des Irans, aus dem das tote Mädchen stammte, später auch in anderen Gebieten. Der Protest zeigt sich zum einen in den Demonstrationen auf den Straßen. Daran nehmen auch viele Frauen teil. Zudem gibt es aber auch Einzelproteste mancher Frauen, die aus Protest gegen den Tod von Amini symbolisch ihre Haare abschneiden oder ihre Kopftücher verbrennen und das im Internet veröffentlichen. Denn das, was Mahsa Amini passiert ist, könnte morgen auch ihnen zustoßen. Ihr Fall steht stellvertretend für alle Frauen im Iran.

Dabei stellt der Tod von Mahsa Amini den sprichwörtlichen Tropfen dar, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es war der Funke, der den schon lange gärenden Unmut der Bevölkerung entzündet hat. Seit Jahren schon flammen immer wieder Proteste gegen das Mullah-Regime auf. Die Menschen sind unzufrieden, alle, nicht nur die Frauen. Die Lebensbedingungen werden immer schwieriger – dramatisch gestiegene Lebensmittelpreise und Mieten eskortieren eine Inflationsrate von über 52 Prozent im August.

Shams Ul-Haq erklärt ein paar Beispiele aus dem alltäglichen Leben der Iraner. „Früher hatten Eier umgerechnet 20 Cent gekostet, heute kosten sie drei bis vier Euro“. Jemand habe ihm zudem geschildert, was einem beim Fleisch einkaufen passieren kann. Man stehe Schlange, wurde ihm erklärt. Wenn dann der normale Mensch endlich dran sei, sei das Fleisch schon alle. Dann gingen die Menschen zum Hinterhof der Fleischerei und kaufen die Knochen, um wenigstens Suppe kochen zu können.

Bei den Mieten habe es sich auch dramatisch verschlechtert: „Früher hatte eine Familie mit vier Kindern eine Wohnung mit 200 Quadratmeter, jetzt müssen sie mit 50 Quadratmetern klar kommen oder aber im Dachgeschosszimmer bei anderen Leuten wohnen und dafür Haus und Garten in Ordnung halten.“ Das sei auch das Kernproblem der Iraner, das die Leute so wütend mache, nicht nur Arme, sondern auch den Mittelstand. Weil das Regime das nicht hinbekomme.

Nun ist sie ausgebrochen, die Wut des Volkes – und die Polizei geht mit aller Härte vor, schießt auf die Menschen. Wie viele bisher getötet wurden, lässt sich schwer herausfinden, doch die Zahl der Todesopfer steigt beständig. Die kurdische Menschenrechtsorganisation Hengaw berichtete am Freitag (23.9.) von bisher 15 namentlich bekannten Todesfällen aus neun Städten. Darunter sind zwei Teenager, Jungs im Alter von 15 und 16 Jahren – und einer getötete Frau, Mutter von drei Kindern. Die Polizei hatte ihr in den Kopf geschossen. Verletzte gibt es en masse.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung soll es bereits 733 Verletzte bei den Protesten gegeben haben. Die Polizei habe 600 Menschen festgenommen. Hengaw geht allerdings davon aus, „dass in den Städten Kurdistans noch mehr Menschen verletzt, festgenommen und sogar getötet wurden“.

Herauslocken und Blockieren

Die Meldungen überschlagen sich, die Proteste weiten sich aus und die Zahlen sind schon veraltet, sobald sie bekannt werden. Das Regime in Teheran versucht die Informationen zu unterdrücken, blockiert weite Teile des Internets und des Mobilfunks. Aus den Demonstrationen von 2019 habe das Regime gelernt, keine Informationen mehr herauszulassen.

Hier kommt Ul-Haq nicht umhin, auch Kritik an den westlichen Medien zu üben: „Unsere Medien (die deutschen Medien) kaufen von den Nachrichtenagenturen und die Nachrichtenagenturen bekommen die Nachrichten von den Agenturen des Regimes“. In den Medien sehe man nur die alten Sachen: „Hat man da überhaupt mal mit zwei drei Demonstranten persönlich gesprochen?“ Das finde man dieses mal nicht. Das Regime habe diesmal das Internet stark begrenzt. „Die wollen nicht, dass das rausgeht.“

Das Regime will verhindern, dass die Menschen miteinander kommunizieren, sich zusammentun, organisieren, protestieren. Sie wollen auch, dass von alledem möglichst wenig im Ausland bekannt wird. „Es ist immer schwierig, wenn alle Kanäle soweit abgeschaltet werden. Aber die jungen Leute schaffen es immer wieder über Instagram, Telegram oder Snap Chat irgendwie Bilder und Videos herauszubekommen“, erklärt Ul-Haq.

Neu sei bei den diesmaligen Protesten, „dass auch sehr viele Frauen daran teilnehmen und ihre Kopftücher verbrennen“, erklärt Ul-Haq. Die jungen Leute, mit denen er gesprochen habe, sagten: „Das gleiche kann mich am nächsten Tag treffen (wie Mahsa Amini), dass mich die Polizei festnimmt und schlägt oder umbringt.“ Dieses Mal sammelten sich die jungen Leute oft in kleinen Gruppen, protestieren und verschwinden wieder, so Ul-Haq, denn große Demonstrationen, wie beim letzten Mal in 2019, wolle das Regime verhindern.

Neue Taktik des Regimes

„Das Regime hat dieses Mal eine neue Taktik“, sagt Ul-Haq. Die Polizei selbst rufe anonym in den sozialen Medien zum Protest gegen das Regime auf. Leute, die dem Aufruf folgten, würden dann festgenommen. Das sei die Taktik, die an vielen Orten immer wieder eingesetzt werde. Man wolle damit die Köpfe der Proteste schnappen, „die ersten fünf bis zehn Demonstranten, die da kommen“. Das seien meistens jene, die besonders aktiv seien. Immer wieder habe die Polizei das so gemacht.

Allerdings seien die jungen Leute auch nicht dumm, so Ul-Haq weiter. Sie hätten das dann in Social Media bekannt gemacht: „Achtung passt auf! Es gibt diese Taktik.“ Ul-Haq: „Im Iran fängt eine Demo immer mit wenigen Leuten an, dann kommen immer mehr, weil die Leute mit ihren Handys andere Leute dazuholen.“

Mit den anonymen Protestaufrufen seitens der Polizei sollen also die aktivsten Leute verhaftet werden, bevor der Protest wachsen kann.

Verschwundene Menschen

Sind bereits größere Menschenmengen zusammengekommen, nutzt die Polizei eine andere Taktik. Sie schickt Leute inkognito zwischen die Demonstranten, um Randale zu provozieren. Ul-Haq: „Dann nehmen sie einen, schicken ihn hin, dass er einen Molotow-Cocktail wirft“. Im Folgenden lese man in den deutschen Medien, dass die Proteste blutiger würden und der Justizminister ein hartes Durchgreifen ankündigte.

Bei Verhaftungen stünden die betroffenen Familien vor großen Problemen. Wer kümmere sich um die Kinder zu Hause, wenn nieman mehr da ist, der jeden Tag das Brot für die Familie verdienen könne. Auch von den Hunderten von Menschen, die 2019 festgenommen worden seien, blieben manche Menschen bis heute verschwunden. „Man weiß gar nicht, wo die sind. Leben sie überhaupt noch, sind sie tot? Das heißt, viele Eltern leben jahrelang im Ungewissen: Lebt mein Sohn oder ist er tot?“, erläutert Ul-Haq und schließt ab: „Die jungen Leute haben die Schnauze voll, das Volk hat die Schnauze voll – von diesem islamischen Regime. Sie wollen demokratische und freie Wahlen haben.“



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