E-Autos: Im Winter 50 Prozent weniger Reichweite und „nicht oder nur bedingt alltagstauglich“

Von 12. Februar 2019 Aktualisiert: 13. Februar 2019 9:46
Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Stau. Es ist kalt, also heizen Sie. Der Tank wird leer. Normalerweise würden Sie jetzt zum Reservekanister greifen und fünf Liter Benzin nachfüllen, wenn da nicht ein Problem wäre - Ihr Auto tankt Strom. Mit einer handelsüblichen Akku-Bank kommen Sie da nicht weit ...

Gerade im Winter verringert sich die Reichweite von E-Autos drastisch. Eine Studie der American Automobile Association (AAA) ergab bei Minusgraden ein Reichweitenverlust von durchschnittlich 41 Prozent. Wenn Sie keinen Tesla mit (normalerweise) über 400 Kilometer Reichweite fahren, sinkt ihre Reichweite mitunter in den zweistelligen Bereich.

Die Anfang Februar veröffentlichte Studie untersuchte die Veränderung der Reichweite von fünf E-Autos in Abhängigkeit der Temperatur. Bei einer Außentemperatur von -6 °Celsius und eingeschalteter Heizung sank die Reichweite der getesteten Fahrzeuge um durchschnittlich 41 Prozent.

Für jede 100 Kilometer „Sommer-Reichweite“ können E-Auto-Fahrer im Winter durchschnittlich nur 59 Kilometer weit fahren. Entsprechend häufiger muss das Fahrzeug an die Steckdose, respektive Ladestation, und umso länger sind die Pausen. Die AAA rechnete aus, dass der Temperatur-bedingte Reichweitenverlust zu Mehrkosten von etwa 25 US-Dollar pro 1.000 Kilometer führt.

Minderung der Reichweite um über 50 Prozent

Um keinen Fahrzeughersteller zu bevorzugen, testeten die AAA-Ingenieure fünf E-Autos von unterschiedlichen Herstellern aller Preisklassen. Untersucht wurde die Reichweite bei -6 °C, 24 °C und 35 °C.

Die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur niedrige Temperaturen, sondern auch erhöhte Außentemperaturen zu einem Reichweitenverlust führen. Mit Einbußen von durchschnittlich 17 Prozent fällt dieser jedoch deutlich geringer aus, als bei niedrigen Temperaturen. Insgesamt sank die Winter-Reichweite bei den Fahrzeugen von BMW und Chevrolet am stärksten, beim Nissan Leaf am geringsten. Bei hohen Temperaturen sind die Verhältnisse bei eingeschalteter Klimaanlage etwa analog.

Tabelle: Reichweitenminderung bei veränderten Außentemperaturen in Prozent bezogen auf die Reichweite bei 24 °Celsius

Fahrzeug -6 °C 35 °C
BMW i3s (2018) 51 21
Chevrolet Bolt (2018) 47 19
Nissan Leaf (2018) 31 12
Tesla Model S 75D (2017) 38 16
Volkswagen e-Golf (2017) 36 18
Gesamt 41 17

Bei ausgeschalteter Heizung beziehungsweise Klimaanlage fällt die Reichweitenminderung deutlich geringer aus. Die AAA empfiehlt deshalb das Auto zu heizen oder zu kühlen, solange es noch an der Ladestation hängt. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch auch, dass die Reichweite auf der Kurzstrecke stärker sinkt als auf der Langstrecke, wo bezogen auf die zurückgelegte Strecke weniger geheizt oder gekühlt wird.

E-Autos „nicht oder nur bedingt alltagstauglich“

Neben dem Temperatur-bedingten Reichweitenverlust spielen im Alltag jedoch weitere Faktoren eine Rolle. Während Taxifahrer am Tag ohne Weiteres einige Hundert Kilometer zurücklegen, benötigen Handwerker ausreichend Laderaum. Der Familienvater wiederum muss jeden Tag zur Arbeit fahren und will ein- oder zweimal im Jahr mit seiner gesamten Familie in Urlaub fahren.

Anlässlich der Diesel-Fahrverbote in vielen Städten hat der Westdeutsche Rundfunk die Alltagstauglichkeit von E-Autos untersucht. In „Das Experiment – Staus und schlechte Luft“ tauschten ein Schornsteinfeger und ein Familienvater Benzin oder Diesel vier Wochen lang gegen Strom (E-Auto), Muskelkraft (Fahrrad), Wasserstoff-Auto und öffentlichen Nahverkehr.

Während der Familienvater mit dem E-Auto Probleme hatte, geeignete Ladestationen zu finden oder das Laden an der heimischen Steckdose bis zu 24 Stunden dauerte, musste der Handwerker bereits am zweiten Tag zwangsweise auf sein Dieselfahrzeug zurückgreifen. Der Grund: eine defekte Ladebuchse am Fahrzeug. Vom Raumangebot und Fahrgefühl war der Schornsteinfeger indes begeistert.

Umweltfreundliche Alternativen vorhanden

Wer aus Umweltgründen auf Benziner oder Diesel verzichten möchte und aufgrund der immer noch geringen Reichweite vor E-Autos zurückschreckt, findet trotzdem umweltfreundliche Alternativen. Eine davon ist bereits über 200 Jahre alt: Das Fahrrad.

Wer wie der Schornsteinfeger mit viel Gepäck unterwegs ist, braucht ein Lastenfahrrad. Trotz Unterstützung mit einem E-Motor – und der damit verbundenen geringen Reichweite der Akkus – erwies sich das Fahrrad für den Schornsteinfeger als unbrauchbar, auch in der zweiten Phase musste er auf sein Dieselfahrzeug zurückgreifen. Es fehle an Platz und sei für lange Strecken nicht praktikabel.

Der Familienvater im WDR-Experiment wohnt etwa 40 Kilometer von seiner Arbeitsstelle entfernt. Mit dem Auto legt man diese Strecke in einer knappe halben Stunde zurück, auch wenn es morgens etwas voller ist. Mit dem Fahrrad braucht man etwa doppelt so lange. Bei acht Stunden Arbeit plus eine Stunde Hin- und Rückweg erwies sich auch beim Otto-Normal-Fahrer das Fahrrad als ungeeignet. Dass man mit dem Fahrrad nicht mit der ganzen Familie in Skiurlaub fährt, braucht keine weitere Erklärung.

Der öffentliche Nahverkehr stellt zumindest für den Familienvater eine Alternative dar – sofern Bus oder Bahn auf dieser Strecke fahren. Wer mit den Öffentlichen mehr als die doppelte Zeit braucht oder mehr als zweimal umsteigen muss, überlegt sich deren Nutzung wahrscheinlich nochmal. Ob der kohlrabenschwarze Schornsteinfeger ein gern gesehener Fahrgast im Bus ist? Vermutlich nicht. Der Handwerker, der Glasscheiben oder lange Bretter transportieren muss, stößt ebenfalls schnell an die Grenzen des ÖPNVs.

Wasserstoff-Autos als heiliger Gral?

Im Prinzip ja, aber. Als vierte Alternative zum Benzin- oder Dieselfahrzeug bot der WDR ein Wasserstoff-Auto an. Sowohl Familienvater als auch Schornsteinfeger zeigten sich begeistert. Die Reichweite liegt bei mehreren Hundert Kilometer pro Tankfüllung – egal ob kalt oder heiß – und der Tankvorgang ist gewohnt zügig.

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Während es für E-Autos immerhin etwa 42.550 Ladepunkte an über 14.800 Standorten gibt, existieren für Diesel und Benziner Anfang 2018 14.478 Tankstellen. Im Gegensatz zu den Ladepunkten können an konventionellen Tankstellen mehrere Fahrzeuge gleichzeitig tanken und der Tankvorgang dauert nur wenige Minuten statt Stunden.

Öffentlich zugängliche Wasserstoff-Tankstellen gibt es in Deutschland jedoch nur 45 – in Worten: Fünfundvierzig! Damit hat Deutschland das weltweit zweitgrößte Wasserstoff-Netz. Nur Japan hat mit 91 Standorten mehr Wasserstoff-Tankstellen. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt existiert eine einzige Wasserstoff-Tankstelle (in Dresden). Baden-Württemberg zählt immerhin 13.

Fazit: nicht praxistauglich, positive Umweltbilanz fraglich

Beide Fahrer im WDR-Experiment kommen zu dem Schluss, dass die E-Autos „nur bedingt hilfreich gewesen“ sind.  Für die Innenstadt sei es aufgrund der hohen Beschleunigung und der geringen zurückgelegten Strecke ideal, für längere Strecken sei es unpraktisch, da die Ladeinfrastruktur noch immer nicht ausreichend und die Ladezeiten zu groß sind. Letztendlich musste der Schornsteinfeger an etwa 30 Prozent aller Tage den E-Transporter stehen lassen und auf seinen Diesel zurückgreifen. E-Autos sind trotz aller Bemühungen seitens der Politik und Industrie bisher nicht ausreichend praxistauglich.

Ob die Gesamt-Umweltbilanz eines E-Autos besser ist als die eines modernen Dieselfahrzeugs bleibt offen. Wird der Ladestrom für das E-Auto mit der eigenen Solaranlage gewonnen, hat der Diesel schlechte Chancen. Kommt der Strom jedoch aus dem Kohlekraftwerk, ist ein modernes Dieselfahrzeug aufgrund der Übertragungsverluste des Stroms sogar umweltfreundlicher.

Ähnliches gilt für Fahrzeuge mit Brennstoffzelle. Wenn der Wasserstoff mit „grünem Strom“ aus Solar, Wind- oder Wasserkraftanlagen gewonnen wird, ist die Umweltbilanz ausgezeichnet, denn das Fahrzeug erzeugt im Betrieb lediglich Wasserdampf. Zudem ist durch den Wegfall einer Batterie voller seltenen Erden der gesamte ökologische Fußabdruck eines Fahrzeugs mit Brennstoffzelle besser als der eines E-Autos.

Wird der Strom für die Wasserstoffherstellung oder den Ladevorgang aus Kohle- oder Gaskraftwerken gewonnen, erzeugen sowohl E-Auto als auch Wasserstofffahrzeuge lediglich lokal keine Emissionen.

Solange die Reichweite von E-Autos sowie die Anzahl der Ladepunkte nicht deutlich steigt, die Ladezeiten weiter verkürzt werden können und der Ladestrom überwiegend aus regenerativen Quellen stammt, werden E-Autos keine ökologisch sinnvolle Alternative zum Fahrzeug mit Verbrennungsmotor darstellen. Auch Fahrzeug mit Brennstoffzellen können aufgrund der schlechten Infrastruktur und der erhöhten Anschaffungskosten Benziner und Diesel momentan nicht ersetzten.

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