Verschiebung von Produktion und CO2: Alleingang der EU macht Pariser Klimaziele unmöglich

Von 20. Mai 2020 Aktualisiert: 20. Mai 2020 16:37
Je weniger CO2 die EU ausstößt, desto mehr steigen die Emissionen im Rest der Welt – es sei denn, andere teilen ähnlich ehrgeizige, grüne Ambitionen. Ökonomen der Universität Kopenhagen sagen, über 60 Prozent der gesparten EU-Emissionen könnten als erhöhte Emissionen in anderen Teilen der Welt enden und damit das Erreichen der Pariser Klimaziele unmöglich machen.

Die EU hat die Ambition, im Jahr 2050 klimaneutral zu sein: CO2 Null. Brüssel hofft, dies durch grüne Technologien im Energiesektor und in CO2-intensiven Industrien sowie durch Veränderungen des Verbraucherverhaltens wie Essgewohnheiten und Reiseansprüche zu erreichen.

Sollte Europa diese ehrgeizigen Ziele umsetzen, während der Rest der Welt weiter macht wie bisher, könnten die Emissionen der Nicht-EU-Länder erheblich steigen und die Reduktionen der EU-Emissionen deutlich kompensieren. Zu diesem Schluss kommen Wirtschaftsexperten der Fakultät für Lebensmittel- und Ressourcenökonomie der Universität Kopenhagen in einem neuen Grundsatzpapier.

CO2-Einsparungen „weit unter dem vereinbarten Niveau“

Die dänischen Forscher errechneten: Für jede Tonne CO2-Emissionen, die in der EU vermieden wird, werden etwa 615 Kilogramm CO2 anderswo zusätzlich ausgestoßen. Diese sogenannte Carbon Leakage führe zu einer globalen CO2-Einsparung von nur 385 Kilogramm pro Tonne. Die Daten basieren auf den Schlussfolgerungen eines Wirtschaftsmodells im Rahmen des EU-Horizont-2020-Projekts EUCalc.

„Offensichtlich wird der eigene Klima-Fußabdruck der EU deutlich reduziert werden“, sagte Wirtschaftswissenschaftler Prof. Wusheng Yu von der Fakultät für Lebensmittel- und Ressourcenökonomie der Universität Kopenhagen. „Aber,“ sagte er weiter,

die EU-Wirtschaft ist durch Handelsbeziehungen mit dem Rest der Welt verflochten. […] Ein Teil der Emissionen, die Europa durch einen umfassenden grünen Übergang ‚einspart‘, könnte abhängig von der Klimapolitik anderer Länder in die übrige Welt durchsickern.“

Yus Kollege Francesco Clora fügte hinzu:

Wenn die Welt jenseits der EU nicht nachzieht und einen ähnlichen grünen Übergang einleitet, wird der Rückgang der globalen Treibhausgasemissionen effektiv begrenzt sein und weit unter dem in der EU-Klimapolitik vereinbarten Niveau liegen.“

„Grüne EU“ verschiebt Produktion und CO2 ins Ausland

Im ehrgeizigsten Szenario für 2050 zieht die EU alle „grünen“ Hebel für Produktion und Verbraucher, einschließlich des Industrie- und Energiesektors. Dass bei der Umstellung CO2-intensiver Industrien wie Beton, Stahl und Chemikalien neue Kosten entstehen, nimmt die EU in Kauf. Die Folgen reichen jedoch weit über die europäischen Grenzen hinaus.

Die erhöhten Preise in Europa wirken sich unter Umständen auf die Wettbewerbsfähigkeit von EU-Produkten aus. Ohne Zölle würden Käufer mit weniger Umweltbewusstsein zu ähnlichen, aber günstigeren Produkten beispielsweise aus China und den USA abwandern. Steigende Importe erhöhen wiederum die Emissionen durch die Herstellung mit alten, „dreckigen“ Verfahren sowie den zusätzlichen Transport. Das führt zu einem Rückgang der grünen, zu teuren EU-Produktion.

In ähnlicher Weise würde ein Ausstieg der EU aus fossilen Brennstoffen die weltweite Nachfrage senken und sie damit billiger machen. Als Reaktion darauf würden Nicht-EU-Länder wahrscheinlich größere Mengen fossiler Brennstoffe importieren und verbrauchen.

Schließlich könnte ein klimafreundlicheres Verbraucherverhalten in der EU dazu führen, dass ein Teil des eingesparten CO2 auch in den Rest der Welt verdrängt wird.

Während beispielsweise ein Rückgang des Verbrauchs von rotem Fleisch bei den Europäern den Import von Futtergetreide wie Sojabohnen verringern könnte, könnte dies auch zu einem Anstieg der Importe von Futtergetreide und anderen pflanzlichen Lebensmitteln führen, wobei letzteres die CO2-Emissionen in der übrigen Welt erhöhen würde.

Unabhängig davon sanken die CO2-Emissionen durch die Corona-Krise weltweit um 17 Prozent – oder etwa 17 Millionen Tonnen. Im Vergleich zum Vorjahr sanken die Werte in London um 58 Prozent. Messungen in anderen Ländern ergaben „Einsparungen“ von etwa acht Prozent in „einem stark bewachsenen Stadtgebiet“ Berlins, bis zu 75 Prozent im Stadtzentrum von Heraklion, Griechenland. In Teilen von Florenz, Basel und Helsinki sanken die CO2-Emissionen während der Ausgangsbeschränkungen um etwa 40 Prozent.

Alleingang der EU macht Ziele des Pariser Klimaabkommens unmöglich

Sollte Europa einfach das Handtuch werfen? „Sicherlich nicht. Aber wir müssen sicherstellen, dass wir keinen Alleingang machen.“ Yu erklärt:

„[Die] EU allein kann die globalen CO2-Emissionen nicht signifikant reduzieren. […] Unsere Bemühungen [würden] durch erhöhte Emissionen an anderen Orten weitgehend kompensiert, so dass es unmöglich ist, die Ziele des Pariser Abkommens rechtzeitig zu erreichen.“

(Mit Material der Universität Kopenhagen)

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