Dezentrale Finanzen und der digitale Euro – Früherer EZB-Chef warnt vor neuem System von Schattenbanken

Epoch Times9. Mai 2021 Aktualisiert: 9. Mai 2021 18:49
Notenbanken werden in Zukunft digitales Zentralbankgeld herausgeben, damit rechnet der frühere Direktor der Europäischen Zentralbank, Benoît Curé. Er warnt zudem davor, dass sich ein Schattenbanksystem entwickeln könne, wenn dezentrale Finanzdienstleistungen zunehmen.

Der frühere EZB-Direktor Benoît Curé rechnet damit, dass Notenbanken in Zukunft digitales Zentralbankgeld wie zum Beispiel den E-Euro herausgeben werden. Digitales Zentralbankgeld sei eine logische Erweiterung des Geldes in einer Zeit, in der Transaktionen zunehmend digitaler würden.

Derzeit hätten die Bürger Zugang zu Zentralbankgeld in Form von Banknoten. Diese würden aber immer weniger als Zahlungsmittel verwendet. „Wir nähern uns einer Welt, in der die Bürger keinen Zugang mehr zu Zentralbankgeld haben. Das können wir nicht akzeptieren.“

Laut Curé geht es dabei nicht darum, Bargeld vollständig abzulösen. Wenn die Bürger weiter Banknoten verwenden wollten, sei dies möglich. „Ich kenne weltweit keine Zentralbank, die Bargeld abschaffen will.“

Schattenbanksystem befürchtet

Curé warnt zudem vor Risiken durch die Entwicklung bei dezentralen Finanzdienstleistungen (DeFi). „Die Gefahr ist, dass dadurch ein neues Schattenbankensystem entsteht“, sagte der Leiter des Innovationszentrums der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) dem „Handelsblatt“.

Alle Finanzanwendungen, die keiner zentralen Steuerung durch eine Bank, Börse oder Versicherung unterliegen, werden als dezentrale Finanzen, abgekürzt „DeFi“, bezeichnet. Bei DeFi-Anwendungen übernimmt diese zentrale Rolle das Netzwerk der Teilnehmer, was sich entsprechende „Spielregeln“ gab. Die dezentralen Apps (dApps) ermöglichen die gleichen Dienstleistungen wie klassische Akteure.

Meist handelt es sich dabei um ein Blockchain-Protokoll, das eine dezentrale Organisation durch so genannte Smart Contracts“ ermöglicht. „Smart Contracts“ sind digitale Verträge, die in Programmcodes eingebettet sind und dadurch menschliche oder manuelle Transaktionen ersetzen können.

Die Bundesbank beschäftigt sich in Arbeitsgruppen sowohl mit „Smart Contracts“ als auch mit möglichem Zentralbankgeld.

Curé: „Eine neue Form des Systemrisikos“

Die Regulierer weltweit müssten entscheiden, wie weit sie die Entwicklung dort zulassen wollen, so Curé. Dies sei eine schwierige Abwägung.

Wenn sich der Bereich sehr schnell entwickelt, bestehe die Gefahr, „eine neue Form des Systemrisikos zu schaffen, wie wir es vor der Finanzkrise von 2007 bei marktbasierten Finanzierungsinstrumenten gesehen haben“.

Andererseits bestehe bei einer sehr straffen Regulierung das Risiko, „Innovationen zu ersticken und die möglichen Vorteile dezentraler Transaktionen nicht auszuschöpfen“. Nötig sei ein Gleichgewicht. Dies werde in den kommenden Jahren eine Schlüsselfrage für die Regulierer sein.

Deutschland: Blockchain-Bundesverband treibt die Einführung massiv voran

In Deutschland treibt der „Bundesblock“ (Blockchain-Bundesverband) die Einführung eines E-Euros durch die EZB und die Bundesbank massiv voran, um „eine universelle, digitale, offene und kostenfreie Bezahlinfrastruktur“ aufzubauen.

Der Verband legte der deutschen Regierung „Empfehlungen zur Umsetzung der Blockchain-Strategie“ vor, die nach Ansicht von Philipp Sandner, Leiter des Blockchain Center der Frankfurt School of Finance, etwas einseitig seien: „Die Meinung der klassischen Finanzszene und der Industrie kommt etwas zu kurz.“

Auf Verbraucherseite fordert der Verein „Monetative“, dass die „monetäre Zeitenwende“ offen diskutiert werden müsse – was bisher nicht geschehe. Bislang kämen weitestgehend Akteure aus dem Umfeld der Banken zu Wort, die Währungshüter ließen sich nur „häppchenweise in die Karten blicken“.

CDU und CSU: E-Euro gefordert

CDU und CSU forderten im Juni 2019 die Einführung eines E-Euro nach Vorbild von Kryptowährungen wie dem Bitcoin. Dieser E-Euro sollte von den Zentralbanken ausgegeben werden.

Ein Vorteil eines Kontos bei der EZB ist, dass man sich darauf verlassen kann, dass das Geld nicht verloren geht. Das Risiko eines Bank Run oder einer Bankpleite existiert nicht, weil die EZB das alleinige Recht hat, jederzeit Geld zu drucken und die Geldmenge zu erhöhen.

Mit einem E-Euro kann die EZB direkt die Wirtschaft über bestimmte Regeln steuern, das digitale Geld wird programmierbar. Es wäre für die Zentralbank einfach, jedem Bürger jeden Monat einen gewissen Geldbetrag zuzuteilen (oder auch abzuziehen und ihn zu sanktionieren).

E-Euro-Nachteil: Jegliche Privatsphäre der Bürger ginge verloren. Vom Imbiss bis zum Parkschein würde absolut alles dokumentiert und zentral nachvollziehbar. Die EZB greift direkt auf die Konten der Bürger zu.

Nachteil Nr. 2: Normale Geschäftsbanken verlieren einen Großteil ihrer Privatkunden. Wenn jeder sich direkt bei der EZB Geld holen könnte, wären viele Wirtschaftsmodelle der Banken hinfällig. Übrig bliebe die klassische Rolle: Geld wird angenommen und an einen anderen verliehen. Die Möglichkeit, Kredite auf Kredite auf Kredite zu konstruieren, gäbe es dann nicht mehr.

Nachteil drei: Ohne Internetverbindung geht nichts mehr. Fällt das Internet in sich zusammen oder gäbe es Energieprobleme, dann ginge gar nichts mehr. Und für Hacker oder unethisches Verhalten anderer Personen wird ein E-Euro zu einem noch interessanteren Ziel.

Olaf Scholz für digitalen Euro

Pläne für die mögliche Einführung eines digitalen Euro zielen laut Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) nicht auf „die Abschaffung des Bargelds“. Es gehe „um eine Ergänzung“ der Währung der Eurozone „in digitaler Form“, sagte Scholz Ende 2020 vor Beratungen der Euro-Finanzminister zu dem Thema.

Angesichts von Kryptowährungen privater Anbieter und Plänen in den USA und China für digitales Zentralbankgeld könne Europa hier „nicht mehr abwarten“ und „zögerlich bleiben“. Scholz forderte: „Wenn Europa seine Souveränität im Massenzahlungsverkehr bewahren will, muss es sich mit den Chancen und Risiken eines digitalen Euro aktiv befassen.“

Viele EU-Regierungen sehen vor allem Kryptowährungen privater Unternehmen kritisch und fürchten um ihre Währungshoheit. Digitale Währungen anderer Staaten könnten gleichzeitig die Rolle des Euro im internationalen Zahlungsverkehr schwächen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte Mitte Oktober 2020 eine Testphase für einen digitalen Euro gestartet. (dts/afp/ks)



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